Emscherschule Dortmund: Ganztag als Türöffner

Die Emscherschule hat sich ihren guten Ruf erarbeitet. „Bei uns gibt es keine Hauptschulklischees“, sagt Schulleiter Dr. Hubert Mittler. Das Rezept sind Wertschätzung und Erfolgserlebnisse.

Die Emscherschule im Stadtteil Aplerbeck ist eine gebundene Ganztagsschule.© Emscherschule Aplerbeck

Hubert Mittler, Schulleiter der Emscherschule in Dortmund, hat gerade seinen Unterricht beendet und sitzt noch am Schreibtisch im Klassenraum, als ein Neuntklässler der Nachbarklasse hereinkommt und ihm eine Klassenarbeit auf den Tisch legt. „Herr Mittler, ich habe eine Zwei geschrieben in Mathe. Eine Zwei! Bisher stand ich da fünf.“ Der Schulleiter erinnert sich: „Ich habe ihm gesagt: Zeig das mal deinen Eltern, die werden sich auch freuen. Der Junge hat gemerkt, wie ich mich mitgefreut habe. Er war so stolz, der wurde einen Meter größer. Und strahlte: Ja, das mache ich, ja, das mache ich! Da passte er dann endgültig durch keinen Türrahmen mehr.“

Dr. Hubert Mittler ist seit 2015 Schulleiter der Emscherschule, einer gebundenen Ganztagshauptschule im Dortmunder Vorort Aplerbeck. Er weiß, dass viele seiner Schülerinnen und Schüler ein geringes Selbstbewusstsein haben. Sie sind geprägt durch Misserfolgserfahrungen in ihrer Bildungsbiografie. Nicht wenige kommen von Realschulen und von Gymnasien. „Hier kann ich nicht abschulen, hier muss ich mich kümmern“, sagt der Schulleiter.

Bildungs- und Erziehungsauftrag

Und das fängt damit an, den Jugendlichen zu vermitteln: „Ich respektiere dich. Ich interessiere mich für dich. Das ist für die Schülerinnen und Schüler ganz wichtig, das zu spüren. Dann kommen die richtig aus sich raus. Mit Druck alleine erreiche ich nichts, dann sind sie weg.“ Für Hubert Mittler hat die Schule einen Bildungs- und einen Erziehungsauftrag. Letzterer sei mit entscheidend für den Bildungserfolg. „Erziehung ist Beziehungsarbeit“, so der Schulleiter. Es brauche Erfolgserlebnisse, Wertschätzung und auch Lob. Die ergeben sich nicht von selbst, sondern sind das Ergebnis des großen Engagements von allen Seiten, das in der Emscherschule von Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen eingefordert wird. 

Schulsozialarbeiterinnen
Team der Schulsozialarbeiterinnen© Emscherschule Aplerbeck

„Unsere Schule ist ein Ort des sozialen Miteinanders und der Kommunikation. Die Kolleginnen und Kollegen leisten Beziehungsarbeit mit hohem Einsatz“, berichtet Hubert Mittler. „Sie sind nicht selten Kümmerer, Familienersatz, Elternersatz, denn viele Schülerinnen und Schüler tragen ein Päckchen. Jede Stunde, die sie hier bei uns in der Schule verbringen, ist wichtig, auch gerade in der Ganztagsschule. Kein Wunder, dass sie sich freuen, wenn sie wieder zur Schule gehen dürfen.“

Zum Kollegium gehören die drei Schulsozialarbeiterinnen Marlene Fischer, Birgit Gockel und Ursula Kraft, „ohne die nichts laufen würde, auch nicht im Ganztag“. Quereinsteiger in den Lehrerberuf sind dem Schulleiter willkommen, denn sie bringen Lebenserfahrung und eine andere Sicht der Dinge mit. „Egal wie gut man seinen Job macht, als Lehrer oder Lehrerin befindet man sich trotzdem immer in einer Blase.“ Jetzt passe die Zusammensetzung des Kollegiums mit knapp 40 Mitarbeitenden hervorragend.

Schülerinnen und Schüler bringen sich 

Von den Schülerinnen und Schülern wird wiederum eingefordert, dass sie den Raum Schule respektieren und sich engagieren. „Bei uns gibt es keine Hauptschulklischees“, betont Hubert Mittler. Die Schülerinnen und Schüler bringen sich in Aktionen und Wettbewerben ein, die dazu beigetragen haben, „dass sich die Schule einen guten Ruf erarbeitet hat‟, wie die „Ruhr Nachrichten“, die örtliche Tageszeitung, es formuliert hat. 

