Europaschule Nordhorn: Abkupfern ausdrücklich erlaubt

Gütersloh ist eine Stadt, die Ganztagsschulentwicklung fördert. Wie funktioniert das in der einzelnen Schule? Die Werkstatt 4 "Schule und Kommune" des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" stellte am 18. Mai 2006 unter der Überschrift "Innovation konkret" die Europaschule Nordhorn vor. Über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten sich aus erster Hand zu Themen wie "Leben und Lernen", "Rhythmisierung", "Kooperation und Integration" informieren.

"Abkupfern ausdrücklich erlaubt!" Aus dieser freundlichen Aufforderung von Andreas Kimpel sprach ein gesundes Selbstbewusstsein. Anlässlich der Tagung "Vorgestellt: Die Europaschule Nordhorn" am 18. Mai 2006 in dieser Grundschule vertrat Kimpel die Stadt Gütersloh als Schulträger, hier wiederum das Dezernat für Jugend, Bildung, Soziales, Kultur und Sport. In einem Grußwort verschaffte er den rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen Eindruck über die Ganztagsschulentwicklung in der ostwestfälischen Kommune.

Standortfaktor Ganztagsschule

Begrüßung durch die Veranstalter: Birgit Frey (l.) und Franz-Ludwig Blömker vom Städtenetzwerk NRW.

"Als Schulträgerin von 29 Schulen hat die Stadt ein starkes Interesse daran, die ihr anvertrauten Schülerinnen und Schüler zu fördern und für das Leben fit zu machen", so der Beigeordnete der Stadt. Bereits 2001 beschloss der Jugendhilfeausschuss, dass die Einrichtung von Betreuungsplätzen in der Primarstufe oberste Priorität haben sollte. An die verschiedenen Ausprägungen dieses Beschlusses wie "Verlässliche Grundschule", "13+" oder "SiT - Schüler in Tageseinrichtungen" konnte die Stadt 2003 dann nahtlos mit der Ganztagsschulentwicklung anknüpfen.

Um allgemein gültige Rahmenbedingungen und Qualitätsstandards festzusetzen, wurde eine Projektgruppe gegründet. Diese erarbeitete eine für alle Gütersloher Primarschulen bindende Konzeption zur Umwandlung in Offene Ganztagsschulen. Als erste Offene Ganztagsschule in Gütersloh ist die Europaschule Nordhorn so etwas wie ein Pionier. Zurzeit arbeiten neun Grundschulen mit 349 Schülerinnen und Schülern als Offene Ganztagsschulen. Für das kommende Schuljahr rechnet die Stadt mit rund 650 Anmeldungen. Ab dem Schuljahr 2007/2008 werden alle 18 Grundschulen und zwei Förderschulen im Primarbereich in Offene Ganztagsschulen umgewandelt.

"Wir haben eine steigende Nachfrage und sehen die Ganztagsschule als einen nicht zu unterschätzenden Standortfaktor", so Andreas Kimpel. "Durch positive Rahmenbedingungen für Familien begünstigen wir den Zuzug junger Familien." Für die Schülerinnen und Schüler gelte: "Jedes Kind hat Stärken, die wir im Offenen Ganztag weiter fördern wollen." Die Fortsetzung der Ganztagsangebote in weiterführenden Schulen sei nur konsequent und eine anspruchsvolle Herausforderung, die es anzunehmen und kreativ umzusetzen gelte.

"Lust auf Lernen"

Das Engagement der Kommune, das sich auch finanziell niederschlägt, ist einer der drei wesentlichen Stützpfeiler der Europaschule Nordhorn, die von 230 Schülerinnen und Schülern besucht wird. Der zweite Pfeiler ist das Engagement der Schulleitung und des Kollegiums - der zehn Lehrerinnen und zwei Lehrer. Der dritte Stützpfeiler ist der Schulförderverein als Träger des Ganztagsbereichs. Auf der Tagung vermittelten die Vertreterinnen und Vertreter der Schule in ihren Beiträgen ebenso wie im Frage-Antwort-Spiel mit dem Auditorium, dass sie an einem Strang ziehen. Zum Wohle der Kinder und zur Zufriedenheit aller am Schulleben Beteiligten.

