Die Zukunft geht täglich durch das Schultor

Sinkende Bevölkerungszahlen, immer weniger junge Menschen, dafür zu viele ohne Schulabschluss - keine Gesellschaft kann sich diese Konstellation zu lange leisten, ohne ihre Zukunft zu gefährden. Die Stadt Arnsberg begegnet den Problemen mit einer Bildungsoffensive, die den Schwerpunkt auf eine früh einsetzende ganzheitliche Förderung von Kindern und Jugendlichen legt. Ein Element im Maßnahmenkatalog ist die Offene Ganztagsgrundschule.

Gerd Schmidt

"Jedes Kind kann es schaffen - vorausgesetzt wir sind gut genug, es zu fördern." Von dieser finnischen Bildungsphilosophie hat Gerd Schmidt zwar noch nichts gehört - nichtsdestotrotz ist das Handeln der 230 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Fachbereichs Schule und Jugend der Stadt Arnsberg und seines Leiters genau von dieser Einstellung bestimmt. Ausdruck findet dies in der Bildungsoffensive der sauerländischen Stadt mit einer "früh einsetzenden ganzheitlichen Förderung von Kindern und Jugendlichen".

Arnsberg hat etwa 81.000 Einwohner und ist mit den gleichen Problemen konfrontiert wie viele andere Kommunen: Die demographische Entwicklung droht zu einer Überalterung zu führen. In nur noch 40 Prozent der Haushalte leben Kinder. Immer weniger Kinder und Jugendliche - bis 2015 rechnet man mit einer Abnahme von 22 Prozent im Altersbereich sechs bis 18 Jahre - und dabei eine zu hohe Zahl von Jugendlichen ohne jeglichen Schulabschluss, die direkt in die Sozialsysteme zu wandern drohen - die Stadt wollte der Zuspitzung dieser Probleme nicht tatenlos zusehen. Die Bildungsoffensive ist eine von vielen Reformantworten der Stadt. Bürgermeister Hans-Josef Vogel steht hinter dieser und unterstützt sie mit griffigen Formulierungen wie "Die Zukunft unserer Stadt geht täglich durch die Türen unserer Kindergärten und Schulen".

Schulen als "Reparaturbetrieb der Gesellschaft"

Erster Schritt war die Teilnahme Arnsbergs am Projekt "Lebendige Schule in einer lebendigen Stadt" der Bertelsmann Stiftung im Jahr 1997. Hier führte die Stadt ein Berichtswesen ein, mit dem festgestellt werden sollte, welche Unterstützungsstrukturen Schulen im Umfeld brauchen - damals ein Pilotprojekt. Inzwischen erstellt man die fünfte Datenreihe und kann "schon schön Bewegungen darstellen", wie Schmidt meint. Mittlerweile heißt das Projekt "Kompass" und ist auf vier weitere Politikfelder ausgedehnt worden.

Zunächst entwickelte die Stadt in einem Prozess, an dem etwa 500 Bürgerinnen und Bürger teilnahmen, ein Leitbild "Gute Schullandschaft" und erhob zusammen mit den anderen Partnerstädten im Projekt etwa 3000 Daten, um die Qualität der Bildungslandschaft abzubilden. Auf dieser Grundlage definierte die Verwaltung Handlungsschwerpunkte und erarbeitete Maßnahmenprogramme. Die Vorschläge wurden in einem Bildungsforum mit Experten diskutiert und modifiziert. Das Ergebnis ging in die parlamentarischen Gremien der Stadt, die den Vorschlag des Bildungsforums zu einem kommunalpolitischen Handlungskonzept erhoben und mit jährlich 100.000 Euro ausstatteten. "Das ist für eine Haushaltssicherungskommune wie die unsere schon eine Menge", so Schmidt.

Die Datenanalyse und der Diskussionsprozess führten zur Erkenntnis, dass die Begleitung der Kinder in der verkürzten Kindheitsphase durch familiäre Strukturen abgenommen und durch äußere Einflüsse wie den Medien ersetzt worden ist. Eine zusätzliche Herausforderung ergibt sich durch die Zuwanderung. Auf diese neue Situation haben sich Kindertageseinrichtungen und Schulen nicht rechtzeitig auch auf Grund der Zuständigkeitshierachien und der hohen Regelungsdichte einstellen können. Als "Reparaturbetrieb der Gesellschaft" sind die Schulen sowieso überfordert. "Wir konnten ihnen dieses Joch aber nicht abnehmen, also haben wir gefragt: Wie können wir helfen, was müssen wir tun?", berichtet Schmidt.

