Von München nach Europa: die neue Landkarte der kulturellen Bildung

"Was - eigentlich - IST KULTURELLE BILDUNG?" Auf einer wegweisenden Arbeitstagung, die 60 Fachleute aus Verwaltung, Kinder- und Jugendhilfe, Schulen sowie aus Kunst und Kultur am 21. und 22. Juni 2007 an die Isar nach München lockte, hat die Landesvereinigung Kulturelle Bildung Bayern e.V. das Terrain der kulturellen Bildung neu vermessen. Herausgekommen ist eine Kartographie der ästhetischen Erziehung, die der Bildungsbenachteiligung entgegenwirken soll.

Wo die Dinge in Bewegung sind, schaffen begriffliche Ortsbestimmungen Orientierung. Allein der Begriff "Kulturelle Bildung" ziert die Plakate prominenter Bildungskongresse und Tagungen, er ist Signet für Landes- und Bundesvereinigungen, auf ihn lauten die Titel von Referaten in den Kultusministerien der Länder oder dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. Kurz: "Kulturelle Bildung hat Konjunktur. Doch genau darin liegt das Problem", meinte Dr. Wolfgang Zacharias zum Auftakt der Veranstaltung: "Was  - eigentlich - IST KULTURELLE BILDUNG?".

Konjunkturen zeichnen sich durch Wellenbewegungen aus. Auf eine Aufwärtsbewegung folgt die Talfahrt. Damit die kulturelle Bildung mehr als ein Trend bleibt, muss sie sich über ihre Identität und ihre bildungspolitische Relevanz verständigen. Schließlich möchte sie eine Kartographie der kulturellen Bildung in Deutschland anregen und der kulturellen Zweiklassengesellschaft die Vision einer zielgerichteten und intensivierten Kooperation zwischen den Ganztagsschulen und ihren kulturellen Partnern entgegenstellen.

"Du musst wissen, was du wünschst"

Dies ist für Dr. Maria Kurz-Adam die zentrale Botschaft in dem Film "Fluch der Karibik". Die Orientierung an einem Kompass, der sich nach den Wünschen richtet, ist für die Leiterin des Stadtjugendamtes eine Kernaufgabe der kulturellen Bildung, es gehe schließlich um eine Kartographie der Wünsche. "Kultur ist nach einer Definition von Sigmund Freud die Abwehr von Leid und die Ermöglichung von Zufriedenheit und Glück." Sie wisse sehr viel über das Leid zahlreicher Familien in München. Sei es die Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen in den Familien oder Sorgerechtsfälle unter zerstrittenen Eltern.

Kultur hat das Potenzial, die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen zu stärken und Erfahrungen von Schönheit zu ermöglichen: "In einem multiethnischen Gemeinwesen wie Berlin, das 165 Nationen zusammenbringt, stärken Kunstprojekte jene Kinder und Jugendlichen, die sonst nur Zurückweisung erfahren", meinte Dr. Dorothea Kolland, Leiterin des Kulturamtes von Berlin-Neukölln.

Es gehe der kulturellen Bildung auch darum, ein Empfinden von Schönheit als ein Gefühl der Harmonie mit sich und der Welt zu ermöglichen. Weil viele Kinder aus bildungsfernen Schichten nur in den Kitas und vor allem in den Schulen erreichbar sind und weil die kulturelle Bildung über ihre Vermittler, also die Künstlerinnen und Künstler ein hohes Maß an Authentizität besitzt, eignet sie sich für Martina Liebe vom Bayrischen Jugendring besonders gut als außerschulischer Partner: "Die Suche nach Authentizität ist der Dreh- und Angelpunkt der kulturellen Jugendarbeit."

Umgekehrt werden "Künstler als authentische Vermittler von den Kindern wahrgenommen", erläuterte Prof. Birgit Mandel vom Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Wie der Sport zeichnet sich die Kunst durch ihre Zweckfreiheit aus. Die Kunst steigere die Lebensqualität und ermögliche neue Sichtweisen.

