Hohes Engagement trotzt den Problemen

"Freude über neue Räume" und "Neue Gebäude für Schulen" - die Zeitungsüberschriften beschreiben den dynamischen Prozess der Ganztagsschulentwicklung im westfälischen Schwerte. Einhellig gelobt wird das hohe Engagement aller Beteiligten in diesem Prozess. Probleme diskutiert die im Herbst 2003 gegründete Arbeitsgruppe Ganztagsschule, die am 28. Februar 2005 ihre sechste Sitzung absolvierte.

Rathaus Schwerte

Am 17. November 2003 traf sich die Arbeitsgruppe Ganztagsschule im Rathaus der westfälischen Kleinstadt Schwerte zum ersten Mal. Damals legten die Schulleitungen, Ratsmitglieder, die Verwaltung und die außerschulischen Partner ein Ziel der regelmäßigen Treffen fest: "Es soll ein möglichst einheitliches, hohes Niveau im Leistungsangebot, im Unterricht, in der Förderung und Betreuung, unter anderem bei der Hausaufgabenhilfe, der Offenen Ganztagsschulen in Schwerte auf Dauer erreicht werden." Sämtliche sieben Grundschulen und eine Sonderschule waren zum Schuljahr 2003/2004 mit einem Schlag zu Offenen Ganztagsschulen umgewandelt worden. Die Stadt Schwerte war die einzige Stadt ihrer Größenordnung, in der flächendeckend ein derartiges Betreuungsangebot gemacht wurde. Sich dabei ergebende Probleme und Herausforderungen wollte man gemeinsam bewältigen.

Über ein Jahr später zieht Friedrich Schürmann, der Schulverwaltungsamtsleiter, eine positive Bilanz: "Wir haben mehr Lösungen als Probleme." Bürgermeister Heinrich Böckelühr pflichtet bei: "Dass der Ganztagsschulbetrieb seit nunmehr zwei Jahren reibungslos funktioniert, ist dem Zusammenwirken aller Beteiligten zu verdanken." In der Tat sehen die Verantwortlichen aus Politik, Schule, Verwaltung und die außerschulischen Partner das "hohe Engagement aller Beteiligten" als die große Stärke des Ganztagsschullebens in Schwerte an. Es sind informelle Vernetzungen entstanden - der Schulleitungen untereinander, der Betreuungskräfte untereinander und der Schulleitungen mit den Betreuungskräften. Diese sind auch notwendig, denn in der Praxis musste gerade zu Beginn viel improvisiert werden.

Baumaßnahmen im Zeitplan

In Sachen Baumaßnahmen befindet man sich im selbst gesetzten Zeitrahmen. Bereits zu Beginn des Schuljahres 2003/2004 lief eine rege Bautätigkeit an. Alle Schulen erhielten Industriespülmaschinen und eine komplette Küchenausstattung, so dass die Mittagsverpflegung sofort an allen Schulen möglich war. Für viele Schulen wurden spezielle Möbel, Computer, Medienausstattungen und Spielgeräte angeschafft.

Die ersten großen Baumaßnahmen erfolgten im Sommer 2004 an der Heideschule, an der Reichshofschule und an der Pestalozzischule. An der Reichshofschule konnte Mitte März 2005 ein symbolischer Schlüssel an die Schülerinnen und Schüler übergeben werden. Hier entstanden zwei Betreuungsräume, eine Küche, ein Differenzierungsraum, ein Büro für die Betreuungskräfte sowie ein Sozial- und ein Lagerraum. Die Betreuungsräume sind durch eine faltbare Wand getrennt, die bei Bedarf geöffnet werden kann, um dann einen großen Raum zur Verfügung zu haben, den man auch als Versammlungsraum nutzen kann. So etwas war zuvor an der Schule nicht vorhanden.

An den Nachmittagen nutzen 64 Schülerinnen und Schüler die neuen Räume in der Reichshofschule. Damit endet die Übergangslösung, bei der die Kinder nachmittags in das benachbarte Jugendzentrum wechseln mussten. Die Baumaßnahme kostete hier 600.000 Euro. Insgesamt stehen Schwerte 2,3 Millionen Euro für Bautätigkeiten zur Verfügung. Sämtliche Baumaßnahmen werden aus Kostengründen in der Verantwortung und Zuständigkeit von städtischen Hochbauingenieuren durchgeführt. Hilfreich und effektiv war hierbei, dass diese Ingenieure in Schwerte dem Bereich "Schule und Sport" zugeordnet sind.

