Eine Bildungsregion in Baden-Württemberg entzündet sich für die Chancengerechtigkeit

Im Zuge eines dreijährigen Pilotprojektes entzünden sich die Bildungsregionen Freiburg und Ravensburg für eine gemeinsame Idee: die Verbesserung der Chancengerechtigkeit für Kinder und Jugendliche. Durch die Zusammenarbeit haben sich auch die beteiligten Ganztagsschulen im kommunalen Netzwerk weiter entwickelt. Auf der mit rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gut besuchten Veranstaltung "Bildungsregionen gemeinsam gestalten - Erfahrungen, Erfolge, Chancen", die am 24. November 2008 in Freiburg stattfand, richteten sich die Blicke nicht nur auf die Erfolge der Vergangenheit, sondern vor allem nach vorn.

Park in Freiburg

Laufen die Dinge mal so richtig gut, nimmt man sie gerne als Selbstverständlichkeit hin: "Es sieht jetzt so locker aus, wie das Land und die  Kommunen an einem gemeinsamen Thema arbeiten", brachte Dr. Dieter Salomon die dreijährige Pilotphase und die dabei entstandene neue Kultur der Zusammenarbeit auf den Punkt. Allerdings erinnerte der Oberbürgermeister der Stadt Freiburg im Breisgau auch an die Mühen der Vergangenheit und an die Herausforderungen, die die neu geschaffene Bildungsregion in Zukunft zu bewältigen hat.

Die bisherige Trennung zwischen Schulträgerschaft und der inhaltlichen Gestaltung der Schulen sei heute nicht mehr aktuell. Seine Kollegin, Bürgermeisterin Gerda Tuschlik fügte hinzu: "Freiburg  und Ravensburg sind die ersten Bildungsregionen in Baden-Württemberg." Das Land und die Kommunen hätten die Bildungsregion zu ihrer Sache gemacht. Ohne die Mitarbeit der Schulen wäre das Projekt nicht zustande gekommen.

Viele Schulen wollen wissen, wo sie stehen

Freiburg und Ravensburg haben gemeinsam mit dem Land Baden-Württemberg und der Bertelsmann Stiftung in einem dreijährigen Kraftakt eine vernetzte Bildungslandschaft geschaffen, die bundesweit ausstrahlt. Im Vordergrund der Zusammenarbeit stand das Ziel, neue Steuerungsinstrumente wie die von der Bertelsmann Stiftung entwickelte "Selbstevaluation in Schulen" (SEIS) zu erproben sowie das Potenzial der Bildungslandschaft auszuloten.

"Die Schulen in der Region sahen die großen Vorteile, die sich aus der Selbstevaluation ergeben", erläuterte Eva-Maria Meschenmoser vom Landkreis Ravensburg. Immerhin rund 85 bis 90 Prozent der Schulen des zweitgrößten baden-württembergischen Kreises, die auf Regionalkonferenzen zusammengebracht wurden, hätten sich an SEIS beteiligt. Grund genug, dass sich Gemeinderäte, Vertreter der Kultusministerien, Schulleiterinnen und Schulleiter, Lehrkräfte sowie Sozialpädagogen über das Gelingen informierten.

Helmut Rau, Kultusminister des Landes Baden-Württemberg, machte deutlich, was ihm die Abschlussveranstaltung wert sei. So hatte er es vorgezogen statt eine gemeinsame Kabinettssitzung mit dem Land Sachsen zu besuchen, eine Bilanz des Pilotprojektes zu ziehen: "Gewohnte Bahnen wurden verlassen, um neue zu beschreiten", erklärte der Minister.Ausgangspunkt für die regional vernetzte Qualitätsentwicklung der Projektschulen war eine jährliche Selbstevaluation, an der sich landesweit 400 Schulen beteiligten. "Es gibt 4.500 Schulen in Baden-Württemberg und es macht Sinn, sie in einem gemeinsamen Netzwerk zu verknüpfen", so Rau weiter.

