Käpt'n Browsers MMC - ein Zukunftsmodell für die Ganztagsschulen und die Kinder

"Käpt'n Browsers MMC", ein Projekt des Technischen Jugendfreizeit- und Bildungsverein e.V., ist eine bemerkenswerte, wenn nicht einmalige Einrichtung in Deutschland: In dem Multi-Media-Center in Berlin zwischen Brandenburger Tor und Fernsehturm können Ganztagsschüler mit Menschen ohne und mit Behinderung in einer behüteten Umgebung an die Neuen Medien herangeführt werden. Nicht wenige kommen sogar freiwillig in diese Einrichtung - zum Lernen mit dem Computer oder aus Lust an Begegnungen.

Vielleicht liegt es ja am Namen oder einfach an den Besonderheiten des Multi-Media-Centers "Käpt`n Browsers", dass man es mit einem Schiff in Verbindung bringt. Ein Schiff im zweifachen Sinne: Hoch oben vom vierten Stock aus schaut man auf den Großstadtverkehr einer Stadt, der wie ein Meer anmutet, dessen unentwegte Wellenbewegungen von Autoströmen, Ampelschaltungen und unvorhersehbaren Momenten dem Besucher von Käpt`n Browsers MMC das Gefühl von Geborgenheit vermitteln. Außerdem macht die hoch entwickelte technische Ausstattung von "Käpt`n Browsers MMC" mit seinen Computern, der Netzwerkverbindung in alle Räume und dem Internet die Einrichtung zu einem Schiff, einem hochmodernen Shuttle, im virtuellen Datenmeer.

Eine weitere Besonderheit: Die Passagiere dieses Großstadtschiffes, die auch von den Ganztagsschulen kommen, lernen die Grundlagen der Kommunikation im weltweiten Datenmeer, sie lernen die Technik anwenden. Bei Käpt`n Browsers MMC werden sie seetüchtig gemacht für die Abenteuer im weltweiten Netz und für den späteren Beruf.

Jeder zählt: "Egal wer kommt, wir helfen gerne"

Käpt`n Browsers, das im selben Gebäude wie die Ganztagsgrundschule am Brandenburger Tor untergebracht ist, hat sich den Schulen in Berlin schon frühzeitig geöffnet. An diesem Nachmittag betreut Katrin Jüdes, Englischlehrerin und stellvertretende Schulleiterin, eine mehrköpfige Schülergruppe der Ganztagsgrundschule am Brandenburger Tor. "Ich zeig es dir", ruft sie einem frechen Schüler im Scherz zu. Ihre Schülerinnen und Schüler sitzen vor dem Computer und sind mit dem Englisch-Coach 2000, einem Cornelsen-Lernprogramm beschäftigt. Der offene, unterhaltsame Umgang zwischen den Schülern und ihrer Lehrerin verblüfft. Kathrin, Gesa, Therese, Vivien und Sarah, alle zwischen 11 und 12 Jahre alt, lernen englische Grammatik und Vokabeln, schreiben eigene Texte und hören korrekte Aussprache. "Die Schüler arbeiten selbstständig, entsprechend ihrem eigenen Lerntempo, allenfalls kann ich hier und da einen Schubs geben", sagt Katrin Jüdes.

Die Gruppe sitzt an einem Tisch, rund wie ein Steuerrad, im offenen Saal vom MMC-Berlin. Rechts neben dem Eingang gibt es eine Cafeteria, links zwei Kickertische, und schräg gegenüber halten sich die Betreuer in einem verglasten, separierten Raum auf. Während die vier Mädchen ungestört lernen, kommen und gehen weitere Besucher, wie in einem Taubenschlag. So etwa ein gehörloses junges Pärchen. Hier bei Käpt`n Browsers können sie barrierefrei mit der Computertechnik jonglieren.

In der Einrichtung am Brandenburger Tor gibt es 34 vernetzte Computerarbeitsplätze, die sich auf drei unterschiedliche Raumbereiche verteilen: den Projektraum, den Seminarraum und dem offenen Raumbereich. "Egal wer kommt, wir helfen gerne", sagt Edeltraut Hanfland, die Projektleiterin von "Käpt`n Browsers MMC". Die räumliche Ausstattung ist sehr großzügig: In dem integrativen Internet- und Multi-Media-Center ist Raum für die berufliche Orientierung von behinderten und nicht behinderten Menschen. In dieser Form ist das Projekt quasi einzigartig, denn in ganz Deutschland gibt es Edeltraut Hanfland zufolge nur zwei weitere Multi-Media-Center dieser Art in Bonn und Zwickau. Momentan wird MMC-Berlin, das ein Projekt des Technischen Jugendfreizeit- und Bildungsvereins e.V. ist, vom Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung und dem Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert.

Automatiktüren, Rampen, behindertengerechte Toiletten, verstellbare Tische und eine spezielle Computertechnik für blinde und gehörlose, hör- und sehbehinderte sowie körperbehinderte Menschen mit Lernschwierigkeiten erlauben den gemeinsamen Umgang und Begegnungen von höchst gemischten Lern- und Arbeitsgruppen. Zum Team von Käpt`n Browsers, das die Besucher betreut, gehören außer Edeltraut Hanfland eine Ärztin, Reha- bzw. Sozialpädagogen, natürlich die Computerspezialisten und eine erfahrene Ärztin.

Die Passagiere von "Käpt`n Browsers MMC" kommen der Projektleiterin zufolge aus den unterschiedlichsten Bereichen: Schülerinnen und Schüler aus der Ganztagsgrundschule am Brandenburger Tor, sowie aus zehn weiteren Grund-, Real- und Hauptschulen, Auszubildende in IT- und Medienberufen und Erwachsene in der Rehabilitation.

