Grenzgänger statt Lagerverwalter

Fachämter und -behörden müssen immer häufiger projektbezogen zusammenarbeiten. Schulen öffnen sich anderen Schulen und außerschulischen Partnern - Bildungslandschaften entstehen. Doch oft sind die Prozesse mühsam, gelingen nur punktuell oder versanden gar. Auf der Fachtagung "Bildungslandschaften aufbauen - Kooperationen eingehen - Prozesse gestalten" am 25. Juni 2008 in Hamburg wurden gelungene Beispiele aus Wilhelmshaven und Hamburg vorgestellt.

Wilhelmshaven ist - betrachtet man den Altersschnitt der Bevölkerung - eine der ältesten Städte Niedersachsens. Die demographische Entwicklung rückläufiger Schülerzahlen hat auch die Grundschulen bereits voll erfasst: Zum Schuljahr 2006/2007 starteten sechs von 19 Grundschulen einzügig, in manchen Schulen lernten noch knapp über 60 Schülerinnen und Schüler. Dies hatte natürlich auch Folgen für die Lehrerzuweisung: In einigen dieser Grundschulen arbeiteten drei bis vier Lehrerinnen und Lehrer - meldete sich eine oder einer krank, fiel unweigerlich Unterricht aus. Und dies bei steigenden Qualitätsanforderungen an die Grundschulen - wie die Einführung der Fremdsprache im 3. Schuljahr - und den besonderen Anforderungen an die Übergangsempfehlungen im 4. Schuljahr nach Abschaffung der Orientierungsstufe.

Bis zum Schuljahr 2012/13 ist ein nochmaliger Rückgang der Einschulungen um zehn Prozent prognostiziert. "Trotz dieses Handlungsdrucks bestand eine Blockade bei Einzelentscheidungen", erklärt Jens Graul, Schuldezernent der Stadt Wilhelmshaven. "Die Schulen wollten über Fusionen nicht reden, der Schulträger wollte nichts mehr in unsichere Standorte investieren. Zwei bis drei Jahre wurden mit diesem Nichtdialog des Schulträgers und der Schulen vertan."

Dann wurde es den Schulleitern selbst zu viel - "sie wollten Tacheles reden", wie sich Graul erinnert. Daraufhin fanden sich die Beteiligten 2006 zusammen. Schulleitungen, Stadtelternrat, Landesschulbehörde, Ratsfraktionen und der Schulträger bildeten unter externer Moderation eine Arbeitsgruppe des Schulausschusses. Man wollte versuchen, eine nachhaltige Schulentwicklung zu betreiben und diese mit baulichen und städtebaulichen Prozessen zu verbinden.

Blockade der Nichtkommunikation durch Vernetzung aufgelöst

"Unser Ziel waren leistungsfähige, mindestens zweizügige Grundschulen, die wohnortnah erreichbar sein mussten. Bestehende Grundschulen mit Integrations- oder Ganztagsangebot waren gesetzt. Die anderen Schulen mussten sich an 26 quantitativen und qualitativen Merkmalen messen lassen", erklärt der Schuldezernent.

Das Ergebnis: Von 19 Standorten werden bis 2010 nach und nach acht aufgegeben. Eine neue Ganztagsgrundschule wird zum Schuljahr 2008/09 eröffnet. Das bedeutet eine Konzentration auf zwölf leistungsfähige und struktursichere Standorte mit zukünftig über 200 Schülerinnen und Schülern durchschnittlich. "Die Schulbehörde hat sich bei allen Entscheidungen mit anderen Behörden rückgekoppelt", betont Graul. Die Blockade der Nichtkommunikation konnte durch die Vernetzung aller Beteiligten aufgebrochen werden. Momentan diskutiert die Arbeitsgruppe die vollständige Neuordnung der Sek I-Landschaft.

