"Ganztagsschulen sind notwendig"

Der diesjährige Ganztagsschulkongress befasst sich mit der Bildungsverantwortung auf lokaler Ebene, was auch für Wilfried Lohre, Leiter des Projektes "Selbstständige Schule" der Bertelsmann Stiftung und des Schulministeriums Nordrhein-Westfalen interessant ist. Im Interview betont er, dass nicht die Frage nach Zuständigkeiten, sondern Verantwortlichkeit für Kinder und Jugendliche im Zusammenwirken verschiedener Bildungsinstitutionen im Vordergrund stehen muss.

Porträtfoto: Wilfried Lohre

Online-Redaktion: Herr Lohre, wieso hat sich die Bertelsmann-Stiftung dem Thema "Regionale Bildungslandschaften" verschrieben?

Wilfried Lohre: Man stößt ganz von selbst auf dieses Thema, wenn man es ernst damit meint, Kinder und Jugendliche in den Mittelpunkt aller Bildungsanstrengungen zu stellen. Kinder und Jugendliche durchlaufen mehr oder weniger systematisch diverse Bildungseinrichtungen - und im Schulbereich nicht nur eine einzige Schule, sondern eine Grundschule, mindestens eine weiterführende Schule und danach vielleicht noch eine berufliche Schule.

Ist die pädagogische Arbeit dieser Einrichtungen nicht aufeinander abgestimmt, ist das für die Kinder und Jugendlichen von Nachteil. Wenn die Lebens- und Lernchancen von Kindern und Jugendlichen optimiert werden sollen, muss unserer Meinung nach ein sozialräumlicher, besser noch ein regionaler Ansatz gewählt werden. Die Bildungsakteure der Region müssen zusammenarbeiten.

Online-Redaktion: Das klingt so einleuchtend, dass sich die Frage stellt, wieso man erst in jüngerer Zeit diesen Ansatz thematisiert. Warum ist in der Vergangenheit versäumt worden, regionale Bildungslandschaften zu schaffen?

Lohre: Ein wichtiger Grund sind die verschiedenen Zuständigkeiten im schulischen und außerschulischen Bildungsbereich in Deutschland. Innerhalb des schulischen Bereichs gibt es dann noch einmal unterschiedliche Zuständigkeiten von Land und Kommune. Aus diesen verschiedenen Zuständigkeiten haben sich auch unterschiedliche Konzepte, Ansätze und Philosophien entwickelt. Die Jugendhilfe verfolgt einen anderen Ansatz, Bildung zu betreiben, als die Schulen, auch wenn diese Unterscheidungen mittlerweile obsolet geworden sind. Schule ist nicht nur die Vermittlerin kognitiver Kompetenzen, sondern sie hat mittlerweile einen deutlich weiter gefassten Auftrag. Andersrum kann die außerschulische Bildung kognitive Kompetenzen auch nicht völlig ignorieren. Da gibt es Annährungen, ohne dass damit die Zuständigkeiten und Strukturfragen gelöst wären.

Online-Redaktion: Welcher Auslöser sorgte dafür, diese Problematik auch als solche zu erkennen?

Lohre: In Nordrhein-Westfalen tagte 1995 eine Bildungskommission, die den Begriff der "Regionalen Bildungslandschaft" prägte und für einen erweiterten Bildungsbegriff eintrat, der den wichtigen Stellenwert der Schule betonte. Ein Jahr darauf lobte unsere Stiftung einen Preis für das innovativste Schulwesen der Welt aus. Dieser ging an das Durham Board of Education in Kanada. Deren Bildungswesen ist kein national, sondern ein regional organisiertes, in dem die Kommune eine ganz besonders starke Rolle spielt.

Die ganzen internationalen Leistungsvergleiche, die um die Jahrtausendwende folgten, zeigten dann, dass die erfolgreicher abschneidenden Länder einen deregulierten und regionalen Ansatz verfolgen. All dies zusammen genommen hat uns dieses Thema aufnehmen lassen.

Aus kommunaler Sicht gibt es einen weiteren Argumentationsstrang: Jeder Schüler, der ohne Abschluss und ohne Erfolg des Bildungssystem durchläuft, kann anschließend für die Kommune zu einem schwierigen Fall werden - ökonomisch wie sozial. Also haben die Kommunen ein großes Interesse, die Zahl der Schulabbrecher zu minimieren. Gleichzeitig möchten die Kommunen das Bildungsniveau hochhalten, um dieses als Standortfaktor geltend machen zu können. Und nicht zuletzt soll sich das Gemeinwesen vernünftig weiterentwickeln, wozu es bestimmter, auch nicht nur kognitiver Fähigkeiten bedarf.

Online-Redaktion: Was hat die Stiftung konkret getan, um Bildungslandschaften in Kommunen zu fördern?

Lohre: Wir haben uns mit einem strategischen Partner, ohne den man als Stiftung alleine nicht viel ausrichten kann, verbündet - in diesem Fall das Land Nordrhein-Westfalen. Das Land und die Stiftung haben dann das Projekt "Selbstständige Schule" mit seinen Schwerpunkten der Entwicklung qualitätsorientierter Selbststeuerung in Schulen und der Entwicklung regionaler Bildungslandschaften beschrieben und Ziele formuliert. Daraufhin bewarben sich 19 Kommunen, mit denen wir zusammen mit dem Land Verträge abgeschlossen haben. Diese Dreierverträge lebten davon, dass alle Partner gemeinsam die Bildung vor Ort optimieren wollten.

Online-Redaktion: Welche Strukturen wurden aufgebaut, um die Verträge umzusetzen?

