Ganztagsschulkongress 2007: Forum "Lokale Bildungslandschaften"

Seit dem ersten Ganztagsschulkongress sind die Foren wahre Ideenschmieden und Impulsgeber für die Praxis. Auf dem vierten Ganztagsschulkongress am 21. und 22. September 2007 in Berlin wurden sie ihrer Aufgabe, Austausch zu fördern und Arbeitsnetze zu knüpfen, wieder mehr als gerecht. Sie spiegelten die Vielfalt der "Lokalen Bildungslandschaften" und waren Orte echter Partizipation.

Musikgruppe auf der Bühne des Ganztagsschulkongresses

Ohne seine Foren wäre der Ganztagsschulkongress in Berlin nicht das, was er ist. Sie sind Orte echter Teilhabe und eröffnen individuelle Perspektiven und Lösungen für die Problemlagen der "Lokalen Bildungslandschaften" in Deutschland. Auch auf dem diesjährigen 4. Ganztagsschulkongress am 21. und 22. September 2007 steckten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Nachmittag des ersten Kongresstages in intensiver Gruppenarbeit die Köpfe zusammen. Sie hatten es als Experten in eigener Sache selbst in der Hand, welche Themen und Ergebnisse in ihren Gruppen erarbeitet wurden.

Insgesamt sechs Foren befassten mit den zentralen Themen und Fragestellungen der "Lokalen Bildungslandschaften" in Deutschland. Die Themenschwerpunkte der Foren waren dabei so vielfältig wie die Hintergründe und Herausforderungen lokaler Bildungsplanung in den Kommunen und Regionen.

Die Themenschwerpunkt lauteten wie folgt:

  • Forum 1: "Akteure und Methoden: Wie lassen sich lokale Bildungslandschaften planen?" mit Dr. Stephan Maykus (Institut für soziale Arbeit e.V.)
  • Forum 2: "Neue Perspektiven: Kinder und Jugendliche gestalten lokale Bildungslandschaften" mit Dr. Benedikt Sturzenhecker (IPB, Kiel).
  • Forum 3: "Im Zentrum: Ganztagsschulen nutzen die Chancen lokaler Bildungslandschaften" mit Wilfried Lohre (Bertelsmann Stiftung).
  • Forum 4: "Regionale Profile: Städte, Gemeinden und Kreise verzahnen Bildungsräume" mit Dr. Heinz Jürgen Stolz (Deutsches Jugendinstitut).
  • Forum 5: "Familien und lokale Bildungslandschaften: Gemeinsam lernen und gestalten" mit Dr. Jan W. Schröder (Leiter des Servicebüros Lokale Bündnisse für Familie).
  • Forum 6: "Lernende Netzwerke: Professionalisierung der Akteure lokaler Bildungslandschaften" mit Dr. Norbert Reichel (Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen).

Jedes Forum wurde mit einem Vortrag eingeleitet, dessen zentrale These ein Praxisbeispiel illustrierte. Daraufhin bildeten sich Kleingruppen. In Einzelarbeit sollten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nun mit den wichtigsten Aussagen des Vortrags auseinandersetzen. 

Bildungslandschaften anschaulich gemacht

Die Arbeitsgruppen wurden nach einem Meinungsaustausch in Zweiergruppen neu zusammengestellt, um die Funktionsweise der "Lokalen Bildungslandschaften" mittels der Visualisierungsmethode zu veranschaulichen. Nach dem Prinzip: Was das Auge sieht, kann der Verstand besser begreifen. In den Gruppen einigte man sich zuvor auf ein gemeinsames Beispiel.

