Expedition Bildung: Mit Buch und Bus die Bildungslandschaft erkunden

"Schule kann keiner alleine!": Wer dieser Erkenntnis Tribut zollt, kommt an der neu erschienenen Broschüre "Bildung lokal gestalten", die die Landeskooperationsstelle Schule - Jugendhilfe (kobra.net) herausgegeben hat, kaum vorbei. Die Broschüre, die am 19. Februar 2010 auf Schloss Caputh (Brandenburg) der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, verdeutlicht in Theorie und Praxis, wohin die Reise in den lokalen Bildungslandschaften führt. Sicher ist: Der Boom der Bildungslandschaften ist aufgrund des demographischen Wandels unumkehrbar geworden.

Bildungslandschaften sind ein weites Feld. Nicht immer reichen zwei Buchdeckel aus, um dem Phänomen, das zuweilen nicht an Dramatik entbehrt, vollauf gerecht zu werden: Es geht bei den Bildungslandschaften schließlich um Menschen, die etwas bewegen wollen, und dabei - das Leben ist ja bekanntermaßen eine Baustelle - auf Hindernisse stoßen. Der neu erschienenen Broschüre "Bildung lokal gestalten", die am 19. Februar 2010 im Schloss Caputh (Gemeinde Schwielowsee) der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, ist es gelungen, wichtige Dimensionen der Bildungslandschaften in Brandenburg auf rund 90 Seiten zu komprimieren.

Die Publikation ist das Resultat eines intensiven, landesweiten Prozesses zur Gestaltung von Bildungslandschaften. Akteure aus unterschiedlichen Gemeinden und Landkreisen, die Modellcharakter genießen, trafen sich auf Workshops, Zukunftskonferenzen und Tagungen, die von kobra.net veranstaltet wurden, um gemeinsam die Inhalte der Broschüre zu erarbeiten. Dabei wurden die Vielfalt und die Komplexität der Praxisbeispiele sowie ihre strukturellen Hintergründe in drei übersichtlichen Kapiteln dargestellt.

"Ein Pfund, mit denen die Kommunen wuchern"

Veranstaltungsort Schloss Caputh. Rechts: Plenum
Veranstaltungsort Schloss Caputh

Während Teil A die Grundlagen, Ziele und Akteure der lokalen Bildungslandschaften aufzeigt, wendet sich Teil B drei Praxisbeispielen kommunaler Entwicklungen zu. Schließlich reflektiert Teil C der Broschüre die tiefergehenden Ursachen für den Boom lokaler Bildungslandschaften: den demographischen Wandel, Übergänge zwischen den Schulformen sowie das bildungspolitische Problem der Bildungsgerechtigkeit.

"Eine Leitfrage für uns war: Wie können wir unsere Bildungslandschaft über die IZBB-Fördergelder hinaus entfalten und weiterentwickeln? Meine Anregung an dieser Stelle: Das IZBB-Programm war eine sehr gute Unterstützung. Auf Bundesebene sollte es eine Diskussion zur Neuauflage des Programms geben", erklärt Kerstin Hoppe in Rahmen eines Interviews in der Broschüre. Zweifellos haben die Bildungslandschaften durch das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) bundesweit einen enormen Schub erfahren.

Kerstin Hoppe, die Gastgeberin auf Schloss Caputh und Bürgermeisterin der Gemeinde Schwielowsee, verdeutlichte, dass nach dem IZBB das Konjunkturprogramm den weiteren Ausbau der Ganztagsschulen, die durch ihre vernetzten Bildungsangebote ein wichtiger Teil der Bildungslandschaften sind, unterstützt. Insbesondere gilt es aber festzuhalten: "Die Bildungslandschaften sind das Pfund, mit denen die Kommunen wuchern", sagte Roman Riedt, einer der Verfasser der Broschüre "Bildung lokal gestalten".

Wer? Was? Zu welchem Zeitpunkt?