Projekt „Stolpersteine“: Texte, Dokumente und Bilder© Emscherschule Aplerbeck

Gerade erst wieder hat die Emscherschule am 12. April zusammen mit anderen Schulen den „Tag des Friedens“ unterstützt. Vor 76 Jahren wurde an diesem Tag von zwei Dortmunder Bürgern in Aplerbeck auf dem Turm der evangelischen Kirche eine weiße „Friedensfahne“ zur Kapitulation für die einrückenden US-Soldaten gehisst. Seitdem herrscht Frieden in Aplerbeck. Die Emscherschule hat den Tag des Friedens in den Unterricht eingebunden.

Demokratieförderung und die Vermittlung von Erinnerungskultur sind fester Bestandteil an den Schulen in Nordrhein-Westfalen. Und so haben Schülerinnen und Schüler der Emscherschule Stolpersteine für die ermordeten jüdischen Aplerbecker Bürgerinnen und Bürger digitalisiert. Alle 37 bisher verlegten Stolpersteine werden hier mit Texten und, wenn möglich, mit Dokumenten und Bildern erläutert. Damit ermöglichen die Jugendlichen persönliche Einblicke in die Lebensgeschichten und Schicksale, die sich hinter dem jeweiligen Stolperstein verbergen. Durch Audio-Dateien sind die Lebensgeschichten auch hörbar.

„Reinholen und rausgehen“

Fotografie
Fotoprojekt „Mensch – du hast Rechte“© Emscherschule Aplerbeck

Im November 2020 erhielt die Plakatkampagne „Recht und Würde“ der Landesarbeitsgemeinschaft Kunst und Medien NRW den Dieter-Baacke-Preis, eine bundesweite Auszeichnung für medienpädagogische Projekte. Die LAG Kunst und Medien ist einer der zahlreichen Kooperationspartner der Emscherschule. 2019 hatte die Klasse 8c in einer Projektwoche gemeinsam mit der Fotografin Iris Wolf und dem Fotografen Jörg Meier das Fotoprojekt „Mensch – du hast Rechte!“ erarbeitet. Die Schülerinnen und Schülern stellten Szenen für Plakate zu Artikeln der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte nach. Einige dieser Plakate, ein Dokumentationsfilm und interaktive Mitmachangebote bildeten dann nach einer feierlichen Eröffnungsveranstaltung drei Monate eine Ausstellung im Dortmunder Kulturzentrum U. Die Ausstellung wurde mit gut 10.000 Besucherinnen und Besuchern ein großer Erfolg.

„Wir öffnen unsere Schule – reinholen und rausgehen“, das ist für Hubert Mittler das Erfolgsrezept der Emscherschule. Einmal im Jahr gibt es ein „Highlight“, wenn ein Gast in die Schule eingeladen wird – sei es der ehemalige Zehnkämpfer Frank Busemann, der Migrationsforscher Prof. Aladin El-Mafaalani oder Katrin Lauterborn, die Geschäftsführerin der Ökumenischen Wohnungslosen-Initiative Gast-Haus e. V. – und vor den Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften spricht. „Wenn so jemand kommt, dann hören die Jugendlichen nochmal ganz anders zu“, hat der Schulleiter beobachtet.

Stadion als Lernort© Fan-Projekt Dortmund e.V.

Der Ganztag ist ein perfekter Türöffner in die außerschulische Welt und ermöglicht Erfahrungen, die die Schülerinnen und Schüler mutmaßlich sonst nicht machen würden. „Sport geht immer“, weiß Hubert Mittler. Und so sind auch die Fußballer der Sportfreunde Sölderholz seit 2015 ein Kooperationspartner der Emscherschule. Schüler und Schülerinnen, die zuvor in der Schule ihre Ausbildung zum Sporthelfer erfolgreich beendet haben, werden in das Vereinsleben integriert und speziell für eine künftige Übungsleiterausbildung weitergebildet. In den Jugendmannschaften des Vereins machen die Jugendlichen bei erfahrenen Übungsleitern ihre ersten Schritte: Sie lernen erste Übungs- und Umgangsformen kennen oder helfen als Co-Trainer aus. 

Auch Borussia Dortmund bietet mit dem BVB-Lernzentrum das „Stadion als Lernort“ an. Die Trainingsmodule lauten hier „Wir schauen hin: Rassismus und rechte Tendenzen im Fußball“, Interkulturelles Lernen, Gewaltprävention / Zivilcourage, Fußballfaszination im Ruhrgebiet und IT-Fitness.

