Diakonie Hamburg: Ganztag mit Qualitätsmanagement

Die Diakonie Hamburg hat ein Qualitätsmanagement für die ganztägige Bildung und Betreuung entwickelt. Auf dem 17. Kinder- und Jugendhilfetag stellte sie es bundesweit vor. Kristina Krüger und Frank Burmeister im Interview.

In Hamburg besteht seit 2012 ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung bis zum vollendeten 14. Lebensjahr. Alle staatlichen Schulen haben Ganztagsangebote. Seit vielen Jahren ist die Diakonie Hamburg ein verlässlicher Kooperationspartner, früher in den Horteinrichtungen und seit Einführung des flächendeckenden Ganztags als Kooperationspartner von offenen Ganztagsgrundschulen, die ihre Nachmittagsangebote durch einen Jugendhilfeträger organisieren.

Frank Burmeister und Kristina Krüger
Kristina Krüger und Frank Burmeister© Florian Wesselkamp

Kristina Krüger und Frank Burmeister vom Fachbereich Kinder- und Jugendhilfe der Diakonie Hamburg haben auf dem 17. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag vom 18. bis 20. Mai 2021 das Qualitätsmanagementsystem (QM) der Diakonie in einem Online-Workshop „Qualitätsentwicklung im Ganztag“ einem bundesweiten Publikum vorgestellt. Im Interview erläutern sie, was Qualität des Ganztags in Hamburg heißt und was aus ihrer Sicht bundesweit übertragbar ist.

Online-Redaktion: Frau Krüger, Herr Burmeister, mit wie vielen Hamburger Schulen kooperieren Sie zurzeit?

Kristina Krüger: Unsere Mitgliedsträger der Diakonie Hamburg aus der Kinder- und Jugendhilfe kooperieren mit Grundschulen und mit weiterführenden Schulen. Die Kooperationen sind vielfältig und nicht vollumfänglich quantitativ zu beziffern. Neben dem Ganztag bestehen unterschiedlichste Formen der Zusammenarbeit, beispielsweise in temporären Lerngruppen, Angeboten der Schulbegleitung, bei Schulabsentismus und im Rahmen der Jugendarbeit und der Jugendsozialarbeit. Wenn Sie sich nur auf die Entwicklung des Ganztags im Rahmen der Ganztägigen Bildung und Betreuung an Schulen, der GBS, mit der Umstellung der Horte beziehen, sind es 22 Standorte.

22 Standorte der Ganztägigen Bildung und Betreuung an Schulen© Grundschule am Kiefernberg

Online-Redaktion: Was sind die gefragtesten Angebote in der Nachmittagsbetreuung?

Kristina Krüger: Zu den gefragtesten Angeboten ist uns die Meinung der Kinder am wichtigsten. Wir haben deshalb in der Diakonie Hamburg vor einiger Zeit, noch vor der Pandemie, Kinder zu diesem Thema befragt. Von den eingegangenen Kinderstimmen war den Kindern mit 44 Prozent die Spielezeit – also die unverplante, freie Zeit – am wichtigsten. Mit 31 Prozent folgten Wahlangebote zu ihren Interessen, für die sie sich entscheiden und anmelden mussten.

Online-Redaktion: Aktuell gibt es in Hamburg rund 160 evangelische Kindertagesstätten unter dem Dach des Diakonischen Werks. Viele sind inzwischen Träger von Ganztagsangeboten. Was unterscheidet die Arbeit in beiden Einrichtungen?

Kristina Krüger: An den genannten 22 Standorten der ganztägigen Bildung und Betreuung engagieren sich neun verschiedene diakonische Träger der Kinder- und Jugendhilfe. Der große Unterschied ist die verbindliche Kooperation mit der Schule für einen gemeinsam verantworteten Ganztag am Ort Schule. Unsere Grundlage ist der Landesrahmenvertrag der Stadt Hamburg mit den Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege. Hinzu kommen noch Kooperationsverträge zwischen Jugendhilfeträgern und Schule.

