Das Recht der Kinder gewährleisten

Der Arbeiter Samariter Bund wird zunehmend zum Partner von Ganztagsschulen, auch wenn die Zusammenarbeit von Land zu Land noch sehr unterschiedlich ist. Gemeinsam ist allen Beteiligten der Wille, soziales Lernen in den Schulen zu verankern - beispielhaft beim ASB-Projekt "Sozial macht Schule" in Hamburg.

Logo: Arbeiter Samariter Bund

Vor einigen Jahren glaubte Rainer Micha seinen Ohren nicht zu trauen. Eine Jugendliche und ein Jugendlicher machten Ende der Neunziger ein Sozialpraktikum in einer Einrichtung des Arbeiter Samariter Bundes in Hamburg und trafen dabei die Aussage: "Kann sich diese Gesellschaft das eigentlich noch lange leisten, die alten Menschen so lange und aufwendig zu betreuen? Wäre es nicht besser, sich andere Maßnahmen zu überlegen?" Micha, der für den Arbeiter Samariter Bund in Hamburg das Freiwillige Soziale Jahr betreut, erinnert sich: "Das ging in Richtung Euthanasie. Da haben wir uns gesagt: Jetzt muss aber mal was passieren! Wir müssen die Jugendlichen mal über die Arbeit aufklären und darüber, was es bedeutet, alt zu werden."

So entstand zusammen mit der Schulbehörde Hamburg das Projekt "Sozial macht Schule", für das Micha nun seit sechs Jahren verantwortlich zeichnet. Das Ziel des Projekts ist es, bei Schülerinnen und Schülern Vorurteile gegenüber so genannten sozialen Randgruppen, alten Menschen und Menschen mit Behinderungen abzubauen, ihnen fachliche Kenntnisse zu vermitteln und zu existentiell wichtigen Themen wie zum Beispiel Behinderung, Alter, Tod unter dem Blickwinkel von Respekt, Verantwortung, Mitgefühl und Solidarität Einsichten zu verschaffen. "Sozial macht Schule" soll zum Verständnis für die notwendigen Bindungskräfte unseres demokratischen Gemeinwesens beitragen. "Jede Generation muss sich die demokratischen Rechte neu erkämpfen", glaubt Rainer Micha.

Schule muss als ein Beispiel für Demokratie als Lebensform erlebt werden, deswegen soll die Verankerung dieser Erfahrungen in die Schulkultur und in die Schulbiographie erfolgen. Durch die Erfahrungen soll sich die Perspektive der Schülerinnen und Schüler auf Demokratie als Staatsform öffnen, sie sollen den Wert des Gemeinsinns und der Solidarität erkennen und den Blick auf die Bürgerrolle und Zivilcourage lenken.

Zu diesem Zweck vermittelt der ASB Jugendliche aus weiterführenden Schulen in soziale Einrichtungen wie beispielsweise Seniorenwohnheime. Hier betreuen die Schülerinnen und Schüler dann jeweils einen alten Menschen, gehen mit ihm spazieren, kaufen mit ihm ein, spielen mit ihm oder lesen ihm vor. So ein Projekt kann von einem Tag bis zu einem halben Jahr dauern. Für Ganztagsschulen ist es dabei besonders geeignet, denn diese bieten den Vorteil, ein solches Engagement kontinuierlicher durchzuführen als an Halbtagsschulen, wo Sozialpraktika zeitlich begrenzter ausfallen müssen. Derzeit läuft "Sozial macht Schule" laut Micha an einem halben Dutzend Hamburger Ganztagsschulen: Gymnasien, Gesamtschulen, Förderschulen und Integrierten Haupt- und Realschulen.

Wertschätzung und Dankbarkeit

Dabei ist das Projekt schon so bekannt, dass Micha dafür keine Werbung mehr machen muss, sondern die interessierten Schulen von selbst auf den Arbeiter Samariter Bund zukommen. "Ich gehe dann in die Schulen und erzähle den Jugendlichen von unserer Arbeit, ihren Einsatzmöglichkeiten und den auf sie zukommenden Tätigkeiten", erzählt der Projektleiter. "Wichtig ist es, den Schülern begreiflich zu machen, dass sie die Senioren betreuen, aber nicht pflegen müssen. Viele ekeln sich bei dem Gedanken, mit Urin oder Exkrementen in Kontakt zu kommen - was aber absolut nicht ihre Aufgabe ist. Zudem dürfen die Jugendlichen das rechtlich gar nicht. Zu Beginn des Projekts gab es einige Einrichtungen, welche die Schüler als billige Pflegekräfte missbrauchen wollten. Die haben wir sofort von der Liste gestrichen."

