Ganztagsschulkongress 2007: Innovation und Bewegung in der "Lokalen Bildungslandschaft"

Stationen einer Erfolgsgeschichte auf dem Weg zu "Lokalen Bildungslandschaft" von den Anfängen Mitte der 90er Jahre bis zum vierten Ganztagsschulkongress in Berlin: Das Beispiel Herford zeigt, wie Lokalpolitik Berge versetzen kann.

Wie baut man eine "Lokale Bildungslandschaft"? Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch den vierten Ganztagsschulkongress in Berlin. Es lohnt der Blick auf das Kommunalmodell Herford.

Einweihung des fraktalen Neubaus der Städtischen Grundschule Landsberger Straße am 6. September 2007.

Als eine der ersten Gemeinden in Deutschland hat die ostwestfälische Kleinstadt Herford die Bildung zur Angelegenheit aller gemacht. Verdienter Lohn für den frühen Start zur "Lokalen Bildungslandschaft" Mitte der 90er Jahre war die Nominierung als gutes Praxisbeispiel für Nordrhein-Westfalen auf dem vierten Ganztagsschulkongress in Berlin. Dort war Herford mit einem eigenen Ausstellungsstand im ersten Stock des Kongressgebäudes vertreten.

Nicht nur als Bildungslandschaft, sondern auch als Hochburg des Ganztagsschulausbaus hat Herford auf sich aufmerksam gemacht. So wandelte die Kommune als Schulträger auf einen Streich elf Grundschulen mit Bundesmitteln des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) in "Offene Ganztagsgrundschulen" um.

Herford in Berlin

Rainer Schweppe, Leiter der Abteilung Bildung der Stadtverwaltung Herford und einer der Väter des Herforder Modells, beantwortete am Ausstellungsstand im Berliner Congress Centrum die Fragen vieler neugieriger Besucherinnen und Besucher: Wie macht sich eine Stadt auf den Weg zu einer lokalen Bildungslandschaft? Welche Partner und Netzwerke braucht es, und wie muss sich eine Kommune organisatorisch und personell darauf einstellen? Welche finanziellen Ressourcen sind nötig? Welche rechtlichen Rahmenbedingungen müssen gegeben sein?

Herford ist mittendrin im Geschehen. Doch die Bewegung, die der Aufbau der "Lokalen Bildungslandschaft" ausgelöst hat, ist Rainer Schweppe nicht immer geheuer: "Wir müssen aufpassen, dass wir uns selbst noch bewegen können, wenn wir selbst so viel bewegen."

Das Herforder Kommunalmodell zeichnet sich dadurch aus, dass es einem lokalen Ansatz und der Bildung verpflichtet ist. Bildung bedeutet Verzahnung der "Offenen Ganztagsgrundschule" mit der Jugendhilfe. Die Stadtverwaltung hat dem kommunalen Bildungsverständnis gemäß reagiert und Anfang 2007 die Zuständigkeiten für Schule und Jugendhilfe unter einem Dach vereint. Das neu formierte Stadtressort heißt "Dezernat Bildung, Jugend und Soziales".

Schule und Jugendhilfe im Gleichklang

Der Boden für den flächendeckenden Ausbau der Ganztagsschulen wurde in kommunalpolitischen Gremien bereitet. Die Schulleitungen als Motoren der Schulentwicklung setzten sich mit Fachleuten aus den Bereichen Schule, Schulaufsicht, Jugendhilfe, Elternvertretungen, Kultur, Weiterbildung und Sport sowie dem Erziehungswissenschaftler Prof. Tassilo Knauf von der Universität Duisburg/Essen an einen Tisch.

Gemeinsam entwickelte man mit dem Pädagogischen Leit- und Handlungskonzept gewissermaßen die zentrale Vision der "Offenen Ganztagsgrundschulen", in deren Mittelpunkt die integrative "Offene Ganztagsgrundschule" steht. Darüber hinaus entwarfen die neuen Ganztagsgrundschulen praxisnahe Leitbilder, transparente Ziele sowie pädagogische Anforderungen an die Räume und Schulgebäude.

Eine prominente Schulbaustelle in Deutschland

Eine starke Beschleunigung erfuhr der Ausbau der "Lokalen Bildungslandschaft" nicht zuletzt durch das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB). Die flächendeckende Einführung der Ganztagsschulen dient Bürgermeister Bruno Wollbrink zufolge dem Abbau der Koppelung des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft. Um die Mittel aus dem IZBB zu erhalten, entwickelte Herford Qualitätskriterien für Räume, deren Funktionalität innerhalb des Schulgebäudes pädagogischen Anforderungen entspricht.

Angeregt durch gute Beispiele pädagogischer Architektur in Deutschland und Schweden setzte Herford auch in diesem Bereich neue Maßstäbe. Neben dem alten Gebäude der Städtischen Grundschule Landsberger Straße, das seinerseits durch Umbaumaßahmen den neuen pädagogischen Qualitätskriterien gemäß erneuert wurde, eröffnete im Jahre 2004 nach einer dreidimensionalen Visualisierung der zukünftigen "Fraktalen Schule" eine der prominentesten Schulbaustellen in Deutschland.

Drei Jahre nach Eröffnung der Baustelle wurde am 6. September 2007 der Neubau der Städtischen Grundschule Landsberger Straße seinen Nutzern übergeben. Was in diesem Zusammenhang an Kooperation und Good Will zwischen den Architektenteams, den Baufirmen, der Stadtverwaltung sowie der Schule entstand, ist für Herford ebenso essenziell wie die finanziellen Mittel, die in den Prozess gesteckt wurden.