Kind im Mittelpunkt der Betrachtungen

Die steigenden Zahlen von so genannten Schulabbrechern, Schulverweigerern, Schulstörern und Schulversagern belegten, dass die traditionell isoliert agierenden Organisationseinheiten Schule und Jugendhilfe den Kindern keine optimale früh einsetzende ganzheitliche Förderung boten. Im Oktober 1999 zog man daher organisatorische Schlüsse: Es wurden der neue Fachbereich "Schule und Jugend" und der gemeinsame Ausschuss "Schule und Jugend" gebildet. "Wir wollten das Kind zum Mittelpunkt der Betrachtungen machen, es ganzheitlich sehen und nicht nach Zuständigkeiten aufteilen", erläutert der Fachbereichsleiter. "Dieser schwierige Prozess ist mittlerweile nicht nur abgeschlossen, sondern auch gelungen."

Durch eine jährlich erneute Datenerhebung wird die Wirksamkeit der durchgeführten Maßnahmen wie zum Beispiel Sprachförderprogramme überprüft und - falls nötig - das Handlungskonzept korrigiert, indem manche Programme eingestellt oder erfolgreiche weitergeführt beziehungsweise intensiviert werden. Zweimal im Jahr gibt es Klausurtagungen des Ausschusses für Schule und Jugend von Verwaltung, Politik und Bürgerschaft mit thematischen Inhalten, auf denen die Zielvorstellungen für die nächsten Monate entwickelt und vereinbart werden. Die neue Form der Zusammenarbeit zwischen Bürgerschaft, Politik und Verwaltung wird von den Betroffenen positiv bewertet. Bei einer 2001 durchgeführten Evaluation waren 87,1 Prozent der Befragten der Auffassung, dass Problemstellungen im Bildungsbereich jetzt besser aufgegriffen werden.

Bildung ist Standortfaktor und Zukunftssicherung

"Bildung und Erziehung sind ein Aspekt kommunaler Zukunftssicherung", ist Schmidt überzeugt, "wenn da was schief geht, finden wir die Leute nahtlos in der Sozialhilfe wieder, und es fehlen uns qualifizierte Arbeitnehmer und Unternehmer. Die Kommunen haben ein hohes Interesse an guter Bildung, die ein Standortfaktor ist. Wir sind da zum Erfolg verdammt." Die Schulen überzeugt man dabei am besten mit Erfolgen vor Ort. "Als die Schulen merkten, dass sie zum Beispiel durch das Konzept ,Flexible Schulsozialarbeit' rund 6000 Stunden soziale Arbeit an Schulen zusätzlich im Jahr zur Verfügung stehen hatten, sich die räumliche Situation durch die Umsetzung eines Schulbauprogramms in Höhe von 15 Millionen Euro verbesserte oder ein Systemadministrator eingestellt worden war, der sich um die Computer an allen Schulen kümmerte, verflog anfängliche Skepsis", erzählt Gerd Schmidt.

Durch das Berichtswesen können Schwachstellen in den Systemen Schule und Jugendhilfe und deren Kooperation lokalisiert und gegebenenfalls durch Projekte korrigiert werden. Eine Vielzahl von Projekten befinden sich bereits in der Umsetzung, davon ist eines die Offene Ganztagsgrundschule. "Ein wunderschönes Beispiel für eine Zusammenarbeit zwischen präventiver Jugendarbeit und den Grundschulen", wie Schmidt findet. Da das Konzept dieser Schulen genau in die Richtung ging, die man mit der Bildungsoffensive erreichen wollte, sei es keine Frage gewesen, dass man zu Beginn des Ganztagsschulprogramms des Landes im Jahr 2002 dabei sein wollte, und sei als Verwaltung auf die Schulen zugegangen. Anfänglich schaute man zunächst auf den Standort als sozialen Brennpunkt und dann auf das Vorhandensein von günstigen Strukturen wie beispielsweise Einrichtungen der Jugendhilfe, Sportanlagen und Spielplätze.