Über Schulraumprogramm hinausgegangen

Die Ausschreibungen für die zweite Bauphase für drei weitere Grundschulen endeten am 18. März 2005. Das Interesse von Firmenseite war groß. Schulverwaltungsamtsleiter Schürmann: "Die Anforderungen sind klar vorgegeben, so dass sich unsere Entscheidung nach dem Preis richten wird. Natürlich hoffen wir, hier weniger auszugeben, um unsere Mehrausgaben wieder reinzubekommen. Bei den echten Neubauten sind wir bei Mehrkosten von bis zu 100.000 Euro nämlich deutlich über das Schulraumprogramm hinausgegangen."

Die Albert-Schweitzer-Schule kann hoffen, aus den 35 Jahre alten Pavillons auszuziehen. Vier Gruppenräume plus Lager- und Personalraum sind hier in einem rund 400 Quadratmeter großen, eingeschossigen Gebäude mit leicht geneigtem Satteldach und großen Fenstern geplant. In der Lenningskampschule entsteht ein 110 Quadratmeter großer Multifunktionsraum. Für die Evangelische Grundschule Ergste, deren Offene Ganztagsschule im Jugendzentrum untergebracht ist, wird ein 140 Quadratmeter großer Anbau geplant. Insgesamt sollen die Baukosten 900.000 Euro betragen. Bereits im April werden die Baugenehmigungen und im Mai der Baubeginn erfolgen. Zum neuen Schuljahr am 1. August 2005 sollen die Arbeiten dann abgeschlossen sein.

Jede Schule mit eigenen Schwerpunkten

Inzwischen nehmen 637 Schülerinnen und Schüler an der Offenen Ganztagsgrundschule teil - eine deutliche Steigerung zum vorigen Schuljahr, als 545 Kinder angemeldet waren. Von 7.30 Uhr bis 16 Uhr sind die Schülerinnen und Schüler in der Ganztagsgrundschule, bis auf drei Wochen der Sommer- und Weihnachtsferien auch in den Ferien. Von 7.30 bis 8.30 Uhr ist jeweils eine Pädagogische Fachkraft in der Schule, von 11.30 bis 16 Uhr sind es je nach Gruppengröße zwei bis drei Kräfte. Das Fachpersonal wird von freien Trägern zur Verfügung gestellt, dazu gehören die Arbeiterwohlfahrt, der Verein "Ergster Familien-Aktion", der Verein für soziale Integrationshilfen und der Verein "Kinderland in Villigst". Es bestehen schulübergreifende Angebote in Kooperation mit freien und öffentlichen Trägern der Jugendhilfe, der Musikschule und der Sportvereine. Jede Schule kann selbst bestimmen, mit welchem Partner sie den Nachmittag gestalten will. Die Stadt Schwerte hat für das Schuljahr 2004/2005 für diesen Bereich 56.000 Euro eingeplant, so dass pro Gruppe rund 2.000 Euro jährlich zur Verfügung stehen.

Jede Schule hat einen eigenen Schwerpunkt gesetzt: So gibt es zum Beispiel an der Friedrich-Kayser-Schule muttersprachlichen Unterricht in Italienisch, Arabisch und Türkisch. Die Reichshofschule widmet sich unter anderem der Leseerziehung. Sie initiiert darüber hinaus Projekte wie "Mein Körper gehört mir"gegen sexuellen Missbrauch. In der Lenningskampschule wird musische Bildung großgeschrieben, ebenso werden aber auch Veranstaltungsreihen zur "Ich-Stärkung" angeboten. Die Heideschule bietet Computerkurse und Entwicklungsförderung durch Sport und Spiel. Die Evangelische Grundschule Ergste veranstaltet Autorenlesungen und Radfahrturniere.

Dauerbrenner Mittagsverpflegung

Ein Dauerthema ist die Mittagsverpflegung, wie sich am 28. Februar 2005 zeigte, als die Arbeitsgruppe Ganztagsgrundschule zum sechsten Mal zusammenkam. 2,60 Euro pro Tag oder 55 Euro monatlich kostet die Teilnahme am Essen. Viele Eltern können oder wollen sich dies nicht leisten. Die Schulen müssen sich mit säumigen Zahlern auseinandersetzen. Den in der Anmeldung für die Offene Ganztagsgrundschule 2005/2006 formulierten Satz "Ich verpflichte mich, für mein Kind entweder die warme Mittagsverpflegung zu bestellen oder gebe meinem Kind einen ausreichenden Imbiss mit" hielten die Schulleitungen für keine Lösung des Problems unterversorgter Schülerinnen und Schüler.