Die soziale Funktion der Künste in Europa

"Jeder hat die Chance, etwas Besonderes zu sein", so die Kernbotschaft von RHYTHM IS IT!", dem bekannten Dokumentarfilm, der im Rahmen des Education Programs der Berliner Philharmonie entstanden ist. In anderen Worten: Gerade auch sozial und kulturell benachteiligte Kinder und Jugendliche können durch die Künste den Glauben an sich und ihr Können zurückgewinnen. Dies lehrt das Wirken des Dirigenten der Berliner Philharmonie, Sir Simon Rattle, und des Choreographen Royston Maldoom.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass beide aus England stammen. "Die Künste haben in England seit jeher eine soziale Funktion", führte Birgit Mandel aus. In England soll möglichst jedes Kind die Möglichkeit bekommen, der so genannten Hochkultur zu begegnen. Dauerhafte Kooperationen mit örtlichen Kultureinrichtungen seien auf der britischen Insel - Mandel zufolge - die Regel.

Die deutsche Verfassung schütze die Freiheit der Kunst. Die französische Verfassung fordere darüber hinaus auch den allgemeinen Zugang zur Kultur. In den skandinavischen Ländern sowie in den Niederlanden habe die Kultur ebenfalls eine gesamtgesellschaftliche Dimension. Die Vergabe von Gutscheinen sorgt in den Niederlanden dafür, dass die Schulen an den lokalen Kulturangeboten teilnehmen. Die herkunftsbedingte Benachteiligung der Kinder und Jugendlichen im Bereich der kulturellen Bildung ist aber auch in diesen europäischen Ländern wohl ein noch ungelöstes Problem.

Wege aus der "kulturellen Zweiklassengesellschaft"

In Deutschland hat die Musikwissenschaftlerin und Soziologin Dr. Susanne Keuchel einen Trend zur "kulturellen Zweiklassengesellschaft" festgestellt. Nur acht Prozent der Hauptschüler - so stellte sie im Rahmen einer empirischen Bestandsaufnahme fest - nutzen regelmäßig öffentliche Kultureinrichtungen. Sprechtheater und Opern, also insbesondere jene Kultureinrichtungen, die am stärksten öffentlich gefördert, würden diese Jugendlichen am wenigsten frequentieren.

Während immerhin 97 Prozent der Gymnasiasten ein künstlerisches Hobby angeben, sei dies wiederum bei nur acht Prozent der Hauptschüler der Fall. Dass viele Schulen in Deutschland keinerlei Bezug zur Kultur aufweisen, weil sie andere Fächer für relevanter hielten, macht das Problem noch akuter: "Kultur, Bildung und Sozialpolitik sind in Deutschland bisher kaum miteinander verzahnt", folgerte Mandel.

Um dies zu verändern, darin waren sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Arbeitstagung einig, müssen die Schulen sich öffnen: "Die Ganztagsschule wird heute als Modell der Zukunft angesehen", betonte Hildegard Bockhorst. Ihr Potenzial bezieht sie aus dem erweiterten Zeitfenster und der Öffnung hin zu außerschulischen Partnern.

Die kulturelle Bildung könne soziale Schranken überwinden, erläuterte Prof. Rainer Treptow von der Universität Tübingen. In "RHYTHM IS IT!" haben sich Hauptschüler, die man ansonsten eher in einer Disco antrifft, auf die strenge Form des klassischen Tanzes eingelassen, um Strawinskys "Le sacre du printemps" zusammen mit der Berliner Philharmonie aufzuführen. In Venezuela vollbringt ein Orchesterprojekt seit nunmehr zehn Jahren wahre Wunder, in dem es Jugendlichen aus ärmlichsten Verhältnissen das Erlernen klassischer Musikinstrumente erlaubt. Daraus ist auch der heute weltberühmte Dirigent Gustavo Dudamel vom Simón Bolívar Youth Orchestra in Venezuela hervorgegangen.

Kulturelle Bildung regional und international

"Kulturelle Bildung ist eine Querschnittsaufgabe", erläutert Hildegard Bockhorst. An ihr wirken 50 Bundes- und Landesorganisationen mit, die eine umfassende Bildung und Teilhabe für alle anstreben. Darüber hinaus zeichnet sich die kulturelle Bildung für die Leiterin des Kulturamtes von Neukölln, Dorothea Kolland, dadurch aus, dass sie die Ressortgrenzen überwindet. Dabei müssten auch Konflikte in Kauf genommen werden: "Kunst akzeptiert keine Grenzen. Ich akzeptiere die Grenzen des Jugendamtes auch nicht, und deswegen gibt es auch immer wieder Ärger".