Schuldezernent Heinz Kriedte von der Bezirksregierung Detmold erinnerte während der Einweihung des Schulneubaus an den Schneeballeffekt, der vom Ganztagsschulausbau ausging. Die Zahl der offenen Ganztagsschulen wurde in nur drei Jahren im Bezirk Detmold vervierfacht: Von 74 Schulen mit 3.500 Schülerinnen und Schülern im August 2004 auf 320 Schulen mit 16.000 Schülerinnen und Schülern im August 2007. Insgesamt habe der Regierungsbezirk über 100 Millionen Euro in die Bildungsregion investiert.

Die kommunale Kooperationskultur in Herford

Wilfried Buddensiek und Rainer Schweppe
Die "Väter" des fraktalen Schulneubaus: Wilfried Buddensiek und Rainer Schweppe.

Laut Bürgermeister Wollbrink hat große Einstimmigkeit darin bestanden, dem Fraktalen Schulgebäude den Weg zu bereiten. Gemeinsam mit dem Erziehungswissenschaftler Dr. Wilfried Buddensiek von der Universität Paderborn strebte die Stadtverwaltung Herford dem erweiterten Bildungsbegriff entsprechend neue Formen der Schularchitektur an. Dabei arbeiteten die ausführenden Ämter, also das Schul- und Bauamt, einvernehmlich zusammen. Ferner waren die Bauherren bereit, sich von auswärtigen Experten beraten zu lassen, und nicht zuletzt waren sie aufgeschlossen für neue pädagogische Ideen.

Lohn der kommunalen Mühen ist ein "Haus des Lernens", das dem neuesten pädagogischen Lern- und Lehrverständnis gerecht wird. Für Dr. Petra Gruner vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ist die Städtische Grundschule Landsberger Straße Ausdruck dafür, "wie Schule und Bildung neu gedacht werden".

Von der architektonischen Seite gesehen fügt sich die "Fraktale Schule" mit ihrem Formenreichtum und ihrer inneren Raumdifferenzierung dem Bauplan der Natur an. Anders als herkömmliche Schulgebäude besitzt das Gebäude in der Mitte ein Forum mit viel Raum für Bewegung sowie für spontane Begegnungen. Um das Forum herum befinden sich die Unterrichts-, Team- und Personalräume, die von innen und außen gut einsehbar sind. Geometrie und Funktion der "Fraktalen Schule" unterstützen somit die neue Pädagogik der Inklusion und Transparenz.

Individualisierte Lernzeiten in der "Fraktalen Schule"

Die Architekten um Wilfried Buddensiek griffen für ihre Zwecke auf die Lehrsätze und Regeln der "fraktalen" Geometrie zurück (fraktal von lateinisch "fractus"= "gebrochen"), die im Grunde nichts anderes gemacht hat, als die so genannten selbstähnlichen Formen eines Blumenkohls oder einer Wurzel in mathematische Formeln wiederzugeben. Davon hat sich die Architektur inspirieren lassen. "Die gebaute Materie spiegelt die Kultur, und sie wirkt auf die Nutzer", meint Buddensiek.

Außen- und Innenansicht der "Fraktalen Schule".

Die harmonischen, aufeinander gut abgestimmten Formen und Funktionen kennzeichnen die Schule in der Außengestaltung und der inneren Raumgestaltung bis hin zu den Schulmöbeln. Sechseckige Gruppentische, Arbeitsnischen oder Lehrerarbeitsplätze stehen den Nutzern zur Verfügung. "Das Schulgebäude bietet mehr Bewegungsraum als übliche Schulen und ermöglicht eine neue Lernkultur", fügte Buddensiek hinzu.

Außer der sozialen Kommunikation fördern die Räume auch die Teamorientierung und das eigenverantwortliche Lernen. Die Probe auf das Exempel machten vier Werkstätten, die nach der offiziellen Einweihung des Schulneubaus durchgeführt wurden. In der Werkstatt: "Eigenverantwortliches Lernen mit dem Lerntagebuch" wurden die Vorzüge des Lerntagebuches, das die Schülerinnen und Schüler führen müssen, vorgestellt.

Flexibel im Klassenzimmer

"Jede Woche", so die Leiterin der Werkstatt, werde ein Thema vorgegeben, dessen Bearbeitung die Kinder im Lerntagebuch dokumentieren. Um das Thema zu bewältigen, müssen die Kinder sich selbst organisieren und lernen, sich einzuschätzen. Die Lerntagebücher schaffen auch für die Eltern, die die Tagbücher abzeichnen müssen, Transparenz, da sie nun nachvollziehen können, was ihre Kinder wöchentlich leisten. Durch die individuelle Lernzeit entscheiden die Kinder selbst, wann sie etwas erledigen.

Der begeisterungsfähige und pädagogisch beeindruckende Rektor Manfred Pappler, der als externer Referent von der Grundschule Süd nach Herford eingeladen wurde, möchte weg von der reproduzierenden Pädagogik. Im Rahmen der Werkstatt: "Flexibler Unterricht" stellte er das "Flexible Klassenzimmer" vor, das er in der Grundschule Süd seit drei Jahren mit großem Erfolg einsetzt. Die Lehrkräfte haben dabei die Freiheit, Aufgabenstellungen, Medien oder Materialien unterschiedlichster Art zu kombinieren, was entsprechende Raummöglichkeiten verlangt.

Dass die "Lokalen Bildungslandschaften" immer weiter wachsen, unterstreicht am 19. Oktober 2007 übrigens die Einweihung des Fraktalen Schulneubaus der Grundschule Stiftberg in Herford. Viel zu tun für Rainer Schweppe.

Lesen Sie hier den 3. Teil unserer Ganztagsberichterstattung.

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