Wilhelmshaven bildete ein Beispiel auf der Fachtagung "Bildungslandschaften aufbauen, Kooperationen eingehen, Prozesse gestalten", zu der am 25. Juni 2008 die Werkstatt "Schule ist Partner" und die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Hamburg in das Hamburger Institut für Lehrerbildung und Schulentwicklung eingeladen hatten. In der Hansestadt ist bei der Integration aller Bildungseinrichtungen und sonstiger Institutionen unter anderem durch die Arbeit der "steg Hamburg" - dem Projektträger der Werkstatt "Schule ist Partner" im Rahmen des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" - seit Mitte der neunziger Jahre viel in Bewegung gebracht worden.

Gemeinsame Fortbildungen von Schule und Jugendhilfe

Doch für Christa Goetsch, die Senatorin für Schule und Berufsbildung, gibt es noch reichlich zu tun, um das "Nebeneinander der Bildungseinrichtungen" zu beenden. Auch sollten Lehrerinnen und Lehrer vom Stadtteil, in dem ihre Schule liegt, mehr kennen als nur die Autobahnausfahrt. Der gebundenen Ganztagsschule komme dabei eine zentrale Rolle zu. "Wir brauchen einen ganzheitlichen Ansatz für das Kind", so die Senatorin. "Es muss Schluss sein mit der Trennung von Unterricht, Schulspeisung und Kletterwand. Dazu muss die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe auf stabilere Füße gestellt und nicht mehr dem Engagement einzelner Schulen und Stadtteile überlassen bleiben. Ich wünsche mir hier auch gemeinsame Fortbildungen von Schule und Jugendhilfe."

In Hamburg gibt es 70 gebundene Ganztagsschulen, 50 weitere sind geplant. Ab Herbst sollen schulformübergreifende Konferenzen für regionale Schulentwicklung stattfinden, die extern moderiert werden. Ganz Hamburg soll in Bildungsregionen aufgeteilt werden, die Schulentwicklung in dauerhaften regionalen Bildungskonferenzen Schulentwicklung betreiben statt Behördenanweisungen zu exekutieren. "Das ist eine spannende Aussicht", befand Christa Goetsch.

Welche "Stolpersteine und Fortschritte auf dem Weg zu Kooperationen in Lokalen Bildungslandschaften" zu verzeichnen sind, konnte Dr. Ellen Künzel berichten, die seit zwölf Jahren in einer Hamburger Beratungsfirma als Beraterin für Projektmanagement und Organisation zuständig ist. Sie berichtete, dass das Thema "Kooperationslandschaften schaffen" ein internationales Thema sei. Sie selbst war damit bei der Evaluation der verwaltungsübergreifenden Kooperation des Projektes "Lebenswerte Stadt 2006 - 2008" befasst, an dem sieben Fachbehörden und sechs Bezirksämter beteiligt waren.

Widerstand als Zwillingsschwester der Veränderung

Fördernde Kräfte bei diesem Projekt waren der Veränderungsdruck von außen und die bereit gestellten Ressourcen mit einem klaren politischen Auftrag. Hemmende Kräfte bestanden im Misstrauen, selektiver Wahrnehmung, fehlenden Visionen, Erklärung von Nichtzuständigkeit und der fehlenden Erfahrung mit Kooperationen. "Systeme schützen ihre Grenzen, sie streben nach Aufrechterhaltung des inneren Gleichgewichts", so Ellen Künzel. "Widerstand ist die Zwillingsschwester der Veränderung, und Nichtkooperation hat auch eine stabilisierende Funktion."

Kooperation als Veränderungsprozess brauche einen klar definierten und systematisch gestalteten Umsetzungsprozess und "klare Ansagen von oben, klare Aufgaben- und Auftragsklärung mit schriftlichen Anträgen", so Ellen Künzel. Auch müssten Gelegenheiten geschaffen werden, bei denen die Akteure Interaktion, Wertschätzung und Vertrauen förderten. Die Prozessgestaltung müsse räumliche, zeitliche, soziale und emotionale Dimensionen umfassen. Eine externe Begleitung des Prozesses sei ein Muss.

