"Ganztagsschulen sind der zentrale Anknüpfungspunkt für Kommunen"

Mit Beginn dieses Jahres hat das Deutsche Jugendinstitut in München das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Forschungsprojekt "Lokale Bildungslandschaften in Kooperation von Ganztagsschule und Jugendhilfe" gestartet. Der Soziologe und Projektleiter Dr. Heinz-Jürgen Stolz berichtet im Interview, welche Ziele das Projekt verfolgt.

Dr. Heinz-Jürgen Stolz

Online-Redaktion: Dr. Stolz, mit Beginn dieses Jahres ist Ihr Forschungsprojekt "Lokale Bildungslandschaften in Kooperation von Ganztagsschule und Jugendhilfe" gestartet. Wo liegen die Ursprünge dieses Projekts?

Heinz-Jürgen Stolz: Mit der Thematik der integrierten Gestaltung lokaler Bildungslandschaften bin ich bereits vor fünf Jahren in meiner damaligen Eigenschaft als Leiter der hessischen Landesservicestelle Jugendhilfe - Schule in Berührung gekommen. Seinerzeit organisierte ich auch ein landesweites Fachgespräch zu diesem Thema. Daneben hat sich die Bertelsmann Stiftung um diesen Bereich verdient gemacht, da sie schon lange einige Modellregionen unter der Bezeichnung "Regionale Bildungslandschaften" führt.

Im Deutschen Jugendinstitut, wo ich seit Mitte 2004 arbeite, ergab sich dann der glückliche Umstand, dass einerseits mein damaliger Kollege Prof. Wolfgang Mack parallel ganz ähnliche konzeptionelle Überlegungen anstellte und sich andererseits im Zuge einer Organisationsreform des DJI die Möglichkeit zur Etablierung einer eigenständigen Forschungsgruppe bot. In diesem Zusammenhang entwickelten wir unsere Ideen weiter und konkretisierten sie bis hin zu dem nun gestarteten Projekt.

Online-Redaktion: Konnten Sie sich an bereits vergleichbaren Projekten orientieren?

Stolz: Die Jugend- und Kultusministerkonferenzen haben 2004 in einer gemeinsamen Erklärung den Gesamtzusammenhang von Bildung, Erziehung und Betreuung als Leitziel proklamiert, wobei die kommunale Ebene die hierfür operativ prädestinierte Gestaltungsebene darstellt. Es stellte sich die Frage, wie man zu den erforderlichen integrierten Strukturen kommen könnte.

Bis dahin war der Fokus in Fragen der nahräumlichen Vernetzung von Schule, Jugendhilfe und anderen institutionellen Bildungsakteuren sehr stark auf benachteiligte Stadtteile gerichtet - zum Beispiel mit dem Programm "Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten" (E&C). Bereits dieses Programm - bei dem die Begleitforschung auch im Deutschen Jugendinstitut läuft - zeigt, dass es sinnvoll ist, nicht nur auf Quartiersebene zu verharren, sondern die Entscheidungsebenen im kommunalen Raum stärker einzubeziehen. Dort werden Rahmenbedingungen geschaffen, über die ein Stadtteil oder einzelne Einrichtungen gar nicht bestimmen können.

Fehlen auf lokaler Ebene entsprechende Vernetzungen droht das Rad immer wieder neu erfunden zu werden. Um dies zu vermeiden, arbeitet die Begleitforschung zum E&C-Programm in ihrer zweiten Phase mit dem Ansatz der local gouvernance. Analysiert werden hierbei neue politische Steuerungsformen und kommunalpolitische Strategien, die eine Verhandlungs- und Aushandlungskultur zwischen den Institutionen im kommunalen Raum etablieren wollen.

Online-Redaktion: Welche Strukturveränderungen im Bildungsbereich sollten Kommunen konkret anschieben?

Stolz: Die Fachleute vor Ort sind oft unglücklich über die Trennung von innerer und äußerer Schulaufsicht was bedeutet, dass die kommunalen Schulbehörden für die Gebäude, die Hausmeister, die Logistik und die Schülerströme zuständig sind und die Schulentwicklungsplanung vornehmen, während die Staatlichen Schulämter für Lehrpersonal und Curricula verantwortlich zeichnen. Diese Trennung von Form und Inhalt betrachtet man mittlerweile als einen Hemmschuh der Entwicklung.

Stattdessen versuchen manche Kommunen gerade im Ganztagsbereich durch Steuergruppen, in welche alle Entscheidungsträger eingebunden sind, so etwas wie eine erweiterte kommunale Schulträgerschaft zu erreichen. Im Rahmen des Dreiecks von Kinder- und Jugendhilfe, Schule und der Partizipation der Familien - und dabei vor allem natürlich der Kinder und Jugendlichen selbst - muss sich ein solcher Gesamtzusammenhang entwickeln, den wir als lokale Bildungslandschaft bezeichnen.

