Städtetandems und regionale Bildungslandschaften in Brandenburg

Die Kommunen in Brandenburg wollen nicht mehr tatenlos zusehen, wie die Geburtenraten sinken und junge Familien das Land verlassen. Wie können sie dem Orakel der Statistiker entkommen, das den kleinen Gemeinden geringe Überlebenschancen einräumt? In Städtetandems und lokalen Bildungslandschaften geben sie der frühen Bildung und damit dem Standort neue Zugkraft. Von solchen innovativen Beispielen hatte die Fachtagung "Bildung kommunal gestalten", die am 30. Mai 2007 von "Kooperation in Brandenburg-Netzwerk" (KoBra.net) jede Menge zu bieten.

Das Städtetandem Letschin und Golzow formierte sich nach einem beherzten Telefonat: "Man muss nur den Mut haben, zum Telefonhörer zu greifen", so Michael Böttcher, Bürgermeister der Gemeinde Letschin im brandenburgischen Oderland. Tandems sind schön anzusehende, aber seltene Erscheinungen in der Welt des Fahrradfahrens.

Teilnehmer der Fachtagung

Noch seltener ist es, wenn sich zwei Kommunen zu einem Tandem zusammentun, um den Ausbau der Ganztagsschulen sowie die kommunale Bildungslandschaft voranzubringen. Als Einzelkämpfer waren die benachbarten Gemeinden nämlich zu klein, um zu überleben: "Uns haben die gleichen Probleme zusammengebracht", erinnerte der Amtsdirektor der Partnergemeinde Golzow, Lothar Ebert. Bürgermeister Michael Böttcher sieht in der Partnerschaft beider Gemeinden auch eine Chance, der Prognose des Landes entgegenzuwirken, wonach viele Orte auf dem Land keine langfristige Überlebensperspektive mehr haben. 

Die Eckdaten zahlreicher Städte und Gemeinden sind in dem strukturschwachen Flächenland Brandenburg alles andere als rosig. Städte im ländlichen Raum haben Böttcher zufolge mit abnehmenden Bevölkerungszahlen zu kämpfen. Bildung werde für die Kommunen zunehmend zu einem Wirtschaftsfaktor, der darüber entscheide, ob die Familien zum Bleiben angeregt werden. Lokale Bildungsnetzwerke zu stärken, entspricht auch dem Ansatz des brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck: "Die Zukunft der Kommunen in Brandenburg entscheidet sich über die Qualität der Kindererziehung und der Bildung".

Lokale Netzwerke im Aufwind

Ob im Tandem oder in anderen Formen der Zusammenarbeit: Lokale Netzwerke zwischen den Kommunen erfahren in Brandenburg einen merklichen Aufwind. Diese neue Dimension kommunaler Entwicklung wurde auf der Fachtagung "Bildung kommunal gestalten" aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet: Aus Sicht des Ganztagsschulausbaus, der Selbstständigen Schulen, der Schnittstelle KiTa-Grundschule, der Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe, der Mehrgenerationenhäuser sowie der Wirtschaft als Partner.

Neben Bildungsminister Holger Rupprecht interessierten sich am Kongresshotel am Templiner See in Potsdam auffallend viele Bürgermeisterinnen und Bürgermeister für die neue Relevanz lokaler Steuerung. Die Wissenschaft hat für die wachsende Bedeutung von Bildung in den Kommunen einen anschaulichen Begriff geprägt: "Kommunale Bildungslandschaften" heißt das neue Zauberwort. Ein einschlägiges Projekt "Lokale Bildungslandschaften in Kooperation von Ganztagsschule und Jugendhilfe" wird derzeit auch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Was vermutlich einen Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik verspricht, präzisierte der Soziologe Dr. Hans-Jürgen Stolz vom Deutschen Jugendinstitut in seinem Vortrag. Seit nunmehr zwei Jahren sei aus Sicht des Bundes (12. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung), der Länder (KMK) und der Kommunen Konsens, dass es im lokalen Raum Schnittstellen geben müsse zwischen Bildung und kommunalen Aufgabenbereichen. "Lokale Bildungslandschaften können viel leisten, doch es muss auf Landes- und Bundesebene noch viel getan werden", meinte Stolz.