Inzwischen ist die Kontaktaufnahme mit den Schülerinnen und Schülern professionalisiert worden. Als "verlängerter Arm" des Arbeiter Samariter Bundes gehen Absolventen des Freiwilligen Sozialen Jahrs, die einen pädagogischen Beruf anstreben, in die Schulen. Zusammen mit dem Institut für Lehrerfortbildung in Hamburg sind viele Materialien entwickelt worden, darunter eine interaktive CD-Rom, mit deren Hilfe sich die Jugendlichen noch mal umfassend informieren können. Micha kann auch Filme des Norddeutschen Rundfunks über das Projekt vorführen. Für die Lehrerinnen und Lehrer stehen Unterrichtshilfen im Internet zur Verfügung.

Im Lauf der Zeit sind auch beispielhafte Projekte wie ein "alternativer Wandertag" entstanden: "Statt dass die Jugendlichen in den Wald gehen, wo sie nach zehn Minuten keinen Bock mehr haben und wieder nach Hause wollen", so Micha, "gehen sie mit sechs bis acht Menschen mit Assistenzbedarf in Parks oder Einkaufszentren. Das kommt super an: Die Schüler sind bis zu acht Stunden mit den alten Menschen zusammen und bedanken sich am Ende für den schönen Tag. Andersherum bekommen sie die Wertschätzung und Dankbarkeit der Senioren oder auch junger Menschen mit Behinderungen mit, die froh sind, mal rauszukommen." Die Vernetzung von Unterricht und sozialem Lernen ist durch den Arbeiter Samariter Bund auch in Angriff genommen worden: So fand Musik- oder Hauswirtschaftsunterricht schon in Pflegeheimen statt, wo man gemeinsam mit den Senioren musizierte beziehungsweise nähte oder kochte.

Schülerinnen und Schüler wachsen über sich heraus

Am Ende eines solchen Praktikums hat sich der Blick der Jugendlichen auf Behinderte, Obdachlose und alten Menschen verändert. Manche Kontakte bestehen dann sogar über die Projektdauer hinaus. Micha: "Die Schülerinnen und Schüler übernehmen Verantwortung und wachsen über sich hinaus. Ich habe noch niemals eine negative Rückmeldung erhalten - bei inzwischen 4500 vermittelten Jugendlichen."

Der Erfolg von "Sozial macht Schule" hat sich auch schon über die Landesgrenzen herumgesprochen. So steht Rainer Micha mit dem nordrhein-westfälischen Kultusministerium in Kontakt, welches das Projekt probeweise für ein Jahr an Schulen in Gelsenkirchen, Köln und Bochum einführen möchte.

In Bremen kooperiert der Arbeiter Samariter Bund ebenfalls mit Ganztagsschulen, hier handelt es sich allerdings um Grundschulen und ein Schulzentrum. Im Gegensatz zu Hamburg erfolgt die Zusammenarbeit nicht über ein zentrales Projekt, sondern ist von Schule zu Schule verschieden. "Bremen hat keine Rahmenrichtlinien über den Betrieb von Ganztagsschulen erlassen, so dass jede Schule selbst bestimmen kann, was sie im Ganztagsbereich anbieten will und mit welchen Anbietern sie kooperieren möchten", berichtet Monika Nebgen, die beim ASB die Abteilung "Kinder- und Jugendhilfe" leitet.

Seit über 15 Jahren bietet der Arbeiter Samariter Bund in der Hansestadt ein so genanntes "Familienergänzendes Betreuungsangebot" an Schulen an, das von sozialpädagogischen Fachkräften durchgeführt wird. So lag es nicht fern, dass einige Schulen, die im vergangenen Schuljahr zu Ganztagsschulen wurden, anfragten, ob sich der ASB auch vorstellen könne, im Ganztagsbereich mitzuarbeiten. Für Monika Nebgen war das keine Frage: "Als Jugendhilfeträger wollen wir uns bei der Veränderung von Schule engagieren und Schule und Jugendhilfe verknüpfen. Wir wollen den Schülerinnen und Schülern ein anspruchsvolles Angebot machen, welches die Aspekte der Jugendhilfe im Kinder- und Jugendhilferecht verankert und Bildung, Erziehung, Beratung und Prävention mit berücksichtigt." Jetzt kooperiert der Arbeiter Samariter Bund mit vier Ganztagsschulen, zwei davon sind mit Beginn dieses Schuljahres dazugekommen.

"Schritt in die richtige Richtung"

"PISA hat unter anderem gezeigt, dass Schulleistungen oft mit der sozialen Herkunft zusammenhängen. Es ist aus unserer Sicht daher wichtig, die Jugendhilfe in die Schulen zu bringen, um benachteiligte Kinder zu unterstützen", erläutert die ASB-Mitarbeiterin. "Mit der Ganztagsschule besteht die Chance, die in Westdeutschland historisch bedingt unterschiedlichen Zweige der Schule und der Jugendhilfe zusammenzuführen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung."

