Ganztagsschulen werden Bürgerzentren

Die Umsetzung von Bildungskonzepten im Ganztag eröffnet den Kommunen neue Perspektiven bei Ausbau und Gestaltung von Schulräumen. Benötigt werden dabei Konzepte, die eine flexible Raumnutzung für Ganztagsangebote ermöglichen. Die Tagung "Raum im Ganztag" der Werkstatt 4 "Schule und Kommune" am 7. Dezember 2005 in Düsseldorf regte den interkommunalen Erfahrungsaustausch an und formulierte Handlungsempfehlungen.

Dem Thema "Raum und Ganztagsschule" kann man sich von verschiedenen Seiten nähern. Ganz konkret könnte man fragen, wie viel Platz den Schülerinnen und Schülern an ihren Tischen während des Unterrichts zur Verfügung steht. Dann danach, wie die Tische im Klassenraum angeordnet sind und wie viel Platz noch im Zimmer vorhanden ist. Wo ist dieser Klassenraum im Gebäude angesiedelt, welche Zugänge besitzt er, wie viel Transparenz bieten Glaselemente? Und schließlich: Wo stehen welche Räume für verschiedene Aktivitäten vom Ruhe- bis zum Toberaum zur Verfügung, und wie sind diese miteinander verbunden?

All diese Fragen erörterten rund 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung "Raum im Ganztag" am 7. Dezember 2005 in der "Jazzkantine" des Düsseldorfer Salzmannbaus. Die Veranstaltung war zugleich der Auftakt der Werkstatt 4 "Schule und Kommune" im Begleitprogramm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Projektkoordinatorin Birgit Frey vom Städtenetzwerk NRW zeigte sich über die Resonanz erfreut: "Wir mussten sogar vielen Interessenten noch absagen."

Dass das Thema viele Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrer sowie kommunale Vertreter bewegt, zeigten an diesen Nachmittag über die hohe Teilnehmerzahl hinaus auch die regen Diskussionsbeiträge und Stellungnahmen aus dem Plenum, wobei sich die Wortmeldungen und Nachfragen nicht nur auf das Titelthema beschränkten, sondern schnell auch Bereiche wie Ferienbetreuung und Kapitalisierung von Lehrerstunden erreichten.

Bewusstseinswandel bei den Kommunen

Zur Begrüßung bezeichnete Andreas Roters, Geschäftsführer des Städte-Netzwerks NRW, Ganztagsschulen als Chance, "öffentliche Einrichtungen für die Zivilgesellschaft zu öffnen und diese einzubeziehen. Die Verknüpfung von Bildungs- und Kultureinrichtungen muss nicht allein Sparzwecken dienen, sondern kann eine qualitative Weiterentwicklung für schrumpfende Städte bedeuten."

Ganz ähnlich äußerten sich Dr. Norbert Reichel, Referatsleiter im nordrhein-westfälischen Ministerium für Schule und Weiterbildung, und Klaus Hebborn vom Deutschen Städtetag in kurzen "Handlungsempfehlungen für mehr Raumqualität in Ganztagsschulen". Für Reichel sind Ganztagsschulen ein erster Schritt auf dem Weg zur Stadtteilschule und zu Bürgerzentren. "Der Trend geht dahin, und gerade die offene Ganztagsschule steht für offene Türen und offene Kooperationen. In der offenen Ganztagsschule könnte man auch eine kontinuierliche Elternberatung und Sprachkurse für Eltern ansiedeln, mit der auch die Eltern erreicht werden, die sonst nicht in die Schule kommen."

Hebborn, Hauptreferent für Bildung beim Deutschen Städtetag, machte einen "Bewusstseinswandel" bei den Kommunen aus: "Die Ganztagsschule ist auch dank des Investitionsprogramms ,Zukunft Bildung und Betreuung' (IZBB) der Bundesregierung ein kommunales Thema geworden - und längst spielt die Frage, ob man Ganztagsschulen baut, keine Rolle mehr, sondern nur noch, wie." Es sei viel erreicht worden, es bleibe aber auch noch viel zu tun - zum Beispiel beim Mittagessen, das in einer Elternbefragung des Städtetags am häufigsten Anlass zur Kritik gab. Auch die Verzahnung von Standortplanung und Jugendhilfeplanung müssten die Kommunen angehen. Der Begriff Ganztagsschule habe nichtsdestotrotz als Standortwerbung an Gewicht gewonnen.

Ganztagsschule als Standortvorteil

Anschaulich nachvollziehen lässt sich diese Entwicklung in der westfälischen Kleinstadt Herford, die dem demographischen Wandel durch Bildung als Standortvorteil begegnen will. Sämtliche elf Grundschulen hat die Stadt auf Grundlage eines mit allen Beteiligten erarbeiteten Pädagogischen Handlungskonzepts zu offenen Ganztagsschulen umgewandelt und dazu Erfahrungen und Eindrücke aus deutschen und schwedischen Ganztagsschulen genutzt.

Die Raumgestaltung ist dabei ein wichtiger Bestandteil: Offenheit und Transparenz der Räumlichkeiten, multifunktionale Raumgestaltung und die Ermöglichung von Teamarbeit und eigenverantwortlichem Lernen stehen im Vordergrund. "Wir haben dies durch Umbauten und neue Möblierung in der Grundschule Landsberger Straße im September 2004 erprobt und lassen die gewonnenen Erfahrungen nun in die Umgestaltung aller weiteren Grundschulen einfließen", stellte Rainer Schweppe den "Raum im Herforder Ganztag: Ein integratives Konzept für den Ausbau von Ganztagsschulen" vor.

