Ein zweites Leben mit der Schulsozialarbeit

Ohne Schulsozialarbeit sähe die Zukunft "überalterter" Schülerinnen und Schüler an der Fritz-Strassmann-Schule düster aus. Schüler, die an anderen Schulen längst abgeschrieben wären, bekommen in der Kick-Gruppe am Nachmittag eine zweite und letzte Chance. Geschickt verknüpft mit den Schulprogramm fördert die Schulsozialarbeit nicht nur Kinder mit Lernschwierigkeiten, sondern auch solche mit besonderen Talenten.

Es gibt niemanden, den er nicht kennt - am Nachmittag. Er kennt die Namen aller Kinder und Jugendlichen und oft auch ihre Probleme. Seit 4 Jahren ist Bernd Eisenblätter Schulsozialarbeiter vom Bezirksverband der Arbeiterwohlfahrt, Rheinland-Pfalz. Beim Mittagessen nach 13 Uhr hat der erfahrene Partner der Lehrkräfte die Aufsicht an der Fritz-Strassmann-Schule. Anonymität unter Schülern - dieses undurchdringliche Dickicht an riesigen Schulzentren - findet ungünstige Lebensbedingungen an der Ganztagsschule.

Ganztagsschulen - Offene Türen für die Schulsozialarbeit

"Ich kenne alle Kinder in der Mensa mit Vornamen und auffällige Kinder, mit denen ich Vereinbarungen getroffen habe", sagt Eisenblätter. Beim Essen herrscht aus Sicht des Schulsozialarbeiters der "Idealzustand": Kinder haben jetzt die Gelegenheit Dinge loszuwerden, die sie beschäftigen oder auch belasten. Häufig kommen Kinder zu Eisenblätter, die nicht nur schulische, sondern auch private Probleme haben. Lösen kann er die privaten Probleme der Kinder nicht, doch er hört zu und gibt hier und da Hilfestellungen. "Über die Ganztagsschule findet die Schulsozialarbeit besonderen Eingang", sagt Eisenblätter.

Unter den 420 Schülerinnen und Schülern der Fritz-Strassmann-Schule sind besonders viele Aussiedlerkinder, die aus den ehemaligen Sowjetrepubliken kommen: Russland, Ukraine, Kasachstan usw. Von den 420 Schülern sind 150 Schülerinnen und Schüler seit dem Sommer 2003 Ganztagsschüler, das sind rund 36 Prozent. Das Durchgangsheim für Aussiedler in der Stadt Boppard mit 250 Plätzen prägt die Stadt. Etwa jeder dritte Schüler an der Regionalen Schule in Boppard ist nicht deutsch-muttersprachlich. Bei etwa der Hälfte dieser Kinder besteht ein klarer "Betreuungs- oder Indikationsbedarf" mit dem Ziel, die Fähigkeit dieser Kinder zu vergrößern, sich in der Gesellschaft erfolgreich zu integrieren.

Letzte Chance für die "schwarzen Schafe"

Vor vier Jahren kam das Kollegium der Fritz-Strassmann-Schule zur Erkenntnis, dass immer mehr Schüler aber auch Schülerinnen viel zu alt für ihre Klassenstufe waren. Ohne solide Deutschkenntnisse und ohne Hauptschulabschluss war die Chance, nach der Schule einen Einstieg im Arbeitsmarkt zu finden gleich Null. So hat die Schule im Schuljahr 1999 / 2000 eine Fördergruppe mit dem sportlich klingenden Namen: "Kick" initiiert. Eine eigene Klasse für Schüler mit Lernschwierigkeiten, auf den ersten Blick eine Klasse der "schwarzen Schafe". Für eine zweite und letzte Chance. Manche der Jugendlichen im Alter zwischen 14 bis 16 Jahren zerstörten Einrichtungsgegenstände. Auch Alkoholmissbrauch und Drogen machten die Runde.

Die Lehrer brauchten nicht lange überzeugt zu werden, dass die "Störenfriede aus den Klassen rauskommen". "Kick" wird von einem Tandem aus Schulsozialarbeiter und Lehrer geleitet. Für Prof. Franz J. Schermer von der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt und Experte für Schulsozialarbeit ist es einer der häufigsten Fehler, wenn Sozialarbeiter oder Lehrer "sofort konkret tätig werden, ohne sich vorher mit Lehrern, Schülern und Eltern zu beraten" und rät: "Idealerweise muss man sich erst an einem Tisch setzen und ein Arbeitskonzept entwickeln, bevor man zu arbeiten beginnt." Das werde leider selten beherzigt. Doch nur so werde verhindert, dass sich Schulsozialarbeit abspalte und der Schule entgleite.

