Musik in der Ganztagsschule

Obwohl die Musik aus dem Kulturleben der Kommunen nicht mehr wegzudenken ist, befinden sich die regionalen Musiklandschaften gegenwärtig in einer Umbruchssituation. Das vom Kultusministerium Baden-Württemberg, der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung, der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und den Musikverbänden am 16. und 17. November 2007 in Trossingen veranstaltete Symposium "Gemeinsam zur Musik" veranschaulichte den tiefgreifenden Umbruch, den der demographische Wandel für die Musikverbände und die Ganztagsschulen mit sich bringt.

Christoph Karle

"Ich meine, das Jugendbegleiterprogramm sollte um ein musikimmanentes Ausbildungsprogramm erweitert werden, um die Musikangebote in den Ganztagsschulen zu unterstützen ", so sieht es der 1. Vizepräsident des Bundes Deutscher Blasmusikverbände (BDB), Christoph Karle.

Worum geht es? Mit dem Ausbau der Ganztagsschulen und Ganztagsangebote durch das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes erhalten in Baden-Württemberg rund 400 Schulen aller Schularten Fördergelder zur Verbesserung der Infrastruktur. Dafür stehen 528 Millionen Euro aus dem IZBB zur Verfügung. Ferner hat das baden-württembergische Kabinett am 20. Februar 2006 das neue Ganztagsschulprogramm "Ausbau und Weiterentwicklung der Ganztagsschulen in Baden-Württemberg" beschlossen, das rund 40 Prozent der öffentlichen, allgemein bildenden Schulen zu Ganztagsschulen mit einem Gesamtvolumen von einer Milliarde Euro ausbauen will.

Ein historischer Moment

Diese Chancen wollen fünf Musikverbände Baden-Württembergs - der Deutsche Harmonika Verband e.V., der Schwäbische Sängerbund, der Blasmusikverband Baden-Württemberg e.V. sowie der Bund Deutscher Blasmusikerverbände - nicht ungenutzt lassen. Gemeinsam möchten sie "ihre musikalische Qualifikation in den einzelnen Instrumental- und Vokal-Sparten in die Ganztagsbetreuung einbringen", erläuterte Arnold Kutzli, Moderator des Symposiums, den Hintergrund der Fachtagung in Trossingen.

Musik in der Ganztagsschule hat viele Facetten. Sie trägt dazu bei, durch individuelle Förderung die Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler zu stärken und erlaubt eine weitere Profilierung der Schule. Wissenschaftliche Studien legen nahe, dass musische Bildung die soziale Kompetenz von Schülerinnen und Schülern signifikant verbessert.
Mit dem Jugendbegleiterprogramm in Baden-Württemberg wird es möglich, dass die Lehrkräfte der örtlichen Musikschulen neben dem Musikunterricht auch mit einzelnen Schülern arbeiten. Das Jugendbegleiterprogramm wird ausschließlich vom Land finanziert. Die Jugendbegleiter erhalten 7,50 Euro. Hinzu kommen Gelder für die Schulung.

Wege zur musikalischen Bildung

Gegenwärtig unterhalten rund 200 Modellschulen in Baden-Württemberg eine Kooperation im Rahmen des Jugendbegleiterprogramms. Diese Angebote der außerschulischen Partner wirken der Scheu vieler Kinder und Jugendlicher vor dem klassischen Musikunterricht entgegen. Ein Beispiel ist die Schrotenschule Tuttlingen, die eine Kooperation mit dem Harmonikaverband eingegangen ist: "Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut", so die Schulleiterin Ute Scharre-Grüninger. "Mit dem Jugendbegleiterprogramm haben wir sehr viele Dinge auf die Beine gestellt, die zur Tradition geworden sind und gut laufen." Fast alle Kinder an der Schule erlernen mittlerweile ein Instrument.

Das breit gefächerte Angebot zwischen 7:30 und 15:30 Uhr - Lesen, Sport, Sprachen, Natur, Kunst, Gesundheit, Hausaufgaben und nicht zuletzt die Musikangebote - bietet die Schrotenschule kostenfrei an. Eine Musikschule verlange dagegen durchschnittlich 135 Euro pro Monat je Kind. Während die Hausaufgabenbetreuung in den Händen von Junior-Jugendbegleitern liegt, also von Schülerinnen und Schülern, die sich über das Jugendbegleiterprogramm in der Ganztagsbetreuung engagieren, falle es der Schrotenschule Tuttlingen vergleichsweise schwer, Jugendbegleiter aus dem Musikbereich zu gewinnen: "Ich bin bekannt dafür, dass ich jeden den ich kenne, zur Zusammenarbeit mit der Schule ermuntere", so die Schulleiterin. Aber mancher Verein argwöhne noch, dass die Schulen ihnen das Wasser, sprich den Nachwuchs, abgrabe.  

