Jugendbegleiter in Baden-Württemberg

Freiwilliges oder zivilgesellschaftliches Engagement ist in Zeiten knapper Kassen eine gefragte Ressource. Mit seinem Jugendbegleiterprogramm, in dem 250 Modellschulen vertreten sind, versucht Baden-Württemberg, diesen edlen Rohstoff zu Gunsten seiner ganztägigen Betreuungsangebote zu bergen. Seit Februar 2006 ist das Jugendbegleiterprogramm in seine erste Modellphase übergegangen - und die ersten Erfolge lassen hoffen.

Ein Land, das seinen Kindern dient, erweist sich selbst den besten Dienst. "Kinderland" werden, dies hat sich Baden-Württemberg auf seine Fahne geschrieben. Denn ein "Land, das sich als ,Kinderland' versteht, setzt auf die Zukunft", so Ministerpräsident Günther H. Oettinger in einer Regierungserklärung vom 9. November 2005. "Jugendbegleiter" spielen in Baden-Württemberg eine besondere Rolle, sie sollen das Land dabei unterstützen, "ganztägige Betreuungsangebote im schulischen Raum zu sichern und neu zu schaffen", heißt es im Eckpunktepapier des Jugendbegleiterprogramms.

Den Weg zum "Kinderland Baden-Württemberg", den Ministerpräsident Oettinger vor dem Landtag Baden-Württembergs ausbuchstabiert hat, sieht eine kombinierte Vielzahl an Maßnahmen der Landesregierung vor: angefangen von der frühkindlichen Bildung im Kindergarten, über die Kooperation von Kindergarten und Schule, zum Ausbau von Ganztagsschulen, die einen "verlässlichen Rahmen für Schüler und Eltern" schaffen, bis hin zum "ehrenamtlichen Jugendbegleiter, der Schule und Gesellschaft näher zusammenrücken" soll.

Kinderland "ganzheitlich"

Es geht um einen "ganzheitlichen Ansatz", Baden-Württemberg möchte auf dem Weg zum "Kinderland" verschiedene Handlungsfelder der Politik miteinander verzahnen: "Familien- und Bildungspolitik, Betreuung und Jugendarbeit, Demographie und Sozialpolitik". Dieser Ansatz zu einem kinderfreundlichen Land, so der Vorsitzende der Vereine Deutscher Landerziehungsheime, Dr. Wolfgang Harder, sei "modern und gut, aber in der Umsetzung auch kompliziert". Ein Weg zum Ziel ist das Jugendbegleiterprogramm des Landes Baden-Württemberg, das die Arbeit der hauptamtlichen Lehrkräfte durch ein - so Oettinger in der Regierungserklärung - "bundesweit einmaliges" ehrenamtlich fundiertes Angebot ergänzen soll.

Mit dem Jugendbegleiterprogramm versucht das Land, ehrenamtliches Engagement systematisch anzureizen, um es den Betreuungsangeboten der Ganztagsschulen zugute kommen zu lassen. Bis 2014 will Baden-Württemberg nämlich rund 40 Prozent aller allgemein bildenden Schulen auf offene Ganztagsangebote umstellen. Um diese Zielvorgabe zu erfüllen, sucht das Land ehrenamtliche Jugendbegleiter, die sich hauptsächlich in der Betreuung engagieren: "Die Schule soll sich für engagierte Bürgerinnen und Bürger öffnen", akzentuiert die Projektmitarbeiterin des Jugendbegleiterprogramms, Dr. Sonja Kuhn.   

Ressource Ehrenamt

Dr. Eckart Woischnik und Brigitte Kieser

Die Pädagogin ist Ansprechpartnerin für 250 Modellschulen und mit ihrer Beratungsstelle, die bei der Servicestelle Jugend in der Jugendstiftung Baden-Württemberg angesiedelt ist, für die praktische Umsetzung des Jugendbegleiterprogramms zuständig. Ihre Aufgaben, die in erster Linie operativer Art sind, umfassen Beratung und Vernetzung, Koordination der Mittelvergabe, die Organisation von Regionalkonferenzen, fortlaufende Evaluation und Dokumentation des Projektes und natürlich die "vielen kleinen Aufgaben des Alltags". Im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg werden die Rahmenbedingungen durch den Ministerialrat Dr. Eckart Woischnik und die Referentin Brigitte Kieser abgesichert.