In der derzeitigen Gruppe sind sechs Aussiedlerkinder, vier Deutsche und ein türkischer Junge. In diesem Jahr sind nur Jungen in der "Kick"-Gruppe. Das war nicht immer so. Mädchen, die "stillen Verweigerer", fallen nur nicht so stark auf wie die laut rebellierenden Jungen, meint Andreas Rosenberger, der die "Kick"-Gruppe leitet. Bei dem 40-Jährigen lernen sie Verhaltenstraining, Vereinbarungen zu treffen und einzuhalten und die Freizeit sinnvoll zu nutzen - an drei Nachmittagen in der Woche. Der Stundenplan wurde für diese Gruppe eigens modifiziert und neue Schwerpunkte gesetzt. Das neue Unterrichtsmenü lautet: Mathematik, Deutsch, Sozialkunde, Erdkunde, Geschichte und Arbeitslehre. Auf die Gruppe zugeschnitten und individualisiert. Bei "Kick" haben die Langsamen unter den Schülern endlich Erfolgserlebnisse, nach zum Teil jahrelangen Durststrecken.

Helvis Diehl, 15 Jahre, findet: "Diese Klasse ist nicht so wie normale Klassen: Man bekommt eine zweite Chance." Und Peter Scholl: "Wir halten hier alle zusammen." Daniela Dausner, 17 Jahre, findet es "super, dass hier jeder jeden kennt". Einige aus der Gruppe tun sich allerdings schwer damit, dass Englisch nicht mehr auf dem Stundenplan steht. "Sie sehen sich nicht als schwarze Schafe in der Schule", so Eisenblätter. Im Gegenteil: Sie fühlten sich als etwas Besonderes, als eine Gruppe mit einer besonderen - letzten - Chance. Und gerade der Druck des Jetzt oder Nie setzt neue Kräfte frei.

Gemeinsame Anliegen schaffen

Beim wöchentlichen Praktikumstag lernen sie fürs Leben. Dann schlüpfen sie für einige Stunden in die Rollen von Schlossern, KFZ-Mechanikern oder Gärtnern. Rosenberger unterstützt die Kick-Schüler bei der Suche nach einem Platz. Sezer Barak, 16 Jahre, macht ein Praktikum als Informations-Elektroniker: "Das Praktikum gefällt mir so gut, dass ich dort eine Lehre machen möchte." Motivation scheint durch.

Der Alltag und nicht der Klassenlehrer zeigt hier den Jugendlichen ihre Grenzen auf und deutet die Richtung an, in die die persönliche Entwicklung gehen muss: "Die Frustrationstoleranz bei den Jugendlichen ist niedrig", sagt Rosenberg. Wenn es zu Beginn nicht klappt, wollen viele sofort das Zeug hinschmeißen. Die enge Kooperation zwischen Schulsozialarbeit; Lehrern und Firmen zeitigt Erfolge. Nach dem Schuljahr 2001/2002 hatten neun von zehn Prüfungskandidaten den Hauptschulabschluss gemacht. Einige haben eine Berufsausbildung begonnen, sind Maler oder Garten- und Landschaftsbauer geworden. "Jeder in der Kick-Gruppe hat sich weiterentwickelt. Ohne die Gruppe hätte es mindestens die Hälfte der Schüler nicht geschafft, einen Platz in der Gesellschaft zu finden", resümiert Rosenberger. Was reizt Rosenberger an der anstrengenden Arbeit mit ehemaligen "Härtefällen"? Es sind die "Gefühlsschwankungen", das Auf und Ab, die Hölle der Vergeblichkeit an manchen Tagen oder der Himmel der "guten Zeiten".

Die Schulsozialarbeit macht sich in der Gesellschaft, die sich in beschleunigtem Wandel befindet, auf zu neuen Horizonten, meint Prof. Schermer: "Schulsozialarbeit ist heute nicht mehr nur auf die Bewältigung von Problemfällen konzentriert; ihre eigentliche Aufgabe ist, die Bewältigungskompetenzen bei Schülern zu verbessern." Und bei Ganztagsschulen hätte die Schulsozialarbeit eine hohe erzieherische Komponente zu erfüllen, die unabhängig von akuten Problemfällen ist.

Auch unter den Bedingungen relativer Sprachlosigkeit können Jugendliche aufblühen. Das zeigt das Schwarzlichttheater von Bernd Eisenblätter. Kinder mit geringen Deutschkenntnissen spielen ihr Leben schwarz-weiß gekleidet im Dunkel des Schwarzlichts: "Hier können sich die einbringen, die im Unterricht gar nicht teilnehmen können, weil sie die deutsche Sprache nicht können", so Eisenblätter. Das Publikum in der Aula erkennt die Persönlichkeiten der jungen Darsteller an ihren Gesten - eine universelle Sprache. Und die versteht nicht nur der Schulsozialarbeiter.

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