Mehr Verantwortungsbereitschaft in der Bildungsregion

In den Regionen schlummern ungeahnte Möglichkeiten zur Entwicklung einer neuen Schullandschaft, in der keine Schülerin und kein Schüler mehr unbemerkt durch die Fugen des Systems fällt. Solche innovativen Vorhaben, die Bildungsbenachteiligung abbauen helfen, heißen in der Fachsprache "Lokale Bildungslandschaften". Eines davon ist das südhessische Pilotprojekt "Schule gemeinsam verbessern", bei dem sich das Land Hessen und das Staatliche Schulamt für den Landkreis Groß-Gerau und den Main-Taunus-Kreis der Aufgabe stellen, die Schulen in der Region zu verbessern, indem sie ihnen mehr Leistung abverlangen und zugleich mehr Verantwortung überlassen.

Für den Schulleiter war der Moment, als seiner Schule, dem Gymnasium Gernsheim, mehr Selbstständigkeit gegeben wurde, eine Zäsur: "Die Mittel, die wir zur Finanzierung schulischer Projekte benötigten, standen uns auf einmal zur freien Verfügung", meinte Dr. Hans-Reinhardt Bauß. "Budgetierung", so lautet das Fachwort, das sich in den regionalen Expertenkreisen dafür eingebürgert hat.

Logo - Schule gemeinsam verbessern

Seitdem das Pilotprojekt "Schulen gemeinsam verbessern" gestartet wurde, wird den Schulen ein Teil des Budgets der Bildungsregion direkt zur Verfügung gestellt - das sind für die 121 Schulen des Landkreises Groß-Gerau jährlich 1,5 Millionen Euro. "Dieses Budget bezahlen wir aus dem Buchungskreis Schulen", erläutert Volker Blum, Leiter des Schulamtes Groß-Gerau, den Hintergrund.

Ein Vorteil der Budgetierung: Wenn die Mittel für die Fördermaßnahmen und weitere Investitionen nicht ausgeschöpft wurden, können sie auf das folgende Jahr übertragen werden. Das ist von besonderer Bedeutung, weil Schuljahr und Haushaltsjahr nicht deckungsgleich sind.

Geld für alle Schulen oder: das flexible Budget

Gemessen an den 160 Millionen Euro, die dem Kreis für insgesamt 3.200 Lehrerstellen zur Verfügung stehen, ist das flexible Budget zwar überschaubar - Volker Blum wünscht sich nämlich eine Ausweitung der Mittel -, doch es ist weit mehr als ein Anfang. "Überall war Aufbruchstimmung, Innovationen gab es rund um die Uhr." Das war vor fünf Jahren, als sich die ersten 16 Schulen freiwillig an dem Pilotversuch beteiligten.

Mit den flexiblen Budgetanteilen holten sich die Schulen im Kreis - Blum zufolge - Künstlerinnen und Künstler, Theaterdramaturgen, Studentinnen und Studenten oder engagierte Mütter und Väter an die Schulen. "Wir haben gemeinsam mit den Schulleiterinnen und Schulleitern Verträge entwickelt, Strukturen und Prozesse aufgebaut und ein Qualitätsmanagement an den Schulen eingeführt", so der Schulamtsleiter.

"Ein Quantensprung für die Schulen"

Schulleiter Bauß bringt die Vorteile dieser "Budgetierung" auf den Punkt. Besteht etwa Bedarf nach einer neuen Lehrkraft oder einem Vertretungslehrer, schaltet er eine Stellenanzeige in einer Zeitung. Außerschulische Kräfte bindet er flexibel mit standardisierten Honorarverträgen in die Gestaltung des Nachmittagsangebotes der Ganztagsschule ein. "Sachmittel kaufe ich selber bei Aldi ein", so der Schulleiter. Einen "Quantensprung" nennt er diese Gestaltungsspielräume seines Gymnasiums Gernsheim.

Ein bisschen fühlt sich die neu erworbene Selbstständigkeit der Schule wie Erwachsenwerden an. Man muss sich mit seinen pädagogischen Zielsetzungen nun vor dem Schulamt oder dem Schulträger selbst verantworten. Außerdem gehören alte Konflikte um die Zuständigkeiten der Behörden bei Sach- oder Personalfragen der Vergangenheit an. Die Frage, was ist Angelegenheit des Schulträgers und wo ist das Land Hessen oder das Staatliche Schulamt in der Pflicht, stellt sich nun anders.

