Ganztagsschulkongress 2007: Ganztagsschulen und lokale Verantwortung

Rund 1.300 Ganztagsschulprotagonisten aus ganz Deutschland versammelten sich am 21. und 22 September 2007 im Berliner Congress Center, um auf dem 4. Ganztagsschulkongress unter der Überschrift "Ganztagsschulen werden mehr - Bildung lokal verantworten" über lokale Bildungslandschaften zu diskutieren. Unter Beteiligung internationaler Experten wurden in Vorträgen und Foren alle Aspekte dieses Themas beleuchtet.

Schulamtsleiter Eino Leisimo (l.) und Schulleiter Sami Kalaja

Still ist es im Kuppelsaal des Berliner Congress Center - die Zuhörerinnen und Zuhörer müssen offensichtlich verdauen, was sie da gerade gehört haben: Auf der Bühne hat ein Schulleiter ausdrücklich seinen Schulamtsleiter gelobt: "Ich freue mich über die Unterstützung und Hilfe, die ich durch ihn erhalte. Es ist schön zu wissen, dass man in einem Team arbeitet und nicht auf sich alleine gestellt ist." Und dann bezeichnet der Schulleiter den Schulamtsleiter auch noch als "meinen Boss".

Nicht, dass es hier zu Lande nicht auch solche engen Bande zwischen Schulen und Schulämtern gibt, aber ein solches Bekenntnis klingt doch noch immer etwas fremd. Dazu passt, dass der Sprecher aus dem finnischen Jyväskylä kommt: Sami Kalaja ist Schulleiter der Gemeinschaftsschule Kilpinen und reiste als Experte zum 4. Ganztagsschulkongress an, um zusammen mit Schulamtsleiter Eino Leisimo, der selbst viele Jahre Schulleiter gewesen ist, über die kommunale Schulentwicklung in ihrer Stadt zu berichten.

Das Thema des diesjährigen Ganztagsschulkongresses lautete: "Ganztagsschulen werden mehr. Bildung lokal verantworten". Rund 1.300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten an zwei Tagen auf der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK) in Kooperation mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) organisierten Veranstaltung über lokale Bildungslandschaften. Denn nach der Erkenntnis, dass Lernen nachhaltiger und Lehren stressfreier wird, wenn man nicht ständig als Einzelkämpfer auf sich allein gestellt ist, setzt sich nun auch die Beobachtung durch, dass eine abgestimmte Zusammenarbeit aller Bildungsinstitutionen einer Kommune eine bessere Bildung, Erziehung und Betreuung der Schülerinnen und Schüler ermöglicht.

Finnland: Schulen für alle transparent

Eva Luise Köhler beim Stand des BMBF

Wer Sami Kalaja und Eino Leisimo auf der Bühne erlebt, bekommt eine Ahnung davon, dass lokale Bildungsplanung alles andere als ein abstrakter Begriff ist, sondern bereits bei der stimmigen Chemie zwischen den im Bildungsbereich Tätigen einer Kommune beginnt. In Jyväskylä sind die Strategien, welche die Stadt für ihren Bildungssektor verfolgt, mit denen des Unterrichts und dem Jahresplan der einzelnen Schulen abgestimmt. Schulleiterkonferenzen und Personalgespräche werden regelmäßig mit dem Schulamt abgehalten. Der Schulbetrieb wird ebenso wie die Zusammenarbeit mit den außerschulischen Partnern jährlich evaluiert. Alle drei Jahre erfasst man durch Umfragen die Elternzufriedenheit. "Die Schulen sind für alle transparent", so Leisimo.

Ausbildung der Lehrkräfte werden durch sie festgelegt und organisiert. Dafür können sich die Schulen ihr Personal selbst aussuchen. Der entscheidende Punkt ist, dass die Strategien der Kommune mit jeder einzelnen Schule gemeinsam geplant werden. "Und wir treffen in der Schule keine Entscheidungen, ohne zu überlegen, welche Auswirkungen diese auf unsere Schülerinnen und Schüler haben", erklärte Schulleiter Kalaja.

Beispiele wie das aus Jyväskylä, einer Stadt mit 85.000 Einwohnern, verdeutlichten, warum manche Bildungsregionen Europas den deutschen nicht nur in Sachen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler voraus sind. Auf dem Ganztagsschulkongress wurde sichtbar, wie auch in Deutschland lokale Bildungslandschaften entstehen. Ein Beispiel ist die Stadt Rostock. Im Juni 2003 verabschiedete die Hansestadt Leitlinien zur Kooperation von Jugendarbeit und Schule, nachdem die demographische Entwicklung und die hohe Abwanderung den Einrichtungen einen großen Legitimationsdruck auferlegten. Das Schulamt wählte zwei Stadtteile aus, in denen sich verschiedene Institutionen zu einer Bildungslandschaft verzahnen sollten. In jedem der Stadtteile beteiligten sich ein bis zwei Schulen, Schulsozialarbeiter von freien Trägern, die regional zuständige Fachberaterin des Jugendamtes, eine Jugendeinrichtung und ein Stadtteilbegegnungszentrum.

