Willkommen im Schulparadies

Schule als Mittelpunkt der Gemeinde, eine Schuleröffnung als Dorfgespräch. Am 26. August 2005 brachte die feierliche Eröffnung der neuen Grundschule in Großlehna nicht nur Gäste wie den Parlamentarischen Staatssekretär Ulrich Kasparick in den sächsischen Ort westlich von Leipzig, sondern auch das ganze Dorf auf die Beine. Schlange stehen zur Schuleröffnung - und das lohnte sich, denn der Neubau ist außergewöhnlich.

Tafel der Baustelle: Neubau der Ganztagsschule Großlehna mit Grundschule, Hort und Sporthalle

Vor dem Einkaufszentrum in der sächsischen Gemeinde Großlehna westlich von Leipzig ist sie das Tagesgespräch: Die feierliche Einweihung der neuen Nils-Holgersson-Grundschule am Nachmittag. Eine Verkäuferin, die bei schönem Sommerwetter Würstchen brät, bedauert, nicht dabei sein zu können: "Ich muss leider arbeiten." Eine Kundin weiß zu berichten, dass sich auch Besuch aus Berlin angesagt hat.

So ist es. Am 26. August 2005, einen Tag vor der Einschulung der 26 Erstklässler, besucht der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung Ulrich Kasparick die Grundschule. Aus der Dresdner Staatskanzlei reist Staatsminister Hermann Winkler an. Geladen sind neben dem Kollegium der Schule, ehemaligen Lehrerinnen und Lehrern, Eltern, Vertretern aus Verwaltung, Politik und Vereinen auch Kommunalpolitikerinnen und -politiker aus umliegenden Ortschaften. Vor allem sie sollen sich ein Bild davon machen, was möglich ist, wenn sich Gemeinde und Schule gemeinsam etwas vornehmen und das Ziel nicht aus den Augen verlieren.

"Willkommen im Schulparadies Großlehna!", begrüßt Bürgermeisterin Carina Radon die Gäste in der Turnhalle der neuen Schule, die in das Gebäude integriert ist. Wer sich die Grundschule anschaut, wird über den Ausdruck "Schulparadies" nicht schmunzeln. Es ist, als wäre ein Ufo am Rande des Dorfes gelandet. Der flache, ausladende Bau ist schwedischen Sommerhäuschen nachempfunden und würde auch in einer Großstadt für Aufsehen sorgen. Hier in Großlehna ist er schon von weitem ein Hingucker - und soll nach dem Willen der Bürgermeisterin und der Schulleiterin Ute Jakob noch mehr werden: Ein Ortsmittelpunkt, in dem Feiern stattfinden und Vereine trainieren sollen.

Bürgermeisterin Carina Radon (l.) und Architekt Torsten Markurt

Im Innern präsentiert sich ein heller und luftiger Bau, der hauptsächlich in Holz gehalten ist. Die Klassenräume sind groß, mit hohen Fenstern und Deckenluken, durch die ein permanenter Luftaustausch stattfindet. Die Tafeln und Pulte sind mobil, die Tischordnungen variabel anzuordnen. Bei schönem Wetter können die Grundschülerinnen und -schüler auch im Freien unterrichtet werden, denn jede Klasse hat ihren eigenen Ausgang auf eine Holzterrasse.

Lehrerinnen vergossen Freudentränen

"Das Gebäude spricht für sich. Es ist wohldurchdacht, kindgerecht, mit Hingabe und mit Liebe zum Detail gebaut", erklärt die Bürgermeisterin. Besonders Letzteres ist augenfällig: Wasserspender stehen an vielen Ecken, sodass die Kinder genügend trinken können. Damit Handys nicht in die Schule geschleppt werden, ist ein Telefonapparat eingerichtet worden, von dem aus die Schülerinnen und Schüler gebührenfrei Ortsgespräche führen können. Die Kosten übernimmt die Gemeinde. Das Sekretariat verschanzt sich nicht hinter einer Tür, sondern ist im Stil einer Hotelrezeption am Gang für jedes Kind leicht erreichbar. Für die Schülerinnen und Schüler stehen abschließbare Spinde zur Verfügung. Im ansonsten schlicht gehaltenen Lehrerzimmer plätschert zur Beruhigung eine Wasserinstallation, und an der Wand ist eine Einrichtung zum Turnen angebracht, um Verspannungen zu lösen.

