Ganztagsschule und ihre Region

"Ganztagsschule und ihre Region" - bei der 8. Tagung des Tutzinger Netzwerks für Schule und Lehrer am 17. und 18. Oktober 2007 in der Evangelischen Akademie Tutzing hieß das vor allem: Ganztagsschulen in Bayern und Baden-Württemberg. Bezogen auf ihre Bundesländer diskutierten Pädagogen und Kommunalpolitiker engagiert die Fragen: Wie ist das Verhältnis von Anspruch und Realität in der Entwicklung der Ganztagsschule? Und welche Herausforderungen und Möglichkeiten bieten die Ganztagsschulen für die kommunale Schulpolitik?

Tagungssaal in der Evangelischen Akademie Tutzing

Der demographische Wandel ist kein auf den Osten Deutschlands beschränktes Phänomen. Auch in Bayern ist die Entwicklung für einige Kommunen besorgniserregend. "Es gibt demographisch gewaltige Unterschiede", meint Klaus Wenzel, der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV). "Nur München und der Speckgürtel um die Landeshauptstadt erfahren noch Zuwächse."

Für manche Kommunen, gar manche Regionen stellt sich die Frage, wie man in einigen Jahren den Schulbetrieb noch aufrecht erhalten will. Welche Schulen muss und kann man schließen? Welchen Schulweg kann man den Schülerinnen und Schülern zumuten?

Die Tagung "Ganztagsschule und ihre Region" am 17. und 18. Oktober 2007 in der Evangelischen Akademie Tutzing machte deutlich, dass es für viele Kommunen keine Frage des "ob", sondern nur noch des "wie" ist, auf die Herausforderungen dramatisch sinkender Schülerzahlen zu reagieren.

Für Roswitha Terlinden, Studienleiterin an der Evangelischen Akademie, geht es inzwischen auch bei der Ganztagsschule im Freistaat "nur noch um das ,wie'": "Inzwischen sprechen sich alle Verantwortlichen für die Ganztagsschule aus - als Antwort auf bildungs- und sozialpädagogische Herausforderungen, als familienpolitische Leistung und hinsichtlich der Lernleistungen der Schülerinnen und Schüler", formulierte sie zur Begrüßung der rund 40 Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer.

Gute Ganztagsschulen als "Aushängeschild" für die Kommune

Das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes habe zu einem Bewusstseinswandel in den Kommunen beim Ausbau der Ganztagsschulen geführt und vieles in Gang gesetzt. Die Zusammenarbeit zwischen diesen Schulen und den Kommunen sei dabei der Schlüssel für eine erfolgreiche Arbeit. Immer mehr Kommunen begriffen, dass gute Ganztagsschulen ein "Aushängeschild" seien, mit denen man Familien an den Ort binden könne.

Dazu passt, dass der Bayerische Elternverband am 13. November 2007 einen Ausbau der Ganztagsschulen fordert: "Die Zeiten, in denen Ganztagsschulen allenfalls als Sozialisierungsmöglichkeit für Kinder aus sozialen Brennpunkten betrachtet wurden, sind längst vorbei. Eltern haben die pädagogische Chance einer Ganztagsschule erkannt und wissen, dass Ganztagsschule etwas völlig Anderes ist als die Verlängerung des Elends des Vormittags in den Nachmittag hinein."

Auf der 8. Tagung des Tutzinger Netzwerks für Schule und Lehrer sollte es nicht nur um die Frage nach dem Verhältnis von Anspruch und Realität in der Entwicklung der Ganztagsschule gehen, sondern auch um die Möglichkeiten, die sie für die kommunale Schulpolitik bietet. Das Netzwerk wollte dazu eine Brücke zwischen Theorie und Praxis bauen. Neben Wissenschaftlern kamen daher überwiegend Praktiker aus Schulen und Kommunen zu Wort.