Lohre: In den Kommunen sind jeweils Steuergruppen gebildet worden, die aus drei Parteien zusammengesetzt waren: Land, Kommune und Schule. Die Bertelsmann Stiftung ist in der Steuergruppe als stimmberechtigtes Mitglied nicht vertreten, sondern lediglich beratend. Die Akteure sollen selbst klarkommen, wie sie das ja auch in Zukunft - nach Projektende - tun müssen. Über den 19 Steuergruppen gibt es einen nicht weisungsbefugten Vorstand, der aus dem Bildungsministerium und der Bertelsmann-Stiftung besteht.

Die Steuergruppen besitzen die Hoheit über die Finanzmittel. Jede Region erhält Projektressourcen, pro teilnehmender Schule umgerechnet eine halbe Stelle. Zusätzlich geben Land und Kommune pro Schule 5.000 Euro jährlich. Wenn eine Kommune also 20 teilnehmende Schulen benannt hat, kommen 100.000 Euro zusammen.

Diese Mittel sollen vorzugsweise für Qualifizierung und Unterstützung ausgegeben werden. Wir haben Empfehlungen gegeben - welche Art von Fortbildungen veranstaltet werden und durch wen die Qualifizierung erfolgt, entscheiden aber allein die Regionen, und zwar immer im Konsens der drei Partner. Alle 19 Kommunen haben sich dafür entschieden, eine Fortbildung zum Projektmanagement anzubieten, damit die einzelnen Schulen Veränderungsprozesse professioneller bewältigen lernen.

Online-Redaktion: Mit Fortbildungen, die auch schulübergreifend sein können, kann man zumindest eine Verzahnung der Bildungsinstitutionen erreichen. Wie aber gehen Sie das eingangs erwähnte Problem der zersplitterten Zuständigkeiten an?

Lohre: Indem wir die zuständigen Personen von Stadt und Land an einen Tisch holen und sie ermuntern, gemeinsame Ziele zu formulieren und Maßnahmen zu verabreden, die sie dann gemeinsam umsetzen, und schließlich zusammen die Qualität dieser Maßnahmen sichern. Es soll ein konsensorientiertes Miteinander und eine gemeinsame Verantwortlichkeit entstehen, statt wieder die ewige Frage nach der Zuständigkeit zu stellen.

Online-Redaktion: Welche für Sie besonders prägnanten Beispiele für regionale Bildungslandschaften gibt es?

Lohre: Es gibt einen Grundstock von Entwicklungsschritten, den jede Region durchführen sollte. Den thematischen Schwerpunkt konnte die Kommune dann aber selbst bestimmen. In Dortmund zum Beispiel haben die Schulen den Wunsch nach Unterstützung im Bereich der Unterrichtsverbesserung gewünscht.

Die Steuergruppe hat ihren Schulen dafür Trainer eingekauft. Oder es wurden so genannte Senior Experts angeworben, also pensionierte Unternehmer, Geschäftsführer und Vorstände, die auf einem Markt der Möglichkeiten ihre Stärken erläuterten. Auf der anderen Seite saßen 30 bis 40 Schulen, die erklärten, welchen Bedarf sie zur Unterstützung der Schulleitung benötigen. Jetzt gibt es etwa 25 Dortmunder Schulen, an denen ehemalige Unternehmer ehrenamtlich als Berater tätig sind.

Ein anderes Beispiel: Der Kreis Herford griff das Thema Übergang Schule-Beruf auf. Die Schülerinnen und Schüler sollten besser über ihre Stärken und Schwächen informiert sein, um geeignete Ausbildungsberufe auswählen zu können. Dazu führte der Kreis flächendeckend für die neunten Klassen aller Schulformen - außer den Gymnasien - Schüler-Assessments ein.

Andere Regionen haben sich dem Thema der Kooperation von Kindergärten und Grundschulen gewidmet.

Online-Redaktion: Wie lange läuft das Projekt "Selbstständige Schule" noch?

Lohre: Das Projekt endet im Sommer 2008. Wir stehen allerdings mit dem Land Nordrhein-Westfalen und einigen Kommunen in Verhandlungen, wie man die Kooperation auch über das Projektende hinaus weiter vertraglich sicherstellen kann - ohne die Bertelsmann Stiftung.

Online-Redaktion: Abgesehen vom Geld - was braucht es, um auf diesem Weg erfolgreich zu sein?

Lohre: Vor allen Dingen den politischen Willen bei Land und Kommune zur vertrauensvollen Zusammenarbeit. Wenn da ständig Zuständigkeiten reklamiert werden, hat man sofort verloren. Man sollte nicht in Zuständigkeiten, sondern in Verantwortungen denken. Es muss eine Verantwortungsgemeinschaft entstehen.

Online-Redaktion: Der Ganztagsschulkongress des Bundesministeriums für Bildung und Forschung steht in diesem Jahr unter dem Motto "Bildung lokal verantworten". Welche Rolle spielen Ganztagsschulen in diesem Tableau der regionalen Bildungslandschaften?

Lohre: Ganztagsschulen sind nicht nur sinnvoll, sondern schlichtweg notwendig. Allerdings hat die sicherlich lobenswerte Tatsache, dass eine Ganztagsschule mit anderen Bildungsträgern und Institutionen zusammenarbeitet, noch nichts mit der Entstehung einer regionalen Bildungslandschaft zu tun. Das ist lediglich der erste wichtige Schritt. Der nächste Schritt wäre der entscheidende: Wir brauchen eine ganztägige Betreuung aller Kinder und Jugendlichen in allen Schulformen einer Region, und alle diese Ganztagsschulen sollten miteinander vernetzt sein. Die Kooperation mit anderen Einrichtungen muss koordiniert werden und ist nicht in erster Linie die Aufgabe einer einzelnen Schule.

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