Deckblatt Leitfaden QM im Ganztag
Bewährtes Qualitätsmanagementsystem seit 2020© Diakonisches Werk Hamburg

Online-Redaktion: Die Diakonie Hamburg hat 2020 einen „Leitfaden für den Aufbau eines Qualitätsmanagementsystems im Hamburger Ganztag“ entwickelt. Wozu braucht man einen solchen Leitfaden?

Frank Burmeister: Der Leitfaden ermöglicht es diakonischen Trägern, auf ein bekanntes und bereits im Kitabereich bewährtes Qualitätsmanagementsystem zurückgreifen zu können. Auf dieser Grundlage kann der Träger ein auf den jeweiligen Schulstandort bezogenes Handbuch für den Ganztag aufbauen. Es bleibt Aufgabe des jeweiligen Trägers, die jeweils spezifischen Abläufe und Maßnahmen orientiert am Leitfaden zu erarbeiten.

Online-Redaktion: Welche Qualitätsmerkmale zeichnen Ihrer Meinung nach einen guten Ganztag aus?

Kristina Krüger: Eine gute Kooperation, in der die beiden Partner entsprechend ihrem gesetzlichen Auftrag ihre jeweiligen Erfahrungen und Stärken zum Wohle aller Kinder einbringen können. Ein Qualitätsmerkmal ist außerdem die sozialräumliche Orientierung, also die Offenheit für die Zusammenarbeit im Sozialraum. Sehr wichtig für einen guten Ganztag ist die Beteiligung der Kinder an Entscheidungen zur Entwicklung und Gestaltung des Ganztages. Ebenso sollten Eltern Möglichkeiten der Mitwirkung geboten werden. 

Ein Qualitätsmerkmal ist die sozialräumliche Orientierung.© Grundschule Luruper Hauptstraße

Nicht zu vergessen als Qualitätsmerkmal ist eine verbindliche rechtliche und strukturelle vertragliche Grundlage für die Partner, die zentrale Standards zur Qualität, Leistung und Finanzierung regelt. Wir haben hier in Hamburg mit dem Landesrahmenvertrag Ganztägige Bildung und Betreuung und gesetzlichen Verankerungen im Hamburger Kinderbetreuungsgesetz und Hamburger Schulgesetz hervorragende Grundlagen im Zusammenwirken der Wohlfahrtsverbände, der Sozialbehörde sowie der Schulbehörde gemeinsam geschaffen.

Online-Redaktion: Gibt es bereits Erfahrungen mit der Anwendung des Leitfadens? Oder ist das noch zu früh?

Frank Burmeister: Das ist noch zu früh. Der Leitfaden wurde 2020 in Zusammenarbeit mit Qualitätsbeauftragten und Fachberatungen diakonischer Träger zunächst abschließend bearbeitet und ist nun veröffentlicht. Aktuell sind die Praxiskolleginnen und -kollegen dabei, sich in den Leitfaden einzuarbeiten und erste Prozesse für die Erarbeitung von Handbüchern mit den Trägern zu beschreiben. Auf der Bundesebene arbeiten wir in einer Projektgruppe auf Grundlage des Hamburger Leitfadens daran, was aus diesem Leitfaden bundesweit übertragen werden kann. Das Diakonische Institut für Qualitätsentwicklung arbeitet an einem Bundesrahmenhandbuch.

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Wichtig ist die Beteiligung der Kinder an Entscheidungen.© Grundschule am Kiefernberg

Online-Redaktion: Das Qualitätsmanagementsystem bezieht sich auf Grundschulen im GBS-Modell. Dort gibt es vormittags Unterricht nach Stundentafel und nachmittags Angebote des Jugendhilfeträgers. Lässt sich das QM-System auf andere Bundesländer und Ganztagsformate übertragen?