Surfen, Chatten und E-Learning

Während draußen über Berlin die Dämmerung hereinbricht, sitzt im Projektraum eine körperlich und sehbehinderte Frau im mittleren Alter vor dem Computer und erarbeitet sich in kleinen, mühsamen Schritten zusammen mit ihrer Betreuerin ein behindertengerechtes Softwareprogramm. Solch eine Betreuung braucht Zeit und erfordert die passende Technik, wie Großfeldtastaturen: "Bei uns in der Rehabilitation, die der Wiedereingliederung in den Beruf dient, gibt es natürlich die Möglichkeit und die Notwendigkeit der Einzelfallbetreuung", sagt Edeltraut Hanfland. Mehrere Kalender mit privaten Fotos für das Jahr 2004 liegen auf dem Tisch daneben, die eine Arbeitsgruppe zuvor erstellt hat. Für solche und andere Projektarbeiten gibt es alle notwendigen Hilfen, die die Anwendung komplexer Kommunikationstechnologien ermöglichen, etwa den mobilen Pocket PC mit der Software Logox, der per Knopfdruck Texte - z.B. von E-mails - sprachlich ausgibt. Oder Braillezellen, mit denen Texte in die universelle Blindenschrift übertragen werden.

In den Fokus von MMC-Berlin gehören auch die Auszubildenden in IT- und Medienberufen. Diese Zielgruppe hat es angesichts der Unbilden in der Wirtschaft nicht leicht, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Auszubildende in dem Beruf Bürokaufmann/ -frau oder Informatikkaufmann/ -frau vom Annedore-Leber-Berufsfortbildungswerk Berlin können im Multi-Media-Center ein Praktikum absolvieren oder sich in in Computergrafik- und schnitt weiterbilden. Für behinderte und nichtbehinderte Jugendliche gibt es darüber hinaus am 17. Februar die Möglichkeit in einem sechswöchigen Workshop "Mediengestalter - der Beruf der Zukunft" ihre Eignung für diesen Beruf kennen zu lernen.

Learning by doing ist auch das Geheimnis für die Motivation von Kathrin, Gesa, Therese, Vivien und Sarah. "Sarah ist schon eine ziemliche Expertin für das E-Learning", sagt Katrin Jüdes. Der Umgang mit dem Programm Oriolus stärkt die Selbstkontrolle beim Lernen, so Jüdes. Die vier aufgeweckten Mädchen kommen regelmäßig zum Unterricht am Nachmittag oder in ihrer Freizeit an Deck von Käpt`n Browsers. "Man kann hier selbst entscheiden, was man macht", sagt die elfjährige Katrin. Gesa ergänzt: "Das Lernen mit dem Computerprogramm macht außerdem sehr viel Spaß". Wenn man auf die Hauptseite des Lernprogramms "Englisch in der Grundschule" geht, erscheinen Icons, also Symbole mit verschiedenen Themen, wie Zeit, Haustiere, Farben, Anrede, Zahlen, Schulsachen, Familie, Körperteile, oder Kleidung. Rot-grün-graue Balken dienen der Lernzielkontrolle und zeigen kontinuierlich den Lernfortschritt an.

Unterrichten bei Käpt`n Browsers MMC - Ein Traum für jeden Lehrer

Katrin Jüdes liebt ihre Arbeit bei Käpt`n Browsers: "Das ist ein Traum für jeden Lehrer", sagt die quirlige Berlinerin. Nicht immer vorne stehen und den Unterricht alleine steuern müssen, sondern den Unterricht vor dem Computer begleiten, ist für Jüdes eine große Entlastung: "Das ist eine Stunde auf die ich mich freue, ich habe Zeit, die Kinder individuell zu unterstützen." Einmal die Woche hat sie die Möglichkeit, mal was anderes zu machen. Die Kinder arbeiten gerne miteinander und finden ihren eigenen Weg zu lernen. Sie werden Subjekte ihrer eigenen Bildung und nicht mehr bloß Objekte im Bildungsprozess.

Die Arbeit mit den Neuen Medien ist für den Wahlunterricht an Grundschulen übrigens verbindlich. Rund zehn Schulen aus ganz Berlin besuchen das Multi-Media-Center: "Schulanfänger aus ganz Berlin kommen zu uns. Sie werden hier spielerisch an die Neuen Medien herangeführt", sagt Edeltraut Hanfland. Für die Schulkinder ist es außerdem wichtig, dass sie mal aus ihrer Schule herauskommen. Die Schülerinnen und Schüler der Grundschule am Brandenburger Tor, die im gleichen Gebäude untergebracht sind, haben dazu häufig die Möglichkeit, denn vormittags in den Pausen können sie regelmäßig an Bord von Käpt`n Browsers gehen. Das stark gemischte Publikum macht das Multi-Media-Center darüber hinaus zu einem wohl einzigartigen sozialen Treffpunkt in Berlin.

Etwas Sorgen macht sich Katrin Jüdes über die Zukunft des Projektes, das zunächst nur bis Mitte des Jahres gefördert wird: "Wenn dieses Angebot wegbrechen würde, wüsste ich nicht, was ich machen sollte". Treffpunkte wie dieser sind in Zeiten wirtschaftlicher und sozialer Umbrüche wichtiger denn je. Schließlich sind gleiche Chancen auf Bildung ein elementares Menschenrecht. "Das ist die Zukunft der Ganztagsschule und der Kinder", resümiert Edeltraut Hanfland.

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