Bilder von zwei Klassenzimmern
Jedes Klassenzimmer sieht anders aus, jedes lädt ein mit Licht, Luft und Markisen vor den Fenstern

Und dennoch - man mag es kaum glauben - "diese Schule ist wesentlich günstiger als vergleichbare Bauten", versichert Carina Radon. Mit einer Gesamtbausumme von 2,2 Millionen Euro liege man 40 Prozent unter den Richtwerten für Schulbauten. Und - das mag man noch viel weniger glauben - der Bau stand wegen der günstigen Kostenkalkulation, die sich zu Baubeginn auf 2,5 Millionen Euro belief, zeitweilig vor dem Aus. Die Verwaltung hielt die Kalkulationen für unseriös, weil für "zu preiswert", und wollte den Bau stoppen. "Die Skepsis und die Widerstände haben wir gebrochen", so die Bürgermeisterin und ermutigt die Bürgermeister aus anderen Gemeinden, "auch diese Schritte zu gehen".

In zehn Monaten Bauzeit entstand auf dem 20.000 Quadratmeter großen Grundstück, das der Gemeinde bereits gehörte, der 2.200 Quadratmeter große Neubau. Mit einem "Riesenaufwand" schrieb man 34 Baumaßnahmen einzeln aus und engagierte ausschließlich regionale Unternehmen. Rund 120 Handwerker waren mit dem Bau beschäftigt. "Sie sind mit hoher Motivation bei der Sache gewesen", lobt Architekt Torsten Markurt die in rekordverdächtiger Zeit vollbrachte Arbeit, die am Tag der Eröffnung noch immer nicht ganz beendet ist, was der Freude aber keinen Abbruch tut.

Zwei Tage zuvor hatten die Schulleiterin und ihre sieben Kolleginnen den Neubau erstmals betreten. "Ein Maler sagte, er habe noch nie so viele lachende Frauen auf einem Haufen gesehen", erzählt Ute Jakob. Es flossen auch Freudentränen ob des schönen neuen Arbeitsplatzes. "Auch ich möchte hier gerne Schülerin sein", versichert die Schulleiterin.

IZBB-Förderprogramm kam zum rechten Zeitpunkt

Der Neubau war nötig geworden, weil sich die Unzulänglichkeiten des alten Schulgebäudes immer deutlicher bemerkbar machten. "Es war sehr beengt", berichtet Bürgermeisterin Radon, die hier selbst Schülerin war. "Die Schule verteilte sich auf drei Gebäude, in denen nur mit einer Ausnahmegenehmigung unterrichtet werden konnte. Der Hort war im Dachgeschoss untergebracht, die Sanitäranlagen waren unzureichend." Als der Neubau einer Sporthalle anstand, entschied die Gemeinde, lieber gleich alles neu zu bauen. "Das war der Zeitpunkt, als das Förderprogramm des Bundes kam", erzählt Carina Radon. Großlehna beantragte die Förderung aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) und erhielt sie: Rund 1,6 Millionen Euro IZBB-Mittel stecken in der Bausumme von 2,2 Millionen Euro.

Ulrich Kasparick (l.) und Hermann Winkler

Als ein "gutes Beispiel für Optik und Finanzen" wertete der Parlamentarische Staatssekretär Ulrich Kasparick die Nils-Holgersson-Grundschule in seinem Grußwort. "Die Bundesregierung engagiert sich gerne in der Bildung. Wir tun das in enger Absprache mit den Ländern. Die Gespräche mit den Ländern entwickeln sich erfreulich, und es hat sich eine ermutigende Aufbruchstimmung entwickelt." Das Ziel der Bundesregierung sei es, 25 Prozent aller Schulen in Deutschland zu Ganztagsschulen zu entwickeln, das wären etwa 10.000 Schulen. "Die Herausforderungen werden größer, und wir erhöhen unsere Anstrengungen", so der Politiker.

Staatsminister Hermann Winkler sah die sächsische Bildungspolitik "auf dem richtigen Weg". Zwar habe es "schmerzliche, notwendige Einschnitte" beim Personal wegen der mehr als halbierten Schülerzahlen geben müssen, aber die Grundschülerzahlen seien bereits wieder im Steigen begriffen. "Mit dem zusätzlichen Geld aus dem Ganztagsschulprogramm wollen wir möglichst viele Schulen ermutigen, den Weg zur Ganztagsschule zu gehen."

