Lust auf Lesen

Im Schnitt verbringen Kinder und Jugendliche täglich rund drei Stunden vor dem Fernseher, nur 20 Minuten lesen sie. In den Schulen reicht die Zeit kaum, um elementare Leseschwächen zu überwinden, geschweige denn den Schülerinnen und Schülern Lust auf das Lesen zu machen. Ganztagsschulen haben diese Zeit - und nutzen die vielfältigen Angebote zur Leseförderung

Kinder mit Büchern

Bei der PISA-Studie scheiterten viele der 15 Jahre alten Schülerinnen und Schüler an einer vergleichsweise einfachen Aufgabe: Zwei Texte pro und contra Graffiti durchzulesen und wiederzugeben. Die Tatsache, dass sich immer mehr Kinder und Jugendliche mit dem Lesen schwer tun, kann man nicht allein einem verfehlten Deutschunterricht anlasten. Umfragen belegen, dass Jugendliche immer weniger Interesse an Büchern oder anderer Lektüre zeigen und von den Eltern auch immer seltener dazu animiert werden zu lesen.

In der Dokumentation "Leseverhalten der Deutschen im neuen Jahrtausend" der Stiftung Lesen stimmten im Jahr 2000 gerade mal 25 Prozent der befragten 2530 Jugendlichen im Alter von 14 bis 19 Jahren der Feststellung zu: "Bei uns zu Hause achtete man immer sehr darauf, dass ich gute Bücher las". Acht Jahre zuvor waren es noch 46 Prozent gewesen. Analog dazu sank die Zahl derjenigen, die sich Bücher aus der Bücherei ausgeliehen hatten, von 51 auf 26 Prozent, und derjenigen, die den Deutschunterricht "interessant" fanden, von 54 auf 32 Prozent.

Ohne Lesen geht gar nichts

Dabei ist das Lesen eine wertvolle Tätigkeit. Die IGLU-Studie hat bewiesen, dass eine ausreichende Sprach- und Lesefähigkeit die wichtigste Voraussetzung für schulische und berufliche Erfolge ist. Wird in der Schulzeit hier etwas versäumt, rächt sich das später: Ausbildungsbetriebe klagen zum Beispiel über die mangelnden Leseleistungen von Schulabgängern. "Die Erkenntnisse der Hirnforschung deuten darauf hin, dass Phantasie, intellektuelle Beweglichkeit, geistige Selbständigkeit, Urteilskraft und Abstraktionsvermögen von Kindern leichter erworben werden, wenn sie von frühester Kindheit an in einem die Sprache anregenden Umfeld leben", heißt es in der Broschüre "Appetit machen auf Bücher" des saarländischen Bildungsministeriums.

Wie aber kann man den Kindern wieder mehr Lust auf Lesen machen? Wenn sich Eltern diese Frage nicht stellen - in den Schulen werden Lehrerinnen und Lehrer zwangsläufig mit ihr konfrontiert. Und die Lehrer "haben das Bedürfnis, etwas zu tun", berichtet Bodo Franzmann von der Stiftung Lesen. Die in Mainz sitzende Stiftung ist der erste Ansprechpartner für die in Rheinland-Pfalz entstandenen und entstehenden Ganztagsschulen. "Viele Lehrer haben bei uns angefragt, wie sie Leseförderung am besten durchführen", erzählt der Leseforscher.

Leselust wecken

Ein zentrales Projekt, eine Rahmenvereinbarung zur Leseförderung, gibt es in Rheinland-Pfalz zwar noch nicht, aber an einzelnen Initiativen und Anregungen besteht kein Mangel. Franzmann empfiehlt den Schulen grundsätzlich eine Abkehr vom bisherigen Vorgehen: "Die Lektüre sollte nicht nach Lehrplan verordnet werden. Eher sollte es so wie in Finnland laufen, wo sich die Schüler ihre Lektüre selbst aussuchen können. Dort sind Zeitungen, Zeitschriften genauso wichtig wie Bücher." Projekte wie "Zeitschriften in die Schule" müssten weiter Verbreitung finden, denn die Schülerinnen und Schüler müssten erst mal mit kürzeren Texten üben, so Franzmann. "Ich habe die Hoffnung, dass Ganztagsschulen die zusätzliche Zeit nutzen, um die Leselust zu wecken."

Diese Hoffnung scheint begründet. Nicht nur in Rheinland-Pfalz suchen Schulen, Bibliotheken und Initiativen die Zusammenarbeit, um am Vor- oder Nachmittag die Schülerinnen und Schüler an die Welt der Bücher heranzuführen. Die Herangehensweisen sind dabei vielfältig. Auf der Konferenz Internationaler Leseförderungsprojekte vom 21. bis 23. April in Mainz konnte man die ganze Bandbreite der Möglichkeiten studieren. Anlass für die Konferenz war der UNESCO-Welttag des Buches am 23. April. Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Konferenz bot einen Überblick über Konzepte und Praxis der Leseförderung in europäischen Staaten. Insgesamt waren rund 20 Länder an der Konferenz und einer begleitenden Ausstellung beteiligt.

