"Kein Geld, um an alten Strukturen festzuhalten"

Gute Ganztagsschulen sind Teil lokaler und regionaler Bildungsstrategien, die die vorhandenen Ressourcen optimal zugunsten der Kinder und Jugendlichen einsetzen. Allerdings gehen die Vorstellungen über das Thema Qualität in den Ländern und den Kommunen auseinander. Vor diesem Hintergrund veranstalteten die Fachwerkstätten des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung am 12. Mai 2009 in Berlin eine Fachkonferenz, die den bundesweiten Austausch zwischen den Akteuren der Verwaltungen befördern sollte.

Die Fragen, die aus der Bildungsverwaltung kommen, sind meist ziemlich konkret. So wollte die Leiterin der Schulverwaltungsamtes der Stadt Kassel, Gabriele Steinbach, wissen, wie sie das Thema Qualität berücksichtigen könne angesichts von zehn Grundschulen, die sich anschicken, Ganztagsschule zu werden.

Demgegenüber erinnerte der Schulleiter eines Schulzentrums in Mecklenburg-Vorpommern an die Widerstände, auf die er bei den Eltern gestoßen sei, die die Ganztagsschule als ein vom  Staat verordnetes Gebilde verstanden haben und die man erst von dem Gedanken der Ganztagsschule überzeugen musste. Darüber hinaus gebe es im Flächenland Mecklenburg-Vorpommern das fahrtechnische Problem, dass die Schülerinnen und Schüler über lange Strecken transportiert werden müssten.

"Was gehört zu einer guten Ganztagsschule?"

Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Kalkscheune in Berlin.

Die Antworten ließen nicht auf sich warten. So erwiderte Thomas Schnetzer, als Erziehungswissenschaftler am Dortmunder Institut für Schulentwicklung (IFS) in der DKJS-Werkstatt "Entwicklung und Organisation von Ganztagsschulen" tätig, dass alle Flächenländer mit dem Problem des Schülertransportes zu tun haben. In seinem Vortrag, der sich mit der Frage beschäftigte. "Was gehört zu einer guten Ganztagsschule und was macht die Qualität aus?" nannte er sechs Kriterien.

Dazu gehören: ein Konzept von Zeit, Kooperation, Personal, Ernährung- und Verpflegung, Raum sowie Partizipation. "Es gibt allerdings keine perfekte Schule", so der Erziehungswissenschaftler weiter. Qualität könne nicht dekretiert werden, sondern sie müsse verbindlich gemacht und in Einzelteilen verwirklicht werden.   

"Alle, die hier sind, brennen für die Ganztagsschule"

Dass die Fachtagung von Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 15 Bundesländern besucht wurde, verdeutlichte den Bedarf, den die Schulverwaltungen, aber auch die Schulleitungen angesichts der Gestaltung guter Ganztagsschulen verspüren. Ilse Kamski, ebenfalls von der Werkstatt "Entwicklung und Organisation von Ganztagsschulen", war überzeugt: "Alle, die hier sitzen, brennen für die Ganztagsschule."

Dann wandte sich die Erziehungswissenschaftlerin einem sehr interessanten, aber bislang nach ihrer Meinung wenig untersuchten Gebiet zu: den unterschiedlichen Auffassungen, die in den Ländern in Bezug auf einen Qualitätsrahmen vorhanden sind. Nicht nur werde der Begriff Qualität unscharf verwendet, sondern darüber hinaus gebe es in den Ländern eine große Vielfalt an Verfahren, die die Qualitätsentwicklung in Ganztagsschulen gewährleisten sollen. "Die Begriffe werden oft verwechselt und selten klar definiert."

Unterschiedliche Modelle in den Ländern

Wichtig sei mehr begriffliche Klarheit sowie ein verbindliches Verständnis von Qualität. Vor diesem Hintergrund machte Kamski vier zentrale Merkmale für Qualität aus. Sie beziehen sich auf die Bereiche "Unterrichtsqualität und Leistungsorientierung", "Schulklima", "Mitarbeiter/innen" sowie die "Schulorganisation".

