Ausbildungsplatz garantiert. Lernwerkstätten der Schule am Campus

Ganztagsschulen mit Angeboten der Berufsorientierung gibt es viele. Eine, die den Schülerinnen und Schülern mit „Lernwerkstätten“ einen Ausbildungsplatz garantiert, ist die Schule am Campus in Flensburg.

Schülerinnen und Schüler auf dem Pausenhof
© Roland Tedsen

Die Schule am Campus ist seit 2013 eine Gemeinschaftsschule. Der Startschuss zum erfolgreichen Kooperationsprojekt mit der Agentur für Arbeit, der Handwerkskammer, der Kreishandwerkerschaft, lokalen Unternehmen und den Rotary-Clubs in Flensburg fiel vor nunmehr vier Jahren in der Vorgängerschule, der Löhmannschule. Inspiriert von den Erfahrungen einer Bochumer Schule beschloss das Kollegium, ein Projekt zur Berufsvorbereitung, die „Lernwerkstätten“, einzurichten. In ihnen versammeln sich jeden Mittwoch von 13 bis 16 Uhr Jugendliche, um sich unter fachkundiger Anleitung einem Berufszweig zu nähern. Unterschiedliche Berufsbilder, vom Friseur, Maler, Holz- und Metallarbeiten bis hin zur Gastronomie werden in Kleingruppen von maximal acht Schülerinnen und Schüler der achten und neunten Jahrgangsklasse vorgestellt. Dieses Angebot der gebundenen Ganztagsschule ist freiwillig. Doch wer sich zur Teilnahme entschließt, verpflichtet sich, Spielregeln einzuhalten, beispielsweise die regelmäßige Teilnahme. Denn in der Lernwerkstatt gehe es nicht nur um handwerkliche Fähigkeiten, sondern auch um Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit, Höflichkeit, Zuverlässigkeit und Toleranz, wie der Präsident des Rotary-Clubs Flensburg, Dr. Henning Schmidt, betont.

Kooperationsprojekt des Rotary-Clubs mit der Agentur für Arbeit

© Roland Tedsen

Schmidt, pensionierter Arzt, gilt als Mitbegründer der Lernwerkstätten und ist aktuell Pate von sechs Schülern in der Gruppe der Metallverarbeitung. Er engagiere sich, um Schülerinnen und Schüler mit schwierigen sozialen Voraussetzungen in der Persönlichkeitsbildung so zu unterstützen, dass sie eine Berufsausbildung absolvieren und für ihren Lebensunterhalt sorgen könnten. „Diese Jugendlichen brauchen lange, um eine Perspektive für sich zu entwickeln. Sie haben vor allem verinnerlicht, allem auszuweichen, was mit Forderungen an sie verbunden ist. Verabredungen, Verträge und Verpflichtungen haben für sie keine moralische Dimension. In der individuellen Begleitung gelingt es aber doch, sie in ihren Sekundärtugenden zu stärken und ihnen zu helfen, soziale Schranken zu überwinden.“ 50.000 Euro investieren der Rotary-Club Flensburg und die Agentur für Arbeit jährlich. Schülerinnen und Schülern, die die Lernwerkstatt zwei Jahre lang besuchen, erhalten eine Ausbildungsplatzgarantie.

Porträtfoto von Gerhard Fenger
Schulleiter Gerhard Fenger© Schule am Campus, Flensburg

Schulleiter Gerhard Fenger weiß, dass es dauerhafter Motivation bedarf, um die Schülerinnen und Schüler bei der Stange zu halten. „Viele kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen, erhalten von zuhause wenig Unterstützung“, sagt er. Für sie sei die Lernwerkstatt eine große Chance. Dass ein Drittel jener, die sich schriftlich um die Teilnahme beworben haben und aufgenommen worden sind, durchhält, betrachtet er als Erfolg: „Angesichts der Ausgangsposition ist das eine hohe Quote.“ Vor der Realität verschließen Fenger und der Koordinator der Lernwerkstätten, Axel Fetzer, die Augen nicht: Nicht alle der ihnen anvertrauten Schülerinnen und Schüler werden einen Hauptschulabschluss erreichen. Die engagierten Pädagogen der Schule am Campus sehen aber die Erfolgsgeschichten. „Das sind die motivierenden Momente, in denen wir erkennen, dass wir uns auf einem richtigen Weg befinden. Denn jedes einzelne Kind zählt“, erklärt der Schulleiter. Sein Kollegium möchte erreichen, dass möglichst wenige Schüler in die perspektivlose Situation kommen, nach dem Schulabschluss ohne Lehrstelle dazustehen.

Ausbildungsreife fördern

© Roland Tedsen

„In der wöchentlich dreistündigen Lernwerkstatt wird Schülern und Schülerinnen, die andere Begabungen haben als der so genannte Standardschüler, die Möglichkeit gegeben, durch praktisches Arbeiten unter Anleitung eines Meisters Fähigkeiten zu entdecken und weiterzuentwickeln, die sich in einer normalen Technikstunde nicht ausprägen können“, erklärt Fetzer. Begleitet werden die Schülern und Schülerinnen jeweils von einem Paten aus dem Rotary-Club sowie von Fachleuten aus den jeweiligen Berufsfeldern. Eine von ihnen ist Julia Clara Christiansen. Sie leitet die Lernwerkstatt der Friseure. Vom Projekt erfuhr sie durch eine befreundete Friseurmeisterin. „Ich war sofort begeistert von dem Engagement aller beteiligten Personen und von der Chance, die Jugendlichen dort gegeben wird. Auf einmal erhalten sie eine neue Perspektive“, betonte sie gegenüber www.ganztagsschulen.org. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass sie den den Schülern und Schülerinnen entgegengebrachten Respekt stets zurückbekomme. Sie freue sich auf jeden Mittwoch und darüber, dass die Schüler und Schülerinnen bei großen Herausforderungen über sich hinauswüchsen.

