Zukunftsmusik in der kulturellen Bildung

Wohin geht die kulturelle Bildung? Was sind ihre Potenziale und welchen Nutzen verspricht sie für die Schülerinnen und Schüler? Auf der Abschlusstagung des BLK-Modellprogramms "Kulturelle Bildung im Medienzeitalter (kubim) am 12. und 13. Mai 2005 ging es um die Zukunft der kulturellen Bildung. Im Gespräch mit der Online-Redaktion erläutert Dr. Wolfgang Zacharias, warum kulturelle Bildung in Ganztagsschulen gut aufgehoben ist.

Dr. Wolfgang Zacharias

Online-Redaktion: Welchen Nutzen haben Ganztagsschulen davon, dass man den kulturellen Gebrauch akzentuiert?

Zacharias: Die Abschlusstagung des BLK-Modellprogramms "Kulturelle Bildung im Medienzeitalter" (kubim) hatte die Medienbildung als Schwerpunkt. Dort gab es hervorragende Modellbeispiele und Praxisprojekte, die aus dem kulturellen Bereich kommen. Es hat sich gezeigt, dass es möglich ist, zwischen dem Interesse der Kinder und Jugendlichen an den neuen Medien auch an dem Herumexperimentieren mit Computeranimationen - sowie schulrelevanten Themen und Inhalten eine Verbindung herzustellen.

Das Interesse kommt über die Medien und die schulischen Inhalte, ob in Literatur, Musik, Kunsterziehung. Und das hat eine ganz große Chance in den Ganztagsschulen, die nicht nur linearen Unterricht machen, sondern auch auf Eigentätigkeit setzen, Lernformen verändern, sodass es nicht immer nur klassischen Unterricht gibt, sondern auch Selbsttätigkeit, Interessensbezug und Freiwilligkeit. Deswegen denke ich, dass die Abschlusstagung und die vielen Projekte gezeigt haben, welches Potenzial da vorhanden ist, das durchaus nutzbar ist im Kontext Ganztagsbildung oder Ganztagsschule.

Online-Redaktion: Ganztagsbildung ist ein Begriff, der darauf abzielt, dass Schule, formelle und informelle Bildung verknüpft. Können Sie das näher erläutern?

Zacharias: Wenn wir im Zusammenhang mit kultureller Bildung in ihrer ganzen Bandbreite der verschiedensten Sparten von Musik über Kunst, Theater, Tanz etc. von Ganztag sprechen, dann meinen wir einerseits die Ganztagsschule und andererseits die Chancen, dass ein Bildungssystem den ganzen Tag dauert, aber unterschiedliche Lernorte, Lernkontexte und unterschiedliche Organisationsformen hat. Das wiederum eröffnet die Perspektive, dass man die außerschulische Pädagogik, die Kinder- und Jugendkulturarbeit - auch vor dem Hintergrund von Kinder- und Jugendpolitik, Schulpolitik und die Kulturpolitik - als ein Bildungscluster definiert. Das bedeutet, dass Schule nicht mehr alle Bildung nur im Unterricht vermittelt - es gibt ja formale, informelle und nonformale Bildung -, und das soll sich in dem Begriff der Ganztagsbildung, woran die Ganztagsschule natürlich einen entscheidenden Anteil hat, auch ausdrücken.

Online-Redaktion: Welche Perspektiven ergeben sich aus der Abschlussveranstaltung in München für Ganztagsschulen? Und wo kann man nun Veränderungen erwarten?

Zacharias: Es hat sich in diesem Zusammenhang gezeigt - und ich bin da ziemlich nah dran -, dass die Partnerschaften in der Medienbildung im Kontext von Jugendkunstschulen und außerschulischen Einrichtungen, also in dem der Bereich der Jugendhilfe und Schulen, gut funktionieren. Die außerschulischen Einrichtungen haben zum Teil bessere und professionellere Ausstattungen, die aus der Kunst und Kultur unmittelbar kommen auch Personal ohne den klassischen Lehrerhintergrund. Hier eine Verbindung mit der Ganztagsschule herzustellen, heißt, die Bandbreite der Angebote zu erweitern und zu erhöhen. Und zwar so, dass man Schule verlassen kann - zum Beispiel in die Jugendkunstschule.

Dieses Projekt kubim ist beispielhaft. So gab es ein Projekt an fünf Jugendkunstschulen in Niedersachsen, das die sinnliche Welt, die die Kinder und Jugendlichen umgibt, und die künstlerischen Gestaltungstechniken im Verbund mit Schule koppelt. Das glaube ich, ist ein optimaler Ansatz für Ganztagsbildung und Ganztagsschule. Weder der Körper, die Sinne, die Unmittelbarkeit und Authentizität dürfen vernachlässigt werden, noch die Gestaltung, Abstraktion, Digitales usw. Das kann an einem Nachmittag in anderer Weise realisiert werden als im Unterricht.  

Online-Redaktion: Sehen Sie die Chance, durch kulturelle Bildung einen nachhaltigen Gewinn in Ganztagsschulen zu erzielen?

Zacharias: Den Vorteil der kulturellen Bildung auch im Zusammenhang mit Schule und vor allem mit Ganztagsschule sehe ich im Erwerb der so genannten Schlüsselkompetenzen. Schlüsselkompetenzen, die vor allem durch künstlerische, kulturelle oder mediale Projekte in wechselnden Gruppen erworben werden können, haben den Vorteil, dass man im Ganztagsschulkontext nicht mehr eng an dem 45- oder 90-Minutentakt hängt, sondern dass man anders mischen kann. Da hat die kulturelle Bildung eine ganze Menge an Methoden, Formen, Projektbeispielen oder Experten für neue Lernkulturen anzubieten. Einschließlich Künstler oder Kulturorte von Museum bis Theater, die die Schule erweitern und zudem in der Vielfalt der Lernformen qualifizieren können.   