Online-Redaktion: Wie finden Sie die Kommunen für Ihr Projekt?

Stolz: Wolfgang Mack und ich hatten in den letzten beiden Jahren entsprechende Sondierungsgespräche geführt. In dem nun beginnenden Projekt sollen über Experteninterviews mit den kommunalen Spitzenverbänden, den Landesschul- und Jugendbehörden sowie mit einschlägig spezialisierten Wissenschaftlern potenzielle Modellregionen in einem strukturierten Recherche- und Auswahlverfahren identifiziert werden. Mit diesen Regionen klären wir dann deren Interesse und ihre Bereitschaft an einer Zusammenarbeit.

Online-Redaktion: Welche Kriterien spielen bei der Auswahl eine Rolle?

Stolz: Die Kommunen müssen sich bereits auf den oben beschriebenen Weg der Vernetzung ihrer Institutionen gemacht haben. In dem erwähnten strukturierten Auswahlverfahren werden wir vier Modellregionen herausfiltern, die sich auf unterschiedlichen Wegen der Gestaltung einer lokalen Bildungslandschaft annähern: Eine Kommune vernetzt zum Beispiel Kindertagesstätten und Ganztagsgrundschulen, andere legen das Augenmerk auf den Übergang in die berufliche Ausbildung.

Online-Redaktion: Welche Position nehmen Sie dabei ein - sind Sie lediglich Beobachter dieser Prozesse oder versuchen Sie, auf diese Einfluss zu nehmen?

Stolz: Wir möchten möglichst unterschiedliche Modelle daraufhin untersuchen, welche Diskurse geführt werden. Welche fachpolitischen Ziele stellen sich die Kommunen? Mit welcher Bildungsphilosophie gehen sie an die Veränderung der Strukturen? Versuchen sie beispielsweise, eine stärkere soziale Durchmischung der Bildungslandschaft zu erreichen und die Trennung von sozialen Brennpunkten und befriedeten Mittelschichtsgegenden aufzubrechen? Überwinden sie entsprechende Quartiersbezüge?

Diese Fragen rühren an einer wesentlichen Erkenntnis, die sich aus den PISA-Studien gewinnen lässt: Der Abbau der herkunftsbedingten Bildungsbenachteiligung scheitert in Deutschland nicht einfach nur an der Dominanz der Halbtagsschule, sondern vielleicht mehr noch an der institutionell festgeschriebenen Tendenz zur leistungsorientierten Homogenisierung von Lerngruppen. Dies gilt zum Einen am deutlichsten für das Schulsystem mit seiner frühen Eingangsselektivität im Sekundarstufenbereich als einem - meines Erachtens untauglichen Versuch, leistungshomogene Gruppen zu erreichen.

Spiegelbildlich dazu lässt sich in der Jugendhilfe eine Tendenz zur Bildung problemhomogener Gruppen feststellen. Das heißt, man steckt - salopp gesprochen - die schwersten "Fälle" in eine soziale Gruppenarbeit, eine Tagesgruppe oder Ähnliches mit flankierender sozialpädagogischer Unterstützung. Auch die Rede von "Brennpunktschulen" und "Brennpunktquartieren" folgt dieser Philosophie. Viele der PISA-Siegerstaaten setzen dagegen auf eine Heterogenisierung von Lerngruppen. Es gilt herausfinden, ob man in bestimmten Kommunen etwas von diesem Geist spüren kann oder ob die Schwerpunkte eher konventionell mit punktueller Schulsozialarbeit gesetzt werden.

Online-Redaktion: Ihr Projekt widmet sich insbesondere dem Ganztagsschulbereich. Wie schätzen Sie die Entwicklung dort ein?

Stolz: In den 1990er Jahen drehte sich der Diskurs um die Kooperation von Schule und Jugendhilfe um ganz andere Fragen: Wie kann die Jugendhilfe Lehrerinnen und Lehrer unterstützen, damit diese ihren Erziehungsauftrag besser wahrnehmen können? Was kann Schulsozialarbeit bewirken? Wie kann man die Schnittstellen optimieren?

Durch den PISA-Schock und das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" hat sich dieser Diskurs stark verändert: Nun ist die Ganztagsschule der entscheidende Kristallisationspunkt, um die Kooperation von Schule und Jugendhilfe zu entwickeln. Es geht stärker um die Ausschöpfung bislang ungenutzter Bildungspotenziale als um Erziehungsfragen.

