Ganztagsschulen lösen Kernproblem der Städte

Online-Redaktion: Der Deutsche Städtetag hat sich von Beginn an für das Investitionsprogramm der Bundesregierung, das den Ausbau der Ganztagsschulen unterstützt, engagiert. Hat sich das Engagement für die Städte bislang gelohnt?

Dr. Meyer: Das ist sehr unterschiedlich zu beantworten, denn es ist von Land zu Land verschieden. In den ostdeutschen Bundesländern sind hier von Anfang an andere Voraussetzungen gewesen, weil die Ganztagsschule bzw. die ganztägige Betreuung an der Schule über die Horte quantitativ viel stärker ausgebaut sind als in Westdeutschland. Hier wird man versuchen - und ich habe keinen genauen Überblick, wie weit das gediehen ist - notwendige qualitative Ergänzungen in bereits bestehenden Programmen und vor allem im investiven Bereich unterstützend auf den Weg zu bringen. Also die notwendigen Investitionen zu tätigen für etwas, was es im Grunde schon gibt.

In Westdeutschland sieht es natürlich ganz anders aus: Dort ist die Inanspruchnahme der Bundesmittel, die ja nach einem bestimmten Schlüssel über die Länder verteilt werden, sehr unterschiedlich. In Nordrhein-Westfalen kommt die Sache recht gut in Gang, auch wenn dort im Landtag gegen Jahresende kritisiert wurde, dass sehr wenige Mittel abgerufen wurden. Es ist aber in Bewegung geraten und es wird viel investiert. In anderen Ländern, wie in Bayern, wo es ja auch noch starke ideologische Vorbehalte gegen diese Entwicklung gibt  und nur wenige ernsthafte Versuche der Staatsregierung, die Ganztagsschulen voranzutreiben, werden diese Mittel bisher noch nicht in dem Umfang in Anspruch genommen. Dagegen haben die Hamburger sehr schnell reagiert: Am solidesten scheint es uns nach wie vor in Rheinland-Pfalz zu sein.

Online-Redaktion: Was können die Ganztagsschulen in sozialen Brennpunkten im Bereich der Jugendarbeit leisten?

Dr. Meyer: Man muss natürlich sehen, dass ganztägige schulische Angebote mit der Intensität und auch der fachlichen Qualität der Betreuung in der Hort- und Jugendpädagogik teilweise noch nicht mithalten können. Das ist schon aus quantitativen Gründen nicht möglich, da reichen die Ressourcen längst nicht aus: Das ist ja auch die Grundlage  des Konfliktes der Jugendhilfe mit dem Programm. Aber man muss natürlich schon sehen, dass die ganztägigen schulischen Angebote in der Lage sind, in Problemstadtteilen die Kinder von der Straße zu bringen, die bisher wenig Betreuung und Unterstützung vom Elternhaus hatten. Die Möglichkeit ist da - inwieweit dies tatsächlich gelingt, weil die Angebote letztlich auf freiwilliger Basis sind - ist überhaupt noch nicht zu überprüfen.

Online-Redaktion: Fördern die Ganztagsschulen aus Ihrer Sicht auch die begabten Kinder ausreichend?

Dr. Meyer: Da ist die Frage, was wir unter Begabung verstehen. Wenn wir Begabung als eine über kognitive Fähigkeiten und das Abrufen von Fachwissen hinausgehende Begabung mit Hinblick auf Persönlichkeitsbildung , z.B. durch Bildung und Erziehung verstehen, dann gehe ich schon davon aus, dass die Ganztagsschulen mit den Angeboten, so wie sie jetzt angelaufen sind, einen wesentlichen Fortschritt bedeuten auch für Kinder, die spezielle Begabungen haben. Zum Beispiel musisch Begabte oder handwerklich Begabte: Wir wissen aus vielen Ganztagsschulen traditioneller Art, dass es eben Kinder und Jugendliche gibt, die dann auch ein neues Vertrauen zur Schule fassen.

Online-Redaktion: Welche Vorteile bieten die Ganztagsschulen aus der Sicht der Städte?

Dr. Meyer: Sie lösen Probleme, die - so paradox dies klingen mag angesichts der Arbeitslosenzahl - immer drängender werden. Sie lösen, wenn sie noch stärker in der Breite angeboten werden ein Kernproblem, das wir zunehmend in den Städten haben, nämlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. In Kernregionen wie der Region Dresden beispielsweise gibt es schon jetzt einen eklatanten Mangel an Fachkräften, der entwicklungshindernd ist. In den meisten Städten existiert trotz hoher Arbeitslosigkeit ein Bedarf, den wir angesichts der demografischen Entwicklung nur befriedigen können, wenn wir den Frauen eine bessere Chance geben zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wir machen es, wie es DDR-Tradition war, indem wir die Horte ausbauen, oder wir gehen in Richtung Ganztagsschule. Ich bin der Meinung, dass die Ganztagsschule insofern der richtigere Weg ist, als er eben ein ganzheitliches Bildungsangebot unter Einbeziehung der Schule entwickelt.