"Selbstständige Schulen reagieren flexibler"

Der Pilotversuch deckt die gesamte Bandbreite der Schulformen in Groß-Gerau und im Main-Taunus Kreis ab: Grundschulen, Haupt- und Realschulen, Gesamtschulen, Gymnasien und Förderschulen. Sein Augenmerk gilt der Gestaltung der Übergänge zwischen den Schulformen, denn "viele Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund besuchen eine Förderschule und viel zu wenige ein Gymnasium", bedauert Blum.

In so mancher Schule des Ballungsgebietes Groß-Gerau und Main-Taunus-Kreis haben über 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund. So sind aus Sicht des Schulamtsleiters auch zusätzliche Fördermaßnahmen in den Regelschulen erforderlich, die die Übergänge zwischen den Schulformen erleichtern.

"Selbstständige Schulen sind effektiver", meint Schulleiter Bauß.
Über 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler, die das Gymnasium vorzeitig verlassen, hätten mit häuslichen Problemen zu kämpfen, bedauert er mit Blick auf die Bildungsbenachteiligung. Diese beständig zu senken, hat sich die Bildungsregion Groß-Gerau auf die Fahnen geschrieben.

"Chancen erhöhen - Scheitern verhindern"

Mit dem Regionalen Bildungsprogramm "Chancen erhöhen - Scheitern verhindern" hat sie die Kernaufgaben in diesem Handlungsfeld formuliert. An der Erarbeitung des Programms waren alle Entscheidungsträger in der Bildungsregion beteiligt: vom Staatlichen Schulamt, dem Hessischen Kultusministerium, den Schulträgern des Kreises Groß-Gerau bis hin zu Schulleiterinnen und Schulleitern, darunter Schulleiter Bauß. Die Ziele für die nächsten fünf Jahre wurden dort wie folgt festgeschrieben:

1) Begabungen und Lerndefizite werden frühzeitig erkannt, Begabungen gefördert und Defizite abgebaut; der Blick auf das Kind bzw. den Jugendlichen ist ganzheitlich.

2) Die Übergänge zwischen allen Stufen sind abgestimmt und vorbereitet, also die Übergänge zwischen Kita und Grundschule oder zwischen Schule und Beruf.

3) Jede Schülerin und jeder Schüler erreicht den individuell besten Abschluss. "Hierzu bauen sie (die Beteiligten, P.Z.) in den Jahren 2006 bis 2010 ein funktionierendes System der Kooperation, der gemeinsamen Planung und der abgestimmten Handlung auf."

Gute Anfangsergebnisse

Das gemeinsam mit dem Schulträger, dem Schulamt und den Schulen erarbeitete Regionale Bildungsprogramm geht als Vorlage an den Lenkungsausschuss des Pilotversuches "Schulen gemeinsam verbessern". Monika Käseberg von der Stabsstelle Planung, Schule und Jugendberufshilfe des Kreises Groß-Gerau über den Stand der Realisierung: "Die Beteiligten nehmen das Programm sehr ernst".

Die Chancen stehen gut, das Programm auch in die Praxis einzubringen, schließlich hat der Kreis Groß-Gerau als Schulträger die Abteilungen für Schule und Jugend zusammengelegt. So befinden sich die Schul- und Jugendhilfeplanung unter einem Dach.

Der Lenkungsausschuss ist das höchste Entscheidungsgremium. Dort sind neben den Bürgermeistern der Städte Rüsselsheim und Kelsterbach, dem Ersten Kreisbeigeordneten und dem Leiter des Staatlichen Schulamtes auch ein Repräsentant des Hessischen Kultusministeriums sowie die Projektleiterin und Vertreter der Schulverwaltung und des Jugendamtes repräsentiert.

Ihnen steht ein beratendes Gremium aus Schulleiterinnen und Schulleitern, Elternvertretern, Personalrat, Frauenbeauftragter, Schwerbehindertenbeauftragten sowie der Projektgruppe zur Seite. "Es gibt keine zentrale Steuerungsinstanz, sondern eine breite Zusammenarbeit in Netzwerken", so Heidrun Bechtel vom Staatlichen Schulamt Groß-Gerau. Im Lenkungsausschuss gilt für Beschlüsse Einigungszwang.

Gelingensbedingungen für eine lokale Bildungslandschaft

Das Bindeglied zur Praxis ist die Projektgruppe, die mit Repräsentanten der Schulen, des Kreises sowie des Sozialen Dienstes besetzt ist. Sie sorgt dafür, dass die Beschlüsse des Lenkungsausschusses in die Praxis umgesetzt werden, während eine gemeinsame Geschäftsführung das regionale Budget verwaltet.