Am Steuerrad der Bildungsregion

Wer sitzt am Steuerrad der Bildungsregion? Die Bildungsregionen in Baden-Württemberg haben sich drei wesentliche Steuerungselemente zunutze gemacht: So gibt es zum einem die Regionale Steuerungsgruppe, der Repräsentanten aus Schulaufsicht und Kommune angehören. Ferner koordiniert ein Regionales Bildungsbüro die Abläufe und Beschlüsse der Regionalen Steuerungsgruppe bzw. setzt sie um. Schließlich gibt es einen Regionalen Bildungsbeirat, in dem alle an Bildung und Erziehung beteiligten Institutionen vertreten sind und der der Regionalen Steuerungsgruppe beratend zur Seite steht.

Hintergrund für die Orientierung auf die Bildungsregion ist ein Perspektivwechsel, der die Bildung aus dem Blickwinkel der Kinder denkt sowie Bildung und Erziehung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe sieht. "Innerhalb der Bildungsregion soll beispielsweise die Lernlaufbahn der  Kinder und Jugendlichen so begleitet werden, dass sie ohne Brüche verläuft. Darüber hinaus soll eine bessere Abstimmung und Kooperation zwischen Schulen, Betrieben, Sozial- und Jugendbehörden vor Ort die Ausbildungsfähigkeit der Jugendlichen stärken."

Herausforderungen der zunehmenden Heterogenität

Ein vorrangiges Ziel der Bildungsregionen ist die individuelle Förderung in zunehmend durch Heterogenität geprägten Schulen: "Baden-Württemberg hat den höchsten Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, höher als Berlin und Hamburg", betonte Helmut Rau. Das Land werde in Zukunft jährlich rund zwei Millionen Euro für die weitere Schaffung von Bildungsregionen bereitstellen und die Arbeit der Bildungsbüros in Freiburg und Ravensburg auch nach Ablauf der Pilotphase Ende 2008 weiter unterstützen.

Wie kam es zum Engagement der Bertelsmann Stiftung? Der Minister erklärte, dass die private Stiftung auf das Land zugekommen sei, um gemeinsam Lösungskonzepte zu entwickeln: "Der Zusammenhang von Bildung und wirtschaftlichem Wachstum ist empirisch belegt", fügte Rau hinzu. Die Bildungsregion zeichne sich dadurch aus, dass sie in Verantwortlichkeiten, statt in Zuständigkeiten denkt: "Wer sich verantwortlich fühlt, denkt umfassender."

Bildung in der Region heißt Brücken bauen

Das Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, Dr. Jörg Träger, seines Zeichens studierter Physiker, rechnete die Entfernung aus, die er von Zuhause in Hamburg bis zum Veranstaltungsort im Freiburger Konzerthaus zurückgelegt habe. Distanzen, aber auch die Gräben im Bildungssystem können überbrückt werden: "Uns ist es gelungen, in der Region Brücken zu bauen", so der Bildungsexperte.

Die Schulen bräuchten Verbündete, damit alle Kinder und Jugendlichen den größtmöglichen Erfolg erzielen und "Abschlüsse zu Anschlüssen werden: Das ist der Perspektivwechsel." In der Bildungsregion ist eine Problemlösungskultur entstanden. Gelingensbedingungen von Bildungsregionen seien: die ganzheitliche Sicht auf die Kinder und Jugendlichen, eine Kultur der Kooperation, kurze Wege, pragmatische Lösungen, ein wachsendes Selbstbewusstsein der Schulen, eine Kultur des Brücken Bauens in den Ämtern. Demnächst würde sich die Stiftung mit der Frage beschäftigen: "Wie kann das Bildungssystem mit der zunehmenden Heterogenität umgehen?" Man wolle zur Lösung der Frage ein Instrument entwickeln, dass die Kosten der Nicht-Bildung verdeutlicht.

"Wenn man nicht Feuer fängt, ist es schade um die Zeit"

Der Oberbürgermeister der Stadt Ravensburg, Hermann Vogler, ist ein Mann, der gern in starken Bildern spricht: "Wenn man nicht Feuer fängt, ist es schade um die Zeit." Die Bedeutung von Bildung komme auch dadurch zum Ausdruck, dass die Eltern sich für die Bildung ihrer Kinder eingesetzt hätten: "Wir würden nicht hier sitzen, wenn sie sich quergelegt hätten." Beim Aufbau der Bildungsregion habe man aus Fehlern gelernt: Mit Perfektion komme man nicht weiter. Stattdessen zähle zu den elementaren Gelingensbedingungen, dass man sich in der Bildungsregion auf gemeinsame Ziele verständigt.

