Jugendsozialarbeit – Qualitätsmerkmal von Ganztagsschulen

Für Schulsozialarbeit in allen Ganztagsschulen setzt sich die Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit ein, so Claudia Seibold, Referentin der Arbeitsgemeinschaft, im Gespräch mit www.ganztagsschulen.org.

Online-Redaktion: Die Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit arbeitet auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes. Welche Vision einer guten Schule haben Sie?

Claudia Seibold, Referentin bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit© Claudia Seibold

Claudia Seibold: Als bundesweiter Fachverband setzen wir uns für die spezifischen Belange von jungen Menschen mit besonderem Förderbedarf ein. Wir engagieren uns dafür, die Chancen auf politische und gesellschaftliche Teilhabe von benachteiligten Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu fördern. In diesem Sinne muss Schule sich daran messen lassen, ob es ihr als Institution gelingt, den Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe zu ermöglichen. Sie muss sich fragen lassen, ob sie es schafft, individuell beeinträchtigte und sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche einzubinden und zu fördern. Bildung muss als Persönlichkeitsentwicklung gedacht und verstanden werden und sich am Leitbild einer inklusiven Gesellschaft orientieren: einer Gesellschaft, in der Menschen in aller Unterschiedlichkeit Unterstützung finden, ihre Gaben entwickeln sowie Wertschätzung und Teilhabe an der Gemeinschaft erleben können im Sinne einer umfassenden kollektiven Barrierefreiheit mit den daraus resultierenden individuellen Teilhabe- und Verwirklichungschancen.

Das bedeutet erstens: Eine gute Schule hat das Ziel, Schule für alle zu sein. Heterogenität wird nicht als Problem betrachtet, sondern als Bereicherung gelebt. Vielfalt wird mit Wertschätzung begegnet und als Normalität gesehen. Eine gute Schule vermeidet Homogenisierungstendenzen, sie bekämpft diskriminierende Strukturen, Einstellungen und Verhaltensweisen. Sie schafft Lernsituationen, in denen sich das Bildungspotenzial aller Schülerinnen und Schüler optimal entfalten kann. Dabei nutzt sie verschiedene Orte in der kommunalen Bildungslandschaft und überwindet institutionelle Grenzen.

Zweitens: Eine gute Schule gestaltet die Übergänge von Kindertageseinrichtungen in die Schule, zwischen unterschiedlichen Schulformen sowie von der Schule in Ausbildung und in das Erwerbsleben individuell. Im christlichen Verständnis bedeutet das zentral: Eine gute Schule setzt bei der Achtung der Person und ihrer von Gott gegebenen Würde an. Sie ermöglicht durch die Erfahrung von Anerkennung in der Gemeinschaft, dass junge Menschen ein Bewusstsein ihrer Würde entwickeln.

Online-Redaktion: Werden aus Ihrer Sicht Ganztagsschulen in Deutschland diesem Anspruch gerecht?

Seibold: Ja, es gibt Schulen, die diesem Idealbild sehr nahe kommen. Gerade auch im gemeinsamen Leben in der Ganztagsschule gibt es viele Möglichkeiten, mit- und voneinander zu lernen. Alle am Schulgeschehen Beteiligten sind hier als ganze Personen gefragt. Das sind echte Leuchtturmschulen. Doch es gibt natürlich auch viele Schulen, die trotz Ganztagsangebot am alten Lernen hängen bleiben. Da ist wenig von der Aufbruchstimmung spürbar, die umfassendes, neugieriges Lernen mit sich bringt. Ganztagsschule ist für uns dann eine gute Schule, wenn sie für die Kinder und Jugendlichen ein Lebensraum und ein lebendiger Teil des Stadtviertels wird. Dies spiegelt sich auch in ihrer Anlage und Architektur, in kinder- und jugendgerechten Begegnungs- und Betätigungsmöglichkeiten, in einer rhythmisierten Gestaltung und in der Art der individuellen Förderung wider. Schulen brauchen dafür unabdingbar die Zusammenarbeit mit außerschulischen Kooperationspartnern, etwa aus der Jugendhilfe. Ohne eine intensive Zusammenarbeit mit den Eltern können die Ziele nicht erreicht werden. Multiprofessionelle Teams werden Normalität im Schulalltag. Ihnen gehören außer den Lehrkräften sozialpädagogische und externe Fachkräfte aus der Kinder- und Jugendhilfe an. Zu ihnen zählen unter anderem der Sport, die Musik, die Partizipation sowie Demokratie fördernde Einrichtungen des Sozialraums.
 
Online-Redaktion: Wie kann sich speziell die Evangelische Jugendsozialarbeit einbringen?

Schülerinnen, Schüler und eine Lehrerin im Klassenzimmer
© Britta Hüning

Seibold: Die evangelische Jugendsozialarbeit kooperiert in vielfältiger Form mit Schulen: Ein ganz wesentlicher Bereich ist die Schulsozialarbeit, die genau genommen „Soziale Arbeit an Schulen“ heißen müsste. Darüber hinaus gibt es Angebote zur Berufsorientierung, Antiaggressions- und Mediationskurse bis hin zur Organisation und Gestaltung des Ganztags. Eine spezielle Form ist das bayerische Programm „Jugendsozialarbeit an Schulen“, das ganz gezielt Förderung für die individuell beeinträchtigten und sozial benachteiligten Kinder und Jugendlichen ermöglicht. Die Evangelische Jugendsozialarbeit setzt sich dabei ohne Unterschied für alle Kinder und Jugendlichen ein. Ihre spezifische Qualität entsteht durch die Einbindung in die Strukturen von Kirche und Diakonie und das Wissen, dass es neben Leistung und Anpassung auch bedingungslose Annahme gibt und Raum für Widerständiges nötig ist.