Finden und Entdecken statt Reproduzieren

Für den theoretischen Impuls sorgte Prof. Dr. Peter Fauser von der Universität Jena. Grundsätzlich stellte der Erziehungswissenschaftler fest, dass "sich die Probleme im Bildungsbereich nur noch dezentral steuern lassen". Um die Schulen zukunftsfähig zu machen, bedarf es laut Fauser aber mehr. Lernen habe mehr mit Finden und Entdecken, weniger mit Reproduzieren zu tun. "Der Unterricht ist noch zu häufig ein Verkündigungsritual, es reicht aber nicht aus, nur geradeaus zu denken. Schulen benötigen erzieherische und pädagogische Flexibilität", führte Fauser aus. Dazu gehöre auch, einen engeren Zusammenhang zwischen Schule und Lebenswirklichkeit herzustellen.

Die Schule als Lebensraum, in die gesellschaftliches Leben hineinkommt - auf diesem Weg sieht Kultusstaatssekretär Bernd Sibler die Ganztagsschulen. "Es geht um mehr als das schulische Vorankommen, es muss auch Platz für Musisches und Kulturelles und Raum für die Jugendhilfe geben. Die Ganztagsschule muss bei der Förderung für die Eltern einspringen, was in einer Halbtagsschule so nicht möglich ist", meinte der Politiker. Man stehe erst am Anfang einer Entwicklung, bis 2013 sollte es aber überall da Ganztagsschulen geben, wo sie gewünscht seien.

Ästhetische Bildung als Eckpfeiler der Ganztagsschule

Ganztagsschulen, welche die von Peter Fauser und Bernd Sibler erwähnten Ansprüche teilweise oder weitgehend verwirklicht haben, kamen am zweiten Tag der Tagung zu Wort. Ein besonders schillerndes Beispiel bietet die Hauptschule an der Perlacher Straße in München, eine Schule mit einstmals "schlechtem Ruf" in einem schwierigen Viertel. Laut Rektor Wolfgang Miller hat sich seit der Einführung der Ganztagsschule eines schon fundamental geändert: "Heute haben wir einen guten Ruf."

300 Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 9 umfasst die Hauptschule, davon rund 90 Prozent Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. Die Einführung der Ganztagsschule, "von der ich drei Wochen vor Ferienbeginn erfahren habe", nutzte man zur starken Integration von Kunst und Kultur. Dies geschah im Einklang mit dem bayerischen Lehrplan, der in seiner Präambel auf die ästhetische Bildung als zentralen Bestandteil der Schulbildung verweist. Der Anspruch seiner Schule bestand Miller zufolge darin, "Qualität in die Schule zu holen".

Die Kunstprojekte mit außerschulischen Partnern integrierte man in den rhythmisierten Stundenplan und verband sie mit dem Lehrplan: "So fertigen die 5. Klassen Pinsel aus Naturmaterialien, wenn die Höhlenmalerei Unterrichtsgegenstand ist", gab Miller ein Beispiel. Theater, Fotografie, Bildnerisches Gestalten und Tanz sind weitere Schwerpunkte der in den Schultag integrierten ästhetischen Bildung. Auch die Schulsozialarbeit ist mit regelmäßigen Teamtreffen und monatlichen Besprechungen mit den Klassenlehrern und Kulturpädagogen fest eingebunden.

Eltern sehen zunehmend Vorzüge

"Die Schülerinnen und Schüler nehmen die Projekte sehr positiv auf", beschreibt der Rektor die Entwicklung an der Hauptschule an der Perlacher Straße. "Sie haben Spaß, sie erfahren sich selbst und können mitbestimmen. Insgesamt sind sie motivierter als zu Halbtagsschulzeiten." Auch die Eltern nähmen diese Veränderungen an ihren Kindern wahr. Für die Lehrer ergebe sich der Vorteil, die Kinder und Jugendlichen anders kennen lernen zu können. Ein großes Problem sei inzwischen, dass sich die Halbtagsklassen wegen der Angebote für Ganztagsschülerinnen und -schüler beinahe zurückgesetzt fühlen.

Als Bundessieger im "Mixed Up"-Wettbewerb in diesem Jahr hat die Hauptschule eine Bestätigung und Würdigung ihrer Arbeit erfahren, "die man mich machen lässt, so lange ich nicht mehr Geld verlange", wie es Miller lakonisch ausdrückt. Das Vorbesprechen des Unterrichts mit den Partnern und das gemeinsame Aneignen von Methodenwissen koste viel Zeit - "dennoch machen die Kollegen das gerne", versicherte der Rektor.