Bürgermeister engagieren sich in Schwaben

Musikvereine, die Schnupperkurse und ähnliches für Erstklässler anbieten, müssten sich aber darauf einstellen, dass die Wirkungen der Kooperation sich erst nach längerer Zeit einstellten: "Die Vereine sollten nicht erwarten, dass bereits nach einem Jahr die Mitgliederzahl ansteigt." Oft seien kleinere Aktionen ein guter Einstieg in Kooperationen. Weil von den Kooperationen auch die Zukunft der Vereine abhängt, interessieren sich immer mehr Bürgermeister für die Kooperationen mit den Ganztagsschulen. Bislang haben sich bereits 15 Bürgermeister in der Schrotenschule ein Bild von der Situation gemacht.

"Kooperationen von Musikvereinen, Musikschulen und allgemein bildenden Schulen sind richtige und zukunftsweisende Lösungsansätze. Sie sind jedoch immer mit finanziellem Aufwand für die Vereine verbunden, was zuweilen eine große Hürde darstellt. Die Musikschule als verlässlicher professioneller Partner ist in diesem Dreigestirn unabdingbar", meinte Christoph Karle. Deshalb erhalten die Schulen zunehmend die Unterstützung des Schulträgers, denn die Bürgermeister sind an einem lebendigen Vereinsleben und an einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf interessiert.

In einem Beitrag der Schwäbischen Zeitung vom 18. Oktober 2006, der in der Informationsmappe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachtagung lag, wird deutlich, dass die Stadt Tuttlingen die Notwendigkeit eines Ganztagesangebotes erkannt hat. Dort wird Oberbürgermeister Michael Beck wie folgt zitiert: "Wir müssen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stärken, darum wollen wir an möglichst vielen Schulen Ganztagesbetreuung anbieten. Hier ist die Stadt zu einem finanziellen Engagement bereit."

Frühinstrumentaler Unterricht für alle

In der Stadt Staufen unterstützt das Programm "Jedes Kind darf musizieren" die Kommune dabei, die erforderlichen Instrumente anzuschaffen. Die musikalische Begleitung der Schulen dürfe aber nicht nur als Betreuung verstanden werden, sondern sie sei auch musikalische Bildung. Diese sollte - Karle zufolge - deutlich früher als bislang ansetzen: "Der frühinstrumentale Unterricht in der Altersspanne von sechs bis acht Jahren wird zu wenig abgedeckt. Hier möchten wir mehr bewegen", erläutert der Akademieleiter.

Ein treffender Beleg war am Abend die bühnenreife Vorstellung der "Accordi-Kids" in Trossingen. Obwohl ihre Füße beim Sitzen nicht einmal zum Boden reichten, gaben die Kinder, die bereits in der ersten Klasse auf dem Akkordeon spielen, eine bewegende Vorstellung ihres Könnens. Nach einem Jahr Ausbildung waren sie soweit, um im Rahmen von "Mini-Musicals" aufzutreten.

Kooperationen zwischen Ganztagsschulen, Musikschulen und dem Jugendbegleiter-Programm eignen sich aus Sicht des Landes dazu, die musikalische Bildung zu verbessern. "Wir sind Musik- und Sportland." Regionale Konzeptionen sind für Walter Pfohl, Ministerialrat im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, deshalb das Gebot der Stunde. "Wir sorgen dafür, dass möglichst viele Musikstile in der Schule vertreten sind."

Die Vereine und Verbände sollten nun Strategien entwickeln, um alle Gattungen der Musik in die Schulen zu bringen. Ein Pool von Kräften, die sich untereinander abstimmen, sollte sich auf regionaler Ebene konstituieren. "Betreuung bietet die Chance, die Kinder und Jugendlichen an die Musik heranzuführen", so brachte Pfohl die Bedeutung des Jugendbegleiters auf den Punkt.

Die ehrenamtlichen Betreuer sollten sich zunächst als Ansprechpartner der Kinder und Jugendlichen anbieten. Wer das Vertrauen eines Kindes und Jugendlichen erworben habe, könne sie für das Vereinsleben gewinnen. Musik in der Ganztagsschule erfüllt auch eine sozialintegrative Aufgabe. Sie solle nicht zuletzt jene Kinder und Jugendlichen erreichen, die über das Elternhaus keinen Zugang dazu finden.