Um die Ressource ehrenamtliches Engagement und Freiwilligkeit dauerhaft attraktiv zu machen, stellt das Kultusministerium im Rahmen des Programms den Schulen vor Ort ein "Schulbudget" zur Verfügung, das durch kommunale Mittel und weitere Gelder (z. B. Sponsoren, Elternbeiträge) aufgestockt werden kann. "Die Jugendbegleiter bekommen von den Schulleitungen eine Aufwandsentschädigung." Da sich auch Arbeitslose unter den Interessenten für den "Jugendbegleiter" finden, ist dieses Budget sicherlich ein Anreiz. Aber es ist nicht alles, denn für Sonja Kuhn zählt auch die intrinsische Motivation, etwa von Hausfrauen oder Übungsleitern in Vereinen, also von Bürgerinnen und Bürgern, die ihre Lebenserfahrung und ihre reichhaltigen Kompetenzen in die Ganztagsbetreuung einbringen wollen.

Die Jugendbegleiter in spe, die in den Bereichen Sport, Kultur, Musik, Naturwissenschaften, Arbeitswelt, Naturwissenschaften oder im Umwelt- und Naturschutz eingesetzt werden, sollen pädagogische Vorkenntnisse mitbringen. Sie verpflichten sich dazu, mindestens ein Schulhalbjahr als Jugendbegleiter in der Primarstufe und der Sekundarstufe I im Einsatz zu sein. Ihre "wöchentliche Arbeitszeit richtet sich nach den örtlichen Erfordernissen und wird zwischen den außerschulischen Partnern und der Schule entsprechend den Rahmenvorgaben der Schulleitung und des Schulträgers vereinbart", heißt es in den Eckpunkten zum Jugendbegleiterprogramm.

Feinschliff für die Jugendbegleiter

Die Jugendbegleiter erhalten zusätzlich bei Bedarf eine Grundqualifikation, die ebenfalls vom Kultusministerium finanziert wird. Diese besteht - Kuhn zufolge - aus drei Modulen: aus einem Pädagogik-, einem Praxis- und einem Schulmodul. Außer den Aufgaben und der Qualifikation der Jugendbegleiter regelt das Ministerium noch die Versicherungsfragen und das Finanzvolumen, das die jeweilige Schule erhält.

In einer Rahmenvereinbarung, die am 14. Februar 2006 unterzeichnet wurde, und an der sich - laut Sonja Kuhn - "über 80 Verbände und Institutionen beteiligt haben", werden die Eckpunkte zur Mitwirkung am Jugendbegleiterprogramm ausdrücklich festgelegt. Sie beschreiben zum Beispiel die Aufgabenfelder und Qualifikationsanforderungen der Jugendbegleiter oder den formalen Rahmen ihrer Tätigkeit, in denen rechtliche, organisatorische und finanzielle Dinge geregelt werden.

Parallel dazu informiert die nutzerfreundliche Homepage des Programms "Jugendbegleiter in Baden-Württemberg" (http://www.jugendbegleiter.jugendnetz.de) auch über die Praxis sowie über die 250 Modellschulen. Dem Selbstverständnis nach handelt es sich bei dem Jugendbegleiterprogramm - wie auf der Homepage nachzulesen ist - nicht um ein "von oben" aufgesetztes Programm, sondern um "ein individuell zu entwickelndes Angebot vor Ort für jede Schule, das, abgestimmt auf die konkreten lokalen Gegebenheiten, Partner und Bedürfnisse entwickelt wird."

Schulen verlassen ihr Schneckenhaus

Eginhard Fernow

Das Jugendbegleiterprogramm steht und fällt mit seiner Umsetzung an den Schulen vor Ort. Das heißt, bei den 250 Modellschulen ist nunmehr Verantwortung und Eigeninitiative gefragt, denn sie suchen ihre Kooperationspartner in lokal angesiedelten Vereinen, Verbänden oder Institutionen und bilden Koordinierungsgruppen, die den Wochenplan und neue Betreuungsangebote erstellen. Über die Servicestelle Jugend bekommen sie außerdem ein Praxishandbuch, einen so genannten Rahmenkatalog mit Adressen und Informationen zu den jeweiligen regionalen Ansprechpartnern, an die Hand.