Die Gründe für den Boom lokaler Bildungslandschaften liegen für Riedt auf der Hand: Es gibt in vielen Kommunen einen Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften, ferner einen erhöhten Transfer von Sozialleistungen für die Bildungsverlierer sowie zahlreiche Eltern, für die Unterstützungsangebote in Fragen der Bildung und Erziehung dringend gebraucht werden; "Die Bildungslandschaften sind ein bundesweiter Trend, der unumkehrbar ist", fügte Roman Riedt hinzu. Im Folgenden zählte er fünf Punkte auf, die eine lokale Bildungslandschaft im engeren Sinn ausmachen.

Zuvörderst zeichnen sie sich durch ein erweitertes Bildungsverständnis aus. Zweitens integriert die lokale Bildungslandschaft alle relevanten Akteure vor Ort, was sich insbesondere in einem guten Zusammenspiel zwischen Schule und Jugendhilfe ausdrückt. Drittens gehört es zum Selbstverständnis von Bildungslandschaften, dass sie ihre spezifische "Architektur" aufeinander abstimmen: Doppelaktivitäten (von Schul- und Jugendamt) gilt es ebenso zu vermeiden wie die Vermengung kommunaler- mit Landeskompetenzen: "Wer macht was, zu welchem Zeitpunkt?", erklärte Roman Riedt. Genauso wichtig wie die Gründung von Bildungsbüros und Stabsstellen sei es, die kommunalen Maßnahmen durch Evaluationen auf den Prüfstand zu stellen.

Gefragt sind Mut, Offenheit - und eine langfristige Perspektive

Ein viertes Standbein lokaler Bildungslandschaften ist die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. Hier gelte es Methoden zu entwickeln, die diese als aktive Gestalter der Bildungslandschaft einbeziehen. Schließlich ist das abgestimmte Vorgehen zwischen Kommune und Land ein weiteres wesentliches Kriterium funktionierender Bildungslandschaften: "Gefragt sind Mut und Offenheit für Klärungen", meinte der Referent. Darüber hinaus sei die langfristige Perspektive ein zentrales Anliegen der Kommunen.

Links im Bild: Roman Riedt. Rechts im Bild: Kerstin Hoppe, Bürgermeisterin der Gemeinde Schwielowsee.

Mut, Ausdauer und Kraft haben Kerstin Hoppe und ihre Mitstreiterinnen in der Steuergruppe der Gemeinde Schwielowsee bewiesen. Die Gemeinde mit knapp 10.000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist als attraktiver Urlaubsort bekannt und liegt ca. sechs Kilometer von Potsdam entfernt. Sie setzt sich aus den Ortsteilen Caputh, Ferch sowie Geltow zusammen, die sich freiwillig zusammenschlossen. Natürlich ist Bildung in der Gemeinde östlich von Berlin längst Chefsache.

Wer andere aber mit sich ziehen möchte, muss persönliche Glaubwürdigkeit ausstrahlen: "Ich kann nichts von den Menschen fordern, wenn ich ihnen nicht vorlebe, was mich überzeugt", meint Kerstin Hoppe. So wundert es nicht, dass die Gemeinde Schwielowsee einer der ersten in Brandenburg war, welche die Chancen erkannte, die sich ihren Schulen mit dem IZBB boten. Kerstin Hoppe und ihrem Team aus Schulleiterin und Managern gelang es in der Steuergruppe nach anfänglichen Schwierigkeiten, die Gemeindevertretung einhellig davon zu überzeugen, mit der Grundschule "Albert-Einstein" in Caputh zunächst eine verlässliche Halbtagsgrundschule einzurichten.

"Man muss sich die Zeit für Gespräche nehmen"

Obwohl es die eine oder andere Enttäuschung gab, gelang am Ende doch der Durchbruch: "Man muss sich die Zeit für Gespräche nehmen." Schließlich wurden 450.000 Euro aus dem IZBB investiert. Hinzu kamen 138.000 Euro an Eigenmitteln, die dazu verwendet wurden, den Speiseraum sowie den Schulhof und das Mehrzweckgebäude auszubauen. Nachdem auch die Partnergemeinden auf die Erfolge der Grundschule "Albert-Einstein" aufmerksam wurden, entwickelte sich die Ganztagsbildung gewissermaßen als ein konsensualer Prozess, der sich auch auf die vorschulischen Einrichtungen erstreckte.

