Kommunikation als A und O der Kooperation

Das in der Datenbank "Schule & Partner - schulische Kooperationspraxis auf einen Klick" des Deutschen Jugendinstituts (DJI) dokumentierte Erfahrungswissen gibt vielfältige, hilfreiche, auch kritische Anregungen für die Weiterentwicklung der Ganztagsschulpraxis. Auf dem DJI-Workshop "Auf dem Weg zum Ganztag - Erfahrungen, Einschätzungen und Perspektiven" am 25. November 2008 in München wurden die Ergebnisse der Erhebungen zum Thema "Gelingensbedingungen von Kooperation" vorgestellt und diskutiert.

260 Praxisbeispiele von Ganztagsschulen und ihren außerschulischen Kooperationen umfasst derzeit die Datenbank "Schule & Partner - Schulische Kooperationspartner auf einen Klick" des Deutschen Jugendinstituts (DJI). Das vom BMBF und dem Europäischen Sozialfonds geförderte Projekt, das noch bis Ende 2009 läuft, schlüsselt nicht nur detailliert die Genese und Konstruktion der Zusammenarbeit auf, sondern enthält vor allem auch Aussagen zu den Gelingensbedingungen.

Christine Preiß (l.) und Thomas Rauschenbach

"Beide Seiten sind nicht immer frei von Vorurteilen und empfinden sich manchmal als Konkurrenten", meint Christine Preiß, die Projektbearbeiterin der Datenbank "Schule und Partner". Ein wesentliches Gelingensmerkmal sei daher, dass Schule die Zusammenarbeit als Bereicherung empfinden müsse. Umgekehrt müsse der Kooperationspartner den Beweis antreten, was er den Schülerinnen und Schülern bringt. Und Letztere seien wie die Eltern bei der Auswahl der Angebote zu beteiligen - das sei eine wichtige Erfolgsvoraussetzung.

Die Diplom-Soziologin präsentierte die in der Datenbank gesammelten Gelingensbedingungen aus der Sicht der Schulleitungen auf dem Workshop "Auf dem Weg zum Ganztag - Erfahrungen, Einschätzungen und Perspektiven" am 25. November 2008 im Deutschen Jugendinstitut in München vor über 40 aus ganz Deutschland angereisten Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Praxis.

Manche Ganztagsschulen bringen bis zu 30 Kooperationspartner unter einen Hut. "Es gilt, den Bedarf in der Schule zu klären, und das angestrebte Profil im Schulprogramm zu verankern", erläutete Christine Preiß. Die Schule müsse dann Qualitätssicherung betreiben und benötige dafür auch Unterstützung von außen: "Eine organisierte, regionale Netzwerkarbeit ist unverzichtbar", befand die Projektbearbeiterin. Diese würde inzwischen besonders durch die Serviceagenturen "Ganztägig lernen" im Rahmen des IZBB-Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" gewährleistet. Durch die Ganztagsschule gewönnen die Schulen einen "enormen Gestaltungsspielraum" - hier dürfe man nicht auf halbem Weg stehen bleiben. "Dabei das Rad nicht immer wieder neu erfinden zu müssen, ist die Aufgabe unserer Datenbank", ergänzte Christine Preiß.

"Jugendhilfe hat eine Bringschuld"

"Das Deutsche Jugendinstitut möchte helfen, beim Aufbau von Ganztagsschulen konzeptionell weiterzukommen, nicht nur quantitativ", hatte DJI-Leiter Prof. Thomas Rauschenbach die Workshop-Teilnehmerrrunde begrüßt. Politisch werde zu wenig über die Inhalte der Ganztagsschule diskutiert. Aus seiner Sicht müsse klar sein, dass mehr Bildung von Nöten sei, nicht nur mehr Schule: "Es geht wirklich um das Einbinden von Externen und der Jugendhilfe." Mit der Datenbank wolle man die Möglichkeiten dieser Partnerschaften aufzeigen. "Die Jugendhilfe hat dabei noch eine große Bringschuld. Viele Jugendämter liegen noch im Tiefschlaf und müssen Ganztagsschulen erst einmal ernst nehmen lernen."