Dieses Top-Down-Modell birgt für Dr. Heinz-Jürgen Stolz vom Deutschen Jugendinstitut aber die Gefahr, dass trotz "schöner Anfangserfolge" die Dynamik der Erneuerung erlahmt, wenn die außerschulischen Bildungspartner der Schulen (vor allem die Kinder- und Jugendhilfe) sowie die Familien, Kinder und Jugendlichen als die eigentlichen Adressaten nicht schon von Beginn an mit breiten Mitbestimmungsrechten in die Entwicklung - und nicht erst in die Umsetzung - von Maßnahmen mit einbezogen werden. "Partizipation ist nicht nur aus demokratischen Erwägungen heraus wünschenswert. Die Etablierung einer lokalen Aushandlungs- und Beteiligungskultur hilft auch dabei, Fehlplanungen zu vermeiden und Ressourcen effektiv einzusetzen."

Die Ganztagsschulen stünden bisher in keinem direkten Zusammenhang mit dem Projekt, ihr Ausbau sei mit dem hessischen Ganztagsschulprogramm verbunden, erläutert Schulamtsleiter Blum. Doch durch die Hintertür kommen die Ganztagsschulen wieder ins Spiel. Die Schulsozialarbeit unterstützt nämlich flächendeckend alle Sekundarschulen der Bildungsregion, und da die Jugendhilfe- und Schulabteilung unter einem Dach arbeiten, gibt es einen intensiven Austausch über die ganztägige Schulentwicklung vor Ort.

Heidrun Bechtel unterstreicht die Kooperation von Schule und Jugendhilfe: "Wir haben den Blick dafür geöffnet und möchten die nonformale Bildung in alle Schulen hereinholen." Allerdings müssten die beteiligten Berufsgruppen noch enger zusammenrücken.

Im Konsens vereint: Vorgeschichte des Pilotversuches

Der südhessische Pilotversuch hat eine Vorgeschichte, die bis in das Jahr 1997 zurückreicht. Da machte sich der Leiter des Staatlichen Schulamtes für den Kreis Groß Gerau und den Main-Taunus-Kreis bereits für eine Reform des regionalen Schulwesens stark. Das Augenmerk der Region richtete sich auf die Bildungslandschaft als selbstverantwortliche Schullandschaft.

Ein Meilenstein auf dem Weg zur regionalen Bildungslandschaft war der Konsensbeschluss des Kreisparlaments im Jahre 2001, er bedeutet die politische Weichenstellung. Schließlich kam es im Jahr 2002 zur Grundsatzvereinbarung zwischen dem Land Hessen, dem Landkreis Groß-Gerau und der Stadt Rüsselsheim über die Durchführung des Pilotversuchs ,Gemeinsame Verantwortung für Bildung und Erziehung in Schulen der Bildungsregion Groß-Gerau', heute ,Schule gemeinsam verbessern'.
 

Wie geht es weiter?

Ermöglicht der Pilotversuch in der Bildungsregion nun bessere Schulen? Auf diese Frage möchte Schulamtsleiter Volker Blum keine einfache Antwort geben. Man müsse die Prozesse beobachten und die Ergebnisse der Evaluationen abwarten. Eine Schulleiterbefragung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) habe allerdings ergeben, dass rund 91 Prozent der befragten Personen auf die Frage "Soll die Arbeit weiter unterstützt werden?" mit "Ja" antworteten.

Außer dem flexiblen Budget bräuchten die Schulen vor Ort vielfältige Qualifizierungen. Die Steuergruppen von 29 Schulen haben an Fortbildungsmaßnahmen zum Qualitätsmanagement teilgenommen bzw. nehmen an diesen teil. Viele weitere Schulen beteiligen sich am Methodentraining nach Klippert, das die Einübung grundlegender Lern- und Arbeitstechniken unterstützt: "Wir haben aus der Methode ein Konzept für die Grundschulen entwickelt, weil es das noch nicht gab", fügt Blum hinzu.

Der Schulamtsleiter möchte den Fortbestand des Pilotversuches nun durch Folgeverträge unbedingt sichern: "Es geht uns schließlich um die gemeinsame Verantwortung von Bildung und Erziehung in der gesamten Region und um die Weiterentwicklung des bis jetzt Erreichten."

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