Mit offenen Karten spielen

Die Kooperation mit außerschulischen Partnern ist ein wichtiges Standbein der Ganztagsschulen. Doch wie findet man den passenden Partner? Was gilt es bei der Anbahnung von Kooperationen zu bedenken? Krimhild Strenger und Nadia Fritsche von der Werkstatt 3 "Kooperation mit außerschulischen Partnern" des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" veranstalteten am 20. Oktober 2005 in Soest ein Multiplikatorentraining für die Anbahnung von Netzwerken und Kooperationen.

Eins wird an diesem 20. Oktober 2005 im Landesinstitut für Schule in Soest deutlich: In jeder Stadt, jedem Kreis, jeder Gemeinde sind die Bedingungen für Ganztagsschulen besondere. Überall finden sich unterschiedliche Voraussetzungen und Konstellationen. Zehn  Schulleiterinnen und Schulleiter sowie Vertreterinnen und Vertreter von Schulträgern und außerschulischen Partnern sind hier zum "Multiplikatorentraining für die Anbahnung von Kooperationen" gekommen. Diese Fortbildung wird von Krimhild Strenger und Nadia Fritsche von der Werkstatt 3 "Schule und außerschulische Kooperationspartner" des DKJS-Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" angeboten.

Möglichkeiten und Fallstricke von Kooperationen

Die beiden Moderatorinnen arbeiten bei der Stadterneuerungs- und Entwicklungsgesellschaft Hamburg (STEG), die die Werkstatt 3 ins Leben gerufen hat. Auf Einladung der Serviceagentur Nordrhein-Westfalen kamen sie nun in das Landesinstitut für Schule, um auch den dortigen Interessierten ihre Erfahrungen nahe zu bringen.

Dabei stellte sich schon bei der Vorstellungsrunde heraus, dass das angekündigte Thema an diesem Adressatenkreis vorbeigehen würde: Alle Interessierten hatten bereits zwei, drei Jahre Erfahrung in der Zusammenarbeit von Offenen Ganztagsgrundschulen mit außerschulischen Partnern und mussten somit nicht bei Null anfangen. Krimhild Strenger und Nadia Fritsche reagierten darauf, indem sie viele Diskussionsrunden einschoben, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr voneinander über die Möglichkeiten und die Fallstricke der bestehenden Kooperationen und Netzwerke erfahren konnten.

Aber auch Moderatorin Strenger steuerte aus ihrem Erfahrungsschatz wichtige Informationen bei. Die Diplomsozialpädagogin mit dem Schwerpunkt Projektentwicklung und Projektsteuerung ist auch Geschäftsleiterin des Hamburger Kooperationsverbundes Schanzenviertel (KOOP), einem seit 1999 bestehenden Netzwerk von Schulen, Jugendhilfeeinrichtungen, Gewerbetreibenden, Vertretern aus Behörden und Politik. Die Grundschulen Ludwigstraße, Altonaer Straße - seit diesem Schuljahr voll gebundene Ganztagsschulen - und Arnkielstraße haben sich in diesem Netzwerk geöffnet und kooperieren heute aktiv mit diversen Partnern.

Vertrauen braucht Zeit

Es sind scheinbare Banalitäten, die das Gelingen oder Misslingen einer Kooperation beeinflussen können - aber Krimhild Strenger und Nadia Fritsche wiesen eindrücklich darauf hin, dass "Kooperationen nicht ohne Kommunikation" funktionieren. "Kommunikation ist alles", so die Psychologiestudentin Fritsche. Dazu gehöre auch, zu Beginn einer Partnerschaft "klare Zielformulierungen" zu entwickeln, die Kontakte zu pflegen und echtes Interesse zu entwickeln. "Man muss in Netzwerken Vertrauen aufbauen, und das braucht Zeit", erzählte Krimhild Strenger. "Bei KOOP haben die verschiedenen Akteure bei den Treffen im ersten Jahr erst mal nur darüber geklagt, welche Probleme es alles gäbe - dann kannten sich alle so gut, dass die konzeptionelle Arbeit begann."

Ebenfalls empfiehlt es sich, potentielle außerschulische Partner schon vorher einmal in die Schule zu bitten. "Mit den Sportvereinen hatten wir anfangs Schwierigkeiten", so Franz Blank, "denn viele Übungsleiter konnten mit so genannten auffälligen Kindern nichts anfangen und sind nicht wiedergekommen oder haben diese aus der Gruppe ausgesondert. Es muss Sportvertretern vorher klargemacht werden, dass Schulklassen nicht die gleiche Klientel sind wie Vereinsmitglieder."

Das Gleiche gilt für Musikschulen. Heike Broszinsky-Orth, Leiterin des Ganztagsbereichs in der Paul-Gerhardt-Grundschule in Werl, hat beobachtet, dass sich Musikschulvertreter von manchen Kindern und Jugendlichen überfordert fühlten. "Mit diesen Kooperationspartnern müsste man vorher besprechen, dass es auch soziale Defizite in Klassen gibt, und ihnen nicht nur signalisieren: Hier ist alles schön, kommt doch!" Joachim Schulze-Bergmann vom Landesinstitut für Schule bestätigte solche Erfahrungen: "Das pädagogische Know-how außerschulischer Partner ist häufig nicht ausgebildet, man müsste hier über Fortbildungen dieser Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nachdenken."