Allen voran Schulleiterin Irene Albers, die die Schulphilosophie als "Lernen und leben" charakterisierte: "Die Schülerinnen und Schüler sollen so viel wie möglich in einem guten Unterricht lernen. Die Lust auf Lernen spielt eine große Rolle. Wir unterstützen die Kinder bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Wir bieten den Kindern Raum, Geborgenheit, eine gute Begleitung und das Gefühl, zu Hause zu sein."

Prof. Tassilo Knauf von der Universität Duisburg-Essen (l.) und Andreas Kimpel vom Dezernat für Jugend, Bildung, Soziales, Kultur und Sport der Stadt Gütersloh.

Während der Tagung waren draußen vor den Fenstern noch Bauarbeiten im Gang. Sie verhelfen der Schule zu neuen Räumen - unter anderem zu einem großen Essensbereich, zu Arbeitsräumen für Lehr- und Betreuungskräfte, zu Gruppenräumen und zu einer Bibliothek. Das 1987 errichtete Schulgebäude erfährt eine Erweiterung mit Mitteln aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) in Höhe von rund 690.000 Euro. Die Mittel werden für Sachausstattungen und die Umgestaltung des Außenbereichs genutzt. Architektonisch ist die Grundschule allerdings kein Vorzeigeobjekt. Für den zusätzlichen Platz ist man dankbar, wichtiger ist in Nordhorn indessen, wie diese Räumlichkeiten mit Schulleben gefüllt werden.

Italienisch für Anfänger und Kinderkonferenz

Vor drei Jahren wurde nach einem Antrag der Eltern die Umwandlung in eine Offene Ganztagsschule zum Schuljahr 2003/2004 beschlossen. Für jenes Schuljahr meldeten 24 von 50 Familien ihre Kinder zum Ganztag an. Eine Ganztagsklasse konnte eingerichtet werden, womit der Weg frei für einen rhythmisierten Tagesablauf mit Unterricht und Angeboten an Vor- und Nachmittag wurde. An fünf Tagen dauert der Schultag bis 16 Uhr.

Heute besuchen 102 Schülerinnen und Schüler die Ganztagsschule in vier Klassen. Im nächsten Schuljahr 2006/2007 kommen 29 Ganztagsschülerinnen und -schüler für die erste Klasse hinzu. Die Schule hat insgesamt rund 40 Ganztagsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter. Rund 20 Kooperationspartner machen Angebote im sportlichen und künstlerischen, besonders aber im sprachlichen Bereich: Englisch, Russisch, Türkisch, Französisch und Italienisch können gewählt werden. Italienischkurse - mittlerweile für das erste, zweite und vierte Schuljahr - entstanden auf Wunsch von Schülern der vierten Klasse, die im Februar auf einer Klassenfahrt in Trento gewesen waren und gerne Italienisch lernen wollten. Das sprach sich herum, immer mehr Kinder wollten teilnehmen. Italienisch wurde zum festen Angebot.

Das Mitspracherecht der Schülerinnen und Schüler ist mit der "Kinderkonferenz" gesichert. Jede Woche werden hier alle möglichen Themen mit jeweils zwei Vertretern aus jeder Klasse besprochen. Die Kinderkonferenz hat zum Beispiel den Beschluss gefasst, die Frühstückspause zu verlegen, was in diesem Schuljahr - nach Zustimmung der Lehrer- und der Schulkonferenz - auch geschehen ist und sich bereits bewährt hat. Das Essen ist laut Irene Albers ein wesentliches Gestaltungselement: Frühstück, Mittagessen und Imbiss am Nachmittag sind wichtige Gelegenheiten für Gemeinschaftserleben und soziales Lernen. Die Rhythmisierung des Tages um die Mahlzeiten herum macht die Tagesstruktur für die Kinder gut nachvollziehbar.

"Kooperationspartner muss man umsorgen wie Freunde"

Ab 7.30 Uhr fängt die Schule mit einem offenen Beginn an, um 8.15 Uhr ist Unterrichtsbeginn. Um 12 Uhr gibt es Mittagessen, an dem auch Lehrerinnen und Lehrer teilnehmen. Ab 12.45 Uhr haben die Kinder Gelegenheit, sich selbst zu beschäftigen. Ab 13.30 Uhr beginnen die Fördermaßnahmen. Aufgaben vom Vormittag können noch einmal intensiver bearbeitet werden. Auch Lehrerinnen und Lehrer übernehmen die Förderstunden. "In der Förderstunde sehe ich, was die Kinder beherrschen und was ich am nächsten Tag noch mal aufarbeiten muss", sagte Ulrich Determann, der stellvertretende Schulleiter.

