Umweltbildung in der offenen Ganztagsschule

Der Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der BUNDjugend haben sich in Nordrhein-Westfalen zusammengeschlossen, um als Partner der offenen Ganztagsschulen Projekte zur Umweltbildung zu organisieren. Auf diese Weise sollen Kinder für Umwelt- und Naturschutz begeistert und sensibilisiert werden. Umweltpädagogen und solche, die es werden wollen, besuchen Fortbildungsreihen.

Es ist eine Initiative der Basis gewesen, die den Stein ins Rollen gebracht hat. Im nordrhein-westfälischen Euskirchen sah Doris Baum, die Vorsitzende der BUNDjugend Euskirchen, die Chance, Grundschülerinnen und -schüler Umweltbildung nahe zu bringen - über die Ganztagsschule. "Wie viele Verbände sahen wir die Ganztagsschulen zunächst einmal kritisch", räumt Bettina Labesius, in der Landesgeschäftsstelle der BUNDjugend Nordrhein-Westfalen als pädagogische Leiterin zuständig für die Umweltbildung in der offenen Ganztagsschule und den Kinderbereich. "Wir sahen unseren Schwerpunkt in der außerschulischen Jugendarbeit und mussten uns erst in die Thematik einarbeiten."

Porträtfoto: Bettina Labesius

In Euskirchen sah man schnell die große Chance, die sich mit der Ganztagsschule verband. Engagierte man sich als BUND dort, dann konnte man auch Kinder erreichen, die sonst aufgrund ihres sozialen und familiären Hintergrundes nicht mit Umweltbildung in der offenen Jugendarbeit zusammen kommen würden. Die BUNDjugend Euskirchen entwickelte daher direkt in der Anfangsphase das Konzept "Naturzeiten", um damit in sechs offenen Ganztagsgrundschulen mitzuwirken. Um das Konzept verwirklichen zu können, musste laut Doris Baum beim Ministerium, dem Landesjugendamt, den Trägerverbänden, den Schulleitungen, Verwaltungen, aber auch beim BUND NRW und dem BUNDjugend selbst Überzeugungsarbeit geleistet werden.

So genannte Umweltbildnerinnen und -bildner vermitteln seit 2006 in Euskirchen Wissen und geben Anleitung zum konkreten Handeln zum sorgsamen Umgang mit der Natur. Die Gruppengröße der einmal pro Woche zweistündigen Arbeitsgemeinschaften ist auf zwölf Schülerinnen und Schüler begrenzt, die Teilnahme der angemeldeten Kinder Pflicht. Pro Schulstunde verdienen die Umweltpädagoginnen und -pädagogen 15 Euro. "Es war nicht schwierig, Menschen zu finden, die sich als Umweltlehrerinnen und -lehrer engagieren, aber die Koordination dieser Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter stößt auf ehrenamtlicher Basis an Grenzen", so Doris Baum.

Bewegung, Spiel und Spaß bei der Wissensvermittlung

Trotz des erhöhten Arbeitsaufwandes machten die Erfahrungen an inzwischen zehn Ganztagsgrundschulen in Nordrhein-Westfalen Mut, das Kooperationsmodell landesweit auszudehnen. "Man erkannte die Chance, die sich durch das Engagement in offenen Ganztagsschulen bietet", erzählt Bettina Labesius. Auf der Landesdelegiertenkonferenz 2007 wurde das Projekt "Umweltbildung in der Offenen Ganztagsschule" nach einem gemeinsamen Antrag des Vorstandes, von BUND und der Landesgeschäftsstelle der BUNDjugend sowie von drei Kreisgruppen beschlossen. Sämtliche Kreis- und Ortsgruppen stellten 16 Prozent ihrer Mitgliedsbeiträge zur Verfügung, um eine halbe Stelle zu schaffen - "was sehr ungewöhnlich ist", wie Bettina Labesius meint.

Die halbe Stelle wird nun von ihr besetzt. Die Bildungsreferentin machte sich daran, in Absprache mit dem Vorstand und mit Ehrenamtlichen ein Konzept zu entwickeln. Ziele des auf drei bis fünf Jahre angelegten Projektes "Umweltbildung in der offenen Ganztagsschule" sind es, Umweltbildnerinnen und -bildner zu gewinnen, zu qualifizieren und zu unterstützen. Diese sollen einen Beitrag leisten, umweltrelevante Themen in die schulische Bildung zu integrieren, Bildungsbenachteiligung entgegenzuwirken, und Kinder und Jugendliche im Sinne der nachhaltigen Entwicklung an die Verantwortung für die Zukunft heranzuführen.

Als Rahmenkonzept für die Bildungsangebote entstanden die "Umwelt-Agenten - im Auftrag der Natur". Die Idee dabei: Die Schülerinnen und Schüler werden "beauftragt", die Natur zu entdecken, Umweltprobleme aufzuspüren und Lösungswege zu finden. Die Wissensvermittlung über die heimische Tier- und Pflanzenwelt und die Umweltzusammenhänge geschieht mit Bewegung, Spiel, Spaß und Naturerfahrung. Das Umweltbewusstsein und die Liebe zur Natur sollen dabei gestärkt werden. Die Schwerpunktthemen innerhalb des Rahmenkonzepts lauten "Artenvielfalt", "Energie und Klimaschutz", "Ernährung und Gesundheit" und "Spielort Natur".