Wie lokale Steuerung gelingen kann

Dr. Hans-Jürgen Stolz

Größere Gestaltungsspielräume erwerben die Städte und Gemeinden auch dadurch, dass sie die administrativen Hierarchien durch lokale Netzwerke, Servicestellen und Steuerungsgruppen ergänzen. Doch - so führte Hans-Jürgen Stolz auf der Fachtagung weiter aus - die kontinuierliche Arbeit der lokalen Netzwerke bedürfe der verbindlichen Festschreibung der Hauptamtlichkeit und Refinanzierung.

Über die Gelingensbedingungen lokaler Steuerung gab der Wissenschaftler ebenfalls Auskunft. "Sie muss Chefsache sein, sonst funktioniert es nicht", betonte Stolz. Ferner bedürfe es eines Konsens, der partei- und institutionenübergreifend ist, sowie der Schaffung einer Stabsstelle für die lokale Bildungsplanung. Es müsse auch die Zusammenlegung Ämter und Fachdienstebene bedacht werden. Zugleich müsse die Sozial- und Bildungsberichterstattung im Sinne des Gelingens ebenfalls zusammengeführt werden. Als überaus fruchtbar für den kooperationsbezogenen Ausbau der Ganztagsschulen haben sich ferner lokale Fachtagungen erwiesen. Hierbei kommen nämlich die wichtigsten Probleme und Gestaltungsspielräume zur Sprache.

Mehr Entscheidungsspielraum für die Kommunen forderte auch Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes Brandenburg Karl-Ludwig Boettcher: "Wenn der Schulträger die lokale Bildungsplanung nicht fördert, haben die Schulen schlechte Karten." Was kann die Kommune tun, um die Schulen zu stärken? Wie kann sie dem Orakel der Statistiker entkommen, die den kleinen Gemeinden nur geringe Überlebenschancen einräumen?

Der Statistik ein Schnippchen schlagen

"Im Durchschnitt verliert die Gemeinde pro Jahr 76 Einwohner. Seit 1992 ist die Einwohnerzahl von 5.965 auf 4.746 im Jahr 2006 gesunken", ist auf der Homepage Letschins nachzulesen. Schaut man sich die Statistiken der Gemeinde Golzow an, hat sich die Schülerschaft im Primar- und Sekundarbereich zwischen 1993 und 2007 nahezu halbiert. Noch dramatischer ist der Niedergang der Einkommenssteuer von rund 1,3 Millionen Euro auf rund 330.000 Euro in Golzow. "Auf der Hinfahrt zur Fachtagung in Potsdam", so Michael Böttcher, "habe ich mit meinem Kollegen Lothar Ebert über die Investitionen diskutiert: Wo sind sie denn?". Das zarte Pflänzchen Tourismus könne die weggebrochenen Arbeitsplätze auch nicht kompensieren.

Michael Böttcher und Lothar Ebert

Den Lichtstreif am Horizont sahen der Bürgermeister von Letschin und sein Kollege von der Nachbargemeinde Golzow schließlich in der Bildung. Sie könne junge Familien auf das Land locken. "Man muss nur das gemeinsame Gespräch suchen." Doch die Kernfrage für die brennenden Probleme Letschins lautete für Bürgermeister Michael Böttcher: "Welche neuen Wege müssen beschritten werden, um die Gemeinde vor dem Schwinden der Bevölkerung zu bewahren? Die Gemeinde im Oderbruch ist ein Umlandversorger im ländlichen Raum, das heißt, sie versorgt die umliegenden 11 Orte mit Schulen, Verwaltung, Feuerwehr, Ärzten, Kirchen und Seniorenheimen. Es fehlt nicht nur an Kindern und jungen Familien, sondern auch Arbeitplätze sind rar. "

"Frühe Bildung" wird Chefsache

Die Chance für die Zukunft erkannten die Stadtoberen nicht nur im Städtetandem, sondern darüber hinaus in der Regionalen Bildungslandschaft Oderbruch (LiO). "Drei Bürgermeister erklärten die frühe Bildung zur Chefsache", erläutert Dr. Frauke Hildebrandt von der Deutschen Kinder und Jugendstiftung, die den Prozess extern begleitet. Die Gemeinden Neuhardenberg, Golzow und Letschin haben sich seit dem 3. Mai 2007 auf den Weg gemacht, um ein gemeinsames Leitbild zu erarbeiten. "Was ist wünschenswert, wie soll frühe Bildung aussehen?" lauten die Kernfragen.

