Jongleure, Erfinder, Kombinierer

Ein Wettbewerb ist ein Fest für die Motivation. Und er löst viel aus: Hoffen und Bangen, Freude und Enttäuschung - Leidenschaften. Der bundesweite Wettbewerb "Zeigt her eure Schule" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung hat ungeahnte Ideen und Kräfte bei zig Ganztagsschulen freigesetzt. Bei der Preisverleihung in den Gemäuern der Königlichen Porzellanmanufaktur am 2. Mai in Berlin zeigten sich die elf Gewinnerschulen in der Kooperation mit den Schulpartnerschaften erfinderisch, kreativ und äußerst vielseitig.

Bei Wettbewerben richten sich alle Augen auf die Wettbewerber. Wer schafft es auf das Treppchen? Welche Leistung wird nach welchen Kriterien geehrt? Von welchem Projekt kann ich lernen? Wichtig ist: Die Gewinner brauchen die Anerkennung des Publikums, der Ausrichter die Anerkennung der Wettbewerber. Die Öffentlichkeit braucht die Gewinner, um aus der Vielzahl der guten Beispiele die besten filtern zu können.

Beim Wettbewerb "Zeigt her eure Schule" wurde sichtbar, wie der Wettbewerb nicht nur die Schulen verändert, die am Wettbewerb teilnehmen, sondern auch Auswirkungen auf den Ausrichter zeitigt, also auf die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), die das Spektakel in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) durchführt hat. Dieser Wettbewerb, der finanziell auch vom Europäischen Sozialfonds (ESF) unterstützt wird, ist etwas Besonderes, weil er die besten Koooperationsmodelle zwischen Ganztagschulen und Partnern außerhalb des Schulgeländes sucht. Dabei kann die Umwelterziehung mit der innovativen Unterrichtsentwicklung genauso kombiniert werden, wie die Filmproduktion mit der Begegnung von Kindern und Senioren. Aber bei "Zeigt her eure Schule" geht es immer darum, dass sich alle Bereichen wie Schule und Jugendhilfe, Schule und Hochschule, Gemeinden und Schulen, Wirtschaft und Schule zueinander öffnen. Dafür wurden folgende Preise ausgelobt: 5000 Euro für die drei Erstplatzierten, Digitalkameras für alle, und je 500 Euro für die nominierten Preisträger von Platz vier bis elf.

Die first lady und die Ganztagsschulen

Die neue Form des Umgangs der am Schulleben beteiligten Gruppen, schlägt sich in der Atmosphäre des Wettbewerbs um die beste Schulkooperation bundesweit nieder. Lehrer empfinden die Stimmung als "locker" und "gelöst". Die Kinder und Jugendlichen wissen etwas mit sich anzufangen. Sie befragen die first lady in Deutschland, Eva Luise Köhler, oder machen Videoaufnahmen vom Wettbewerb, sie spielen Geige oder stehen Interessierten beim Rundgang durch die Wettbewerbspräsentationen der elf Gewinnerschulen selbst Rede und Antwort. "Diese Schulen sind Orte, an denen man selbst gern gelernt hätte", sagt Eva Luise Köhler.

Dieser Wettbewerb ist etwas Besonderes wie auch "jede Schule, die hier ist eine besondere Schule ist", so Dr. Heike Kahl, Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Rund 400 Ganztagsschulen haben Interesse gezeigt, dass sie gewillt sind, sich für Zusammenarbeit mit Persönlichkeiten aus verschiedenen Berufen zu öffnen und Lehrkräfte, die den Mut aufbringen, den Standesdünkel gegenüber diesen Personen abzulegen - eine Voraussetzung für eine funktionierende Kooperation. Rund 100 Schulen waren es schließlich, die sich offiziell beworben haben und damit öffentlich demonstrieren, dass es auch Schulen gibt, die keine negativen Schlagzeilen wie die Berliner Rütlischule machen, sondern die Hoffnung machen. "Mit der Ganztagsschulentwicklung ist eine ganz große Bewegung entstanden", sagt Heike Kahl und der Wettbewerb ist Bestandteil dieser Bewegung, weil er am Beispiel vorbildlicher Kooperationsmodelle einen Einblick und zugleich auch Überblick über die große Zahl an Kooperationsmodellen gibt. "Reduktion von Komplexität" nennt man das in der soziologischen Fachsprache.