Online-Redaktion: Welche Rahmenbedingungen sind für die Schulsozialarbeit notwendig?

Seibold: Erforderlich ist eine angemessene personelle Ausstattung. Wir fordern für 150 Schülerinnen und Schüler einen Schulsozialarbeiter bzw. eine Schulsozialarbeiterin und möglichst geschlechtsgemischte Teams. Das ist eine Forderung, die sehr hoch gegriffen erscheint. Um aber den vielfältigen Aufgaben annähernd gerecht werden zu können, ist dieser Schlüssel notwendig. Schulsozialarbeiter_innen mit weniger als 50 Prozent Beschäftigungsumfang können keine befriedigende Arbeit leisten. Auch die Aufteilung auf mehrere Schulen ist nur als Notlösung akzeptabel, da sie eine kontinuierliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Schülerinnen und Schülern sowie mit den Lehrkräften unmöglich macht. Weitere Standards sind kontinuierliche Praxisreflexion und Qualifizierung. Hier sind besonders Tandemfortbildungen gemeinsam mit Lehrerinnen und Lehrern sinnvoll. An der Schule selbst arbeiten Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter_innen vertrauensvoll zusammen. Schulsozialarbeiter_innen verfügen über ein eigenes Büro mit zeitgemäßer technischer Ausstattung.

Online-Redaktion: Was heißt für Sie vertrauensvolle Zusammenarbeit?

Seibold: Eine gute Zusammenarbeit macht sich zunächst daran fest, dass die Professionen offen und vertrauensvoll kooperieren. Ziel muss es sein, jedes einzelne Kind in den Blick zu nehmen und gemeinsam abzuwägen, was das Kind für seine Entwicklung, aber auch für die Bildungsteilhabe benötigt. Auch die Zusammenarbeit mit den Eltern gehört dazu. Das erfordert in den Schulen entsprechende Kommunikationsstrukturen: dass sich die Professionen gegenseitig zu ihren Konferenzen einladen und dass das Lehrerzimmer auch Schulsozialarbeiter_innen ständig offen steht. Schulsozialarbeit muss geprägt sein von gegenseitigem Vertrauen. Das gilt insbesondere auch für das Miteinander mit den Schülerinnen und Schülern. Für die Kontakte der SchülerInnen mit den Schulsozialarbeit_innen muss größtmögliche Freiwilligkeit gelten.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung hat die Einbindung in den Sozialraum?

Seibold: Schulsozialarbeit ist über die Einbindung in freie Träger der Jugendhilfe im Sozialraum vernetzt und trägt dadurch zur Öffnung der Schule nach außen bei. Wenn die Ganztagsschule immer mehr zum Lebensraum der Kinder und Jugendlichen wird, kommt dieser Vernetzung immer größere Bedeutung zu. Sozialraumorientierung ermöglicht zum Beispiel die Organisation von Unterstützung, die nicht immer professionell sein muss, und verstärkt so die Möglichkeiten der Ressourcenorientierung, zum Beispiel durch die Einbindung von Menschen aus dem lokalen Umfeld.

Online-Redaktion: Welchen Beitrag kann die Evangelische Jugendsozialarbeit im Bereich der Inklusion leisten?

© Britta Hüning

Seibold: Unter dem Paradigma von Inklusion werden sich nach und nach die Gesellschaft und auch die Schulen verändern. Wenn Schulen nicht mehr die Möglichkeit haben, Schülerinnen und Schüler an Spezialschulen zu verweisen, sind sie gezwungen, sich im Sinne unserer Vision von einer guten Schule weiterzuentwickeln. Die Evangelische Jugendsozialarbeit kann Schulen dadurch unterstützen, dass für sie Unterschiedlichkeit und Vielfalt nicht als Problem gesehen werden, sondern als Option, voneinander zu lernen. Sicher aber muss sich auch die Evangelische Jugendsozialarbeit der großen Herausforderung stellen und sich selbstkritisch hinterfragen, wo auch sie ausgrenzend wirkt.

Online-Redaktion: Ihre Arbeitsgemeinschaft beklagt, dass Jugendsozialarbeit zu oft zum Spielball der Kämmerer werde. Welche Folgen befürchten Sie?
 
Seibold: Jugendsozialarbeit hat als Rechtsgrundlage den §13 des SGB VIII, der leider keinen harten Rechtsanspruch, sondern nur eine Sollvorschrift enthält. Dort heißt es: „Jungen Menschen, die zum Ausgleich sozialer Benachteiligungen oder zur Überwindung individueller Beeinträchtigungen in erhöhtem Maße auf Unterstützung angewiesen sind, sollen im Rahmen der Jugendhilfe sozialpädagogische Hilfen angeboten werden, die ihre schulische und berufliche Ausbildung, Eingliederung in die Arbeitswelt und ihre soziale Integration fördern.“ Somit können Kommunen, deren Haushalte überstrapaziert sind, hier leichter Ausgaben reduzieren als in den „Hilfen zur Erziehung“, auf die ein harter Rechtsanspruch besteht. Zu einer guten Schule gehört die Jugendsozialarbeit als Standardangebot und konstitutives Qualitätsmerkmal. Deshalb fordern wir die nachhaltige Verankerung von Schulsozialarbeit in den kommunalen Haushalten und in einer abgestimmten Jugendhilfe- und Bildungsplanung.

Zur Person: Claudia Seibold ist Referentin bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit, seit 2003 für die Bereiche Bildung in der Jugendsozialarbeit und Kooperation Jugendsozialarbeit und Schule. Davor war sie in den Bereichen Migration und Mädchensozialarbeit tätig. Die Diakonin und Sozialarbeiterin hat umfangreiche Erfahrungen in der Evangelischen Jugendarbeit, der Frauenförderung und in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen gesammelt.     

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