Bildung im Auftrag der Kinder und Jugendlichen

Für die Kommunen geht es zunehmend darum, das Augenmerk auf die Kinder und Jugendlichen zu lenken. Deren individuelle Förderung sowie eine familienfreundliche Bildungspolitik geben den Ausschlag für die Zukunft zahlreicher Gemeinden. Die Fachtagung "Auf dem Weg zu ,Lokalen Bildungslandschaften'" , die am 16. und 17. Mai 2008 in Meißen (Sachsen) stattfand, verdeutlichte den großen Stellenwert, den die lokalen Bildungslandschaften für Sachsen haben. Eine bessere strukturelle Beteiligung im Sinne der Partizipation aller Akteure an dem Prozess trägt zudem zum Gelingen bei.

Auch Sachsen hat das Potenzial der lokalen Bildungslandschaften entdeckt. Sie bieten zahlreiche Chancen für die Stärkung der Bildung in den Kommunen des Landes: In der über tausendjährigen Stadt Meißen, die auch als "Wiege Sachsens" bezeichnet wird, diskutierten rund 100 Fachleute aus Bildung, Politik und Verwaltung am 16. und 17. Mai 2008 darüber, welche Vorteile den Kommunen der Ausbau der Ganztagsschulen sowie eine systematische Vernetzung ihrer Bildungsangebote bringt.

Vielen Kommunen und Regionen, die sich einem zunehmenden Wettbewerb um Investitionen und Einwohner stellen, steht das Wasser angesichts negativer demographischer Entwicklungen bis zum Hals. Ein Beispiel ist Meißen. Die Stadt an der Elbe ist nicht nur die berühmte Hochburg des Porzellans, sondern auch eine Kommune in den neuen Bundesländern mit den typischen Problemen wie dem Bevölkerungsschwund und der Überalterung.

Zu ihren besten Zeiten hatte die Stadt rund 40.000 Einwohnerinnen und Einwohner, heute lediglich rund 28.000. So hängt das Ringen der Städte und Regionen um junge Familien und Einwohnerschaft auch davon ab, inwiefern es ihnen gelingt, die Ganztagsbetreuung sowie das lebenslange Lernen zu verbessern.

"Im Mittelpunkt des Geschehens stehen die Kinder und Jugendlichen", so Hansjörg König, Staatssekretär im Sächsischen Kultusministerium. König weiter: "Vor rund dreieinhalb Jahren sind wir mit 10 Schulversuchen gestartet, heute haben sich 1044 Schulen auf dem Weg zur Ganztagsschule gemacht."

Auf dem Weg zu familienfreundlichen Regionen

Für die Kommunen in Sachsen geht es darum, das Augenmerk auf die Kinder und Jugendlichen zu lenken, deren individuelle Förderung im Rahmen integrierter Bildungslandschaften den Ausschlag für die Zukunft der Gesellschaft gibt. Es gilt, die Städte im eigenen Interesse familienfreundlich zu gestalten. Gerade Hoyerswerda hat aus Sicht des Staatssekretärs rechtzeitig den Umbruch geschafft und sich als bildungs- und sportfreundliche Stadt auch überregional einen Namen gemacht. Dabei hatte die Gemeinde, wie Meißen, innerhalb weniger Jahre mehr als 50 Prozent ihrer Bürgerinnen und Bürger verloren.

Tagungstelnehmer

Allerdings gibt es "für unterschiedliche Regionen auch unterschiedliche Rezepte", meinte König. Dies habe er im bundesweiten Vergleich auf dem vierten Ganztagsschulkongress zum Thema "Ganztagsschulen werden mehr - Bildungslandschaften lokal verantworten" 2007 erkannt, wo er sich einen Überblick über die Entwicklungen im gesamten Land verschaffen konnte. Die Kommunalisierung der Bildung ergibt sich König zufolge daraus, dass für die Bildungspolitik in Sachsen die Bildungsbiographien der Kinder und Jugendlichen sowie das lebenslange Lernen in den Mittelpunkt stehen.