So kam es, dass laut Hoppe "in den vergangenen drei Jahren 5,7 Mio. Euro für die Bildung ausgegeben wurden. Es liegt in der Logik der Sache, dass sich solche beispielgebenden Prozesse wie in der Gemeinde Schwielowsee herumsprechen. Die Broschüre "Bildung lokal gestalten", die dieses Beispiel sowie das zwei weiterer Kommunen aufgreift, wendet sich den Akteuren zu und erzählt von den Stolpersteinen, aber auch von den Gelingensbedingungen auf dem Weg zu lokalen Bildungslandschaften. Die "dramatischen" Orte des Geschehens sind die Gemeinden, die Bürgermeister, Schulleiter, vor allem aber die Kinder sind die Protagonisten der Bildungslandschaften.

Expedition in den Landkreis Elbe-Elster: die Schulbustour

Neben dem Amt Döbern-Land wird die Erfolgsgeschichte des Landkreises Elbe-Elster erzählt und minutiös aufgearbeitet. Sehr schön zu lesen ist das Kapitel "Im Bus durch die Bildungslandschaft": Jungen und Mädchen der Ganztagsschule "Ch.G. Salzmann" Herzberg, einer Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen, erkunden mit einem Bus die weite Welt der Berufe. Zum Hintergrund der Expedition erfährt der Leser, dass durch die hohe Arbeitslosigkeit nach der Wende 1989/90 der Bezug vieler Erwachsener zur Berufswelt verloren gegangen sei: "Die Leute wissen nicht, welche Firmen es in Finsterwalde und Umgebung gibt. Nachdem die Schülerinnen und Schüler Gärtnereien, Großküchen, Pflegeheime, Einkaufsmärkte, Schraubenfabriken oder einen Technologiepark erkundet haben, frohlockt ein Schüler: 'Hey Basti, das ist schon der zweite Betrieb, wo ich ein Praktikum machen kann.'"

Solche Beispiele sprechen für sich. Doch die zweistündige Tagung bot die zusätzliche Möglichkeit, sich mit weiteren Akteuren der Bildungslandschaften auszutauschen. Neben Karin Kantak (Leiterin Projektverbund von kobra.net), Peter Bleckmann (Programmleiter Bildungspartner vernetzen der DKJS), Günter Quander (Amtsdirektor Amt Döbern-Land) und Dr. Ursula Weidenfeld (Moderation), waren Karl-Ludwig Böttger (Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes Brandenburg) sowie Andreas Hillliger (Abteilungsleiter im MBJS Brandenburgs) vertreten. Zentraler Gegenstand der Diskussion war die Frage, ob man für die Bildungslandschaften Rahmenbedingungen vorgeben soll oder ob sich die Bildungspartner aus Eigeninitiative zusammenfinden.   

Lage erkennen und gemeinsam neu orientieren

Andreas Hilliger versprach, dass nach den vielen Reformen der Vergangenheit in den nächsten fünf bis zehn Jahren die Planungssicherheit im Vordergrund stehen solle. Weitere Ganztagsschulen sollten allerdings nur dort entstehen, wo der Bedarf vorhanden sei. Dabei brachte Kerstin Hoppe das Bedürfnis der Kommunen auf den Punkt: "Es gibt eine Zeit der Veränderung. Dann muss man innehalten, um die Lage zu erkennen, und sich anschließend gemeinsam bewegen." Dies beinhalte, dass man sich an die veränderte Position anpasse und neu orientiere.

Hilliger räumte zur Freude der Runde ein, dass auch Verwaltungsvorschriften kritisch unter die Lupe genommen würden: "Die Schulträger erhalten die Möglichkeit, Prozesse zu initiieren." Allerdings warnte der Abteilungsleiter davor, Kooperationen durch Rahmenbedingungen vorzugeben. Dem pflichtete Böttger bei, schließlich komme es auf die handelnden Personen an. Den Kommunen komme dabei der Trend entgegen, dass das Engagement zunehme. Doch zugleich warnte er davor, die Städte und Gemeinden zu überfordern: "Wir können nicht alles! Die Kommunen sind kein Reparaturbetrieb."

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