Schwerpunktthemen werden dem Bedarf der Schüler angepasst

Fragestellungen können dabei lauten: Wie ist die Natur durch den Menschen verändert worden? Welche Auswirkungen hat das? Ein Beispiel: Die Schülerinnen und Schüler suchen nach Schmetterlingen. Warum gibt es nicht mehr so viele? Wie kann man wieder für eine steigende Population sorgen? Die Kinder können dann zum Beispiel ein Schmetterlingsbeet anlegen. "Die Natur zu entdecken, ist ein wichtiger Aspekt in der Arbeit in den offenen Ganztagsschulen", erklärt Bettina Labesius.

Comicfiguren: Ein Junge und ein Mädchen in Agentenaufmachung

"Erste Konzepte mussten geändert werden", berichtet die Bildungsreferentin. Sie beinhalteten zu viel Theorie. Schnell machten Referenten mit Erfahrung in der Arbeit mit Kindern deutlich, dass viel Bewegung, Spiel und Freizeit ihren Raum bekommen müssen, weil man die Schülerinnen und Schüler sonst "mit der zehnten Unterrichtsstunde" überfordere.

Zu jedem Halbjahr versendet die Landesgeschäftsstelle des BUNDjugend Infopost mit neuen Schwerpunktthemen samt Anregungen für deren Ausgestaltung. Die genaue Umsetzung der Themen bleibt dann aber den Umweltbildnerinnen und -bildnern vor Ort überlassen. "Die Angebote müssen für die Schule und die Kinder passen", meint dazu Bettina Labesius. "Jeder kann vor Ort sein eigenes Konzept entwickeln."

Die Umweltbildnerinnen und -bildner findet die BUNDjugend aus den eigenen Reihen, aber auch über Jobbörsen und die Öffentlichkeitsarbeit. Diese Personen verfügen über pädagogische Erfahrungen und fachspezifische Erkenntnisse. Durch die BUNDjugend werden sie in einem "Drei-Säulen-Modell" qualifiziert, unterstützt und vernetzt.

Die Qualifizierung erfolgt in einer zweiteiligen Fortbildung in organisatorischen, pädagogischen und methodischen Kenntnissen und Fähigkeiten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer melden sich für diese Fortbildungen nicht an, sondern bewerben sich. Bei den vergangenen Durchgängen im Jahr 2008 gab es auf 15 Plätze stets 30 bis 40 Bewerbungen. Diejenigen, die teilnehmen konnten, lernten, selbst Konzepte zu entwickeln, die Strukturen und Partner der offenen Ganztagsgrundschule kennen. Die Vertragsgestaltung mit der Schule war ebenso Thema wie Sicherheitsaspekte: Was gilt beim Verlassen des Schulhofs?

"Projekt hat noch mehr Potentizal"

Methodik und Didaktik wurden vermittelt und Spiele ausprobiert. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer entwickelten Konzepte für eine thematische Einheit und ein Halbjahr und präsentierten diese. Sie planten eine Unterrichtsstunde und führten diese in einem Workshop durch. Auch das Verfassen eines Elternbriefs und die Herausforderung im Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern wurden thematisiert. Darüber hinaus gibt es eine Schulung über Unfallrisiken und erforderliche Vorkehrungen.

Die Umweltbildnerinnen und -bildner erfahren Unterstützung durch die BUNDjugend bei der Vermittlung an die Schulen. Ihnen werden Materialien, Leitfäden, Infopost und Newsletter zugesandt. Die Vernetzung erfolgt durch Vernetzungstreffen der Umweltbildnerinnen und -bildner, auf denen man über Probleme redet und Materialien austauscht, durch die Vermittlung von BUND-Experten und den Kontakt zwischen den BUND-Kreisgruppen und den Umweltbildnerinnen und -bildnern.

Neben der Konzeption der Fortbildungen, die von der Natur- und Umweltschutzakademie NRW gefördert wird, hat Bettina Labesius die Struktur des Projektes aufgebaut, die Außendarstellung entwickelt und dazu unter anderem Flyer und eine Internet-Seite erstellt. Bei der umfangreichen  Arbeit, die für den kleinen Verband eine Herausforderung darstellt, würde man sich über weitere Unterstützung freuen. "Am liebsten würden wir eine volle Stelle finanzieren können, um die Arbeit zu intensivieren", erklärt Bettina Labesius. "Der Bedarf ist da, und unser Projekt hat noch mehr Potenzial."

Inzwischen kooperieren BUND und BUNDjugend mit rund 30 Schulen in ganz Nordrhein-Westfalen. Da man aber "stetig wachsen" will, hat die Landesgeschäftsstelle inzwischen alle 2.900 offenen Ganztagsgrundschulen angeschrieben, um ihr Angebot zu unterbreiten, Umweltbildung in der Ganztagsschule zu verankern. Bis zum voraussichtlichen Projektende 2012 möchten BUND und BUNDjugend rund 100 Umweltbildnerinnen und -bildner in den Ganztagsschulen einsetzen.

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