„Professionen im Dialog“ um die Ganztagsschule

Die zweite Fachtagung „Ganztagsschule in Forschung und Lehre“ der Akademie für Ganztagsschulpädagogik und der Otto-Friedrich-Universität Bamberg widmete sich Fragen der Kooperation und Ausbildung.

Tagung „Ganztagsschule in Forschung und Lehre“© Online-Redaktion

2019 hatte die Akademie für Ganztagsschulpädagogik gemeinsam mit der Bildungsregion Forchheim und dem Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg zur ersten Tagung nach Forchheim eingeladen. Die zweite Tagung „Ganztagsschule in Forschung und Lehre“ musste am 24. April 2021 nun digital stattfinden. Aber zur Freude von Dr. Bettina König und Prof. Astrid Schütz von der Universität Bamberg, Stefan Kuen von der Regierung von Oberfranken und Dr. Anna-Maria Seemann von der Akademie für Ganztagsschulpädagogik fand die Online-Tagung mit 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmern nicht weniger Zuspruch.

Hatten sich vor zwei Jahren Forschungsprojekte vorgestellt, tauschten sich diesmal „Professionen im Dialog“ aus. Akteure aller Ausbildungs- und Studiengänge sollten mit jenen ins Gespräch kommen, die vor Ort die Ganztagsschulen gestalten. „Die verschiedenen Standpunkte, die wir auf der ersten Tagung und in deren Nachgang ausgetauscht haben, etwa zu der Frage, ob Unterricht oder Erziehung den Fokus der Ganztagsschule bilden, haben uns auf die Idee gebracht, das mit Ihnen allen hier zu diskutieren“, erklärte Bettina König zur Begrüßung.

Anna-Maria Seemann ergänzte: „Wir wollen darüber sprechen, ob wir ein einheitliches Bildungsverständnis der pädagogischen Professionen brauchen. Welches Berufsverständnis haben die verschiedenen Professionen? Wer ist an der Ganztagsschule wofür zuständig? Sollten sich die Professionen eher profilieren oder eher annähern? Und welche Schlussfolgerungen können für Ausbildungsgänge gezogen werden?“

Was heißt „Kooperation in der Ganztagsbildung“?

Schülervorschläge
„Wer ist an der Ganztagsschule wofür zuständig?“© Online-Redaktion

Prof. Karsten Speck von der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, dessen Forschungsschwerpunkte schon lange die Kooperation der Jugendhilfe bzw. der Schulsozialarbeit mit Schulen ist, gab für diese Diskussionen den Impuls. In seinem Vortrag „Multiprofessionelle Kooperation an Ganztagsschulen – zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ berichtete er über empirische Befunde und leitete daraus Empfehlungen zur Förderung der Zusammenarbeit ab. 

„Die Ganztagsdebatte um die Kooperation von Schule und Jugendhilfe hat dazu beigetragen, den Blick zu öffnen. Multiprofessionelle Kooperation gilt heute als Basis und Motor des Ganztagsausbaus. Aber welche Mindeststandards es geben muss, um von einer multiprofessionellen Kooperation sprechen zu können, ist noch nicht geklärt.“ Unter multiprofessioneller Kooperation versteht der Erziehungswissenschaftler „einen kontinuierlichen, umfangreichen und fachlichen Austausch“ sowie „ein detailliertes Abstimmen der Handlungsvollzüge“. Die Intensität der Zusammenarbeit sei vor Ort unterschiedlich. Das liege häufig an den zu knappen Zeitbudgets für Austausch und gemeinsame konzeptionelle Arbeit. „Wer kooperiert, ist eigentlich selber schuld“, brachte es Karsten Speck ironisch auf den Punkt. 

Immerhin zeigte sich in Untersuchungen wie der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) eine hohe Zufriedenheit in den Ganztagsschulen mit den Kooperationen. „Die in der Fachliteratur bis in die 1990er Jahren attestierten Grabenkämpfe zwischen Schule und Jugendhilfe gehören der Vergangenheit an“, so der Wissenschaftler. Auch auf der konzeptionellen Ebene tue sich „eine ganze Menge“. In Schulgesetzen werde die Kooperation mit außerschulischen Partnern ganz klar gefordert – mit Eltern, mit Horten, Vereinen, Kunst- und Musikschulen, freien Trägern der Jugendhilfe, Jugendämtern und kirchlichen Einrichtungen, Betrieben. Der Bayerische „Qualitätsrahmen für offene Ganztagsschulen“ enthält beispielsweise Hinweise zu regelmäßiger Abstimmung von Zielen und Maßnahmen, Transparenz der Entscheidungen oder respektvoller Kommunikation.