Bettina Arnoldt (l.) und Krimhild Strenger
Bettina Arnoldt (l.) und Krimhild Strenger

Dr. Jürgen Barthelmes vom DJI kritisierte in seinem Vortrag "Bildung ist mehr als Schule", dass sich wiederum die Schule zu wenig für die Lebenswirklichkeit öffne. "Die Bildung der Jugendarbeit, der Vereine und Verbände fördert den Erwerb sozialer Kompetenzen, stärkt die Übergänge in Ausbildung und Beruf und unterstützt soziales Lernen." Manche Themen, die später lebensbestimmend würden, kämen in der Schule kaum vor. Die Beschränkung der Schule auf den Lehrplan sei kontraproduktiv. Hier könne die ganztägige Bildung gegensteuern.

Dass die Jugendhilfe oft unzufrieden mit der Zusammenarbeit mit Schulen ist, konnte Bettina Arnoldt vom DJI anhand der Befragungsergebnisse der "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen" (StEG) belegen. "Hier ist eine stärkere Einbindung nötig." Das könne durch das gemeinsame Vereinbaren von Zielen und eines pädagogischen Gesamtkonzepts bestehen.

Gute Strukturen ermöglichen erfolgreiche Kommunikation

Möglicherweise aber auch einfach durch eine verbesserte Kommunikation. Laut Krimhild Strenger von der Werkstatt "Schule ist Partner" im Begleitprogramm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" ist nämlich die mangelhafte Kommunikation unter den Beteiligten die Fehlerquelle Nummer eins bei Kooperationen. Von Mai 2005 bis Dezember 2007 hatte die Werkstatt leitfadengestützte Interviews durchgeführt, um Fehler auszumachen, die zum Scheitern der Zusammenarbeit geführt hatten.

"Keine Kommunikation bedingt fehlende Informationen, mangelnde Verbindlichkeit, Kompetenzkonflikte, unklare und falsche Vorstellungen sowie Demotivation", so die Diplom-Sozialpädagogin, "und ist die Folge unzureichender Organisation."

Mit guten Strukturen könne man hier eine Menge auffangen. Auf mehreren Ebenen müssten Handlungsinitiativen ergriffen werden. Auf der Verwaltungsebene brauche es das koordinierte Handeln und eine zeitlich begrenzte professionelle Beratung der Fachbehörden. Auf der Ebene der Ganztagsschulen und ihrer Partner müssten Strukturen und Aufgaben der Kooperation angepasst werden. Gleichgesinnte müssten sich zusammenschließen. Man benötige eine zentrale Informations- und Kontaktplattform, zum Beispiel eine zentrale Online-Kontaktbörse oder regelmäßig stattfindenden Kooperationsmessen auf kommunaler Ebene.

Auf einem Auftakts-Workshop, der von Unabhängigen moderiert werden sollte, könne man bisher ungenutzte Potentiale aufdecken und klären, was von den Kooperationspartnern erhofft wird. Es ließen sich Kontakte herstellen und offene Fragen klären. Die Kooperationspartner könnten Netzwerke bilden. Ein Jour Fix einmal wöchentlich mit Träger, Schulleitung, Lehrerinnen und Lehrern, den Pädagogischen Partnern und den Kooperationspartnern sei sinnvoll.

Auf allen Ebenen schließlich sollte eine Beratung bei der Organisationsentwicklung stattfinden, die vorhandenen Kommunikations- und Organisationswege geprüft und versteckte Ressourcen und Geld- wie Zeitfresser aufgespürt werden. "Bei allem ist Offenheit das Wichtigste", resümierte Krimhild Strenger. "Die Karten müssen auf den Tisch."

Ganztagsschulen sind auf Partner angewiesen

Peter Hottaß (l.) und Jürgen Barthelmes

Peter Hottaß, der 21 Jahre lang eine gebundene Ganztagsschule geleitet hat und heute als Ganztagsberater des Ganztagsschulverbandes in Bayern unterwegs ist, ist durch seine Arbeit und Beobachtungen zu den gleichen Schlussfolgerungen gekommen, was Gelingens- und Misslingensbedingungen angeht. "Drei Dinge sollte man beachten, wenn man die Kooperation garantiert scheitern lassen will: Die Schulleitung macht alles alleine. Keiner ist in die Schulentwicklung eingebunden. Zwischen den Beteiligten herrscht keine Kommunikation", meinte Hottaß nur halb im Scherz.