"Eintrittskarte in die Welt des Wissens"

Doris Ahnen, die Präsidentin der Kultusministerkonferenz und rheinland-pfälzische Bildungsministerin, betonte die Bedeutung der Lesekompetenz als "Eintrittskarte in die Welt des Wissens" und damit als "Voraussetzung für die Entwicklung der Persönlichkeit und den erfolgreichen Weg in den Beruf". Dabei böten insbesondere Ganztagsschulen die Möglichkeit Leseförderung voranzubringen, führte Ahnen aus.

Diese Möglichkeit hat die Expertengruppe Kinder- und Jugendbibliotheken des Deutschen Bibliothekenverbandes ebenfalls früh erkannt. Das Interesse der Bibliotheken an einer Kooperation mit Ganztagsschulen ist natürlich nicht vollkommen uneigennützig, denn nicht nur die Kinder und Jugendlichen gewinnen etwas durch das Schmökern, der Bibliotheksverband hofft natürlich auch auf eine Umkehr des Trends sinkender Ausleihzahlen durch Jungleser - und auf Leser für die Zukunft.

Lesen ist im Kommen

Im sauerländischen Brilon beweist die örtliche Bibliothek bereits seit 1995, dass es möglich ist, Kinder wieder für das Lesen zu begeistern. "Lesen ist in in Brilon", betont Ute Hachmann. Die Leiterin der Stadtbibliothek hat den Schwerpunkt konsequent auf Leseförderung im Kinder- und Jugendbereich gelegt. Als Mitglied der fünfköpfigen Expertengruppe Kinder- und Jugendbibliotheken war Frau Hachmann die Vertreterin des Deutschen Bibliotheksverbandes auf der Startkonferenz zum Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" im September 2003 in Berlin und auch auf der Leseförderungskonferenz in Mainz. Momentan arbeitet die Stadtbibliothek Brilon mit einer Offenen Ganztagsgrundschule St. Engelbert zusammen, doch wenn zum kommenden Schuljahr viele weitere Ganztagsgrundschulen entstehen, werden auch diese von den bereits bewährten Leseförderungsprojekten profitieren.

Bibliotheken sind natürlich der Hauptansprechpartner für Ganztagsschulen. Im Saarland beispielsweise existieren Kooperationen auch schon mit Kindergärten. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, diese Zusammenarbeit auszugestalten: Buchvorstellungen, die abwechselnd in der Schule und der Bibliothek stattfinden; Autorenlesungen; Vorlesetraining für Lehrerinnen und Lehrer oder Eltern; Erweiterungen des Medienbestandes der Kindergärten und Schulen durch so genannte "Medienkisten" mit Kinderbüchern und pädagogischer Literatur; Vorlese- und Schreibwettbewerbe.

Bibliotheken als Partner

Wichtig ist bei allen Projekten, dass man den Kindern "nicht nur vorliest", betont Ute Hachmann. "Das Lesen muss auch interaktiv sein." In der Zentralen Kinder- und Jugendbibliothek in Frankfurt am Main wird dies praktiziert: Nach dem Vorlesen der Geschichte "Ein Krokodil kommt selten allein" basteln die Kinder Tiere oder kneten. Oder sie spielen Geschichten nach, spielen Schattentheater oder malen Bilder. Die Klassiker unter den interaktiven Bibliotheksbesuchen sind Rallyes und Quiz, durch welche die Kinder und Jugendlichen ihre Bibliotheken spielerisch kennen lernen. Zu Unterrichtsthemen kann auch gezielt recherchiert werden. Bibliotheken wie die Hamburger Öffentlichen Bücherhallen beraten und helfen beim Aufbau von Schulbibliotheken.

Freude an Büchern zu vermitteln steht auch im Mittelpunkt des Projekts "Leselust im Freistaat Sachsen" der Sächsischen Sozial- und Kultusministerien mit der Stiftung Lesen. Hier werden Kindergärten und Grundschulen mit Buchpaketen ausgestattet. Praktische Materialien wie Elternratgeber und Handreichungen für Lehrerinnen und Lehrer zur Leseförderung geben Tipps, wie und mit welchen Büchern Kindern das Lesen schmackhaft gemacht werden kann. Zusätzlich können dazu auch Seminare besucht werden.

Bei der Leseaktion "Bremer LeseLust" gehen über 100 Lesebotschafter in die Schulen und Kindergärten, lesen aus von Fachleuten der Stadtbibliothek Bremen und der Bremer Literaturstiftung empfohlenen Büchern vor und bringen Buchgeschenke für die Leseclubs der Bremer Schulen mit. An allen Bremer Grundschulen und an einigen Schulen der Sekundarstufe I gibt es seit 2003 Leseclubs.

"Die Schulen allein haben es sehr, sehr schwer, Defizite beim Lesen auszubügeln", meint Ute Hachmann. Doch mit so vielen Kooperationsmöglichkeiten und Ideen können gerade Ganztagsschulen auf Sachverstand und Erfahrung von außen zurückgreifen.

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