Auffällig ist, dass sich die Zahl der Nichtzahler in den letzten sechs Monaten von 90 auf 126 deutlich erhöht hat. Bei einem Jahreseinkommen von unter 12.271 Euro sind die Eltern von der Zahlung des Elternbeitrags befreit. Die schwierige Arbeitsmarktlage schlägt auch hier durch. Dennoch kalkuliert Schwerte für das kommende Schuljahr mit einem ausgeglichenen Haushalt für die Offene Ganztagsschule: Einnahmen von 788.770 Euro stehen Ausgaben von 791.740 Euro gegenüber. Den Fehlbetrag von rund 3.000 Euro hielt Friedrich Schürmann für "vernachlässigenswert". Denn kalkuliert wurde mit den bisherigen Schülerzahlen. Schwerte hofft aber auf weiter steigende Anmeldungen und damit auch auf einen höheren Elternbeitrag.

Elternbeiträge anheben?

Der individuelle Elternbeitrag ist ebenfalls ein Dauerbrenner. Während die Kooperationspartner auf eine Erhöhung des 45 Euro hohen monatlichen Beitrags drängen, um den Standard der Betreuung zu halten oder zu verbessern - eine Erhöhung um einen Euro bringt der Stadt jährlich zusätzlich 5.000 Euro -, ist die Verwaltung zurückhaltender. Man möchte Eltern durch erhöhte Beiträge nicht abschrecken, was dann möglicherweise die erwartete Schülersteigerung verhindern könnte. Da pro Kind vom Land 820 Euro im Schuljahr gezahlt werden, ist diese Größe nicht zu vernachlässigen. Renate Goeke, Schulleiterin der Friedrich-Kayser-Schule, hält eine Erhöhung nur für sinnvoll, wenn "damit konkrete Qualitätssteigerungen verbunden sind".

Einen Elternbeitrag, der sich wie bei Kindergärten am Einkommen der Eltern orientiert, hält die Stadt wegen des immensen Verwaltungsaufwandes für nicht praktikabel. Friedrich Schürmann warnte: "Ich halte zwar sehr viel von einer Qualitätsdiskussion. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass unsere hohen Anmeldezahlen auch dem niedrigen Beitrag geschuldet sind. Die hohen Elternbeiträge ermöglichen uns als Haushaltssicherungskommune ja erst, investive Mittel in die Hand zu nehmen. Ich bitte darum, diese Entscheidung zurückzustellen, bis wir alle Baumaßnahmen an den Schulen durchgeführt haben."

Evaluation in Eigenregie

Von der in diesem Jahr beginnenden Evaluation des Ganztagsschulprogramms, der"Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen" (StEG), wird auch Schwerte erfasst. Regina Goeke berichtete der Arbeitsgruppe, dass Prof. Heinz-Günter Holtappels vom Institut für Schulentwicklungsforschung im benachbarten Dortmund angefragt habe, ob die Friedrich-Kayser-Schule an der Befragung teilnehmen wolle. Im Mai läuft nun die erste Befragungswelle mit Fragebögen und Interviews, denen zwei weitere Anfang 2006 und im Herbst 2007 folgen werden.

Eine gewisse Evaluation hat Schwerte aber auch schon in Eigenregie veranstaltet: In Workshops haben jeweils die Schulleitungen und Lehrer, die Eltern, die außerschulischen Partner und die Kooperationspartner diskutiert, um Stärken und Schwächen der Offenen Ganztagsschulen in Schwerte zu benennen und Grundsatzfragen zu formulieren. Diese sollen im Mai in einer großen Arbeitsgruppe zusammengeführt werden. Die Themen, die dann unter anderem auf der Agenda stehen, bündeln wie im Brennglas die Herausforderungen, die an vielen Tausend Schulen bundesweit diskutiert werden: Bildung oder Betreuung, die Verzahnung von Vor- und Nachmittag, die Einbindung der Jugendhilfe, die individuelle Förderung und die Beteiligung der Eltern.

Bei allen Erfolgen gibt es auch in Schwerte noch viel zu tun.

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