Chancen der Musikinstrumente nach Schulformen

Das mit Abstand größte Potenzial für die Musik bieten die Grundschulen: "Die zeitliche Präsenz der Grundschule erhöht sich durch den Ganztag, die Pflichtstunden aber nicht", erläuterte Paul Droll, Schulleiter des Gymnasiums Achern und Mitglied der Bundes-Direktoren-Konferenz. Die rund 650 Kooperationen in Baden-Württemberg seien überwiegend im Grundschulbereich entstanden. Dort bestünden die besten Chancen, mit Hilfe des Jugendbegleiterprogramms verschiedene Musikinstrumente kennenzulernen. Nach den Grundschulen böten die Hauptschulen genügend Freiraum, um ihre Angebote für die außerschulischen Partner in der Musik auszudehnen. Demgegenüber seien aufgrund ihrer geringen Stundentafel die Realschulen die Schulart mit den geringsten Spielräumen für ergänzende Musikangebote.

Besondere Anforderungen kommen auf die G8-Gymnasien zu. Durch die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit auf acht Jahre und die Ausweitung des Pflichtunterrichtes auf acht Stunden pro Tag ist das Zeitfenster für außerschulische Angebote künftig außerordentlich begrenzt. Da die meisten Gymnasien in Baden-Württemberg laut Schulleiter Droll im ländlichen Gebiet liegen, fahren viele Schülerinnen und Schüler bereits bei Dunkelheit los und kehren erst bei Dunkelheit wieder zurück. "Die Spielräume für die Musikangebote werden durch die G8-Reform definiert."

"Zuerst brauchen Sie Raum und flexible Zeit", wandte sich Droll an die Zuhörer im Plenum. Die Vereine müssten versuchen, sich dem Lebensrhythmus der Schülerinnen und Schüler anzupassen, sonst hätten sie in den Gymnasien kaum Chancen. "Die Vereine tun sich schwer mit dieser Situation", erwiderte Monika Brocks, Geschäftsführerin des Schwäbischen Sängerbundes e.V. Sie könnten den geschlossenen Raum Schule jedoch dadurch knacken, dass sie den Schülerinnen und Schülern am späten Nachmittag oder frühen Abend günstige Lebensbedingungen zur Verfügung stellen. Dazu gehören beispielsweise ein Abendessen, eine gute Atmosphäre und das spielerische Heranführen an die Musik.

Die Individualisierung des Lernens nach PISA

"Das einzelne Kind entscheidet, welches Angebot es aus der großen Palette außerschulischer Anbieter auswählt", weiß Paul Droll aus eigener Erfahrung als Schulleiter zu berichten. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Konkurrenz der Angebote seien kurzfristige, bestenfalls mittelfristige Projekte an den Ganztagsschulen sinnvoll. Das südbadische Gymnasium Achern, dessen Direktor Paul Droll seit über 20 Jahren ist - übrigens eines der ersten G8-Gymnasien in Baden-Württemberg -,  ergänzt sein Angebot durch die benachbarte Heimschule Lender. Beide Schulen haben ein sprachliches sowie ein naturwissenschaftliches Profil. Während Achern den Schwerpunkt auf Kunstprojekte für besonders begabte Schülerinnen und Schüler in der "Schülerakademie Kunst" legt, hat die Heimschule Lender einen zusätzlichen Schwerpunkt auf die Musik.

Nachdem zum Schuljahr 2004/05 alle Gymnasien auf G8 umgestellt haben, hat das Gymnasium Achern die Menge der Inhalte in den Fächern deutlich reduziert. Im Vordergrund stehen nun schülerzentriertes Arbeiten, das Erlernen und Anwenden von Methoden sowie die Stärkung der Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler durch das Schulprofil.

"Musik bringt uns näher zusammen"

Zum Ende einer anregenden Fachtagung schlugen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Reihe praktisch relevanter Maßnahmen vor: spezifische Ausbildung von Jugendbegleitern, die im Rahmen der Musikerziehung arbeiten; stärkere Öffnung der Musikverbände für außereuropäische Musikrichtungen; Aufspüren von neuen Trends für die Ganztagsschulen.

Die Vereine und Verbände müssten Strategien entwickeln, um private Geldgeber durch Sponsoring zu gewinnen und gleichzeitig die öffentlichen Zuschüsse zu erweitern. Und nicht zuletzt sollte eine allgemein zugängliche Informationsplattform erstellt werden, die die Vielfalt der bestehenden Kooperationen verdeutlicht und die darüber hinaus Einblick in die Modelle sowie deren Finanzierung und Struktur gibt. Die Interessen der Musikvereine müssten außerdem noch mehr gebündelt und mit den Ganztagsschulen vernetzt werden. Unter diesen Vorzeichen - so Karle - "bringt die Musik in den Ganztagsschulen uns näher zusammen".

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