Da gäbe es ganz unterschiedliche Auffassungen", meint Hildebrandt. Während in einer Gemeinde die KiTas noch wenig individuell mit den Kindern arbeiten, stehe in der anderen Gemeinde eine leistungsorientierte und sehr spezifische Förderung und Persönlichkeitsbildung im Vordergrund. "Bei vielen herrscht die Vorstellung vor: Was mir nicht geschadet hat, kann doch für die Kinder auch nicht verkehrt sein. Auf diese Weise vernachlässigt man aber die Erkenntnisse der zeitgemäßen Lernpsychologie", so die studierte Philosophin.

Den Möglichkeitssinn der Kommunen erweitern

Nun treffen sich die Bürgermeister seit dem Mai 2007 mit den Schulamtsleitern, den Schulrektoren und Leitern der KiTas, um den "Möglichkeitssinn der Akteure zu erweitern". Ziel ist ein gemeinsames Bildungsverständnis im Bereich "Frühe Förderung", das in einem kommunalen Leitbildprozess gipfelt. Das kommunale Leitbild "Frühe Förderung" solle - Hildebrandt zufolge - durch alle kommunalen Partner erarbeitet und durch eine Informationskampagne nach außen unterstützt werden.

Zu den bislang erarbeiteten Eckpunkten eines gemeinsamen Bildungsverständnisses gehören für Bürgermeister Böttcher der Vorrang öffentlicher Schulen und ein elternorientiertes Betreuungsangebot: "Wenn Schulen einen schlechten Ruf haben, können sie bald dicht machen", meint Böttcher. Die lokale Bildungslandschaft Oderbruch möchte auch die Wissenschaft einbeziehen, um den innovativen Prozess begleiten zu lassen. Zugleich sollen die jeweiligen Ämter die Regionale Bildungslandschaft mit den vereinten Kräften fördern. Bremsklötze für eine Regionale Bildungslandschaft seien hingegen vorsichtige, unaufgeschlossene Eltern, Erzieherinnen und Lehrkräfte, die noch der DDR-Mentalität verhaftet blieben, ein erhöhter Zeitaufwand sowie die Mehrkosten für die Qualifizierung.

Kooperationen wie sie das Projekt "ponte" der DKJS im Auge hat, waren der Ausgangspunkt für den Kontakt zwischen den Gemeinden im Oderbruchland und Frauke Hildebrandt. Sie möchte, dass eine "Innovationsbewegung in Richtung früher Bildung in Gang kommt. Dafür seien viele Anstrengungen vonnöten. Letschin habe beispielsweise eine bundesweit anerkannte KiTa, doch jetzt kommt es darauf an diese Qualität auch für die Schulen vor Ort nutzbar zu machen.

Mehr Bildung und Elternarbeit in der Kita

An dieser Schnittstelle setzt auch das Projekt "ponte" an, das Kindergärten und Grundschule dabei unterstützt, sich als Bildungseinrichtungen weiterzuentwickeln. In Berlin, Brandenburg, Rheinland-Pfalz und Sachsen gibt es für  Erzieherinnen und Lehrkräfte Moderatoren mit professionellem Know-how. Dabei wird die Zusammenarbeit mit den Eltern groß geschrieben.

Dass frühe Bildung vom Land Brandenburg immer ernster genommen wird, verdeutlicht auch die Verabschiedung des KiTa-Gesetzes Anfang Juni 2007 im Landtag, das mehr Sprachförderung und einen verbindlichen Bildungsplan an den Kindertagesstätten vorsieht. Dazu Bildungsminister Holger Rupprecht in einer Pressemeldung: "Die Grundsätze elementarer Bildung (der "Kita-Bildungsplan") werden verbindlich ausgestaltet und sind in den Konzeptionen der Einrichtungen zu berücksichtigen". 

Auch für Bürgermeister Böttcher lautet das Credo: "Wir wollen die Jugend nicht im Regen stehen lassen". Mit guter Bildung kehrten sie vielleicht zurück und engagierten sich für ihre Heimatstadt.

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