Die Konzepte sind von Schule zu Schule sehr unterschiedlich. An einer Grundschule wie der an der Andernacher Straße, die eine teilweise gebundene Form besitzt, ist die Arbeit verschieden von denen an den anderen drei Schulen, die ein additives Modell verfolgen, wo "Vormittag und Nachmittag leider oft noch zwei verschiedene Paar Schuhe sind", wie Monika Nebgen es ausdrückt. "An der Andernacher Straße begleiten wir zwei Klassen auf dem Weg. Hier gestalten die Lehrerin und die Sozialpädagogin den Unterricht gemeinsam. Bei Elternabenden sind sie ebenfalls gleichberechtigte Ansprechpartnerinnen der Eltern." Ein Ziel sei es dabei auch, dass die Erzieher und Sozialpädagogen den Eltern beratend und unterstützend zur Seite stehen. Sämtliche vier Schulen und der Arbeiter Samariter Bund sind darüber hinaus überein gekommen, regelmäßige Besprechungen abzuhalten, um die Arbeit zu reflektieren.

Auch an den anderen Schulen möchte der Arbeiter Samariter Bund mehr integrative Momente in den Schulalltag einbauen - es hakt hier allerdings an der knappen Finanzlage Bremens. Aber nicht nur: "Es liegt natürlich auch am jeweiligen Lehrerkollegium, wie weit man mit so einem Ganztagsschulkonzept kommt", berichtet die Abteilungsleiterin. "Mit denen, die eine echte Ganztagsschule mit Rhythmisierung über den ganzen Tag anstreben, kann man natürlich mehr erreichen." Der Bildungssenator habe sich noch nicht dazu durchgerungen, gegen die Widerstände von Personalräten und Gewerkschaften ein neues Arbeitszeitmodell zu verfügen. Daher hänge derzeit viel von der Freiwilligkeit der Lehrerinnen und Lehrer ab, von denen sich die meisten bereits überlastet fühlten. Der Senator müsse auch dafür Sorge tragen, dass in den Schulen genügend adäquate Arbeitsplätze für die Lehrkräfte und sozialpädagogischen Fachkräfte vorhanden seien und die Schulen müssten besser ausgestattet werden.

"Keine Ganztagsschule zum Nulltarif"

Inhaltlich unterscheiden sich die Konzepte ebenfalls von Schule zu Schule. Die Schwerpunkte werden gemeinsam mit dem jeweiligen Kollegium festgelegt. Es gibt viele Freizeitangebote, Angebote des sozialen Lernens, Förderarbeit am Wochenplan, Hausaufgabenbetreuung, Betreuung beim Mittagessen, Beratungs- und Präventionsangebote.  "Wir versuchen darüber hinaus, so viele Ausflüge wie möglich zu machen und bieten auch in den Ferien Betreuung und Aktionen wie Erste Hilfe-Kurse für die Kinder und haben uns in diesem Sommer an dem Jacobs-Sprachfördercamp beteiligt", erzählt Monika Nebgen.

Der Arbeiter Samariter Bund hofft in Bremen auf weitere Ganztagsschulen, mit denen man kooperieren würde. "Leider ist von der Politik noch nicht erkannt worden, dass in diesen Bereich mehr Geld reinfließen muss", klagt die ASB-Mitarbeiterin. "Ganztagsschule zum Nulltarif gibt es nicht. Eine Ganztagsschule braucht nachweislich mehr Lehrerstunden und die sozialpädagogischen Fachkräfte sollten mit Vollzeitstellen beschäftigt und mit einer ihrer Ausbildung entsprechenden Bezahlung entlohnt werden." Die knappen Ressourcen führten indes immer wieder zu Kompetenzrangeleien zwischen Schule und Jugendhilfe. "Mir ist es letztlich egal, ob die Maßnahmen bei Bildung oder Soziales angesiedelt werden, denn es geht darum, das Recht der Kinder auf Bildung und Erziehung zu gewährleisten", findet Monika Nebgen.

Innerhalb des Arbeiter Samariter Bundes ist das Engagement in den Landesverbänden sehr unterschiedlich, was auch mit den verschiedenen Ganztagsschulkonzepten in den Ländern zusammenhängt. In Rheinland-Pfalz hat der ASB bereits im September 2002 eine Rahmenvereinbarung über die Zusammenarbeit an den Ganztagsschulen mit dem Kultusministerium abgeschlossen, so dass hier die Kooperation am tiefsten ist. In Hessen engagiert sich der Arbeiter Samariter Bund in offenen Ganztagsschulen, während es in Niedersachsen Bestrebungen gibt, mit einer Anbietergemeinschaft aus DLRG, Johannitern und Maltesern einen Schulsanitätsdienst an Ganztagsschulen anzubieten. Hier könnten die Schülerinnen und Schüler unter anderem ihren Rettungsschwimmerschein erwerben oder etwas über die Tätigkeit als Babysitter oder im Pflegedienst erfahren.

Wie unterschiedlich das Interesse in den ASB-Landesverbänden beim Thema "Kooperation mit Ganztagsschulen" ist, musste die Zentrale in Köln in diesem Jahr erfahren: Der für Mai in der Domstadt angesetzte Kongress zu diesem Thema musste mangels ausreichendem Interesses ausfallen. Nun wird für Ende Januar 2005 ein neuer Anlauf geplant.

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