Mit offenen Karten zu spielen, von Anfang an alle möglichen Probleme anzusprechen, kann später viel Frust auf beiden Seiten ersparen. Auch das Nachgeben dem "billigen Jakob" gegenüber - Kooperationspartnern, die mit günstigeren Angeboten locken -, kann zu Problemen führen, wie Monika Straetmans von der Katholischen Grundschule Stommeln im rheinischen Pulheim berichtete.

Bestandsaufnahme im Stadtviertel durchführen

Netzwerke von Schulen, Trägern und außerschulischen Partnern bieten Chancen: Die Schulen müssen das Rad nicht immer wieder neu erfinden, der Erfahrungsaustausch bringt Synergieeffekte. Die Netzwerkmitglieder tragen das so gewonnene Wissen darüber hinaus weiter und wirken als Multiplikatoren. "Man muss aber aufpassen, dass man sich nicht an unpassenden Vorbildern orientiert", warnte Günther Zahn, Schulleiter der Weerth-Grundschule in Detmold. "Gute Beispiele aus anderen Schulen muss man immer vor dem Hintergrund der sozialen Strukturen in der Schüler- und Elternschaft und dem eigenen Bedarf sehen."

Um Kooperationspartner zu finden, können Schulen Krimhild Strenger zufolge eine "Bestandsaufnahme im Stadtviertel" durchführen. "Kaum einer weiß vom anderen", so die Sozialpädagogin, "dabei gibt es viele gute Möglichkeiten direkt vor Ort." Besonders über Eltern ließen sich viele interessante Kontakte knüpfen. "Ich bin immer wieder erstaunt, was durch die Eltern möglich wird", bestätigte die Bochumer Schulleiterin Helbig-Fritzsche.

Doch wie bekommt man die verschiedenen Akteure an einen Tisch? In Bochum hat sich mit vier so genannten Sozialräumen - Konferenzen mit Ganztagsschulen, Jugendamt, Beratungsstellen und Tageseinrichtungen - schon eine bewährte Institution etabliert. Die Sozialräume luden auch Kooperationspartner ein, damit diese sich vorstellten. In Oberhausen ist mit dem "Runden Tisch" und einem "Markt der Möglichkeiten", auf denen sich Träger der Jugendhilfe den Ganztagsschulen präsentierten, Vergleichbares entstanden. Detlef Ewich, in der Oberhausener Verwaltung zuständig für allgemeine Schulangelegenheiten, lobte den "Markt der Möglichkeiten": "Seit dieser Veranstaltung sind Schule und Jugendhilfe enger zusammengerückt." In Detmold treffen sich die Schulen, das Jugendamt und die Kursleiter alle acht Wochen, um zu bilanzieren, was gut und was weniger gut läuft. "Dort wird das Positive auch ausdrücklich gelobt", berichtete Franz Blank.

Wertschätzung gegenüber den Partnern zeigen

Auch diese Wertschätzung ist nicht immer selbstverständlich. Sie müsste es laut Krimhild Strenger aber sein: "Man sollte bei den Treffen für eine angenehme Atmosphäre sorgen, durchaus mit Kaffee und Kuchen statt nur mit Schulbüchern auf dem Tisch." Auch gemeinsame Ausflüge, Abendessen und Grußkarten können den Arbeitsalltag erleichtern. "Es ist auch gut, wenn die Arbeitsgruppen anderen ihre Ergebnisse präsentieren können", meinte Schulleiterin Helbig-Fritzsche.

Mit Interesse hörten die Anwesenden von einer in Detmold verwirklichten Idee, das Jugendamt in der Schule zu verankern. "Eine Sozialpädagogin kommt für 25 Stunden in der Woche in die Schule und betreut dort vier Kinder", berichtete Günther Zahn. "Dadurch erreicht man auch die Eltern viel besser, die sonst eine hohe Hemmschwelle vor dem Jugendamt haben." Brigitte Helbig-Fritzsche steuerte eine weitere Möglichkeit der Intensivierung des Kontaktes mit Eltern bei: "Unsere Kolleginnen veranstalten Elterncafés, die gut angenommen werden. Bei solchen Gelegenheiten ist man dann auch mal mutiger, Probleme anzusprechen."

Eins konnte nicht wegdiskutiert werden: Netzwerke und Kooperationen bedeuten zunächst zusätzliche Arbeit - vor der manche Schulleitung, die sich in Personalunion bereits um alles kümmert, zurückschreckt. "Man muss auch mal nein sagen können", riet Krimhild Strenger, "aber bei gemeinsam definierten Zielen und klarer Aufgabenverteilung, durch den Austausch von Materialien und mit gut geknüpften Kontakten ist die Gefahr, sich zu verzetteln, geringer. Gemeinsam sind die Schulen stärker."

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