"Das sieht ja gar nicht aus wie eine Schule!"

Von einer "turbulenten Reise mit Bruchlandungen, Gegenwind und Turbulenzen" sprach Architekt Markurt in seiner Rede, aber die Mühen hätten sich gelohnt: "Dies ist ein Gebäude des 21. Jahrhunderts, das dank Solartechnik, ausgeklügelter Belüftungstechnik und Wärmerückgewinnungsanlagen zum Beispiel nur ein Fünfzehntel der Energie eines Plattenbaus benötigt. Wir wollen mit der Architektur ein Stück Heiterkeit vermitteln. Die Schüler sollen morgens fröhlich in das Gebäude kommen und abends traurig sein, wenn sie es verlassen müssen."

"Das sieht ja gar nicht aus wie eine Schule", hat Thorsten Markurt schön öfters gehört. "Danke für das Kompliment!", pflegt er darauf zu antworten. Zu deutschen Schulbauten fällt dem Architekten nichts Gutes ein. Um so schöner war es für ihn, seine Vorstellungen in Zusammenarbeit mit Gemeinde und Schule ohne Vorgaben entwickeln zu können. "Mit Mittelmäßigkeit wollten wir uns nicht zufrieden geben", beschreibt er den Planungsprozess, der sich von Mai bis September 2003 erstreckte. Im Dezember 2003 gab es die Genehmigung, zum 1. November 2004 war der Fördermittelbescheid da.

Nun können in diesem Schuljahr 76 Schülerinnen und Schüler in dieser Schule unterrichtet werden, in der alle Klassenräume miteinander verbunden sind und in der sich neben der Turnhalle auch die Küche und der Nachmittagsbereich unter dem selben Dach befinden. Großlehna verzeichnet bereits Zuzüge, weil Eltern ihre Kinder hier unterrichten lassen wollen.

Ein Thema zieht sich als roter Faden durch den ganzen Tag

"Hier sind alle Beteiligten hoch motiviert", erklärte Carina Radon. "Um Menschen zu motivieren, muss man sie begeistern, und Begeisterung ist die Triebfeder zum Erfolg. Man braucht aber nicht nur ein pädagogisches Konzept, sondern auch Erfahrung und den Willen zur Veränderung."

Schulleiterin Ute Jakob erhält von Staatssekretär Kasparick eine große Uhr
Schulleiterin Ute Jakob erhält von Staatssekretär Kasparick eine "Zeit für mehr!"-Uhr

Der Ganztagsunterricht in der Nils-Holgersson-Grundschule ist rhythmisiert, so bietet eine Musikschule ihr Angebot beispielsweise bereits am Vormittag an. Ab sechs Uhr beginnt die Betreuung, der Unterricht dauert bis 14 Uhr, die Kinder können aber auch bis 18 Uhr bleiben. Drei Erzieherinnen stehen in ständigem Kontakt mit den Lehrerinnen und nehmen auch an den Dienstbesprechungen teil. "Wir unterrichten auch viel klassenübergreifend und in offenen Unterrichtsformen", berichtet Schulleiterin Jakob. "Wir lehren differenzierend. Wichtig ist, dass jedes Kind anerkannt wird." Mit diesem Konzept geht es nun in diesem neuen Gebäude, "von dem wir ganz begeistert sind", richtig los, wie Ute Jakob verrät.

Anka Beckmann, die leitende Erzieherin, nennt als weitere Arbeitsgemeinschaften neben der Musik-AG Kreativität, Sport und Spiel und eine AG Kochen und Backen. "Wir bieten alles in Absprache mit den Lehrerinnen und ergänzend zum Unterricht an. Durch den ganzen Tag soll sich als roter Faden ein Thema ziehen", so Beckmann.

Als am Nachmittag der offizielle Einweihungsteil beendet ist und die Gäste sich durch das Schulgebäude führen lassen, hat sich vor dem Eingang bereits eine lange Schlange gebildet: Die Bürgerinnen und Bürger von Großlehna möchten auch einen Blick in diese ungewöhnliche Schule werfen. Die Hoffnung, dass sich die Schule zu einem Ortsmittelpunkt entwickelt, erfüllt sich schon am ersten Tag - und alles deutet darauf hin, dass es auch in Zukunft so bleiben wird.

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