PISA als Initialzündung

Zahlreiche lokale Bildungslandslandschaften in Deutschland erfuhren ihre Initialzündung durch die mäßigen PISA-Ergebnisse. Dies verdeutlichte Dieter Assel, Fachdienstleiter für Schule und Jugendhilfe am Beispiel der hessischen Gemeinde Weiterstadt. Unter dem Titel "Von der Zuständigkeit zur gemeinsamen Verantwortung - Schule, Jugendhilfe und Kommune als Gestalter lokaler Bildungslandschaften" führte er aus, wie die Gemeinde, die 24.000 Einwohner zählt, den Aufbruch in eine neue Ära der Bildungspolitik geschafft hat.

"Die Lust an Veränderung, das Überwinden fester Strukturen sowie das Einrichten eines Bildungsbeirates als Steuerungsinstrument" seien zentrale Voraussetzungen der lokalen Bildungslandschaft Weiterstadt gewesen. Das erste Weiterstädter Stadtgespräch, das in Kooperation mit der Evangelischen Kirche, der städtischen Gesamtschule sowie dem Fachdienst Kinder- und Jugendhilfe veranstaltet wurde und mit rund 240 Bürgerinnen und Bürgern alle Erwartungen übertraf, war ein zusätzlicher Mosaikstein auf dem Weg zur Lokalen Bildungslandschaft.

Die Teilnahme eines Vertreters des hessischen Kultusministeriums sowie des Sozialministeriums an den Tagungen erwies sich ebenfalls als förderlich für den Prozess eines einheitlichen Bildungs- und Sozialraums, dessen erklärtes Ziel laut Assel die "Bildung aus einer Hand" sei.

Den Bildungsetat stockte die Gemeinde folgerichtig auf 15 Prozent auf. In Zahlen ausgedrückt: Von 37.914.000 Euro werden 5.806.00 Euro für die Bildung veranschlagt. Die lokale Bildungsberichterstattung ermöglicht eine kontinuierliche Bestandsaufnahme der kommunalen Bildungsplanung. Letztlich hatten die Akteure nicht weniger im Sinn, als einen "klassischen Paradigmenwechsel in der kommunalen Bildungsplanung einzuleiten, der die Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt stellt". Ein Mittel der Wahl bestand darin, Übergänge bzw. Schnittstellen zu schaffen und durch die Ausweitung der ganztägigen Schule die Bildungsbiographien der Kinder und Jugendlichen zu stärken und möglichst lange zu begleiten. Allerdings werden die Horte komplett abgeschafft.

Umfassende Beteiligung von unten

"Unser Weg zum Glück ist die Ganztagsschule", so Dieter Assel. Eine Rahmenvereinbarung stellt die Kooperation zwischen Schulen und Jugendhilfe auf einer verbindlichen Grundlage. Ferner sorgt ein System der Lerndokumentation in den Schulen für eine Art innerer Reform.

Statt Noten gibt es so genannte Portfolios, die die Lerngeschichte der Kinder festhalten. Perspektivisch sollen alle sieben Schulen der Gemeinde bis 2013 in Ganztagsschulen umgewandelt werden. Allein 800.000 Euro stehen jedes Jahr für das sozialpädagogische Personal bereit. Allerdings stellte sich auch heraus, dass die Öffnungszeiten der Ganztagsschulen bis 17:00 Uhr beispielsweise den Betreuungsbedürfnissen von Verkäuferinnen und Verkäufern in keiner Weise entsprechen, da diese je nach Schicht bis 22 Uhr arbeiten.

Ferner gilt es, die Systeme der formellen und informellen Bildung stärker zu verknüpfen. "Wir müssen eine Struktur für gelingende Partizipation von Kindern und Eltern schaffen", so Dieter Assels Ausblick auf die zukünftigen Herausforderungen. Es gibt aber noch mehr zu tun.

So hat Weiterstadt eine zentrale Schwäche an der Schnittstelle zur Berufsbildung erkannt: "Sie ist für die Stadt sehr wichtig", gestand Dieter Assel in der Diskussion ein. Schließlich gäbe es in der Industrie momentan eine wachsende Nachfrage nach qualifizierten Lehrlingen.