Eine ähnliche Auffassung von Qualität komme auch in dem Qualitätsmodell des Greifswalder Erziehungswissenschaftlers Prof. Karl Prüß zum Ausdruck, in dem dieser eine Mittel-, Raum-, Zeit- sowie Personaldimension definiert habe. Auch das Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung habe in diesem Zusammenhang einen vorläufigen Qualitätsrahmen entwickelt. Dazu gehören die System- und Strukturqualität, die Gestaltungs- und Prozessqualität sowie die Ergebnisqualität.

Das Problem wird aber noch komplexer, wenn man auf die Qualitätsrahmen der Länder schaut. Die meisten Länder arbeiten inzwischen mit Qualitätsrahmen für die Schulentwicklung insgesamt. Nicht alle haben aber spezifische Qualitätskriterien für Ganztagsschulen entwickelt. Hinsichtlich der Qualitätsentwicklungsverfahren stellte Kamski fest: "Es gibt eine große Vielfalt, aber was ist das Richtige?"

Den Schülerinnen und Schülern die Zukunft bahnen

Die Einzelschule ist der Ort für die Entwicklung von Qualität, dies habe der Bildungsforscher Helmut Fend seit Mitte der 1980er Jahre betont. Ein gutes Beispiel dafür, wie die Einzelschulen die Qualitätsentwicklung vorantreiben, sah Kamski in dem Wettbewerb "Zeigt her eure Schule". So habe der erste Preisträger, die Grund- und Hauptschule am Gutspark (Salzgitter / Niedersachsen), eine verbindliche Perspektive definiert: "Die dort entwickelte Hauptschulakademie, die zielgerichtete berufsorientierte Maßnahmen zusammen mit der Volkshochschule Salzgitter entwickelt und durchführt, entlässt ihre Schülerinnen und Schüler mit einer klaren Berufsperspektive."

Solche Beispiele machen Mut, denn sie weisen den Kindern individuelle Wege in die Zukunft. Selbstverständlich ist dies aber nicht, da das System Schule den Kindern in der Regel abverlangt, dass sie sich der Struktur anpassen. Angenommen, die Ganztagsschule ist die Antwort - was war die Frage? Für die Psychologin Oggi Enderlein lautet sie wie folgt: "Wie muss die Schule sein, damit sie dem Kind gerecht wird?"

Gerhard Koller

Von den acht- bis neunjährigen Kindern haben laut Enderlein 44 Prozent Angst, dass sie in der Schule zu viele Fehler machen, und 30 Prozent haben laut Kinderbarometer NRW in den siebten Klassen Schulversagensängste. Ferner nehme die Zeit für Hausaufgaben und Schulwege zu. Hier sind die Erwachsenen in der Verantwortung, die lernen müssen, umzudenken und sich die Frage zu stellen: "Was braucht das Kind, um sich nicht nur geistig, sondern auch körperlich, seelisch, sozial gesund weiter entwickeln zu können?"

Erst wenn die Ganztagsschule als Lebenswelt der Kinder gestaltet wird und die Erwachsenen (Eltern, Pädagogen, außerschulische Partner) einen verlässlichen Rahmen bilden, ist für Enderlein die Qualität der Schule gewährleistet. Mit anderen Worten: "Altersgerechte und ausreichende Bedürfnisbefriedigung ist die Voraussetzung dafür, dass Kinder überhaupt erfolgreich lernen und sich gesund entwickeln können."

Wie wird aus Bewegung im Quartier ein politischer Auftrag?

Jede Gemeinde und jede Region sollte sich laut Kriemhild Strenger von der steg Hamburg mbH die Frage stellen, ob sie die Schule vom Kind her denkt. In der Schule komme nämlich ein Unglück selten allein: Psychische Probleme, materielle Not, Trennung/ Scheidung, sexueller Mißbrauch, Suchtprobleme, Sprechbarrieren, Gewalt, Vernachlässigung oder Erziehungsprobleme lauten die alltäglichen Nöte, mit denen es gute Ganztagsschule zu tun haben. "Hierarchien im Schulsystem blockieren die Vernetzungsbemühungen", betonte Strenger.