"Schule darf und kann keine Insel in der Gesellschaft, in der Gemeinde sein. Schule muss Lebensraum sein, eingebunden in die gesellschaftliche Dynamik unserer Zeit. Deshalb ist es dringend erforderlich, dass sich die Schulen öffnen und vielfältige gesellschaftliche Gruppen herein holen. Lernen muss von Anschauung und Wirklichkeit geprägt sein", so Schulleiter Eginhard Fernow von der Kirbachschule Hohenhaslach bei Ludwigsburg. In anderen Worten: Schulen müssen erst ihr Schneckenhaus verlassen, bevor sie erfolgversprechende Kooperationen eingehen, wie Fernow in einem Interview erläutert, das auf der Homepage des Jugendbegleiterprogramms nachzulesen ist:

Wer den Mut hat, sein Schneckenhaus zu verlassen, wird von der Welt mit offenen Armen empfangen, wie das Beispiel der IHK Heilbronn-Franken veranschaulicht: "Die Wirtschaft hilft den Schulen", weiß Renate Rabe von der IHK Heilbronn-Franken. Sie müssen es aber auch wollen, denn die Schwierigkeiten bei der Anbahnung von Kontakten gingen in der Regel von den Schulen aus und man erreiche diese nur über persönliche Kontakte: "Unsere Mitarbeiterin Christine Hagen besucht die Schulen und leistet jede Menge Überzeugungsarbeit für das Programm", fügt Rabe hinzu.

Die offenen Arme der Kooperationspartner

Skepsis überwog zum Auftakt des Jugendbegleiterprogramms auch bei der IHK, die als Dachverband der Unternehmen im Kammerbezirk figuriert. Doch als Renate Rabe auf einer Vollversammlung den Grundgedanken des Jugendbegleiterprogramms vorstellte, "sind wir auf enormen Zulauf bei den Mitgliedsfirmen gestoßen". Den Unternehmen komme nun zugute, dass die IHK seit zwei Jahren Vorarbeit für das Jugendbegleiterprogramm geleistet habe. Rund 6.200 Stunden habe sie mittlerweile für das Jugendbegleiterprogramm angeworben und 70 Unternehmen, die bereit seien, mit neun Modellschulen zu kooperieren. Es stellte sich heraus, dass die Mehrheit der Jugendlichen nur eine Handvoll duale Berufsausbildungen kennen, obwohl es weit über hundert gibt.

"Viele Kinder und Jugendliche bringen unrealistische Vorstellungen über die duale Berufsausbildung mit", ergänzt Rabe. Einige kämen mit der Realität in den Betrieben nicht zurecht: "Die Unternehmen zeigen aber, welche Qualifikationen sie erwarten", so Rabe weiter. Dazu gehöre außer solidem Grundwissen auch immer mehr der Bereich der sozialen Kompetenzen. Nun helfen Partner-Unternehmen den Modellschulen zum Beispiel dabei, den Chemie- und Physikunterricht durch Elemente aus der Arbeitswelt zu ergänzen und damit interessanter zu gestalten.

Eine Vision hat Renate Rabe auch: dass es dem Jugendbegleiterprogramm gelingt, bis Ende 2007 die 189 Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien, also alle Schulen des Kammerbezirks, mit einer Lernpatenschaft auszustatten. Auf einer der mittlerweile neun Regionalkonferenzen, die Bestandteil des Programms sind, habe die IHK Heilbronn-Franken festgestellt, dass viele Schulen zwar über das Programm informiert sind, nicht aber darüber, dass die IHK's in Baden-Württemberg den Schulen auch beim Knüpfen von Kontakten zur Wirtschaft behilflich sind. Nicht zuletzt deshalb kämen viele Jugendbegleiter ja aus der Wirtschaft.

Noch ist Zeit genug, um das Programm dem "Kinderland Baden-Württemberg" schmackhaft zu machen, denn bis 2014 soll der flächendeckende und bedarfsorientierte Ausbau vollzogen sein. Bis dahin hat der "Jugendbegleiter" Zeit und Potenzial, um seine "enorme gesellschaftspolitische Tragweite", so Oettinger in seiner Regierungserklärung, auch bundesweit zu demonstrieren.

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