"Gemeinsame Fortbildungen, gemeinsame Lernreisen, Zielplanungs-Workshops, Experten-Workshops, Feedback-Runden und externe Evaluation sind Instrumente, um einen Kooperationsprozess zu unterstützen", so die Beraterin. "Wichtig ist, dass man die Emotionen der Beteiligten berücksichtigt. Hier geht es um keinen Prozess, wo man oben ein Geldstück reinwirft und unten ein Produkt rauskommt." Der gesamte Prozess müsse transparent für alle Beteiligten sein.

"Tor zur Welt" als zentraler Anlaufpunkt

Mit dem Projekt "Bilden - Beraten - Betreuen" ist auf den Elbinseln in der Region Wilhelmsburg/Veddel bereits eine lokale Bildungslandschaft entstanden, die auf der Fachtagung von Bernd Heckmann und Burghard Ahnfeldt von der Behörde für Schule und Berufsbildung vorgestellt wurde. Über ein abgestimmtes Zusammenwirken aller lokalen Akteure sollen "benachbarte Bildungs-, Beratungs- und Betreuungseinrichtungen durch verstärkte und nachhaltige Zusammenarbeit zu einer besseren Förderung der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen der Region im Sinne eines lebenslangen Lernens beitragen".

Dazu werden die Klassenstärke aller Vorschulklassen und 1. Klassen ab 2007 auf 18 bis 20 Schülerinnen und Schüler gesenkt, der Ganztagsschulausbau vorangetrieben - ab dem Schuljahr 2008/09 sind neun von zehn Schulen Ganztagsschulen - und bis 2013 alle Schulen saniert oder neu gebaut. Darüber hinaus wird ein Haus der Jugend neu entstehen. In die Schulen gehen erhebliche Förderreserven für die Sprachförderung mit drei bis vier zusätzlichen Lehrkräften pro Schule.

Das Herzstück des Programms ist das Bildungszentrum "Tor zur Welt" in Wilhelmsburg, das 2013 fertig gestellt sein soll. Hier bilden Grundschule, Sprachheilschule, Gymnasium, Haus der Jugend, Science Center, School & Business Center, Umwelt Center und ein Multifunktionsgebäude mit Volkshochschule, Elternschule, Regionaler Beratungs- und Unterstützungsstelle, Jugendmusikschule, Vereinen und Stadtteilinitiativen einen zentralen Anlaufpunkt im Stadtteil.

"Kooperationen machen viel Spaß und Ärger"

Die Zwischenbilanz, die Heckmann und Ahnfeldt ziehen konnten, fiel positiv aus: "Die ,Augenhöhendiskussion' liegt ein gutes Stück hinter uns. Engagierte Akteure in den verschiedenen Bildungs- und Beratungseinrichtungen arbeiten strukturiert zusammen. Das gemeinsame Verständnis von Bildung und die Grundphilosophie einer gemeinsamen Verantwortung für die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen des Quartiers werden angenommen." Auch setze sich die Einsicht durch, Schulgebäude und Schulneubauten stärker unter dem Aspekt der Mehrfachnutzung umzugestalten und zu konzipieren. Kritisch müsse man anmerken, dass eine gemeinsame Qualitätsentwicklung in der Region erst in Ansätzen erkennbar sei.

Für diesen Prozess sind Heckmann und Ahnfeldt zufolge externe Moderation, Entlastungen für die Einrichtungen und Schulen sowie zentrale Ansprechpartner in Behörden und Ministerien notwendig. Wie in Wilhelmshaven möchte man die mit diesem Projekt gewonnenen Erfahrungen transferieren: Die Schulentwicklung mit sechsjährigen Primarschulen, Stadtteilschulen und Gymnasien soll so vorangetrieben werden.

"Wir brauchen mehr Grenzgänger statt Lagerverwalter", brachte ein Teilnehmer ein Erfordernis für gelingende Kooperationsprozesse auf den Punkt. Und eine Teilnehmerin ergänzte: "Kooperationen machen Spaß, viel Ärger und brauchen Zeit."

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: https://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000

 

 


 
(Ende der inhaltlichen Zusatzinformationen)