Leipzig als Lokale Bildungslandschaft

Ein noch facettenreicheres Bild einer Lokalen Bildungslandschaft bietet die Großstadt Leipzig. So machte Dr. Siegfried Haller, Jugendamtsleiter in Leipzig,in seinem Vortrag auf die Herausforderungen der kommunalen Bildungsplanung in einer Großstadt aufmerksam, die über einer halbe Million Einwohnerinnen und Einwohnern hat.

"Die Kommunen haben Bildungskompetenzen", erläuterte Haller. Sie sollten diese Bildungsverantwortung vor Ort nutzen, sich aber der Unterschiede der Systeme bewusst bleiben. Angefangen von der Allokationsfunktion ("was führt wohin?"), hin zur Beteiligung, Bildungsfunktion, Freiwilligkeit, Gemeinwesenorientierung bis zur Individualisierungsebene seien die Unterschiede nennenswert: "Das beweglichere System, das über größere Freiräume verfügt, sollte in das unbeweglichere hineinwirken."

Individuelle Anschlüsse vor Ort

Der Bildungsbegriff befindet sich laut Haller im Wandel. Es gelte heutzutage die Menschen früh, individuell und dauerhaft zu fördern. Die Familien müssten ferner konsequent in die Gestaltung der Bildungsbiografien der Kinder einbezogen werden (je älter das Kind, desto schwieriger ist es für die Eltern, dies zu erreichen). Außerdem müssten die Übergänge im Bildungssystem durch die Kommune verantwortlich gestaltet werden und personenbezogene Anschlüsse bieten.

In anderen Worten: "Schule ist der größte Jugendclub vor Ort", so Haller. Diesen Wandel können die lokalen Bildungsakteure am besten auffangen. Dabei schauen die Kommunen als Bildungsakteur auf eine lange Tradition zurück. Dass die Großzahl aller öffentlichen Schulen sich in kommunaler Trägerschaft befinden, ist Haller zufolge eine Errungenschaft der Weimarer Republik.

Doch Haller wies auch auf die zahlreichen Schwierigkeiten hin, die in den Großstädten zu bewältigen seien. "Die Stadtteile entmischen sich". Außerdem wachse bis zu ein Drittel der Kinder unter Armutsbedingungen auf oder in den Gymnasien bräuchten zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler Nachhilfeunterricht: "Die Eltern wünschen zunehmend verlässliche Bildung, Erziehung und Betreuung über den ganzen Tag." Auf der anderen Seite sei die Nachfrage nach Schulabgängern stark angestiegen, während das Angebot immer kleiner werde.

Leipziger Thesen zur Bildung

Aus Sicht der Kommunen sind die Ganztagsschulen geeignet, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Die Leipziger Thesen sprechen diesbezüglich Klartext: "Bildung ist mehr als Schule, und die Ganztagsschulen sind eine Bildungsoffensive mit dynamischem Charakter." Aus einer weiteren Leipziger These gehe außerdem hervor, dass die Zuständigkeiten in der Bildung neu geordnet werden müssten, und dass die regionale Verantwortung gestärkt werden müsse.

Tagungsteilnehmer

Eine willkommene Gelegenheit die große Informationsmenge zu verdauen, bot eine so genannte After Dinner Speech im Propsteisaal der Evangelischen Akademie Meißen. Außer dem Staatssekretär nahmen daran Petra Böttcher, Deutsches Zentrum für Luft und Raumfahrt e.V., der ehemalige Manager Peter Daetz, der Reformpädagoge Otto Herz, Klaus Mehlhorn von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen sowie Lars Rohwer, MdL sowie Vorsitzender des Landesjugendhilfeausschusses des Freistaates Sachsen, teil.

Ein zentraler Angelpunkt des Gesprächs war die Spannungsverhältnis zwischen einem öffentlichen Erziehungssystem bzw. einer verstärkten Öffnung hin zum Modell einer Öffentlich-Privaten-Partnerschaft (PPP). Das einzige Land, das den Themenbereich interkulturelle Kompetenzen im Rahmen eines PPP im Unterricht lehre, sei Sachsen, erläuterte Peter Daetz.

