Vielfalt der Welt in die Ganztagsschule

Die Ausweitung von Schule auf den Nachmittag bringt Veränderungen mit sich, die über den Schulhof hinaus reichen: Jugendliche Lebenswelt und Familien werden von der Ganztagsschule beeinflusst; Vereine, Jugendhilfe und andere pädagogische Professionen müssen sich neuen Herausforderungen stellen. Wie es um die Öffnung von Ganztagsschulen in die Gesellschaft bestellt ist, welche pädagogischen Veränderungen und Herausforderungen entstanden sind, diskutierten rund 100 Interessierte am 1. Juli 2005 in Mainz auf der Tagung "Ganztagsschule in Entwicklung".

Wenn sich Ganztagsschulen nach außen öffnen, wenn außerschulische Partner in die Schulen kommen, um dort Angebote zu machen, wenn Kinder und Jugendliche außerschulische Lernorte aufsuchen und erkunden, verändert nicht nur die Schule ihr Gesicht, auch auf die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler, auf Familien, Vereine und Verbände, auf die Jugendhilfe und andere pädagogische Professionen haben diese Veränderungen der Schulkultur Einfluss.

Rheinland-Pfalz setzt mit der Ganztagsschule in Angebotsform stark auf die Einbeziehung außerschulischer Partner, die mithelfen sollen, den Horizont der Schule zu erweitern und diese neben einem Lern- auch zu einem Lebensort zu machen. Um die Entwicklungen im Land im Blick zu behalten, Probleme zu orten und Zukunftsperspektiven zu entwickeln, hatte das rheinland-pfälzische Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend (MBFJ) das Pädagogische Institut der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und das Institut für Weiterbildung, Beratung und Forschung der Evangelischen Fachhochschule in Ludwigshafen mit wissenschaftlichen Begleitforschungen beauftragt.

Die Universität befasste sich unter Leitung des Schulpädagogen Prof. Dr. Fritz Ulrich Kolbe mit dem Projekt "Die Entwicklung der Ganztagsschulkonzeption und ihre Umsetzung an den einzelnen Schulen", während die Fachhochschule den Fokus auf "Ganztagsschulen in Kooperation mit außerschulischen Partnern" legte. Erstere Studie evaluierte die Entwicklung der 81 Ganztagsschulen in Angebotsform im Zeitraum von 2002 bis 2004 hinsichtlich der Erweiterung des Bildungsauftrages, der Partizipation von Eltern und Schülern der Kooperation mit außerschulischen Partnern, der individuellen Förderung und der Freizeitangebote.

Entwicklungsoffenheit statt Idealbild

Die Ergebnisse dieser beiden Studien waren Diskussionsgegenstand der vom Zentrum für Bildungs- und Hochschulforschung der Gutenberg-Universität und des MBFJ am 1. Juli 2005 veranstalteten Tagung "Ganztagsschule in Entwicklung - Empirische, konzeptionelle und bildungspolitische Perspektiven" an der Gutenberg-Universität in Mainz. 100 interessierte Politiker, Wissenschaftler und Pädagogen kamen, um sich über diese Themen auszutauschen.

"Die wissenschaftliche Begleitung ist ein Wegweiser für unser Land, wie Schulen in diesem Prozess besser unterstützt werden können", erklärte Bildungsministerin Doris Ahnen in ihrem Grußwort. "Rheinland-Pfalz wird in der wissenschaftlichen Begleitforschung der Ganztagsschulen eine eigenständige Kompetenz aufbauen." Es gehe bei der wissenschaftlichen Begleitforschung nicht darum, sich ein "Idealbild" von Ganztagsschulen aufzubauen, vielmehr komme es darauf an, eine "Entwicklungsoffenheit" zu kultivieren. Von den Ergebnissen dieser Forschung könnten gerade die Lehrerinnen und Lehrer profitieren, die an den Hochschulen in Rheinland-Pfalz ausgebildet werden.

Unter dem Titel "Haltungen, Einstellungen und Wahrnehmungen von Schülern und Lehrern" wies Dr. Till-Sebastian Idel vom Pädagogischen Institut der Universität Mainz im ersten von drei Kurzvorträgen nach, dass es bei den Lehrerinnen und Lehrern eine "deutlich positive Grundeinstellung zur Ganztagsschule" zu verzeichnen gebe. 55 Prozent der Lehrkräfte halten die Ganztagsschule für eine längst "überfällige Erweiterung". Schülerinnen und Schüler nehmen laut Idel besonders das verbesserte Lernklima wahr. Fast 60 Prozent sind der Meinung, ihre Schulleistungen hätten sich gebessert und sie könnten nun intensiver lernen. Positiv bewerteten die Schülerinnen und Schüler auch das gemeinsame Mittagessen und die Hausaufgabenbetreuung.

Risiko der "Verschulung"

Katharina Kunze vom Pädagogischen Institut der Universität widmete sich den Schwierigkeiten, die sich zum Teil durch die mangelnde Bereitschaft der Ganztagsschulen, sich pädagogisch und organisatorisch auf Neues einzulassen, ergeben. Der Wissenschaftlerin zufolge sind noch zu viele Ganztagsschulen in ihrer pädagogischen Orientierung lediglich zeitlich verlängerte Halbtagsschulen. Inzwischen zeige sich allerdings ein Trend vom additiven zum rhythmisierten Modell. Erkennbar werde zunehmend auch das Bemühen der Lehrerinnen und Lehrer, in den Förderstunden im Unterschied zum "klasssischen" Schulunterricht der einzelnen Schülerin und dem einzelnen Schüler individuell gerechter zu werden. Weniger gut ist es vielfach noch um die Freizeitgestaltung bestellt. Es genüge nicht, Kindern und Jugendlichen an Ganztagsschulen einfach Freiräume zuzugestehen und darauf zu warten, dass diese genutzt werden, resümierte Katharina Kunze.

