Neue Raumkonzepte für Ganztagsschulen

Über „Neue Raumkonzepte – gute Akustik – flexible Möblierung“, unter anderem in zwei Ganztagsgrundschulen, sprachen ein Innenarchitekt, eine Innenarchitektin und ein Akustikexperte im „Schulbau-Kaffeeklatsch“.

Digitale Lernwerkstatt ISE in Hamburg© LI / Christopher Seyd

Am 7. Dezember 2020 eröffneten in der Isestraße 144-146 ganz besondere Räume. Unter dieser Adresse der Außenstelle des Hamburger Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) findet sich seither der digitale Werkstattraum ISE. Passend zum Thema flankierte ein LiveChat die Eröffnung. Denn der Werkstattraum mit den neu entwickelten und innerhalb nur eines halben Jahres entstandenen Räumlichkeiten ist so etwas wie ein Laboratorium, in dem seitdem Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I und II und Lehrkräfte zukunftsweisendes Lernen in einer digitalisierten Welt ausprobieren können.

Videokonferenz
© LIS

„Wir machen die Digitalisierung nicht wegen Corona“, betonte Schulsenator Ties Rabe in seiner Eröffnungsrede, „sondern weil die Schulen den Schülerinnen und Schülern digitale Kompetenzen vermitteln müssen, die sie in ihrem Leben benötigen werden wie Lesen, Schreiben und Rechnen.“ Bundesweit fast 11 Millionen Schülerinnen und Schüler und rund 900.000 Pädagoginnen und Pädagogen in die Digitalisierung der Schulen einzubeziehen, sei ein „gewaltiges Unterfangen und keines, das während der Sommerferien erledigt werden kann, wie manche das zu glauben scheinen“. Ein Baustein, die Beteiligten mitzunehmen und zu qualifizieren, ist in der Hansestadt die digitale Lernwerkstatt.

Podcasts aus dem Holodeck und Kommunikation in der Küche

Aus welchen Räumen die Lernwerkstatt besteht, konnten 85 Teilnehmerinnen und Teilnehmer LiveChat „Neue Raumkonzepte – gute Akustik – flexible Möblierung“, einer neuen Ausgabe des „Schulbauexperten-Kaffeeklatsch“ der Schulbau-Messe am 17. März 2021 aus berufenem Munde erfahren. René Pier hat die Lernwerkstatt entworfen. „Wir haben uns von dem Satz leiten lassen, dass das Kerngeschäft der Schule das Lernen ist und dass dieses Lernen heute selbstbestimmt und individuell erfolgt“, erklärte der Stuttgarter Innenarchitekt, der auch dem Landesvorstand der Architektenkammer Baden-Württemberg angehört.

René Pier hat die Lernwerkstatt entworfen© Felix Kästle

Für digitales Lernen gibt es Pier zufolge keine Blaupause. Die Räume der Lernwerkstatt, die ans Glasfasernetz angeschlossen sind und über ein gutes WLAN verfügen, zeichnen sich durch ihre unterschiedlichen Funktionen aus. Jedes Zimmer ist für eine andere Art des Lernens konzipiert und ausgestattet, insgesamt ermöglichen die ehemaligen vier Klassenzimmer nun sieben verschiedene Lernsettings. So gibt es zum Beispiel den „Zeig's mir‟-Raum, in dem fest installierte Greenscreen-Technik und mobile Möbel die Herstellung von Filmen ermöglichen. Es gibt einen „Denkraum“ für Einzel- und Gruppenarbeit und ein „Holodeck“, eine Plattform, auf der Podcasts und Lehrfilme produziert werden.

„In Hamburg begannen wir im Vorfeld mit der Phase Null, in der sich die Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern in die Planung einbringen konnten“, berichtete der Innenarchitekt. „Die Schülerinnen und Schüler wünschten sich 'Grünzeug', was sich nun im ‚Green Space’ mit seinen vielen Pflanzen wiederfindet. Und dass der Kommunikationsraum wie eine Küche aussieht, hat damit zu tun, dass wir festgestellt haben, dass alle guten Partys immer in der Küche enden.“ Nun soll in einer Art Feldforschung die Lernwerkstatt fortlaufend durch die sie nutzenden Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte evaluiert werden.

„Kein fertiges Konzept überstülpen“

Birte Riepenhausen und Barbara Eitner
Birte Riepenhausen und Barbara Eitner haben zwei Ganztagsgrundschulen begleitet© null2elf

Die Düsseldorfer Innenarchitektinnen Barbara Eitner und Birte Riepenhausen haben 2019 direkt in zwei offenen Ganztagsschulen in Nordrhein-Westfalen gewirkt: in der Adam-Riese-Schule Meerbusch und in der Grundschule Schulstraße in Heiligenhaus. Weitere Projekte seien in Planung, so Barbara Eitner.„Wir haben in Meerbusch und Heiligenhaus die Räume geplant, die multifunktional zugleich für Unterricht und Ganztagsangebote nutzbar sein sollten“, berichtet sie im Workshop. „Die Ganztagsschulen reagieren auf die steigende Anmeldezahl bei gleichzeitiger Raumknappheit. Sie wünschen sich flexible Lösungen.“