Das Bremer Modell der gemeinsamen Ausbildung© Online-Redaktion

Für die Sekundarstufe verwies Speck auf den Beschluss der Jugend- und Familienministerkonferenz und der Kultusministerkonferenz von 2020 Entwicklung und Ausbau einer kooperativen Ganztagsbildung in der Sekundarstufe I. Was die Verankerung in Studium und Ausbildung betrifft, bleiben Speck zufolge indes „noch Hausaufgaben zu erledigen“.

Ausbildungskooperation für den Ganztag in Bremen

In Bremen ist man da schon einen Schritt weiter. „Ganztagsschule erfordert unserer Meinung nach nicht nur ein neues Bildungsverständnis. Sondern es braucht ein ganz neues Personalkonzept“, betonte Angelika Wunsch, die Leiterin der Serviceagentur „Ganztägig lernen“. Gemeinsam mit Silke Zimmermann, Schulleiterin an der gerade neu gegründeten Grundschule Sodenmatt, stellte sie in ihrem Vortrag „Multiprofessionalität – ein Baustein in Ausbildung und Schule für eine erfolgreiche Zusammenarbeit an der Ganztagsschule“ das Bremer Modell vor. 

Die Serviceagentur hat seit 2012 in Kooperation mit der Universität Bremen, der Hochschule Bremen und zwei Fachschulen für Sozialpädagogik eine institutionenübergreifende Ausbildungskooperation entwickelt. In der Modulreihe werden Lehramtsstudierende, Studierende der Sozialen Arbeit und Auszubildende für den Erzieherberuf gemeinsam fortgebildet. 2020 ist noch die Universität Oldenburg in das Projekt eingestiegen.

Workshop
Institutionenübergreifende Ausbildungskooperation© Serviceagentur Bremen

„Die Frage war“, so Angelika Wunsch, „wie muss die Ausbildung aussehen, um dem System Ganztagsschule gerecht zu werden?“ Um eine solche institutionenübergreifende Kooperation ins Leben zu rufen und über Jahre erfolgreich zu etablieren, brauche es vor allem Verlässlichkeit der verschiedenen Partner. Wichtig sei auch eine neutrale Koordinierungsinstanz. In Bremen ist das die Serviceagentur „Ganztägig lernen“, die zugleich den guten Kontakt zu den Hospitationsschulen halte.

Ganztagsbildung als gemeinsame Aufgabe

Die Ausbildungsreihe verbindet „theoretisches und praktisches Wissen“, ermöglicht das Kennenlernen verschiedener Aufgabenfelder und den Austausch über pädagogische Sichtweisen. Ihre Besonderheit besteht in der Erprobung und Reflexion der Kooperation schon vor dem Berufseinstieg, einschließlich Hospitationen. In „Expertenrunden“ stellen die Teilnehmenden ihre gemeinsam erarbeiteten Fragen an Erzieherinnen und Erzieher, an Schulleitungen, an die Schulsozialarbeit. Sie erfahren so, wie multiprofessionelles Arbeiten konkret vor Ort aussieht.

Schulleiterin, Lehrerin, Erzieher und Schulsozialarbeiter.© Online-Redaktion

Angelika Wunsch erläuterte auch die Evaluation, mit der jede Modulreihe endet, und berichtete einige Ergebnisse: „Das professionsübergreifende Lernen wird als Gewinn erachtet und der Kenntnisstand über Ganztagsschulen enorm erweitert.“ Oft gelinge es auch, wechselseitige Vorurteile auszuräumen. „Die Ganztagsschule als gemeinschaftliche Aufgabe erfährt eine hohe Akzeptanz. Plötzlich verändern sich Sichtweisen bei den Studierenden und Auszubildenden.“ Deren Wünsche und Vorschläge fließen in die Weiterentwicklung der Modulreihe ein. 