Um dieser Probleme Herr zu werden, brauche es einen klaren politischen Auftrag, damit Ressourcen und Geld umgesteuert werden können. Grundlegend sei ferner eine klare Analyse der Bildungslandschaft sowie der sozialen Situation der Kommunen oder der Region. In Finnland lasse sich das zentrale Schulamt gerne in die Karten schauen, es habe sich sogar verpflichtet, eng mit dem Jugendamt zusammenzuarbeiten. Sie zitierte den Leiter des Zentralamtes für Unterrichtswesen in Helsinki, Rainer Domisch: "Finnland hat kein Geld, um an alten Strukturen festzuhalten."

Aus dieser Prämisse leiten sich bestimmte Anforderungen an Politik und Verwaltung ab. Laut Strenger sind das durchdachte Arbeitsstrukturen mit klaren Rollen und Verantwortlichkeiten, Vorgehensweisen und Strategien, die auf Nachhaltigkeit setzen, Personen mit Fachlichkeit sowie die Schulung unerfahrener Mitarbeiter. Wichtig: "Auf jeder Ebene bedarf es eines fächerübergreifenden Teams."

Christa Hempe-Wankerl, verantwortlich für Ganztagsschulen bei der Senatorin für Bildung und Wissenschaft in Bremen hakte nach: "Was kann man tun, damit Bewegungen, die von unten im Quartier kommen, zum politischen Auftrag werden?"

Zwar bekam Hempe-Wankerl keine Antwort auf ihre interessante Frage, doch im Gegenzug erläuterte Uwe Gaul die Säulen der Bildungslandschaft Flensburg. Das Praxisbeispiel der IGS Flensburg verdeutlichte, dass die Ganztagsschule aus dem Topf "Geld statt Stellen"  finanziert werden kann. "Die Arbeitsgemeinschaften dürfen auch etwas kosten. Ein Motor der Schule sei der Elternverein sowie die Unterstützung durch die Kooperationspartner.

Handeln, wenn es drauf ankommt

Eine Säule der Bildungslandschaft Flensburg sei der Ganztag. Zur Weiterentwicklung der Bildungslandschaft gebe es regelmäßige Veranstaltungen, die innovative Entwicklungen diskutieren. Steuerungsinstrumente seien die Bildungskommission, die sich aus einem Gremium aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft zusammensetze, sowie das Bildungsbüro.

Letzteres ist für die Planung und Koordination zuständig ist. Es verwaltet den bildungspolitischen Entwicklungsfonds, der zum Beispiel die Projektförderung im frühkindlichen Bereich unterstützt, oder den Innovationspreis in Höhe von 30.000 Euro. "Immer dann, wenn es Gestaltungsoptionen gibt, handeln wir", fügte Gaul hinzu.

Die Haltung der Verwaltung sollte verändert werden

In den anschließenden Arbeitsforen wurde intensiv diskutiert: "Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer zeichnete Angst vor den Herausforderungen aus, andere bewiesen Mut, da sie fortgeschritten waren", bilanzierte Gerhard Koller, Leiter des Schulamtes Forchheim (Bayern). Dies drückte sich besonders im Forum zur Kommunalen Bildungslandschaft aus, das Kriemhild Strenger moderierte.

Welche Erfahrungen mit Kooperationen gibt es in den Bildungslandschaften? In Duisburg wurde eine Bildungsholding eingerichtet, der der Bildungsrat, die Schulen sowie die Wirtschaft angehören und die durch einen Lenkungskreis unterstützt wird. Getrennte Verwaltungen wie das Schul- und Jugendamt tagen zusammen.

"Viel hängt von den Personen ab", wusste Hempe-Wankerl. In der Verwaltung habe man es mit hoch verrechtlichten Strukturen zu tun und es stelle sich die Frage, welche Informationen von einer zur anderen Institution getragen werden. "Die Veränderung funktioniert nur, wenn man sich fragt, wer die Verantwortlichkeit trägt." Die Bereitschaft zur Veränderung könne aus der Verwaltung unterstützt werden. "Es geht nicht nur darum, mehr Geld zu fordern, sondern die Haltung der Verwaltung zu ändern", bilanzierte Hempe-Wankerl.

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