Entscheidend ist natürlich, dass die Schule sich öffnet, und dass das Ganze ein in sich verzahntes System wird. Das ist eine wesentliche Voraussetzung ist, um die Humanressourcen, die immer wichtiger werden für die Städte, auch wirklich zu entwickeln und zu erschließen. Wir haben zum Beispiel in Frankreich, wo die kostenlose Ganztagsschule die Regelschule ist, die Vereinbarkeit für Frauen von Familie und Beruf am besten gewährleistet.

Online-Redaktion: Die Finanzlage der Kommunen ist bekanntermaßen sehr angespannt: Fällt dem auch Ihr Kulturreferat zum Opfer und welche Auswirkungen hat dies auf die Sportangebote und die Kulturprojekte an den Ganztagsschulen?

Dr. Meyer: Wir haben in den Kommunen die unterschiedlichsten Konstruktionen auf der Verwaltungsebene. Wir haben die Verbindung von Schule und Kultur, Jugend und Sport, wir haben häufig Soziales dabei und andere Verbindungen. Das hat eine ganze Reihe von Gründen, politische, sachliche, administrative. Beim Deutschen Städtetag ist es so, dass er bei der Finanzierung auf die Beiträge seiner Mitgliedsstädte angewiesen ist, die aber einen Einwohnerschwund haben. Eine Stadt, die Einwohner verliert, zahlt auch weniger Beitrag, weil das ein Schlüssel ist, der an die Einwohnerzahl gekoppelt ist. Das ist angesichts der katastrophalen Finanzlage der Städte das Dilemma. Und deswegen müssen wir konsolidieren. Dafür werden neue Dezernatsstrukturen gebildet, die diese Dezernate auffangen müssen.

Was die Schulen angeht, würde ich eher sagen, dass die neue Lösung auch positive Aspekte hat, weil wir im Rahmen des früheren Sozialdezernates ein neues Dezernat bekommen. Das heißt wir fügen Bildung, Schule und Jugend im neuen Dezernatsbereich zusammen und haben dann in einem Dezernat die Zuständigkeit für die Kindertagesstätten, den Übergang in die Grundschule und die schulische Weiterentwicklung. Unter Federführung des kompetenten Kollegen Dr. Wienand wird gerade die Ganztagsschule einen Schwerpunkt bilden. Von daher ist, was die Arbeit des Städtetages angeht, hier kein Verlust zu erwarten.

Online-Redaktion: Fließen die Gelder des Bundes eigentlich schnell genug zum Zielort?

Dr. Meyer: Die Mehrzahl der Länder überweisen die Gelder sehr unbürokratisch. Es hat natürlich auch da eine Übergangszeit und Reibungen gegeben. Doch insgesamt  fließen die Mittel eigentlich verhältnismäßig unkompliziert.

Online-Redaktion: Wie sieht aus Ihrer Sicht die ideale Ganztagsschule aus?

Dr. Meyer: Da bin ich nach wie vor der Meinung, dass wir uns noch auf dem Weg befinden. Die ideale Ganztagsschule ist in meinen Augen, ich sage es mal sehr holzschnittartig, die Schule aus einer Hand. Das heißt unter der gesamtpädagogischen Verantwortung der Schule, der Schulleitung und der Pädagogen. Aber auch eine offene Schule, die die Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur, also alles, was außerhalb der Schule passiert, mit einbezieht. Das heißt eben, die Wirklichkeit, die draußen, außerhalb der Schule ist, sollte nicht nur als Sekundärwissen bzw. als Sekundärerfahrung, sondern auch ungefilterter in die Schule gelangen. Dazu bietet die Ganztagsschule natürlich eine Chance, aber sie braucht eine neue Form des Unterrichts: eine freiere Gestaltung, nicht die strikte Trennung, Vormittags ist die Regelschule, wie sie bisher war, und am Nachmittag ein Zusatzprogramm. Die Schule muss sich insgesamt in ihrem strukturellen Ablauf verändern, und sie darf nicht die Schule bleiben, die sich hermetisch abschließt. Sie soll die Musikschule, den Sportverein, die lokale Wirtschaft usw. durchaus mit hereinholen. Aber es muss eine Schule sein, die in der gesamtpädagogischen Verantwortung der Schule liegt.

Bernd Meyer
geb. 1941, Studium der Anglistik, Germanistik und Philosophie, Bibliotheksausbildung. 1969 bis 1973 Leiter der Stadtbibliothek Regensburg. 1973 bis 1992 Kulturdezernent der Stadt Regensburg. Seit 1992 Beigeordneter beim Deutschen Städtetag und Städtetag Nordrhein-Westfalen, Dezernent für Bildung, Kultur und Sport. Honorarprofessor für Kulturpolitik an der Fachhochschule Potsdam. Mitglied im Stiftungsrat der Bundeskulturstiftung und im Kuratorium der Kulturstiftung der Länder sowie Mitglied in den Gremien des Deutschen Bibliotheksverbandes und des Deutschen Bühnenvereins.

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