Nach PISA sei das Bewusstsein dafür gewachsen, dass sich die Anforderungen an das Bildungssystem fundamental verändert haben, wie Bockhorst verdeutlichte. Stichwort: Globalisierung und kulturelle Vielfalt. Die PISA-Erhebungen stellten den Kompetenzerwerb in dem Vordergrund. So verstehe die OECD unter Kompetenzen auch die Fähigkeit, in heterogenen Gruppen erfolgreich handeln zu können.

Der deutsche Städtetag und die Kultusministerkonferenz (KMK) haben Empfehlungen abgegeben, die auf eine Stärkung der kulturellen Bildung abzielen. Im Kinder- und Jugendplan des Bundes sind gegenwärtig 7,1 Mio. Euro zur Förderung der kulturellen Bildung vorgesehen - das sind aus der Sicht vieler Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Arbeitstagung noch zu geringe Mittel. Angesichts der kulturellen Vielfalt, die mit der Globalisierung einhergehe, haben sich die Staaten dazu verpflichtet, im Rahmen internationaler Abkommen einen nennenswerten Beitrag zur kulturellen Bildung zu leisten, schließlich ist Bildung ein Menschenrecht.

Auf die internationale Dimension der ästhetischen Bildung machte auch Dr. Rainer Wenrich vom bayerischen Ministerium für Unterricht und Kultus aufmerksam. Die kulturelle Bildung ermögliche ein dynamisches Modell des Kompetenzerwerbs: "Junge Menschen sollen das kulturelle Leben aktiv mitgestalten können." So habe die UNESCO eine Studie in Auftrag gegeben, die die Vermittlung von Kultur und Schule empfehle.

Ein neu geschaffenes "Referat für Kulturelle Bildung" im bayerischen Kultusministerium trägt "frischen Wind" in die Schulen hinein. Der Kulturreferent ergänzte, dass gegenwärtig 670 Ganztagsklassen in den Hauptschulen seit dem Schuljahr 2006/07 jeweils 6.000 Euro erhalten, um mit den außerschulischen Partnern die kulturelle Bildung zu stärken. Darüber hinaus erhalten im Rahmen des Schulversuches gebundene Ganztagsgrundschulen jeweils 3.000 Euro jährlich.

Zwar reichen diese Mittel aus Sicht der Vorsitzenden des bayerischen Elternverbandes, Isabel Zacharias, nicht aus, um die Creme der Künstlerinnen und Künstler an die Ganztagsschulen zu locken. Doch die jüngste Rahmenvereinbarung, die das bayerische Kultusministerium mit dem Bayerischen Jugendring im Juni 2007 abgeschlossen hat, unterstreicht den Willen Bayerns, Schule und Kultur enger miteinander zu verzahnen. Dementsprechend ist die Rahmenvereinbarung für Martina Liebe vom Bayerischen Jugendring eine erste Weichenstellung.

Erziehung zur gesellschaftlichen Verantwortung

Übrigens unterstreicht die bayerische Verfassung gemäß Artikel 131 die Relevanz der "Herzensbildung", die nach Ansicht  mehrerer Referenten in München der kulturellen Bildung in Bayern mehr Rückenwind verschafft.

Einige in München erarbeitete Bausteine für eine Kartographie der kulturellen Bildung versuchte Insa Lienemann von der Landesvereinigung Kulturelle Bildung Niedersachsen e.V. auf der Arbeitstagung zusammenzulegen. In den Sparten bildende Kunst, Literatur, Theater, Tanz, Medien, Museum oder Musik ermöglichen Kooperationen eine Auflösung der Grenzen zwischen Schule und Kultur. Kulturelle Bildung vermittelt eine Schlüsselkompetenz für demokratische Gesellschaften, so eine Teilnehmerin der Veranstaltung: "Eine Kulturgesellschaft zeichnet sich durch die Übernahme von Verantwortung aus."

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