Qualitätszirkel Grevenbroich und Neuss: Gemeinsam qualifizieren

Im nordrhein-westfälischen Rhein-Kreis Neuss haben sich die Städte Neuss und Grevenbroich vernetzt und bringen durch die Arbeit in Qualitätszirkeln und gemeinsame Fortbildungen die Qualitätsentwicklung von Ganztagsschulen voran.

Wenn es die Ideen nicht schon gebe, für den nordrhein-westfälischen Rhein-Kreis Neuss müsste man Lokale Bildungslandschaften und Qualitätszirkel erfinden. So gibt es im Kreis neben dem Schulamt Kreis Neuss das Jugendamt Dormagen, das Jugendamt Grevenbroich, das Jugendamt Kaarst, das Jugendamt Meerbusch, das Jugendamt Neuss und das Kreisjugendamt Neuss. Im schlechtesten Falle werkelten alle diese Ämter unabhängig voneinander nebeneinander, erfänden das Rad jeweils immer wieder neu, stünden vor Problemen, die der Nachbar womöglich schon überwunden hat.

Dass dem nicht so ist, verdankt der Kreis unter anderem der engagierten Arbeit von Marie-Luise Bretschneider vom Schulamt für den Rhein-Kreis Neuss, Ursula Futter vom Jugendamt der Stadt Neuss, Hilde Seuring aus dem Fachbereich Jugend bei der Stadt Grevenbroich und Johannes Bienefeld vom Schulverwaltungsamt der Stadt Neuss. Sie alle sind bemüht, eine kommunalübergreifende Vernetzungs- und Qualifizierungsarbeit zu gewährleisten, um die Entwicklung der Ganztagsschulen vor Ort voranzubringen. "Es ist faszinierend zu sehen, wie man sich zusammenrauft, sich neue Teams finden und Themen angegangen werden", fasst Hilde Seuring die ermutigenden Erfahrungen der Zusammenarbeit zusammen.

Die benachbarten Neuss und Grevenbroich sind die beiden größten Städte im Rhein-Kreis Neuss. Letztere hat circa 152.000 Einwohner und Jugendhilfe und Schulverwaltung in getrennten Dezernaten. Das 1975 durch eine kommunale Neugliederung aus sieben Städten und Gemeinden zusammengefügte Grevenbroich bewohnen 64.000 Einwohner. Hier sind Jugendhilfe und Schulverwaltung seit Mitte der Neunziger dank eines sehr engagierten Schuldezernenten, der Schule und Jugendhilfe verbinden wollte, in einem Dezernat verbunden.

Rasante Ganztagsschulentwicklung

Beiden Städten ist die rasante Ganztagsschulentwicklung gemein: Noch im März 2003 hatte die Stadt Neuss, in der eine starke Pro Hort-Bewegung Stimmung gegen die Einführung der offenen Ganztagsschulen machte, beschlossen, sich nicht an der offenen Ganztagsschule zu beteiligen, sondern erst einmal die Entwicklung in anderen Städten abzuwarten. Im Schuljahr 2004/2005 starteten in Neuss dann aber doch bereits sechs Ganztagsgrundschulen mit 436 Schülerinnen und Schülern. Inzwischen sind sämtliche 27 Grundschulen offene Ganztagsschulen. Rund 2.500 Schülerinnen und Schüler nehmen daran teil. "Das hatten selbst größte Optimisten nicht erwartet", so Bienefeld.

In Grevenbroich hatten sich Jugendhilfe- und Schulausschuss in gemeinsamen Sitzungen bereits 2003 dafür ausgesprochen, die offene Ganztagsschule zum Schuljahr 2004/2005 an drei Grundschulen einzuführen. 233 Kinder nahmen teil. Im Schuljahr 2007/2008 waren es dann acht der 12 Grundschulen mit etwa 610 Schülerinnen und Schülern.