Reduktion von Komplexität oder Überblick in der Vielfalt ist es, wenn von hunderten Kooperationsmodellen am Ende elf herausgefiltert werden. Die Schirmherrin der DKJS, Eva Luise Köhler, nutzt die Gelegenheit bei einem Rundgang durch die elf Gewinnerschulen von "Zeigt her eure Schule", um Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrkräften und außerschulischen Partner zuzuhören. Sie nimmt sich Zeit für die Schulen und die Fragen deuten auf ihren eigenen Beruf hin: Lehrerin. An Schüler der Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim gewendet fragt sie etwa: "Wie gefällt dir das Angebot am Nachmittag?", "hast du Geschwister?", "wer hilft dir da bei den Hausaufgaben?" und "geben dir deine Klassenkameraden auch Unterstützung?"

"Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf"

"Um ein Kind zu erziehen brauchen wir zuerst die Eltern, aber auch ein ganzes Dorf", Eva Luise Köhler wandelt ein bekanntes afrikanisches Sprichwort ab und zeigt damit, wie viel Wert sie auf die Einbindung der Eltern in die Bildung und Erziehung der Kinder legt. Die Verantwortung der Eltern für die Erziehung der Kinder und die Bildung in Ganztagsschulen schließen sich nicht aus, wie früher vielfach geunkt wurde. Gute Schulen sind für die ehemalige Lehrerin "keine abgeschlossenen Einrichtungen". Dabei beklagt die Schirmherrin, dass in Deutschland noch zu wenig Mittel für Schulsozialarbeiter, Psychologen, Kulturschaffende und andere Kooperationspartner ausgegeben würden. Sie appelliert, mehr in die Schulen zu investieren.

Schüler Felix erläutert, wie die Eltern an einem Tag in der Woche in die Schule kommen und "Gruppenstunden" geben. Sie kochen mit den Schülerinnen und Schülern, fahren Inliner oder machen Schwarzlichttheater. Zu den Elternabenden erscheinen regelmäßig 150 Eltern, von denen so viele ihre Mitarbeit anbieten, dass gar nicht alle interessierten Eltern zu Zuge kommen. "Die aus der Gruppenstundenarbeit kommenden Eltern repräsentieren eine neue Art von Elternvertretern in den schulischen Gremien. Sachkundig, informiert und engagiert wird eine aktive und selbstbewusste Elternarbeit betrieben, die auch die Lehrer und Lehrerinnen in starkem Maße fordert", so Günter Binsteiner, Fachbereichsleiter der Ganztagsangebote.

Die Letzten werden die Ersten sein oder die Jongleure

"Gute Schulen ernten noch immer zuwenig Anerkennung", meint Thomas Rachel, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung. Aus diesem Grunde begrüßt er den Wettbewerb "Zeigt her eure Schule". Entscheidend sind für ihn die "Ideen aller Beteiligten und ihre Umsetzung". Die Qualität von Schule müsse so verändert werden, dass sich Freude am Lernen einstelle. Nach dem Motto "Partner machen Schule" hat sich eine lebendige und vielfältige Kultur von Schulpartnerschaften entwickelt. Er nennt als wichtige Partner, Großeltern, Handwerker, Sparkassen, Betriebe und die Kirchen. Diese Schulpartnerschaften sind zugleich ein Ausdruck der gemeinsam getragenen gesellschaftlichen Verantwortung, und auch ein gutes Beispiel für eine engagierte Bürgergesellschaft.

"Partner machen Schule", manchmal braucht es viel Zeit, bis die außerschulischen Partner in die Schule hineinwachsen und Schule machen, manchmal weniger. Bei der Gesamtschule des Saarpfalz-Kreises in Bexbach, Saarland, brauchte es weniger Zeit. Diese Schule ist erst seit einem Jahr Ganztagsschule und schaut doch auf eine Fülle an Kooperationspartnern aus dem Felde der Wirtschaft, Kommune, Umweltschutz, Kultur, Bildung und Sozialeinrichtungen. Mit einer Digitalkamera bewehrt, spüren die Schülerinnen und Schüler alias Mülldetektive nach Resten der Konsumgesellschaft, benachrichtigen die Stadt, die den Müll fortschafft. Die Gesamtschule kooperiert zudem im Sozialen mit der Arbeiterwohlfahrt, dem Jugendrotkreuz, im Politischen mit dem Landrat, im Wirtschaftlichen mit der Deutschen Wirtschaft für Qualifizierung und Kooperation e.V. um nur einige zu nennen. "Der Wettbewerb hat bei uns in der Schule ganz viel ausgelöst, wir haben sehr viel von anderen Preisträgern gelernt", sagt eine Lehrerin, die vom ersten Platz völlig überrascht ist. So wie der Jongleur seine Bälle in der Luft hält, so kooperiert diese Schule mit dutzenden Partnern.