Dann nahm die Gruppenarbeit ihren Lauf. Alle Experten in den Foren verfügten über neun "Akteurskarten". Sie standen für die Themenbereiche "Schule", "Verbände", "Politik" und "Verwaltung", "Jugendhilfe", "Kitas", "öffentliche kulturelle Einrichtungen", "Familie, Eltern, Schülerinteressen" und "Wirtschaft". Sechs "Ressourcenkarten" bildeten das Pendant zu den "Akteurskarten", sie standen für die Bereiche "Räume", "Geld", "Personal", "Gestaltungsmacht", "Beziehungen und Kontakte" sowie "Ideen und Konzepte" und wurden mit drei Sorten von Beziehungskarten verbunden, die je nach Struktur der Bildungslandschaft "bestehende, gute Beziehung", "lockere, gute Beziehung" und "problematische, schwierige Beziehung" bezeichneten.

Nun wurden in den Gruppen Spinnennetze lokaler Bildungslandschaften gewebt. Die Gruppen einigten sich zunächst auf einen Moderator, der die Netzstrukturen der Bildungslandschaften auf einer Magnettafel mit den Karten visualisierte. Teamwork par excellence, dessen Nutzen für die Arbeit in den Bildungslandschaften vor Ort von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gewürdigt wurde. Denn die zahlreichen aus den Gruppen entstandenen Diagramme markierten die Schwelle zur Realität, in vielen Fällen gaben sie sogar die Realität modellhaft wieder.

Praxisbeispiele aus West und Ost

Außerdem gingen neue Kontakte und Ideen aus der Gruppenarbeit hervor. Vorbildlich war die visuelle Gestaltung der Bildungslandschaft Jena Nord. So hat die Stadtverwaltung Jena dafür gesorgt, dass Schule und Jugendhilfe von Anfang an auf einer Augenhöhe zusammenarbeiteten. Nachdem ein Drittel des Stadtgebietes wegen des Abzugs der Sowjetarmee im Gefolge der deutschen Wiedervereinigung seit 1992 brach lag, sah sich Jena vor der Aufgabe, soziale und soziodemographische Transformation zu gestalten. Sie nutzte diese Krise zur Vernetzung städtischer und öffentlicher Einrichtungen. Angestrebt wurde eine "Kultur des Aufwachsens" aller Kinder und Jugendlichen.

Das jüngste Projekt der Stadt Jena, mit dem sie die Fahrkarte nach Berlin lösten, ist die gleichberechtigte Unterbringung von Ganztagsschule und Jugendhilfe im "Jugendzentrum Nord". Es möchte junge Menschen unterschiedlicher Bildungswege und Biographien zusammenbringen. Während der Planungsphase wurden die Kinder und Jugendlichen im Rahmen einer Zukunftswerkstatt unmittelbar beteiligt: "Hierbei werden verschiedene Konzepte in die Überlegungen einbezogen, so zum Beispiel die Idee der ,Lokalen Bildungslandschaft' vom Deutschen Jugendinstitut in München", heißt es in einer Berichtsvorlage für den Stadtrat Jena vom 23. Mai 2007.

Bundesweite Bildungsnetze knüpfen - lokal handeln

"Für die Mehrzahl der Kommunen in Deutschland", so der Bildungsexperte Dr. Heinz Jürgen Stolz vom Deutschen Jugendinstitut (DJI), "haben sich die Ganztagsschulen als der zentrale Ansatzpunkt herauskristallisiert, um integrierte Bildungslandschaften zu schaffen."

Tobias Helmstorf in der Kleingruppe

In "Forum 4: Regionale Profile" formulierte er seine zentrale These: "Ganztägige Bildung lässt sich künftig nicht mehr adäquat in der Letztverantwortung der Schulleitung gestalten, sondern sie muss lokal verantwortet werden. (Ganztags)Schule ist dabei ein wichtiger Akteur in der Bildungslandschaft, aber eben nicht (mehr) die ,Spinne im Bildungsnetz'."