"Ich weiß, dass die Kinder das brauchen!", erklärte 2003 eine Schulleiterin aus Rommerskirchen, und Marie Luise Bretschneider, selbst Lehrerin, die als Fachberaterin für den Ganztag im Rhein-Kreis Neuss und Koordinatorin bei der Bezirksregierung Düsseldorf freigestellt ist, ging in die Lehrerkonferenzen, um den "Blick für die Kinder zu öffnen, die keine guten Bedingungen vorfinden". Die Halbtagsschule habe das weniger interessiert, sie habe es auch einfach nicht mitbekommen. "In einer Ganztagsschule können die Pädagogen die Kinder viel ganzheitlicher wahrnehmen, da kommen die sozialen Hintergründe viel deutlicher zum Tragen."

Qualitätszirkel zur Weiterentwicklung der Ganztagsschulen

In einer relativ wohlhabenden Stadt wie Neuss "wird es uns noch lange beschäftigen, dass Ganztagsschule nicht nur etwas für Bedürftige ist", wie die Koordinatorin meint. Auch mit dem Thema der Abholzeiten ihrer Kinder schmissen Eltern ganze Elternabende. Die Ganztagsschule werde häufig noch als Anhängsel des Schultages betrachtet, das man beliebig verkürzen könne. "Schade, dass man sich mit so einem Thema so lange aufhalten muss", bedauert Hilde Seuring.

Damit Ganztagsschulen überzeugen können, müssen sie ein qualitativ gutes Angebot machen. Um dies zu gewährleisten, muss das völlig heterogene Personal am Nachmittag - Kauffrauen, Verkäuferinnen, Hausfrauen, Studenten, Ärzte betreuen zum Beispiel die Schülerinnen und Schüler - fortgebildet werden. Aber auch die Schulen selbst müssen für sich klären, was sie mit der Ganztagsschule erreichen wollen - über eine reine Verwahranstalt hinaus.

Sowohl in Neuss wie in Grevenbroich beschlossen die politischen Gremien 2005, Qualitätszirkel einzurichten. Bei der Auftaktveranstaltung zur Qualitätszirkelarbeit der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen im Juni 2005 in Dortmund waren beide Kommunen vertreten. Der Gedanke der Vernetzung kam bereits während dieser Veranstaltung auf. In einer gemeinsamen Arbeitsgruppe fanden sich die Fachberaterin des örtlichen Jugendamtes Grevenbroich, die Fachberaterin für den Ganztag des Schulamtes des Rhein-Kreieses Neuss und die Fachberatungen aus dem Schulverwaltungsamt und dem Jugendamt der Stadt Neuss zusammen. Man war sich einig, die personellen und finanziellen Ressourcen zu bündeln, um damit gemeinsame Fortbildungen durchzuführen. Bei der folgenden Fortbildung im September 2005 in Soest traten beide Städte bereits als Gemeinschaftsteam an.

Vertrauensverhältnis unter den Beteiligten gibt Stärke

Die Qualitätszirkel sollen Qualitätsstandards für die offene Ganztagsschule entwickeln, Fachtagungen vorbereiten und durchführen, kooperative Arbeitsstrukturen für die pädagogischen Leitungen, Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrer, die Träger sowie weitere Kooperationspartner organisieren sowie bei der Qualitätsentwicklung auf regionaler und Landesebene mitarbeiten. Während in den ersten Jahren organisatorische Probleme im Vordergrund standen, konnte man ab 2006 pädagogische Fragen verfolgen: Wie erreicht man noch mehr verantwortliche Beteiligung von Mädchen und Jungen? Wie kann bei den Hausaufgaben eine bessere Abstimmung zwischen Lehrerkollegium und außerschulischen Partnern erfolgen? Wie gestaltet man Räume um, damit sie Kinder zur Selbstständigkeit ermutigen und in ihrer sozialen und eigenverantwortlichen Kompetenz stärken? Was brauchen die Pädagoginnen und Pädagogen an Fortbildungen und Weiterqualifizierungen?