Große Wirkung mit bescheidenen Mitteln - die Erfinder

Dass der Wettbewerb etwas "auslöse" hofft der zweite Preisträger. Der zweite Platz für die Volksschule Deining geht nach Bayern. Die DKJS findet sie preiswürdig, weil "die Freizeit der Kinder nicht monatelang im Vornherein geplant werden muss. Stattdessen wird jede Woche der Plan aktualisiert, so können die Schüler jede Woche neu entscheiden, worauf sie Lust haben." Mit Hilfe eines gemeinsam erstellten Computerprogramms könnten die Schülerinnen und Schüler täglich aus drei Menüvorschlägen ihr Lieblingsessen auswählen, Eltern überwiesen online die Kosten und sind über das Kontoguthaben ihrer Kinder informiert, so die Jury-Entscheidung.

Die Volksschule ist eine Grund- und Hauptschule und eine offene Ganztagsschule die sich trotz geringer finanzieller Mittel zu helfen weiß. Da wo die Volksschule auf nichts Bekanntes zurückgreifen kann, findet sie neue Wege und erfindet Software. Die Ganztagsschule öffnet ihre Pforten zehn Stunden täglich (von 7 bis 17 Uhr). Rektor Heinz weist ausdrücklich auf die günstigen Wirkungen des Investitionsprogramms Zukunft Bildung und Betreuung (IZBB) des Bundes hin, weil durch die Sanierung von Schulräumen nun "tatsächlich besserer Unterricht" stattfinde. "Vielleicht werden sie in München jetzt hellhörig", so der Rektor.

Die Kombinierer

Auch für die Drittplatzierte, die Grundschule Hillesheim in Rheinland-Pfalz, hat die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern einen pädagogischen Quantensprung ausgelöst. Als ein Fernsehteam der ARD die Schule wenige Tage vor der Preisverleihung in der Eifel besuchte, ahnten die Schülerinnen und Schüler bereits, nicht die Lehrkräfte, es könnte ein Podestplatz werden. 16 Kinder, die sich sowohl aus Videoprojekten als auch aus Sozialprojekten rekrutieren ("Alt trifft Jung") treffen auf Senioren im Altenstift und drehen gemeinsam einen Film. Die Idee zum Projekt lieferte, wen wundert es, die Kinder. Kinder, die am Ganztagsangebot teilnehmen, besuchen meist mehrere Projekte. Und Kinder, die sowohl in der Videogruppe beim Medienpädgagogen Christian Kleinhanß als auch bei Lehrerin Eva Lang in der AG "Alt trifft Jung" ihre Freizeit verbrachten, hatten nun mal den Einfall " beide Projekte zu kombinieren". Jürgen Tramm von der Serviceagentur "Ganztägig lernen" in Rheinland-Pfalz regte die Hillesheimer an, dieses originelle Projekt bei "Zeigt her eure Schule" vorzustellen. So kamen die Eifeler nach Berlin.

Letztlich haben - wieder einmal - alle Schulen gewonnen, die sich am Wettbewerb "Zeigt her eure Schule" beteiligten. Sie haben in Berlin Kooperationsstile kennen gelernt, von denen sie sich anregen lassen. So arbeiten manche Ganztagsschulen mit außerschulischen Partnern zusammen, die sie aus dem Bekanntenkreis kennen. Andere geben Stellenanzeigen in Zeitungen auf, um Partner mit dem passenden Profil zu finden.

Pädagogen aus Bayern, Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Saarland, Schleswig-Holstein und Thüringen, den Ländern, aus denen die elf Preisträgerschulen des Jahres 2006 kommen, haben beim Ausfüllen des Bewerbungshefts erneut über ihre Kooperationen nachgedacht und die Ganztagsschulkonzepte überdacht. Allein das hat viel ausgelöst. Und die Kinder und Jugendlichen, "die aus solchen Schulen kommen, machen die Erfahrung, dass sie etwas bewirken", bilanziert Prof. Wolfgang Edelstein, Bildungsexperte und emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Die Platzierung im Wettbewerb wird zweitrangig angesichts der Denkarbeit, die in den Schulen nach dem Wettbewerb weitergetrieben wird. Die Ganztagsschulen nährt die Hoffnung, nicht nur von Partnern aus der Lebenswelt Unterstützung zu erfahren, sondern auch aus den Reihen der Politik. Sicher ist aber eins: Die Wettbewerbs-Community wird im kommenden Jahr weiter wachsen. Und der Ausrichter fühlt sich ermutigt, in der Gesellschaft weiter für die Sache der Ganztagschulen zu werben.

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