Der Leiter der Schulverwaltung nannte die Ziele, die man mit dem Konzept verfolgt: "Die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung, das Bereitstellen von Arbeitsplätzen, die Unterstützung von sozialen Begegnungen durch die Raumgestaltung, das Schaffen dezentraler ,Revierbildung' und von Wohlfühlatmosphäre." In den Umbau der Schulen investiere man 18 Millionen Euro, wobei die Mittel jeweils zur Hälfte aus dem IZBB und dem kommunalen Haushalt stammen. Den Schulleitern habe man Bauhelme geschenkt, damit sie den Stress der Baumaßnahmen besser überstehen - "denn wir bauen bei laufendem Betrieb um".

Die Bereitschaft der Stadt, so viel Geld in die Hand zu nehmen, stieß in Teilen des Plenums auf verblüffte Bewunderung. Doch für Schweppe ist es eine Investition in die Zukunft, die sich rechnet. Mit Werbemaßnahmen für die Ganztagsschule wolle man noch mehr Eltern ansprechen, Hoffnung macht dem Schulverwaltungsleiter aber auch der angekündigte nordrhein-westfälische Schulerlass, der durch zusätzliche Lehrerstunden für mehr Mathematik- und Sprachförderung im Ganztagsbereich sorgen werde: "Das wird viele Eltern, die an einer solchen zusätzlichen Förderung interessiert sind, dazu bringen, ihre Kinder an der Ganztagsschule anzumelden. Und wenn die Um- und Neubauten erst einmal abgeschlossen sind, wird das noch mal einen weiteren Schub geben."

Die Grenzen des Machbaren

Hohe Ziele hat sich die Stadt Bonn gesteckt. Dort sollen circa 30 Prozent aller Kinder betreut werden. Im Moment befindet man sich dabei auf einem guten Weg: Die Anmeldezahlen steigen. 2003 hatte die Kommune schnell mit dem Ausbau der Ganztagsschulen begonnen, ohne dass es eine strategische Gesamtausrichtung für die baulichen Maßnahmen gab. Im Sommer 2004 ist dann ein Stadtbüro Offene Ganztagsschule mit vier beim Schulamt angesiedelten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eröffnet worden, das alle Maßnahmen koordinieren soll.

Sabine Lukas vom Stadtbüro Offene Ganztagsschule und Sabine Ludolph vom Städtischen Gebäudemanagement gaben aus kommunaler Sicht Tipps, was beim Bau von Ganztagsschulen zu beachten sei. "Grundsätzlich sollten alle Ganztagsräume in der Schule sein, denn nur so wird ein Zusammenwachsen von Vor- und Nachmittag möglich", erläuterte Sabine Lukas. "Alle Schulräume sollten daher auch multifunktional nutzbar, veränderbar und leicht teilbar sein - denn der Raum spiegelt grundsätzliche pädagogische Wertorientierungen wider. Wenn möglich, sollten die Ganztagsräume im Schulgebäude zusammenhängend angeordnet werden. Wichtig ist auch der Zugang zum Schulhof."

Schon vor Baubeginn gelte es, sich eine detaillierte Vorstellung vom Raumangebot zu verschaffen und alle Beteiligten einzubeziehen. Die Zuständigkeiten innerhalb der Verwaltung müssten geklärt werden - "und manchmal muss man den Schulen auch die Grenzen des Machbaren aufzeigen", so Lukas.

Schuhschleusen und Garderoben einplanen

Aus der Perspektive eines Trägers äußerte sich Thomas Assmann vom Paritätischen Wohlfahrtsverband des Kreises Soest, der in Lippstadt fünf offene Ganztagsschulen betreibt. Die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten verlaufe erfolgreich, und der Bedarf sei in den vergangenen zweieinhalb Jahren geradezu "explosionsartig" gewachsen: In einer Schule kämen zum Beispiel auf vier freigewordene Plätze 35 Bewerberinnen und Bewerber. "Wenn Sie eine Ganztagsschule planen, dann stellen Sie sich darauf ein: Sie brauchen viel Platz!", riet Assmann. Daneben sollte im Vorfeld das konkrete Angebot überlegt werden, das sich aus den Anforderungen des Schulumfelds ergebe. Für jede Gruppe sollte ein eigener Raum zur Verfügung stehen, besonders die jungen Schülerinnen und Schüler benötigten einen Ruheraum. "Die Nutzung von Räumlichkeiten außerhalb der Schule ist nur zu empfehlen, wenn keine Doppelnutzungen auch anderer Interessengruppen vorgesehen sind. Das Konfliktpotenzial ist zu hoch", warnte Assmann.

Noch handfestere Ratschläge erteilte Karin Bossaller, Leiterin der Grundschule Grambker Heerstraße in Bremen: "Denken Sie daran, Schuhschleusen einzurichten, denn der längere Schultag und das viele Rein und Raus sorgen sonst für Schlammwüsten in den Gängen", meinte die Schulleiterin. Auch Garderoben müssten eingeplant werden. Bei der Möblierung sei Flexibilität wichtig: "Unter den Tischen sollten möglichst Rollen sein, und man muss sie leicht stapeln können. Damit sich die Grundschullehrerinnen nicht immer den Rücken kaputt machen, sollte man höhere Tische und höhenverstellbare Stühle bestellen."

Ganz grundsätzlich riet Karin Bossaller zu mehr Transparenz sowohl in baulicher wie personeller Hinsicht: "Als ich vor 30 Jahren aus Schweden nach Deutschland kam, glaubte ich, einen völlig anderen Beruf auszuüben - ich fühlte mich in den Klassenräumen regelrecht eingesperrt und war es nicht gewohnt, ohne Team zu arbeiten. Dabei ist doch gerade die Zusammenarbeit das Schöne. Und wenn die Erzieherinnen und Erzieher gleichberechtigt mitarbeiten, verändert sich die Schule wirklich."

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