Vielfach benötigen Entwicklungen aber 25 Jahre, bis sie greifen, erwiderte Otto Herz. So lange habe die Bundesrepublik beispielsweise gebraucht, bis sie sich als Einwanderungsland begriffen habe. Als Freund klarer Regeln und Verfahren gab sich Siegfried Haller zu erkennen.

"Wie lassen sich lokale Bildungslandschaften planen?"

Dieser Fragestellung ging Dr. Stephan Maykus vom Institut für soziale Arbeit e.V. nach. Seine These dazu lautete: "Das Zusammenspiel der Bildungsqualitäten ist in der Regel nicht vorhanden." Dabei sei es eigentlich die Idee der Bildungslandschaften, solche Qualitäten zu verzahnen. "In der Folge dominiert ein getrennt organisiertes System von Bildung, Betreuung und Erziehung". In der Praxis bedeute dies, dass sich die Bildungsakteure auf den Füßen herumtrampeln.

Es komme zu unkoordinierten Doppelangeboten, außerdem würden vorhandene Ressourcen, wie Personal, Räume und Finanzen verschleudert. Ferner gebe es in den Institutionen wenige Personen, die vernetzt denken, eine hohe Selektionswirkung und strukturelle Verantwortungslosigkeit. "Der Fall Kevin hat gezeigt, dass 24 Institutionen nebeneinander gearbeitet haben, mit den bekannten dramatischen Folgen."

"Bildungsprobleme sind Verknüpfungsprobleme"

Die Zuspitzung von Problemen durch die Versäulung der Institutionen lässt sich allerdings vermeiden: "Bildungsprobleme sind Verknüpfungsprobleme", erläuterte Maykus. Sie entstünden dadurch, dass die Übergänge nicht verknüpft werden, und dass junge Menschen und Familien nicht in ihrem Alltag wahrgenommen werden.
"Es wurde gefragt: Wie wollen wir gemeinsam aufwachsen?", meinte der Erziehungswissenschaftler. Die Bildungslandschaften bräuchten aber Koordinierung und Vernetzung, wenn sie gelingen wollen.

Eine kommunale Gesamtstrategie und ein gemeinsamer Zielhorizont seien daher unabdingbar. Es gehe nicht darum, alles perfekt zu machen, sondern erstmal den Anfang zu finden. Wenn Lokale Bildungslandschaften gelingen sollen, brauchen sie laut Maykus eine Neujustierung der Schulträgerschaft.

Die Zahnräder der Bildungslandschaften verknüpfen

Die Lokalen Bildungslandschaften sollten ihre Zahnräder besser abstimmen: das Zahnrad "Leitbild und Zielrahmen" mit dem Zahnrad "Gestaltungsauftrag" (kommunalpolitischer Auftrag, Ressortverzahnung durch Steuergruppe) sowie das Zahnrad "Kommunale Bildungsplanung" (Kontinuität, Kleinräumigkeit, Kerndatenbestand als Basis) mit dem Zahnrad "Langfristige Strategie".

Nicht zuletzt gibt es noch das wichtige Zahnrad "Beteiligungsprozesse". Maykus brachte den innovativen Charakter der Bildungslandschaften auf den Punkt: "Früher gab es nur den Blick auf die Schule, heute kommt der sozialräumliche Blick hinzu".

Doch ohne die Beteiligung der Schülerinnen und Schüler würde auch eine gut funktionierende Lokale Bildungslandschaft auf halber Strecke stecken bleiben: "Die Gestaltung der Bildungslandschaft bedarf einer Lernkultur, die auf Selbstbestimmung basiert", meinte der Mitarbeiter im Sächsischen Landtag und Schulberater Dr. Siegfried Kost. Die Partizipation müsse im Kernbereich der Schule stattfinden. Sie ist ja auch ein Schonraum, der die Kinder und Jugendlichen auf ihr Leben und ihre Verantwortung in der Gesellschaft vorbereiten soll.

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