Neben den Chancen wohne der Ganztagsschule auch das Risiko der "Verschulung des Aufwachsens" inne. Um dieses Risiko zu minimieren, empfehlen die Mainzer Wissenschaftler die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern. Zwischen Oktober 2002 und Juli 2004 erforschten die Ludwigshafener Wissenschaftler um Prof. Haro Schreiner, Prof. Wolfgang Krieger und Dr. Monika Ludwig gerade diese Kooperationen. An sieben Ganztagsschulen wurden dabei rund 60 außerschulische Mitarbeiter wissenschaftlich begleitet.

Die Ergebnisse der Begleitforschung zeigen, dass sich im Laufe der zwei Jahre insgesamt Verbesserungen in der Zusammenarbeit von Schule mit außerschulischen Partnern ergeben haben. Doch grundlegende Probleme bleiben bestehen. So fühlten sich noch zu viele außerschulische Pädagogen nicht ausreichend in das Schulleben integriert. Von einer gemeinsamen, umfassenden Bildungsplanung für die Kinder und Jugendlichen sei man noch weit entfernt. Das für die Schülerinnen und Schüler erhoffte "Mehr an Zeit" schlage sich an vielen Schulen noch nicht ausreichend auf die Kooperation von Lehrpersonal und außerschulischen Pädagogen nieder.

Öffnung nach außen führt zur Öffnung nach innen

Dagegen hätten Schulen, die kontinuierliche Absprachen oder gemeinsame Konferenzen durchführen, positive Auswirkungen auf das Arbeitsklima und die Arbeitsorganisation registriert. Doch sie bilden bislang die Ausnahme. "Vielerorts muss noch an institutionalisierten Formen der Kommunikation gearbeitet werden", hielt bereits die Mainzer Studie fest. Darüber hinaus empfehlen die Wissenschaftler professionelle Begleitung der außerschulischen Kräfte etwa durch Supervision. Das Sozialpädagogische Fortbildungszentrum (SPFZ) in Mainz hat bereits reagiert und 240 außerschulische Fachkräfte fortgebildet.

Aus Sicht der Wissenschaftler entfaltet die Kooperation von Schule und außerschulischen Partnern eine Fülle von positiven Wirkungen. Schülerinnen und Schüler können Erfolgserlebnisse in einer von Druck befreiten Situation erleben. Außerschulische Angebote steigerten die Attraktivität der Ganztagsschule deutlich, da die Schülerinnen und Schüler außerschulische Lernorte besonders gern besuchten. Eine Öffnung nach außen könne sich auch zu einer Öffnung nach innen weiterentwickeln, wenn Unterricht, Arbeitsgemeinschaften und Projekte aufeinander Bezug nähmen. Die Wissenschaftler raten in ihrer Studie den außerschulischen Partnern, ihre Angebote vorab Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften zu präsentieren. Auch vorläufige, so genannte Schnupperangebote könnten vor späteren Enttäuschungen schützen.

Einigkeit bei außerschulischen Kräften, Schulleitungen und Ganztagsschulkoordinatoren besteht darin, dass die Gruppen verkleinert werden und nicht mehr als 12 bis 15 Kinder und Jugendliche umfassen sollten. Eine organisatorische Antwort auf die "Erschöpfung von Schülern am Nachmittag", die das Gelingen von Projekten und Arbeitsgemeinschaften behindert, ist aus Sicht der Wissenschaftler die "pädagogische Rhythmisierung". Sie empfehlen Ganztagsschulen den Schritt vom additiven zum rhythmisierten Modell.

"Noch am Anfang der Entwicklung"

Über die praktischen Folgerungen aus den Studien debattierten am Ende der Veranstaltung verschiedene Experten in einer Podiumsdiskussion. Dr. Wolfgang Mack vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) empfahl, Jugendhilfeträger auch in den Prozess der Schulentwicklung stärker einzubeziehen. Die Jugendhilfe müsse ihre Konzepte in die Schule einbringen können. Dr. Dieter Wunder, Berater des rheinland-pfälzischen Bildungsministeriums, schloss sich der Empfehlung der Wissenschaftler an, Ganztagsklassen einzurichten und so zu rhythmisierten Modellen zu kommen. "Ganztagsklassen erleichtern die Rhythmisierung des Schultags, und außerschulische Partner könnten dann auch mit ausgeruhten Kindern und Jugendlichen in Arbeitsgemeinschaften und Projekten lernen", meinte Wunder. Bei der Entwicklung neuer Zeitmodelle für Ganztagsschulen stehe das Land noch am Anfang einer Entwicklung.

"Wir brauchen die Vielfalt der Welt in der Ganztagsschule", erklärte Karl-Heinz Held, der für Ganztagsschulen zuständige Abteilungsleiter im Bildungsministerium. Vorstellbar sei für ihn, zum Beispiel ein Jugendzentrum zu beauftragen, Ganztagsangebote an außerschulischen Lernorten durchzuführen. Wenn sich dabei der Bildungsauftrag der Schule und der des Jugendträgers bei der Kooperation annäherten, wäre das durchaus gewollt.

Für Prof. Franz Hamburger vom Pädagogischen Institut der Universität Mainz ist Ganztagsschule ein Ort, an dem "Jugendliche auch unter sich sein können". Die Ausdehnung des zeitlichen Rahmens schaffe mehr Möglichkeiten zur Nähe zwischen Schülern. Die Bildung von Peer-Gruppen sei eine entscheidende Möglichkeit, das beschworene Risiko der Verschulung der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen zu minimieren.

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