Klassenzimmer wird zur Theaterbühne

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Aktion #bookface mit der Stadtteilbibliothek Aplerbeck© Emscherschule Aplerbeck

Für den Schulleiter sind besonders auch die Kreativangebote in den AGs am Mittwoch und am Freitag wichtig – sie reichen von der Disney-Film-AG über Zeichnen und Gestalten, „Totales Theater“ bis zur Handy-Foto-AG: „Da blühen die Schüler auf“. Kultur gehört in der Emscherschule zur schulischen Bildung wie Mathematik und Physik. Bereits 2009 schloss die Schule eine Kooperationsvereinbarung mit dem Theater Dortmund. Die Schülerinnen und Schüler lernen das Theater seitdem regelmäßig als außerschulischen Lernort kennen. Jede Schülerin und jeder Schüler soll mindestens einmal im Schuljahr das Kinder- und Jugendtheater im Rahmen einer Schulklassenveranstaltung besuchen.

In der Berufsorientierung werden Führungen durch das Theater vorgenommen. An einem Vormittag lernen die Schülerinnen und Schüler die Werkstätten des gesamten Theaters und bei der Gelegenheit auch die entsprechenden Ausbildungsberufe kennen. Schauspielerinnen und Schauspieler kommen wiederum in die Schule: In „Klassenzimmerstücken“ wird dann das Klassenzimmer zur Bühne, und die Darstellerinnen und Darsteller sind zum Greifen nah. Anschließend folgt immer eine Nachbesprechung mit den Jugendlichen. 

Im Schulgarten entsteht ein Teich.© Emscherschule Aplerbeck

„Ohne Externe, darunter auch die vielen Studentinnen und Studenten, die teilweise nochmal einen ganz anderen Draht zu den Jugendlichen haben, würde der Ganztag nicht laufen“, so Hubert Mittler. „Zum Glück haben wir da in unserer Großstadt keine Nachwuchssorgen“. AGs wie „Wunder der Natur“, die Türkisch-AG, die Brettspiel-AG, „Trampolin-AG für Jungen“ oder „Soziales Seminar“ werden gern genutzt. Hoch im Kurs stehe die Koch-AG, die für manche Schülerinnen und Schüler auch, wie der Schulleiter schmunzelnd anmerkt, Gelegenheit biete, „sich den Bauch vollzuschlagen. Spaghetti Bolognese zum Frühstück sind da kein Problem.“

„Stolz auf meine Schülerinnen und Schüler“

An zwei weiteren Nachmittagen steht die fachliche Unterstützung im Vordergrund. Bei der jeweiligen Klassenlehrkraft gibt es Förderunterricht in Deutsch, Englisch und Mathematik. „Sogenannte kooperative Lernformen als Dogma kann man an unserer Schule vergessen. Hier ist der Frontalunterricht, der auch wichtig ist, das Mittel der Wahl‟, erklärt der Schulleiter. „Das hängt aber auch von der jeweiligen Lehrkraft und der Klasse ab.“

Zimmermann
Über die Berufsorientierung zum Ausbildungsvertrag© Emscherschule Aplerbeck

Der Schulleiter ärgert sich über Klischeebilder der Hauptschule, erst recht von Hauptschülerinnen und  -schülern. Mit der Realität an seiner Schule habe das nichts zu tun. „Ich bin stolz auf meine Schülerinnen und Schüler.“ An der Emscherschule wird zum Beispiel Wert auf Umgangsformen gelegt. Kappen, Jogginghosen und Handys gibt es nicht. Und auch kaum Schuleschwänzen. Der Vater eines Schülers hat im Internet gelobt: „Ich sehe meinen Sohn sehr glücklich auf dieser Schule. Das liegt vor allem daran, dass Schüler von den Lehrern da abgeholt werden, wo sie im Moment stehen.“

So „divers“ wie das Kollegium sei auch die Schülerschaft an der Emscherschule, sagt Hubert Mittler. Inzwischen gelinge es sogar, einige Jugendliche zum Abitur zu führen. Über Praktika in der Berufsorientierung kommen Schülerinnen und Schüler zu Ausbildungsverträgen. Und aktuell hat der Schulleiter besonderen Grund zur Freude: „Ich muss hier mal die Stadt Dortmund loben, die jetzt richtig Fahrt bei der Digitalisierung aufgenommen hat. Bis zu den Sommerferien erhalten wir digitale Tafeln, und jetzt gibt es schon mal Tablets für die Jahrgänge 5 bis 7.“

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