Unterricht:  Zwei Lehrerinnen an der Tafel vor der Klasse
© Roland Tedsen

Als Pate ist in dieser Lernwerkstatt Wolf-Rüdiger Lietzau aktiv. Für ihn ist es selbstverständlich, sich an einem von seinem Rotary-Club initiierten Programm zu beteiligen. „Außerdem habe ich durch meine ehrenamtliche Mitarbeit im Bereich der Kriminalprävention erfahren, wie wichtig es ist, junge Menschen nicht allein zu einem befriedigenden Schulabschluss zu führen, sondern auch ihre Ausbildungsreife zu fördern“, nennt er einen Beweggrund seines Engagements. Erfreut habe er zur Kenntnis genommen, dass 60 bis 75 Prozent der Schülerinnen und Schüler in der Friseur-Lernwerkstatt durchhielten und ein erfreulicher Anteil den Wechsel in die weiterführende Ausbildung schaffe.

Individuelle Patenschaften

© Roland Tedsen

Was die Schülerinnen und Schüler in den Lernwerkstätten produzieren, können Flensburger Bürger etwa beim Adventsmarkt in der Walzenmühle bewundern. Dort erfahren die jungen Menschen die Anerkennung ihrer Arbeit, aber auch ihres sozialen Engagements. Denn ein Teil des Erlöses wird stets für einen karitativen Zweck genutzt. „Das sind Lernprozesse, die wir im Standardprogramm Schule nicht bieten können“, so Axel Fetzer.

„Büffeln“ steht zum Leidwesen manchen Schülers am Anfang einer jeden Lernwerkstatt. Denn bevor die Jugendlichen mit der von ihnen geschätzten Produktion von Gegenständen beginnen dürfen, stehen Themen wie Werkzeug- und Sicherheitskunde auf dem Unterrichtsplan. Diese Phase gilt es durchzuhalten. Häufig gelingt das dank einer individuellen Patenschaft. Die Paten unterstützen die Jugendlichen später auch bei der Beantragung von ausbildungsbegleitenden Hilfen oder beim Zusammenstellen und Formulieren von Bewerbungsschreiben.

Werkunterricht
© Roland Tedsen

„Das könnte ich allein nicht“, räumt ein 14-Jähriger ein. „Und meine Eltern auch nicht.“ Die 13-jährige Marie (Name geändert) findet die Lernwerkstatt „cool“ und freut sich, dass sie so unterstützt wird. Einen wesentlichen Beitrag hat dazu auch der Schulsozialarbeiter geleistet: „Zu ihm kann ich mit jedem Problem gehen.“ Die Erfahrung, dass sich die Schülerinnen und Schüler „gerne und dankbar an die Hand nehmen lassen, wenn man ihnen Wertschätzung entgegenbringt“, hat auch Hans A. Dethleffsen vom Rotary-Club gemacht.

Engagiertes Kollegium und gute Kommunikation

Vergleichsweise neu ist die Lernwerkstatt Gastronomie. Sie startete in diesem Schuljahr und wird von Svenja Jaeger geleitet. Ihr Ziel ist es, Auszubildende für die Berufe der Gastronomie zu gewinnen. „Mir ist aber schnell bewusst geworden, dass die Schüler noch gar nicht wissen, was für Möglichkeiten sie mit ihrem Schulabschluss in der Berufswelt haben und welchen Beruf sie überhaupt erlernen möchten.“ Daher gibt sie ihnen auch Allgemeines für ihr späteres Berufsleben und einen Grundstock an Fähigkeiten für eine eventuelle Ausbildung in der Gastronomie mit. Ihr Versprechen, jedem, der sich für die Gastronomie entscheide, einen Ausbildungsplatz zu garantieren, ist so ehrgeizig wie das der Schule. „Wir wollen dahin kommen, dass wir einen Teil der fürs Schulessen erforderlichen Lebensmittel selbst produzieren“, kündigt Axel Fetzer an.

© Roland Tedsen

Eine Schülerin resümiert: „Unsere Schule ist klasse. Uns wird viel geholfen.“ Konkret denkt sie dabei auch an das Projekt „Schüler arbeiten selbstständig“, die von Fachlehrern betreute Hausaufgabenstunde, sowie die so genannten Kompetenzzentren. In ihnen unterstützen Lehrkräfte aller Fachrichtungen zu festgelegten Zeiten die Schülerinnen und Schüler in einem Klassenraum, um mit ihnen an Schwächen zu feilen. Schulleiter Gerhard Fenger ist sich bewusst: „Solche Erfolge kann man nur erzielen, wenn das Kollegium so engagiert wie bei uns ist und die Kommunikation funktioniert.“


Die Mitglieder der Rotary-Clubs sind Führungskräfte aus allen Berufen und setzen in ehrenamtlicher Arbeit ihre beruflichen Fähigkeiten unter dem Motto „Service Above Self“ (Selbstlos dienen) ein. Die Flensburger Rotary-Clubs unterstützen gemeinsam mit lokalen Unternehmen und der Agentur für Arbeit Flensburger Schülerinnen und Schülern durch wertvolle und praxisgeprägte Einblicke in zukünftige Berufsfelder.   

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