Die AWO in Düsseldorf arbeitet erfolgreich mit Ganztagsschulen zusammen, aber dafür hat Davorka Bukovcan auch "einen langen Weg der Kommunikationsentwicklung" zurücklegen müssen, wie sie auf der Podiumsdiskussion im Rahmen des Workshops verriet. "Wir fühlen uns als Kooperationspartner ernst genommen, und die Schulen sind auch kooperationsbereit. Es gibt aber viele Differenzen im Status durch die Jahresverträge und befristeten Teilzeitstellen."

Michael Ettel, Rektor der Hauptschule Königsbrunn-Süd im südlich von Augsburg liegenden Königsbrunn, erklärte: "Wir sind auf Partner angewiesen. Schule allein kann das zeitlich gar nicht alles leisten. An unserer Schule haben wir den Aspekt der kulturellen Bildung eingebaut. Dadurch bekommen die Kinder Anregungen, die sie sonst nie erhielten, und auch die Kompetenzen in den anderen Fächern steigen."

Ganztagsschule als Förderschule für alle Schülerinnen und Schüler

Als "Chance für sozial Benachteiligte" sah auch Stefan Fischer vom Stadtjugendamt München die Ganztagsschule. Die Jugendhilfe sei daher "froh, dass die Ganztagsschulen kommen" und "der richtige Kooperationspartner". Birgit Hainz vom Bayerischen Elternverband gab aber zu bedenken, dass "alle Schülerinnen und Schüler gefördert werden sollen, nicht nur die schwächsten". Dem stimmte German Denneborg vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus zu, der ein klares Bekenntnis zur Ganztagsschule ablegte, "aber bitte nicht als Brennpunktschule": "Es ist ganz wichtig, dass wir vermitteln, dass die Ganztagsschule einen schulischen Mehrwert für alle hat. Es muss für alle Kinder und Jugendlichen ein schulisches Förderangebot geben." Dazu sei es aus seiner Sicht auch notwendig, dass die Lehrerinnen und Lehrer mehr Zeit an der Schule präsent seien.

Die gebundene Ganztagsschule ist aus Denneborgs Sicht die sinnvollste Form, aber hier gebe es die meisten Widerstände der Eltern. "Diese und die Lehrerschaft müssen wir hier überzeugen und mitnehmen", so der Ministerialdirigent. "Damit haben wir in Bayern zu spät angefangen", fügte er selbstkritisch hinzu.

Man müsse aber auch die Eltern ernst nehmen, die Angst hätten, dass ihr Kind durch einen ganztägigen Schulaufenthalt entfremdet würden, gab Davorka Bukovcan zu bedenken. "Wenn dann aber ein türkisches Kind mit einer Geige durch seine Straße läuft oder ein afghanischer Jugendlicher zum Tennisspielen geht, dann spürt man den Stolz und kann den Gewinn durch die Ganztagsschule sehen."

Keine Ganztagsschule mit Halbtagslehrern

Damit auch die Lehrerinnen und Lehrer zufrieden sind, muss an vielen Schulen laut eines Realschullehrers aus Ismaning allerdings auch noch einiges geschehen: "Mit Halbtagsschullehrern bekomme ich keine Ganztagsschule hin. Wir haben überhaupt keine gemeinsamen Zeiten für die Konferenzen. Die Arbeitsplätze sehen aus wie eine Legebatterie." Gerhard Koller vom Staatlichen Schulamt in Forchheim stimmte dem zu: "Über die Halbtagsschule machen sich die Lehrerinnen und Lehrer kaputt." Für jede Schule sei nach seinen Erfahrungen Verbesserungen erreichbar, wenn intensiv darüber diskutiert würde.

Die lebhafte Diskussion und die interessanten Beiträge der Tagung belegten, was Thomas Rauschenbach zur Begrüßung erklärt hatte: "Die Ganztagsschule ist eines der spannendsten Bildungsthemen des 21. Jahrhunderts." Allerdings - so eine Schulleiterin - dürfe man beim Nutzen des enormen Gestaltungsspielraums, den sie bieten würde, nicht auf halbem Wege stehen bleiben.

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