Mehr gesellschaftliche Teilhabe durch kulturelle Bildung

Das "Themenatelier Kulturelle Bildung in Ganztagsschulen" ist unter dem Namen "Klappe, die Zweite!" in die zweite Runde gegangen. Im Mittelpunkt stehen diesmal Film und Fotografie als kulturelle Praxis. Angesprochen sind speziell Ganztagsschulen und ihre Kooperationspartner in heterogenen und durch Migration gekennzeichneten Stadtvierteln oder Regionen. Programmleiter Thomas Busch erläutert in einem Gespräch mit der Online-Redaktion Hintergründe, Inhalte und Ziele des vom BMBF geförderten Projektes.

Thomas Busch

Online-Redaktion: Das Themenatelier "Kulturelle Bildung" gibt es bereits seit 2005. In welchem Zusammenhang steht es zum Begleitprogramm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen." der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung?

Busch: Das Themenatelier "Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen" ist regulärer Bestandteil des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen." Es ist als Netzwerk in das Begleitprogramm eingebunden.

Deshalb präsentierten sich die Projekte aus dem Themenatelier auch auf dem Ganztagsschulkongress 2006 mit dem Forum "Kulturelle Bildung" und eröffneten im Jahr 2007 den Kongress mit einem kulturellen Rahmenprogramm. Dort haben wir auch über die Prozesse sowie funktionierende Kooperationen im Rahmen des Themenateliers berichtet.

Die bisherigen Ergebnisse des Themenateliers wurden zudem auf Tagungen der regionalen Serviceagenturen, u. a. in Sachsen, Berlin oder Bremen im Jahr 2007 präsentiert und zur Diskussion gestellt. Ferner unterstützen die im Rahmen des Begleitprogramms erschienenen Publikationen wie "Großer Zirkus an der Ganztagsschule" und die "Qualität von Kulturkooperationen die Arbeit der Themenateliers.

Online-Redaktion: Seit September 2007 ist das Themenatelier "Klappe, die Zweite!", wie schon der Name anzeigt, in eine zweite Phase gestartet. Wer sind die Förderer, und was hat sich strukturell und inhaltlich geändert?

Busch: Ich bin sehr zufrieden damit, dass wir mit dem Themenatelier "Klappe, die Zweite!" in einen zweiten Durchgang gehen konnten. In der ersten Phase des Themenateliers werden wir seit Sommer 2005 für drei Jahre durch die PwC-Stiftung Jugend - Bildung - Kultur unterstützt. Das heißt, private Mittel ergänzen die Fördergelder des Bundes für das Begleitprogramm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen". Das ist also eine Art Öffentlich-Privater Partnerschaft, und es sind Synergien geschaffen worden, die dem Programm und allen Beteiligten sehr genutzt haben.

Es ist erfreulich, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sich im Sommer 2007 für eine Weiterführung und einen Ausbau des Themenateliers ausgesprochen hat und dafür die Mittel bereitstellt. Nachdem das Themenatelier in vier Ländern gut gelaufen ist, kann es nun auf fünf weitere Länder ausgeweitet werden.

Während wir im alten Atelier den Schwerpunkt auf Tanzprojekte in Bremen, Theaterprojekte in Hamburg, Museumskooperationen in Berlin sowie Literaturkooperationen in Sachsen gelegt haben, liegt der Akzent nun im Bereich von Film, Fotografie und Ausstellungsdesign. Damit kann das Themenatelier einen anderen Bereich kultureller Bildung abdecken, der an Ganztagsschulen bisher noch wenig repräsentiert ist.

Das Neue ist auch im Besonderen darin zu sehen, dass wir in Stadtteile gehen, die einen hohen Migrationsanteil und/oder einen besonderen Inklusionsbedarf haben. Die Kernfrage lautet dabei: Wie kann man durch das Themenatelier "Klappe, die Zweite!" die gesellschaftliche Teilhabegerechtigkeit von Schülerinnen und Schülern mit den Mitteln der kulturellen Bildung an Ganztagsschulen verbessern? An dieser Fragestellung werden sich die Projekte im Rahmen von Feldforschungsprozessen orientieren.

Das Strukturmodell des Themenateliers hat sich aber nicht wesentlich geändert. Die einzelnen Vorhaben bekommen eine Projektförderung über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren, ferner eine Prozessbegleitung, die sie lokal unterstützt. Das Augenmerk liegt dabei auf der Entwicklung von Qualität in den Kooperationen. Dafür gibt es regionale und bundesweite Formen der Netzwerkarbeit, außerdem ein so genanntes Peer-Review: Man besucht sich gegenseitig und gibt Feedback, sozusagen als kritischer Freund. Ferner sind Möglichkeiten zu länderübergreifendem Austausch vorhanden, um sich auch andere Projekte anzuschauen.

Online-Redaktion: Fünf Länder - Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt - sind in der zweiten Phase des Themenateliers hinzugekommen. Wie haben sich diese Länder für das Projekt empfohlen, und wie erreichen Sie die jeweiligen Ganztagsschulen und ihre Kooperationspartner?