Ab 14.15 Uhr können die Kinder aus über 50 Angeboten auswählen, auf die sie sich für ein halbes Jahr festlegen müssen. Jede Ganztagsklasse erfährt Unterstützung durch eine Erzieherin, die von zehn bis 16 Uhr die Lehrerinnen und Lehrer im Unterricht unterstützt. Unterrichtsinhalte werden in Kleingruppenarbeit vertieft, die Kinder zum Essen begleitet und ihre Freizeitaktivitäten koordiniert.

Schulleiterin Irene Albers (l.) und Bernd Voltmann, der Vorsitzende des Fördervereins.

"Ein Stolperstein war zu Beginn die Koordination der Stundenpläne der Kolleginnen und Kollegen", berichtete die Schulleiterin. "Doch wir haben das zusammengepuzzelt und versucht, die unterschiedlichen Bedürfnisse zu berücksichtigen. So gibt es Kolleginnen, die auch mal lieber später kommen und dafür länger bleiben. Andere wiederum haben zwischendurch gerne eine Pause und fahren nach Hause."

Nicht nur die Schülerinnen und Schüler reden in der Europaschule Nordhorn mit, auch der Austausch zwischen den Professionen findet ständig statt. Das Team einer jeden Klassenstufe trifft sich zu festgelegten Zeiten, und es gibt wöchentliche Besprechungen der Sozialpädagoginnen mit der Schulleitung. An den Schulkonferenzen nehmen alle pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schule teil. Zweimal im Jahr findet ein Treffen mit allen Beschäftigten, auch des Freizeitbereichs, statt. "Kooperationspartner muss man umsorgen wie liebe Freunde", meinte Schulleiterin Albers dazu.

Das ganze Jahr geöffnet

Es sei eine "Riesenerleichterung", nichts mehr mit Hausaufgaben zu tun haben zu müssen, sagt Birgit Wintermann, die Vorsitzende der Schulpflegschaft, und spricht damit für die Elternseite. "Wir haben hier in Nordhorn eine völlig neue Schulkultur kennen gelernt. Wir sehen unseren Sohn jetzt weniger als früher, wir haben aber intensiver an seinem Leben teil. Mir als Mutter ist es wichtig, dass unser Sohn neugierig bleibt. So viele Angebote wie hier könnte ich ihm zu Hause gar nicht bieten."

Für die finanzielle Seite der Offenen Ganztagsschule ist Bernd Voltmann, der Vorsitzende des Fördervereins, zuständig. Ihm macht diese Arbeit so viel Spaß, dass er den Posten auch dann behalten wird, wenn sein Sohn die Grundschule verlassen hat. "Es ist bombastisch, was aus unseren kleinen Anfängen geworden ist", meinte der Unternehmer, der im kommenden Schuljahr über eine Summe von 312.000 Euro für den Ganztag verfügen wird. Die Grundschule Nordhorn hat Lehrerstellen kapitalisiert. Inzwischen beschäftigt der Förderverein fünf Festangestellte und sieben Mini-Jobber. Der Förderverein finanziert auch Fortbildungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ermöglicht ein Ferienangebot ohne zusätzliche Kosten. "Wir haben das ganze Jahr geöffnet", sagte Irene Albers.

In den Händen der Schulleitung liegt die Koordination der Angebote und die Auswahl der Mitarbeiter. Voltmann legt höchstens sein Veto ein, wenn etwas nicht finanzierbar erscheint. "Bei Frau Albers weiß ich, dass nur für sinnvolle Posten angefragt wird, sie schmeißt nicht mit dem Geld um sich", berichtete der Unternehmer. Auf Nachfragen räumte Volkmann ein, dass manches Angebot ohne die zusätzlichen Mittel der Stadt nicht gehalten werden könnte. Und wenn Gütersloh mal nicht einspringt - zum Beispiel für die Bezuschussung des Essensgeldes - dann regelt der Förderverein dies durch Sponsoren, Paten und Spenden. "Es regelt sich alles, wenn man will", gab Voltmann den Zuhörerinnen und Zuhörern mit auf den Weg.

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