Zeit und Geduld für Bildungslandschaften

In Rostock-Evershagen schlossen sich das Ostseegymnasium, die Regionale Schule "Ehm Welk", das Stadtteil- und Begegnungszentrum und ein Jugendclub zusammen. Dort bildeten die beiden Schulen einen Schulcampus und treten zusammen mit den anderen Trägern als Einheit auf. In Rostock-Toitenwinkel kooperiert die Regionale Schule "Otto Lilienthal" mit dem Deutschen Roten Kreuz, der Vereinigten Bürgerinitiative Toitenwinkel und dem Jugendgarten "Alte Schmiede". Diese Partner entwickelten nach gemeinsamer Fort- und Weiterbildung sowie externer Beratung ein Konzept für eine lebendige Ganztagsschule. Im letzten Schuljahr gelang es, mit zehn Trägern 20 Projekte an den Schulen durchzuführen.

In dem nun zweieinhalb Jahre andauernden Prozess wurden gegenseitige Vorurteile ausgeräumt und andere Professionen und deren Qualitäten akzeptiert. "Man muss Zeit und Geduld mitbringen und alle Betroffenen mit ins Boot holen - gerade die Skeptiker", berichtete Katrin Oldörp, Fachberaterin im Amt für Jugend und Soziales der Hansestadt Rostock. Dann entwickle sich ein solcher Prozess "ungemein bereichernd" und erweitere den Horizont. Man müsse diesen Entwicklungen Zeit geben, um "alle Beteiligten ihren eigenen Weg finden zu lassen".

Michael Thielen, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung

Dass dies auch auf die Ganztagsschulentwicklung der letzten Jahre in Deutschland insgesamt umgemünzt werden kann, beschrieb bereits Eva Luise Köhler, die DKJS-Vorsitzende, in ihrer Eröffnungsrede: "Das zarte Pflänzchen Ganztagsschule, das manche auch für Unkraut hielten, hat inzwischen weit verzweigte Wurzeln geschlagen und bunte Blüten entwickelt. Die Ganztagsschule ist der Schlüssel beim Zusammenwachsen der Bildungsinstitutionen. Zur Pflege einer Bildungslandschaft bedarf es aber mehr - sie muss von engagierten Personen gepflegt, auch Kinder und Eltern müssen als Leistungsträger eingebunden werden. Das braucht Zeit und Engagement über das Normalmaß hinaus, es bedarf der Geduld und natürlich auch des Geldes."

Erfolgreiche Bildungssysteme setzen auf lokale Verantwortung

Geld gibt es nie genug, aber immerhin haben bereits fast 6.400 Ganztagsschulen  von rund 2,5 Milliarden Euro aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes profitiert, wie Michael Thielen, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, in seinem Grußwort berichtete. Das Thema "Lokale Bildungsplanung" ist für Thielen eine Schlussfolgerung auch aus der Erkenntnis, dass "moderne Bildungssysteme zentralistisch nicht zu steuern sind. Erfolgreiche Bildungssysteme in Europa setzen auf die Verantwortung vor Ort." Diese Verantwortung müsse man gemeinsam wahrnehmen, um insbesondere Chancengleichheit und Durchlässigkeit zwischen den Schulformen zu fördern. "Solange es noch Kinder gibt, die ,Verlierer' auf ihre Klassenhefte schreiben, ist die Arbeit nicht getan", meinte der Staatssekretär.

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch äußerte sich ähnlich: "Bildung muss alle einbeziehen, und sie kann nicht zentral gesteuert werden. Die Ganztagsschule bildet den zentralen Punkt in unseren Anstrengungen." Bis 2015 wolle man in Hessen - beginnend mit den Grundschulen - alle Schulen zu offenen Ganztagsschulen umwandeln. An einigen Orten würden die lokalen Bildungslandschaften schon gelebt. Zu ihnen gebe es keine Alternative, denn "ohne die Unterstützung der Gemeinde wird man scheitern". Dazu müssten sich auch die Schulen öffnen. "Das Zusammenführen ist schwierig, es gilt noch, viele kleine Fragen zu diskutieren und Autoritäten zu klären. Das alles ist neu und noch nicht geübt, und allein in Hessen müssen dies Zehntausende umsetzen", stellte Koch fest und bat ebenfalls um Geduld auf dem Weg zu zusammenwachsenden Bildungslandschaften.

Die Kommunen haben ein ureigenes Interesse an lokalen Bildungslandschaften, denn sie sehen Bildung als Mittel für Zukunftschancen, gegen Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung. Davon zeigte sich Herbert Schmalstieg überzeugt. Der ehemalige Präsident des Deutschen Städtetags stellte Beispiele wie Essen, Mannheim, Dortmund und Ulm heraus, in denen konkrete Ziele für den Bildungsbereich formuliert wurden oder der Schul- und Jugendhilfebereich eng zusammenarbeiteten. München erarbeite regelmäßige Bildungsberichte. "Die Kommunen müssen bürgerschaftliches Engagement unterstützen, Kooperationen zwischen Schule, Wirtschaft und Sport initiieren, kulturelle Bildung fördern und die Kompetenz freier Träger einbeziehen", so Schmalstieg. Auch er forderte, dass sich die Schulen dem Stadtteil öffnen. "In Bildungslandschaften bedarf es ständiger Konferenzen, gemeinsamer Planung und Steuerung", meinte auch der ehemalige Hannoveraner Bürgermeister und sprach sich für ein Zusammenspiel verschiedener Behörden und Professionen aus.

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