"Die Verantwortungsgemeinschaft braucht Atmosphäre und eine Aufbruchstimmung bei den Verantwortlichen in der Gemeinde." Bei vielen Politikerkollegen sei die Bildung zwar im Kopf präsent, doch im Herzen ist die Bildung noch nicht angekommen. Wenn man die Politiker für Schulen gewinnen wolle, gehöre dazu auch, dass sie sich für das Haus, den Hausmeister oder das Wasser interessieren. Der Kreistag müsse viel intensiver in das Thema Bildung und Schulen einbezogen werden. Ferner sollten die regionalen Medien als Partner gewonnen werden. Es komme auf konkrete, nicht abstrakte Botschaften an.

"Gemeinsames Qualitätsverständnis von Bildung"

Die Erfahrungen, die Ravensburg mit der Bildungsregion gemacht hat, bringt eine Pressemitteilung auf den Punkt: "Gemeinsam mit den Partnern für Erziehung und Bildung ging es der Region darum, ein gemeinsames Qualitätsverständnis von Bildung zu etablieren, die Bildungsgerechtigkeit zu verbessern, Kinder optimal und individuell zu fördern und dafür eine Verantwortungsgemeinschaft aufzubauen, in der die Zusammenarbeit aller Einrichtungen und Akteure systematisch, effektiv und im Sinne gelingender Bildungsbiographien erfolgt." Insgesamt haben sich in Ravensburg 84 Schulen mit jährlich 15.000 Personen an den SEIS-Evaluationen beteiligt.

Von unten nach oben wachsen, ist ein wichtiger Ansatz einer erfolgreichen Bildungsregion. "Die Schulsozialarbeit geht in die Kitas und Grundschulen, denn dort werden die Weichen gestellt," erläuterte Vogler den Gedanken der horizontalen Vernetzung. Wichtig seien allerdings Personen, die Grenzen zu überschreiten wüssten. Ein heißes Thema seien die Ganztagsschulen. Hier war sich der Oberbürgermeister sicher: "Wir brauchen mehr gebundene Ganztagsschulen und wo kann man das besser, als in der Bildungsregion." 

Wenn die Eltern ernst genommen werden

Regionalkonferenzen haben Schulen und Schulträger in einen lebendigen Austausch gebracht und Eltern wurden verstärkt in den Bildungsprozess einbezogen. Ferner arbeiten aufeinander aufbauende Schularten gemeinsam daran, die Übergänge besser zu gestalten und die Schulleistungen der Kinder und Jugendlichen zu verbessern. "Es braucht Zeit und Geduld und man darf nicht zu viel auf einmal wollen."

Neun Workshops boten die Gelegenheit, das Thema "Bildungslandschaft" exemplarisch zu vertiefen. Angefangen von der "Entwicklung einer Bildungsregion: Aspekte und Gelingensbedingungen im politischen Feld von Kommune und Landkreis", "Aufgaben eines Regionalen Bildungsbüros", Übergang von der Schule in den Beruf", "Neue Formen der Schulträgerschaft", bis hin zum "Thema Integration in der Bildungsregion: gelungene Partnerschaft zwischen Schule und Eltern mit Migrationshintergrund".

Ein Bild von den Stärken und Schwächen

Freiburg ist eine Stadt der kurzen Wege und schneller Absprachen, so ein Teilnehmer des Workshops. "Freiburg als Bildungsstadt ist darauf angewiesen, die vielfältigen Potenziale der Stadt optimal zu nutzen", meinte Dieter Salomon. Die bisherigen Ergebnisse hätten offenbart, dass vor allem im Bereich der Sprachförderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund sowie bei der Qualifizierung von Hauptschulabsolventen noch viel zu tun sei. In der Region haben sich 65 staatliche und private Schulen an dem Projekt beteiligt. Insgesamt 11.000 Personen wurden zur Schulqualität im Rahmen von drei Selbstevaluationen (SEIS) befragt.

Die Ergebnisse haben die meisten Schulen darin bestärkt, dass ihre Arbeit von allen Beteiligten geschätzt wird. Die Selbstevaluation müsse alle zwei bis fünf Jahre wiederholt werden, erläuterte Gerda Stuchlik: "Die Herausforderung besteht nun darin, das Projekt zu verstetigen."

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