Frank Burmeister: Der Leitfaden ist eine Arbeitshilfe, um ein standortbezogenes QM-System aufzubauen. Dabei geht es darum, dass die Arbeit im Ganztag nachvollziehbar geplant und mit den vorhandenen Ressourcen möglichst gut umgesetzt wird. Wir prüfen mit dem QM, ob wir unsere Ziele erreicht haben, wie wir weiterhin gut arbeiten, ob wir etwas verbessern können. Dieser Qualitätskreislauf findet sich als Arbeitsprinzip in allen Angeboten wieder. Wir gehen also immer von den Bedingungen vor Ort aus und passen jeweils unser Qualitätsmanagement an diese Bedingungen an. So kann der Leitfaden überall genutzt und auch an unterschiedliche rechtliche Gegebenheiten angepasst werden.

Online-Redaktion: Wo sehen Sie in der Qualitätsentwicklung aktuell den größten Handlungsbedarf?

„Innovatives und ambitioniertes Ziel“© Grundschule Luruper Hauptstraße

Kristina Krüger: Die Umstellung der Horte als Kooperationspartner von Grundschulen in Hamburg verfolgte ein innovatives und ambitioniertes Ziel, die enge Verzahnung von Kinder- und Jugendhilfeträgern und Schule. Dieses ist wesentlich geprägt vom Miteinander beider Partner. Beide arbeiten gemeinsam für Kinder und mit den Kindern und setzen ihre unterschiedlichen Kompetenzen ein. Das war bei der Umstellung vor zehn Jahren ein hoher Anspruch und ist es noch heute. Es wird beiden Partnern zugetraut, eine neue Art von Schule zu schaffen. 

Für die Kinder heißt das: um euch kümmern sich unterschiedliche Professionen, Lehrerinnen und Lehrer, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, Erzieherinnen und Erzieher. Sie haben jeweils eigenständige gesetzliche Aufträge und verfolgen dennoch ein gemeinsames Ziel: eine gute ganztägige Bildung und Betreuung anzubieten. Diese eröffnet für die Kinder unterrichtliche und außerunterrichtliche Bildungs- und Erfahrungsräume, unterschiedliche Formen des Lernens, formales, informelles und nonformales Lernen.

Wünschen würde ich mir, diese Entwicklung einmal mit Kooperationspartnern im Ganztag vor Ort mit der verantwortlichen Steuerungsebene aus den Verbänden, der Sozialbehörde und der Schulbehörde zu reflektieren, um zu sehen, wo stehen wir heute, was ist gelungen, wo haben wir vielleicht auch etwas aus dem Blick verloren und wo sollte die weitere inhaltliche Qualitätsentwicklung aus Perspektive aller Beteiligten ansetzen und weiter hinführen.

Schüler Grundschule Luruper Hauptstraße
„Wir eröffnen Räume zum Austausch der Kinder.“© Grundschule Luruper Hauptstraße

Online-Redaktion: Wie kann sich speziell die Diakonie in den Ganztag einbringen, worin genau findet man den diakonischen Gedanken?

Kristina Krüger: Wie alle Kooperationspartner bewegen auch wir als diakonischer Jugendhilfeträger uns an Schulen in einem bekenntnisneutralen Raum. Unsere Schlüsselkompetenz ist Religionssensibilität. Wir haben eine reflektierte Haltung zum christlichen Glauben, was uns kennzeichnet, sind Interesse am Glauben und Respekt vor dem Glauben oder auch dem Nicht-Glauben anderer. 

Glaubensfragen geben wir Raum, wir erwarten aber kein bestimmtes Glaubensprofil. Wir wissen um die Bedeutung von religiösen Ritualen und geben den Kindern Gelegenheit, davon zu erzählen und sich gemeinsam für die Gruppengemeinschaft eigene Rituale zu erarbeiten. Besonders wichtig sind uns Themen wie Begegnung und Gemeinschaft. Es geht darum, Gemeinsamkeiten zu entdecken, Vielfalt zu erleben und zu achten, aber auch Konflikte zu lösen und Frieden zu suchen. Sinnfragen nehmen wir wahr. Wir eröffnen Räume zum Austausch der Kinder darüber.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

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