Busch: Die Auswahl der Länder ist Resultat eines Abstimmungsprozesses zwischen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und dem BMBF. In der ersten Runde nahmen mit den Ländern Berlin, Bremen und Hamburg drei Stadtstaaten und Sachsen als Flächenland teil. Gemeinsam mit dem BMBF entschieden wir uns im Sommer 2007, nun verstärkt in die Flächenländer zu gehen. Außerdem war es unsere Absicht, heterogene Lebenssituationen in den Stadtteilen abzubilden. Es ging darum, eine gute Mischung von Schulen in städtischen Ballungsgebieten und in ländlichen Gebieten zu finden. Auch sollten alte wie neue Länder gleichermaßen vertreten sein.

Die Zuwanderungssituation im Land Mecklenburg-Vorpommern wird beispielsweise stark durch Spätaussiedler aus Russland und der Ukraine sowie ehemalige "Vertragsarbeiter" aus Vietnam geprägt. In Nordrhein-Westfalen hingegen überwiegen in den Kommunen mit hohen Migrationsanteilen türkische, italienische, griechische oder arabische Hintergründe. Der Zugang zu Bildungschancen ist wiederum von "Community" zu "Community" unterschiedlich gut.
Der ethnische und kulturelle Hintergrund stellt aber nur einen Faktor unter vielen dar, wenn es darum geht, Chancen für gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Aus der jüngeren Forschung wissen wir, dass Faktoren wie Alter, Geschlecht, Stadt und Land, der Bildungshintergrund oder ökonomische Hintergrund der Eltern vielfach eine wesentlich stärkere Rolle bei der Integration und der gesellschaftlichen Teilhabe spielen als der ethnische Hintergrund.

Deshalb haben wir uns auch zum Ziel gesetzt, Projekte zu gewinnen, die die künstlerische Leitung vor Ort durch Fachleute mit Migrationshintergrund besetzen. Wir stellen allgemein fest, dass in Schulen noch viel zu selten Menschen mit Migrationshintergrund in Verantwortungspositionen tätig sind. Zu unseren Zielen gehört aber, dass die teilnehmenden Schulen in den zweieinhalb Jahren der Projektlaufzeit ihr Verständnis von Inklusion weiterentwickeln und bei anderen Schulen auch dafür werben.

Bei "Klappe, die Zweite" besteht der Vorteil in den weitgehend partizipativ angelegten Projekten. Man muss sich nämlich vor Augen führen, dass die Schülerinnen und Schüler eine viel heterogenere Gruppe als die Lehrerinnen und Lehrer sowie die außerschulische Partner sind. Eben diese Heterogenität möchten wir nun fruchtbar machen.

Viele Kinder und Jugendliche haben einen Migrationshintergrund, der bis in die dritte Generation reicht. Doch sie verstehen sich als Einheimische, die fest in ihrem Stadtteil verankert sind. Diese Vielfalt und das Zusammenleben im Stadtteil möchten wir nutzen. Heterogenität ist eine gesellschaftliche Tatsache, die viele Ebenen hat. Sie betrifft den sozialen, ökonomischen, kulturellen Hintergrund der Kinder und Jugendlichen.

Online-Redaktion: Wie organisieren Sie die "Klappe, die Zweite!"?

Busch: Die künstlerische Gesamtleitung liegt bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, die auch die Qualitätsentwicklung auf Bundesebene organisiert. Jedes Bundesland verfügt über einen Prozessbegleiter, der die Projekte vor Ort betreut. Dazu gehören bundesweite Netzwerkveranstaltungen sowie die Einbindung von "Klappe, die Zweite" ins Begleitprogramm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen."

Unsere Prozessbegleiter arbeiten jeweils mit den regionalen Serviceagenturen zusammen. Die Projekte werden sich auf den Ganztagsschulkongressen 2008 und 2009 sowie im Rahmen von Publikationen vorstellen. Das Themenatelier legt Wert darauf, dass die Schulleitungen involviert werden und eine möglichst systematische Verankerung der Projektarbeit in der Schule oder im Schulprogramm stattfindet.

Online-Redaktion: Werden die künstlerischen Arbeiten und Projektergebnisse auch bundesweit bekannt gemacht?

Busch: Uns ist wichtig, dass die Kooperationen langfristig angelegt sind, und dass die Projekte an den Schulen über den Projektzeitraum hinaus Bestand haben, damit sie auch auf andere Schulen ausstrahlen. Dafür gibt es verschiedene Instrumente. Erste Ergebnisse werden wir auf DVD bereits auf dem Ganztagsschulkongress 2008 präsentieren. Wir möchten uns aber auch an die Fachöffentlichkeit in der Lehreraus- und weiterbildung wenden.

Wer weiß, vielleicht gehen aus "Klappe, die Zweite" Kunstwerke oder bekannte Künstlerinnen und Künstler wie Fatih Akin hervor, über die man später einmal reden wird?

Thomas Busch, 30 Jahre ist ausgebildeter Musiklehrer und arbeitet als Programmleiter für das "Themenatelier Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen", Teil des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen", bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in Berlin. Darüber hinaus arbeitet er an einem Dissertationsvorhaben zur Entwicklung von Selbstwirksamkeit in Kulturkooperationen (Universität Bremen, Prof. Dr. Lehmann-Wermser).

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