Auch an der Hauptschule Bobingen sind positive Veränderungen seit der Einführung der Ganztagsschule spürbar, wie Rektor Ulrich Bathe erklärte. Anfang Mai 2007 hatte die Schule die Genehmigung zur Einführung einer Ganztagsklasse im 5. Jahrgang erhalten. "Zunächst sprachen sich nur 18 Eltern für eine solche Klasse aus, aber nach einem Informationsabend hatten wir 32 Anmeldungen und eine gut durchmischte Klasse", erinnerte sich der Rektor. Schon nach acht Unterrichtswochen beobachte man nun eine Gemeinschaftsbildung in dieser Klasse, die an vier Tagen bis 16.30 Uhr in der Schule ist, wie es sie in anderen Klassen nicht gebe. "Auch die schwierigen Kinder sind eingebunden", berichtete Bathe.

Schulsozialarbeit als Partner

An der Mörikeschule im baden-württembergischen Backnang, einer Grund- und Hauptschule mit Werkrealschule, hatte sich das 60-köpfige Kollegium 1999 einstimmig für die Ganztagsschule ausgesprochen, "weil wir merkten, dass den Kindern in der Hauptschule etwas fehlt", so Rektor Klaus Lindner. Alle Klassen wurden daraufhin zu Ganztagsklassen erklärt. "Ohne Schulsozialarbeit könnten wir unsere Arbeit so nicht leisten", erklärte der Rektor. "Wir können so kindgerechter arbeiten, sehen aber auch Dinge, die wir manchmal lieber nicht sehen wollen. Manches können wir ändern, anderes nicht."

Zusammen mit der Schulsozialarbeit hat man ein Sozialcurriculum erarbeitet: In der 5. Klasse findet ein Sozialkompetenztraining statt, in der 6. Klasse Benimmkurs und Erlebnispädagogik, in der 7. Klasse geschlechtsspezifisches Arbeiten, in der 8. Klasse Suchtprävention und in der 9. Klasse ein weiterer Benimmkurs. Alle Klassen verfügen über Streitschlichter und Klassenrat. "Wir gehen bei allem sehr kleinschrittig vor, man darf sich zu Beginn nicht übernehmen", warnte Lindner.

Die Zusammenarbeit mit anderen Professionen wertet er als Bereicherung. Die Jugendsozialarbeit biete eine Einzelfallberatung an, die jeder in der Schule - Lehrer, Schüler, außerschulische Pädagogen oder Eltern - beantragen könne. "Wir gehen präventiv und bei Krisen in die Klassen", berichtete Sabine Bornträger, die Leiterin der Schulsozialarbeit. "Wir stellen uns auch auf die Eltern ein und besuchen die Familien zu Hause."

Gläserne Aula als Ausdruck einer offenen Schule

Die Elternarbeit ist Lindner zufolge sehr wichtig. Wichtig sei aber auch eine klare Ansprache an die Eltern. "Wenn wir zu Elternabenden einladen, dann mit den Worten: ,Das ist eine Pflichtveranstaltung. Entschuldigung nötig bei Abwesenheit.' Jeder, der dann nicht kommt, wird zu einem Einzelgespräch eingeladen. Hier hilft kein pädagogisches Rumgeeiere, sondern man muss Flagge zeigen." Zu bestimmten Erziehungsthemen wolle die Mörikeschule demnächst Veranstaltungen anbieten.

"Man muss nicht erst eine Krise durchmachen, um zu erkennen, dass wir die Bildungsinstitutionen verändern müssen", meinte Bernd Müller. Der Bürgermeister von Bobingen, einer Kleinstadt mit knapp 17.000 Einwohnern, findet, "dass inzwischen die Einsicht da ist, dass man Schulen öffnen und kleine Bildungslandschaften bilden muss". Bei der örtlichen Hauptschule zeige sich das schon rein äußerlich: Mit einer gläsernen Aula Richtung Rathausplatz.

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