Mit Beginn dieses Schuljahres gibt es in Arnsberg fünf Offene Ganztagsgrundschulen mit zehn Ganztagsschulgruppen und insgesamt 283 Schülerinnen und Schülern. Nun hat die Stadt einen Grundsatzbeschluss gefasst, dass städtisch finanzierte Angebote für Kinder unter zehn Jahren ausschließlich in den Offenen Ganztagsgrundschulen stattfindet. Allerdings fordert Schmidt auch, dass von Landesseite mehr Gelder zur Verfügung gestellt wird, um eine ausreichende Qualität mit individueller Förderung in den Ganztagsangeboten zu erreichen. Nur auf die Vereinbarkeit von Familien und Beruf zu setzen und reine Betreuungsangebote zu schaffen, werde den Bildungszielen, die man sich von den Ganztagsschulen verspreche, nicht gerecht. "Vereinzelt gab es auch bei uns schon Beschwerden von Eltern, die meinten, es passiere zu wenig in den Schulen", räumt Schmidt ein. Überwiegend sei die Resonanz auf die Angebote aber positiv.

Alarmierende Zahl von Schülern ohne Abschluss

Alle Projekte in Arnsberg orientieren sich am Ziel der früh einsetzenden Förderung von Kindern und Jugendlichen. So gibt es unter anderem Sprachförderung für Kindergartenkinder, Schüler und Eltern - und zwar sowohl für Deutsche wie auch für Migranten und Aussiedler -, Förderung von besonders Begabten, Projekte für Schulverweigerer, Schulwahlorientierung beim Übergang von der Primar- in die Sekundarstufe und Berufswahlorientierung. Auch Lehrerinnen und Lehrer werden miteinbezogen: Momentan läuft eine Qualifizierungsmaßnahme für 300 Lehrende durch eine Unternehmensberatung.

Das Projekt Schulwahlorientierung ergab sich nach der Analyse der erhobenen Daten über Schüler, die ohne Abschluss die Schule verlassen hatten - im Jahr 2000/01 alarmierende 13 Prozent. Dabei ergab sich, dass ein Großteil der entsprechenden Schüler so genannte gescheiterte Schullaufbahnen hinter sich hatten: Vom Gymnasium über die Realschule auf die Hauptschule. Für die Eltern der vierten Klasse wurde daraufhin eine Informationskampagne aufgelegt. "Wir haben sie mit der Problematik konfrontiert und dafür geworben, sich an die Empfehlungen zu halten und ihren Kindern mit falschen Entscheidungen nicht die gescheiterte Schullaufbahn vorzuzeichnen", berichtet Schmidt. Diese Maßnahme habe gewirkt, denn die Zahlen seien zurückgegangen.

Die Schulsozialarbeiter gehen mit auf die Jahrgangsstufen abgestimmten Programmen in die Schulen: In der vierten Klasse bereiten sie die Kinder mit "Fit für den großen Schritt" auf den Wechsel in eine größere Schule vor; in der fünften und sechsten Klasse geht es um Sozialkompetenz, in der siebten und achten dreht es sich um Konflikttraining und in der neunten und zehnten um berufliche Orientierung.

Großes Interesse der Eltern an Ganztagsschulen

Für die Jugendarbeit ist Gerd Schmidt zu Folge die Zusammenarbeit mit Ganztagsschulen ein Arbeitsbereich der Zukunft: "In präventiven Bereichen wie der Jugendarbeit wird bei abnehmenden Mitteln leider immer zuerst gespart. In den Ganztagsschulen sitzen aber die selben Kinder, und die Jugendarbeit kann hier ihre Arbeit institutionalisieren. Dabei müssen verbindliche Regelungen getroffen werden, die gewährleisten, dass die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe auf gleicher Augenhöhe geschieht." Die Jugendhilfemitarbeiter müssten als gleichberechtigte Partner mit ihrer eigenen Profession in die Konzeption und die Arbeit von Schule integriert sein.

Eindeutiges Ziel in Arnsberg ist der Ausbau der Ganztagsschulangebote. "Es besteht meiner Meinung nach ein großes Interesse von Eltern, die an Ganztagsschulstandorten wohnen", beschreibt Gerd Schmidt einen Sogeffekt. Diesen erhofft er sich auch von der Arnsberger Bildungsoffensive insgesamt. Das Konzept hat der Fachbereichsleiter laut eigenen Angaben in den letzten Monaten in etwa 20 Städten vorgestellt. Auch auf dem Jugendhilfetag im Juni in Osnabrück war die Kommune mit einem Stand vertreten. "Wenn man ein solches Programm fährt, wird man wahrgenommen", ist Schmidts Resümee.

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