An der Adam-Riese-Schule Meerbusch im Rhein-Kreis Neuss sind zwei helle Räume mit guter Akustik, flexibler Lichtsteuerung, digitalen Tafeln und Wandeinbauten mit Stauraum und integrierter Waschmöglichhkeit entstanden. Die mobilen Möbel können je nach Anforderung arrangiert werden. Rollcontainer enthalten Schülerfächer mit Materialien zum Lernen, Basteln und Spielen und können in Wandnischen 'geparkt' werden. An der Decke eingehängte Hängesitze, kleine fahrbare Häuschen und Ruhematten auf dem Fußboden laden am Nachmittag zum Entspannen ein. Insgesamt stehen den rund 130 Schülerinnen und Schülern, die im Ganztag angemeldet sind, nun vier statt zwei OGS-Räume zur Verfügung.

"Schülerinnen und Schüler müssen auch zur Ruhe kommen können."© Ute Kaiser

Ganz ähnlich sieht die Gestaltung der Grundschule Schulstraße im Landkreis Mettmann aus. Hier mussten wegen der steigenden OGS-Anmeldezahlen gleich sechs Räume multifunktional umgestaltet werden. Mit wenigen Handgriffen und mithilfe von mobilen Möbeln und Raumteilern können die Pädagoginnen und Pädagogen die Räume nun schnell umgestalten, von Unterrichtssituationen über Hausaufgabenbetreuung bis zu AGs und Freizeit. „Ein entscheidender Punkt ist, dass die Schülerinnen und Schüler auch mal zur Ruhe kommen können. Dazu schaffen wir Rückzugsräume durch Trenn- und Pinnwände, die Wandnischen und die fahrbaren Häuschen“, erläuterte die Innenarchitektin. Sie betonte: „Man kann Schulen kein fertiges System überstülpen. Unseren Planungen geht immer eine gründliche Analyse mit der Schule voraus, um deren Bedürfnisse zu erfahren. Alles erarbeiten wir zusammen, auch die Raumprogramme. Eine 3D-Visualisierung ist hilfreich. Ich versuche auch in allen Projekten einen Akustiker dazuzuholen.“

Akustik gut planen

Christian Nocke
Dr. Christian Nocke: "Raumnutzung im Vorfeld klären."© Akustikbüro Oldenburg

Wie wichtig eine gute Akustik ist, machte der dritte Referent deutlich, der Physiker und Akustikexperte Dr. Christian Nocke aus Oldenburg: „Die Raumakustik ist immer geprägt durch ein Wechselspiel zwischen Nutzung und Raumgestaltung. In Klassenräumen, wo Hören, Zuhören und Verstehen ganz besonders wichtig sind, sind häufig keine optimalen Bedingungen vorzufinden. Die Nachhallzeit kann aber durch spezielle Materialien gezielt reduziert werden. Das kommt Schülerinnen und Schülern genauso wie den Lehrenden zugute.“

Wenn es manchmal heiße, die Klassen seien zu groß oder Schülerinnen und Schüler zu frech, werde oft nicht erkannt, dass der Lärmpegel durch eine schlechte Akustik entstehe. „Wenn in Pausenhallen oder Aulen Schulveranstaltungen und Feiern stattfinden, empfinden die Anwesenden die Akustik oft als zu 'hallig' und die Sprachverständlichkeit als unzureichend“, so Christian Nocke. „Eine Mutter kam zum Beispiel mal nach einer musikalischen Aufführung in einer Aula auf mich zu und beschwerte sich über die schlechte Akustik. Da musste ich ihr antworten, dass man mir vor der Planung hätte mitteilen müssen, dass hier auch musiziert werden sollte.“ Solche Probleme lassen sich aus seiner Sicht „definitiv“ vermeiden oder nachträglich beheben. Auch für die Akustik hält Nocke eine Phase Null in der Planung für wünschenswert, um Zielkonflikte über die Raumnutzung im Vorfeld zu klären.

Adam-Riese-Schule Meerbusch mit mobilen Möbeln© Ute Kaiser

Der wie immer von Martin Jung moderierte LiveChat musste „überziehen“, weil so viele interessierte Nachfragen an die Referentin und Referenten gestellt wurden. Dass man auch schon vor Beginn der Veranstaltungen Fragen im Voraus stellen kann, beurteilt Sabine Natebus von der Redaktion der „Schulbau Messe“ positiv. „Unser Format hat sich seit Mai 2020 gut entwickelt. Wir müssen manchmal Interessierten absagen, weil sonst die Teilnehmerzahl von 100 überschritten würde.“

Den „Schulbau-Kaffeeklatsch“ wird es demnächst auch als digitale Zeitschrift geben – mit Aufzeichnungen aller bisherigen LiveChats und Zusatzinfos zum Schulbau, zur Innenraumgestaltung und zur Digitalisierung. Trotz der guten Erfahrungen mit dem digitalen Format hofft natürlich auch das Team der Schulbau-Messe, so bald wie möglich wieder eine Präsenzveranstaltung veranstalten zu können.

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