Online-Redaktion: Sie betonen den kulturellen Gebrauch der Medienbildung. Was verstehen Sie darunter?

Zacharias: Das ist im Grunde genommen eine alte Diskussion, die technisch orientiert gewesen ist. Es ging darum, die Geräte zu beherrschen und zu benutzen, im Vordergrund stand also der technische Gebrauch der Medien.

Kulturelle Bildung, wenn sie mit Medien arbeitet, hat einen anderen Akzent. Hier ist der Umgang mit den Medien eine kulturelle, ästhetische und gestalterische Ausdrucksweise, die heute Kultur und Kommunikation vor allem für Kinder und Jugendliche so definiert, dass sie überhaupt ihre eigenen Kulturen ausbilden können.

Die Vermittlung von Medientechniken ist heutzutage gar nicht mehr so wichtig. Viele Kinder und Jugendliche beherrschen sie ohnehin, anders als die älteren Generationen. Doch es ist auch wichtig, sich an Inhalten zu orientieren, in den Netzen gezielt navigieren sowie gestalten zu können und eigene Ausdrucksformen im Gebrauch der technischen Medien zu finden. Das ist ein zentrales zukünftiges Lern- und Erfahrungsziel, weil die Medien in den letzten zehn bis 20 Jahren zu einer den Alltag durchdringenden Form und insofern unverzichtbarer Teil des Kulturellen geworden sind.

Online-Redaktion: Sehen Sie eine Lösung des Problems, dass Kulturschaffende in Ganztagsschulen zu schlecht vergütet werden?

Zacharias: Ja, das ist ein Problem, das muss man ganz deutlich sagen. Gute Lösungen gibt es aber in Rheinland-Pfalz. Hier werden Standards gesetzt, die auch mit der Bezahlung zu tun haben. Es ist also keineswegs so, dass man sich billig auf dem Markt anbieten sollte, sondern man braucht in diesem Bereich Kontrakte und regionale oder landesweite Standardlösungen für Vertragswerke.

Außerdem ist es wichtig, dass bestimmte Qualitätsstandards der kulturellen Bildung in Kooperationsprojekten - für Künstler, Kultureinrichtungen, Kulturpädagogen - geschaffen werden, die es nicht erlauben, dass es Pädagogen zweiter oder dritter Klasse bezogen auf die Bezahlung gibt. Das würde ich als eine ganz große Gefahr sehen.

Online-Redaktion: Was kann die Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung tun, um kulturelle Bildung an Ganztagsschulen zu fördern?

Zacharias: Die Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung (BKJ) ist ein Lobbyverband, der bundesweit verschiedenste Teilbereiche, aber in der Gesamtheit eben Kulturelle Bildung oder Kulturpädagogik vertritt. Unser Interesse ist es, möglichst viele Modellbeispiele zu schaffen. Diese zeigen, dass der schulische und außerschulische Bereich auf gleicher Augenhöhe zusammenarbeiten kann.

Andererseits bietet die BKJ aber auch Fortbildungen und Informationsplattformen an sowie Gespräche zwischen Künstlern und Kulturpädagogen, Lehrern und Schulverwaltung, die das gegenseitige Kennen lernen intensivieren.

Stichwort Kommunale Vernetzung. Das heißt, in größeren Städten wie in München ist es so, dass die Sozialpädagogen, die Lehrer und Kulturschaffenden sich überhaupt nicht kennen und auch nichts voneinander wissen. Die erste Aufgabe ist es eigentlich, hier gegenseitige Informationen und ein gewisses Verständnis herzustellen. Das ist zum Teil sehr personenbezogen, weil ein Künstler und ein Lehrer, die entdeckt haben, dass sie sich synergetisch ergänzen, auch gerne etwas zusammen machen.

Auf diese Weise gibt es nicht dieses Problem der fremden und anderen Welt. Darin sehe ich die zentrale Aufgabe des Modellprojektes "Kultur macht Schule" bundesweit. Und deshalb tauschen wir als BKJ systematische Informationen zur Stärkung von regionalen Netzwerken aus, die dann in die Kunst- und Kultursparten mit einfließen. So qualifizieren sich die Museen oder Theater gerade vor dem Hintergrund, dass ein jugendliches Publikum dem Kunst- und Kulturbereich zunehmend fernbleibt.

Darin also liegt die Aufgabe der BKJ, nämlich zwischen den außerschulischen, künstlerischen und kulturellen Welten und den schulischen Bildungswelten zu vermitteln. Ich glaube, da steckt eine Menge Zukunftsmusik drin. 

Dr. Wolfgang Zacharias, Studium der Kunsterziehung in München, Stuttgart, Paris, erziehungswissenschaftliche Promotion in Hamburg. Nach einigen Jahren Schuldienst im Bereich der kommunalen Kinder- und Jugendkulturarbeit im Auftrag der Landeshauptstadt München, Kulturreferat, tätig (siehe http://www.spielkultur.de/). Derzeit stellvertretender Vorsitzender der Bundesvereinigung kulturelle Jugendbildung (BKJ, Remscheid) und Vorstandsmitglied der kulturpolitischen Gesellschaft, Bonn.
zahlreiche Veröffentlichungen, u. a. "Kulturpädagogik. Eine Einführung", Opladen 2001, z. Zt. Kooperationen Jugend/ Kultur/ Schule aktuell: Liebich/ Marx/ Zacharias (Hg.): "Bildung in der Stadt"

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