Der Kern des überregionalen Qualitätszirkels bestand aus einer Mitarbeiterin des jeweiligen Jugendamtes, der Beraterin im Ganztag, der Fachberaterin eines Trägers sowie dem pädagogischen Mitarbeiter des Schulverwaltungsamtes Neuss. Die bereits vorher vorhandene Kooperation der Kommunen Neuss und Grevenbroich konnte durch die Arbeit im Qualitätszirkel verstärkt werden. Die Klammer bildete dabei Marie Luise Bretschneider als Beraterin im Ganztag beim Schulamt für den Rhein-Kreis Neuss, die durch Besuche an den Schulen, in den Schul- und Jugendverwaltungsämtern vielfältige Kontakte mit allen Beteiligen knüpfen konnte. Kinder und Eltern, Schulleitungen und Lehrkräfte, pädagogisches Personal, Schulverwaltungs- und Jugendämter, Träger und politische Entscheidungsträger wurden vernetzt. "Es besteht ein großes Vertrauensverhältnis untereinander, das dem jeweils anderen Stärke gibt und Rückhalt vermittelt", meint Marie Luise Bretschneider.

Es finden regelmäßige Treffen der Jugend- und Schulverwaltungsämter im Kreis zu den Themen "Betreuung in Schulen", "offene Ganztagsschule", "Übergang Kindertagesstätten - Grundschule" und Sprachstandsfeststellungen statt. Eine Planungsgruppe im Kreis Neuss, an der Fachberaterinnen aus dem Kreis Neuss, der Stadt Neuss, der Stadt Dormagen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem kinder- und jugendärztlichen Dienst, dem Schulamt und der Fachschule teilnehmen, gibt Anregungen und Informationen, berät und koordiniert die Arbeit der sechs Jugendämter im Kreis.

Fortbildungen als Herzstück der Zusammenarbeit

In einer weiteren Gruppe "Zusammenarbeit Schule/Jugendhilfe" treffen sich Vertreterinnen und Vertreter der Schulverwaltungsämter, des Schulamtes, der Jugendämter und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der offenen Ganztagsgrundschulen, um Informationen auszutauschen, zu diskutieren und Vereinbarungen zu treffen. Die Gesamtkoordination liegt dabei beim Schulamt des Rhein-Kreises Neuss.

Das Herzstück der Zusammenarbeit über die Stadtgrenzen hinweg sind indes die gemeinsamen Fortbildungen, die von allen Beteiligten als etwas ganz Besonderes und Gewinnbringendes erfahren werden. "Fortbildungen öffnen Menschen noch einmal anders", hat Marie Luise Bretschneider erfahren. "Es ergeben sich viele lose und feste Kontakte, und man kann voneinander lernen."

Mit der Insel Hombroich, die zwischen Neuss und Grevenbroich liegt, hat man einen atmosphärisch besonderen Ort für die Fortbildungen ausgewählt. Auf der früheren Nato-Raketenstation haben sich Künstler, Literaten, Musiker und Wissenschaftler niedergelassen und eine Art Campus gebildet. Hier kann man in Abgeschiedenheit ganz konzentriert arbeiten und sich austauschen.

Die bisherigen Themen der Fortbildungen lauteten: "Qualität im offenen Ganztag - gemeinsam auf dem Weg", "Elternarbeit in offenen Ganztagsschulen", "Der GanzTag ist mehr als die Summe seiner Teile", "Zwischen allen Stühlen? Hausaufgaben im GanzTag" und "Kindern das Glück des Könnens geben - individuelle Förderung den ganzen Tag". Laut Marie Luise Bretschneider gab es für die Fortbildungen bisher positive Resonanzen: "Einmal hieß es, man habe die Fortbildung als Geschenk empfunden." Und auch die Arbeit in den Schulen trägt Früchte. "Bei den Eltern hat es einen Bewusstseinswandel gegeben. Es gibt häufiger positive Rückmeldungen, dass zum Beispiel die Kinder viel selbstständiger geworden seien", so Hilde Seuring.

Alle Abstimmungen und Koordinationen erfordern viel Arbeit von allen Beteiligten, und laut Hilde Seuring ist die Kooperation in anderen Kommunen des Kreises schwieriger als in Grevenbroich. "Wir sind schon so etwas wie ein Vorreiter", spricht die Leiterin des Fachbereichs Jugend für ihre Stadt, "aber auch hier ist es ein mühsamer Weg, der sich mittelfristig auszahlen wird."

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