Für den Großteil der Kommunen sind Ganztagsschulen der zentrale Anknüpfungspunkt, um neue Strukturen zu entwickeln. Dabei hat sich bereits gezeigt, dass Probleme auftreten, wenn keine kommunale Steuerungsgruppe vorhanden ist, jede Schule also auf sich allein gestellt ist. Manche Kommunen haben demgegenüber von Anfang an gesehen, dass eine schulübergreifende Kooperation oder eine Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe und anderen Partnern dringend erforderlich ist. Da überwiegend offene Ganztagsschulen gegründet werden, die diese Aufgaben alleine nicht schultern können, ist das Kooperationsthema sehr virulent und interessiert uns daher auch besonders.

Online-Redaktion: Einige Ganztagsschulen klagen darüber, dass sie gar nicht wüssten, wer ihr Ansprechpartner auf kommunaler Ebene ist. Andere wiederum sind so im Tagesgeschäft gefangen, dass sie keine Zeit und Energie auf das Ausarbeiten von Leitbildern oder die Pflege von Kooperationen verwenden können. Berücksichtigt Ihr Projekt auch solche Problemfälle?

Stolz: Auf jeden Fall! Man braucht einfach eine Organisationsebene oberhalb der Einzelschulen, die zum Beispiel Musterverträge anbietet und strittige Fragen - etwa logistische Probleme bei der Nutzung außerschulischer Lernorte, aufsichts- und versicherungsrechtliche Regelungen - klärt und auch Verfahren der Qualitätssicherung und -entwicklung verbindlich implementiert. Die Herstellung der viel beschworenen gleichen Augenhöhe ist allein auf der Ebene der Einzeleinrichtungen einfach nicht möglich.

Wenn so auf der Ämterebene und zwischen Schul- und Jugendhilfeausschuss Rahmenbedingungen ausgehandelt werden, lassen sich einfacher Arbeitsvoraussetzungen für die außerschulischen Partner schaffen, die für diese keine Selbstverständlichkeiten sind: die Bereitstellung eines eigenes Büros, eines eigenen Telefonanschlusses und Computers durch die Schule. Auf dieser Ebene können auch Fragen in Ruhe besprochen werden, für die im Alltagsgeschäft keine Zeit vorhanden ist. Die Ergebnisse unseres Projekts sollen den Kommunen auch Ansatzpunkte bieten, da effektiver zu werden.

Online-Redaktion: Nun werden Veränderungen oft als Angriff auf Besitzstände und Positionen empfunden. Für wie realistisch halten Sie die Durchsetzbarkeit solcher Strukturveränderungen?

Stolz: Im kommunalen Raum sind erhebliche Gestaltungs- und Innovationspotenziale vorhanden, die wir mit diesem Projekt sichtbar machen wollen. Wir rechnen mit einem Prozess, in dem sich die erweiterte kommunale Trägerschaft weiterentwickelt. Einen weiteren Punkt bilden die institutionellen Veränderungen wie die enge Zusammenarbeit von Schule- und Jugendhilfeausschuss oder die Vereinigung von kommunaler Schulbehörde und Jugendamt in einem Dezernat. Diese Bewegung von unten reicht aber nicht aus. Die Politik muss auch auf Bundes- und Landesebene entsprechende Veränderungen auf den Weg bringen.

Online-Redaktion: Ein Veränderungsdruck aus ganz anderer Richtung ist der demographische Wandel, der nun auch den Westen des Landes erfasst. Wie sollen Kommunen auf die rückläufigen Schülerzahlen reagieren?

Stolz: Ein Auswahlkriterium bei unserem Projekt ist die Budgetplanung der Kommune: Der Bildungshaushalt darf nicht schrumpfen, sondern sollte im Gegenteil ausgebaut werden. Das Geld muss im System bleiben. Wenn sich Kommunen im Ziel der stärkeren individuellen Förderung einig sind, kommt ihnen der demographische Wandel ja eigentlich sogar entgegen. So können Gruppengrößen - etwa in den Kindertagesstätten - verkleinert werden. So mancher Kämmerer mag das anders sehen, da bin ich nicht blauäugig. Aber in einigen Kommunen existieren immerhin bereits klare Aussagen, dass der Bildungsbereich möglichst unangetastet bleibt.

Dr. Heinz-Jürgen Stolz
Soziologiestudium an der Universität Trier
Zehnjährige Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter und wissenschaftlicher Assistent an den Universitäten Trier und Wuppertal
Fachliche Koordination EU-Projekt "Study On Sports As A Tool For The Social Integration Of Young People" (Forschungskonsortium) am ISS e.V. Ffm.
Projektleiter der hessischen "Landesservicestelle Jugendhilfe - Schule"
seit 1.6.2004 wissenschaftlicher Referent am DJI

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