Das Bremer Modell erfuhr auf der Tagung viel Zustimmung und rief großes Interesse bei den Teilnehmenden hervor, wie sich an den vielen Kommentaren und Fragen im Chat ablesen ließ.

Offen für andere Professionen

In sechs Workshops vertieften die Teilnehmerinnen und Teilnehmer anschließend den Austausch, wobei die Workshops nach Bildungsbereichen benannt waren: „Grundschule“, „Weiterführende Schulen“, „Soziale Arbeit“, „Kindheitspädagogik“, „Erzieherinnen und Erzieher“ sowie „Weiterbildung“, von denen hier einige schlaglichtartig vorgestellt werden können.

Den Workshop „Grundschule“ leiteten Dr. Miriam Grüning vom Institut für Grundschulforschung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Dr. Stephanie Staudner von der Gotthold-Ephraim-Lessing-Grundschule Ingolstadt. Vorrangig ging es darum, welche Aspekte des Professionsverständnisses von Lehrkräften sich in der Ganztagsschule verändern. Daraus wurde abgeleitet, wie etwa die Lehrerbildung darauf vorbereiten kann. „Es ist ganz zentral, dass Lehrkräfte eine Offenheit für andere Professionen zeigen“, betonte Miriam Grüning.

Schülerinnen und Schüler können „Motoren im Ganztag“ sein.© Britta Hüning

Den Workshop „Weiterführenden Schulen“ moderierten Schulleiterin Irene Träxler von der Mittelschule Neunburg vorm Wald und Prof. Dr. Thomas Eberle von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. „Es gab eine sehr lebhafte Diskussion“, resümierte Eberle anschließend. Fragen waren beispielsweise: „Wie beziehe ich alle Beteiligen ein?“ Oder: „Wie bringe ich externen Partnern den Umgang mit mitunter nicht so sehr motivierten Schülern nahe?“ Beispiele wurden ausgetauscht, wie „als schwierig geltende Schülerinnen und Schüler“ durch die Leitung von AGs und Projekten zu „Motoren im Ganztag“ geworden sind.

„Alle Professionen begeistern“: Aufgaben der Schulleitung

Lehrkräfte seien, so Schulleiterin Irene Träxler, oft glücklich, wenn sie ihre Expertise jenseits des Unterrichts einbringen könnten. Immer komme es dabei auf die Schulleitung als „Motivator und Wertschätzer“ an. Schulleiterinnen und Schulleiter müssten Personen aller Professionen begeistern, sodass diese den Schülerinnen und Schülern helfen können, ihre Kompetenzen zu entwickeln. Der Ganztag kann laut Irene Träxler „sehr gut gelingen, wenn Schulleitungen kreative Lösungen finden und alle Kolleginnen und Kollegen mitnehmen“. Halte die Schulgemeinschaft zusammen und arbeite vertrauensvoll mit den Partnern, „dann ist der Ganztag was ganz Tolles‟.

5. Bayerische Ganztagsschulkongress 2016© Online-Redaktion

Regelmäßige Kommunikation als Basis der Zusammenarbeit war auch Thema im Workshop „Soziale Arbeit“, geleitet von Katharina Haas vom Evangelischen Jugendwerk Stuttgart-Vaihingen und Prof. Johannes Kloha von der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm. Ein Fazit: „Die Rollen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen klar definiert sein. Aber jeder sollte auch den Blick für die andere Berufsgruppe bewahren.“ Im Workshop „Weiterbildung“, den Heike Maria Schütz leitete, ging es schließlich um das ureigene Anliegen der Akademie für Ganztagsschulpädagogik als Veranstalter dieser Tagung. Ein Ergebnis: Teilnehmende wünschen sich berufsbegleitende Weiterbildungen zu Themen wie Entwicklungspsychologie und zur Vertiefung pädagogischer Grundlagen.

Über die engagierten Diskussionen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer freuten sich am Ende die Veranstalter. Sie kündigten einen Tagungsband an – und auch schon einmal die nächste geplante Tagung „Ganztagsschule in Forschung und Lehre“. „Dann hoffentlich wieder in Präsenz“.

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