Streng wissenschaftlich gesehen, müssen vier Dimensionen beachtet beziehungsweise entwickelt werden, wenn eine "Lokale Bildungslandschaft" in Kooperation mit den Ganztagsschulen und der Jugendhilfe gelingen soll. Erster Punkt: Für eine integrierte kommunale Fachplanung ist es unerlässlich, die Schulentwicklungsplanung mit der Jugendhilfe, Sozial- und Raumplanung zu verzahnen. Bildungsnetze knüpfen, lautet die zweite Kardinaltugend "Lokaler Bildungslandschaften". Es müssen aber öffentlich verantwortete und partizipative Bildungsnetzwerke sein. Als Hilfe für die Praxis vor Ort nannte Stolz die Visualisierungshilfe in den Foren.

Die "Lokale Bildungslandschaft" bedarf drittens der Umgestaltung des gesamten lokalen Raums zu einer anregenden Lern- und Lebensumgebung, etwa dadurch, dass Orte der Hochkultur wie Museen oder Theater für alle geöffnet werden. Viertens müssten die Aktionen und Strukturen vor Ort durch gemeinsame Fortbildung von Lehr- und Fachkräften professionalisiert werden, um ein besseres Verständnis der Arbeitsweise der Partner zu ermöglichen oder um gemeinsam durchgeführte Angebote wie innovative Unterrichtsgestaltung aufzubauen.

Große Koalitionen überparteilicher Vernunft

"Normalerweise muss eine Bildungslandschaft im Konsens hergestellt werden", brachte Heinz Jürgen Stolz seine Ausführungen auf den Punkt. Also in überparteilicher, an der gemeinsamen Sache orientierten Art und Weise. Sie bedarf lokaler oder regionaler Verfahrensweisen.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Forums

Auf welchem Wege diese "großen Koalitionen" vor Ort gelingen, die ja in den erfolgreichen skandinavischen Nationen oder in Kanada selbstverständlich sind, illustrierten zwei Praxisbeispiele in Forum 4. Fallbeispiele waren der Landkreis Soltau Fallingbostel in Niedersachsen sowie Wernigerode in Sachsen-Anhalt.

Wie baut man aber Bildungslandschaften unter anderen Gesichtspunkten auf? Auskunft gaben weitere Praxisbeispiele in den Foren: In Forum 1 wurden das saarländische Modell vorgestellt: "Gemeinsam planen - Jugendhilfe und Schule: Vom Nebeneinander zum Miteinander" sowie "Die lokale Bildungsplanung in der Stadt Weiterstadt"  in Hessen. In Forum 2 die Beispiele "Ganztags aktiv" des Werk- und Bildungszentrums Bleiberger Fabrik in Nordrhein-Westfalen sowie der Stadtjugendring Gera e.V. in Thüringen.

Schülerpartizipation als Salz in der Suppe

In Forum 3 wurden die Beispiele "Bildung lokal verantworten - Kooperation von Grundschulen und Hort in Sachsen" sowie Neudietendorf vertieft. Forum 5 präsentierte die Praxisbeispiele "Von der Vormittagsschule über die Offene Ganztagsschule hin zum Familienzentrum" in Schleswig-Holstein sowie "Familientreff Blockdiek in der Ganztagsschule Düsseldorfer Straße" in Bremen. Forum 6 schließlich widmete sein Augenmerk dem Verbundprojekt "Lernen für den Ganztag": Qualifizierungsreihe ,Train the Trainer' in Rheinland-Pfalz sowie "Ganztagsschulen kommunal vernetzen: Qualitätszirkelarbeit in NRW".

Das Salz in der Suppe waren wieder einmal die Jugendlichen in "Forum 2: Neue Perspektiven". In Gesellschaft eingeladener erwachsener Experten formulierten sie ihre Vorstellungen und Wünsche "Lokaler Bildungslandschaften" an das Plenum zum Abschluss des vierten Ganztagsschulkongresses. Wir widmen ihrem gruppeninternen Austausch und ihrem partizipatorischen Ansatz einen eigenen Beitrag.

Lesen Sie hier den 1. Teil unserer Ganztagsschulberichterstattung.

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