"Regionalisierter Ganztag" in Berlin und Brandenburg

Berlin und Brandenburg überlassen die gemeinsame Ganztagsschulentwicklung nicht dem Prinzip Zufall. Sie bedarf konstruktiver Kooperationen über die Ländergrenzen hinweg. Wie dies auf den jeweiligen - institutionellen und personellen - Ebenen gelingt, schildern Daniela Wellner-Petsch und Hermann Zöllner vom Verbundprojekt "Lernen für den GanzTag" in einem Interview mit der Online-Redaktion.

Hermann Zöllner und Daniela Wellner-Petsch

Online-Redaktion: Wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen Berlin und Brandenburg im Verbundprojekt "Lernen für den GanzTag"?

Zöllner: Kooperation entwickelt sich besonders im Zusammenspiel von Akteuren, die mit der Kooperation gemeinsame Zielvorstellungen verfolgen. Sie bedarf förderlicher institutioneller Rahmenbedingungen. Das gilt besonders für eine Kooperation, die über die Ländergrenzen hinweg aufgebaut wird.

Berlin und Brandenburg haben gemeinsame Rahmenlehrpläne für die Grundschule und die gymnasiale Oberstufe, ein gemeinsames Institut für Schulqualität (ISQ) sowie ein gemeinsames Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) und vergleichbare Unterstützungssysteme für die Schulen. Dieser Rahmen erleichtert und fördert eine größere Gemeinsamkeit bei neuen Vorhaben.

Gemeinsamkeit heißt aber nicht, dass die inhaltlichen Schwerpunkte und Strukturen auch identisch sein müssen, denn die Ausgangslage der beiden Länder ist in den jeweiligen Feldern häufig unterschiedlich. Im Verbundprojekt "Lernen für den Ganztag" liegt der Schwerpunkt in Berlin auf der Multiplikatorenqualifizierung in den Ganztagsgrundschulen. Dafür werden entsprechende Fortbildungsmodule entwickelt.

In Brandenburg liegt der Schwerpunkt auf der Schulentwicklung im Ganztag, sechs Ganztagsschulen aus der Grundschule und Sekundarstufe I sind deshalb in das Projekt einbezogen und erproben Konzepte, die dann in die Fortbildungsmodule eingehen.

Online-Redaktion: Wie gelingt der länderübergreifende Austausch?

Wellner-Petsch: Im Rahmen des Verbundprojektes gibt es eine enge Kooperation zwischen den beiden Projektleitungen und einen regelmäßigen Austausch der Landeskoordinatoren aus Berlin und Brandenburg, der unter anderem in den länderübergreifenden Lenkungsausschüssen stattfindet.

Online-Redaktion: Die Zusammenarbeit beider Länder wurde Ende Oktober 2007 durch den Fachtag "Regionalisierter Ganztag - Ganztag in der Regionalisierung" vertieft. Welche Ziele hatte die Tagung?

Zöllner: Berlin hat mit Beginn dieses Schuljahres ein regionales Unterstützungssystem für die Schulen eingeführt, das in der Zuständigkeit der Fortbildungsschulräte der bezirklichen Schulämter liegt. Es wurden Multiplikatoren für die Unterrichtsfächer und für übergreifende Aufgaben berufen. Mit der Berufung von Multiplikatoren auch für den Ganztag  ändert sich die Aufgabe der "traditionellen" Unterstützer LISUM, Sozialpädagogisches Fortbildungsinstitut und Serviceagentur "Ganztägig Lernen".

Unser Ziel war es, diese Transformation zu forcieren, die Arbeitsfähigkeit der regionalen Multiplikatorengruppen zu fördern sowie solche Schwerpunkte zu diskutieren, die für die Entwicklung der Qualität von Ganztagsschulen von zentraler Bedeutung sind und deshalb aus unserer Sicht zu Themen in der regionalen Fortbildung werden müssen. Die Qualifizierung der regionalen Multiplikatoren findet nun im Verbundprojekt statt, und mit den Fortbildungsmodulen haben sie eine gute Materialgrundlage für ihre eigene Tätigkeit.

Wir wollten die Chancen, die durch die Regionalisierung der Fortbildung entstehen, nutzen. Dazu muss man aber Ressourcen bündeln, die multiprofessionelle Zusammenarbeit unterstützen, Transparenz in den Strukturen schaffen, einen Austausch initiieren und Ideen gemeinsam mit den Tagungsteilnehmern entwickeln.

Online-Redaktion: Sind Sie mit der Teilnahme und dem Verlauf der Tagung zufrieden?
 
Wellner-Petsch: Von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Tagung kamen viele positive Rückmeldungen. Sie haben den Rahmen, die professionelle Moderation, die fachlichen Inputs und den Austausch mit den anwesenden Kollegen ihrer Region wahrgenommen und für sich genutzt. Leider haben wir nicht alle Akteure aus den Regionen erreichen können.
Es wurde deutlich, dass die Akteure in den Regionen erst einmal in Kontakt kommen müssen. Dafür müssen sich die neuen Strukturen auf sehr unterschiedliche Weise etablieren. Da noch nicht alle personellen Ressourcen im Bereich der ganztägigen Schulentwicklung geklärt sind war es unsere Absicht, diese Strukturen transparenter zu machen.

Ein inhaltlicher Schwerpunkt der Veranstaltung war die Zusammenarbeit der Professionen, der Teams sowie ihre gemeinsame Fortbildung. Die ganztagsspezifischen Themen, die bereits erwähnt wurden, richten sich sowohl an die Lehrerinnen und Lehrer als auch an die Erzieherinnen und Erzieher sowie an die Sozialpädagogen. Um diese Zielgruppen zu erreichen, muss der Fortbildungszeitraum an die unterschiedlichen Arbeitszeiten angepasst und die gleichberechtigte Teilnahme (zum Beispiel der Mitarbeiter der Freien Träger) ermöglicht werden.

Die Anwesenden betonten, dass eine überregionale Vernetzung sowie die Bündelung personeller Ressourcen notwendig sind, um der Nachfrage der Schulen, zum Beispiel nach schulinterner Fortbildung, gerecht werden zu können.

Online-Redaktion: Welche gemeinsamen Fortbildungsmodule haben Sie denn entwickelt und in welchem Verhältnis stehen die zu den Bedürfnissen des pädagogischen Personals an den Ganztagsschulen?

Zöllner: Die beiden Verbundprojektgruppen haben - sowohl arbeitsteilig wie in Kooperation, teilweise auch mit den Projektgruppen anderer am Verbundprojekt beteiligter Länder - neun Fortbildungsmodule entwickelt. Dazu gehören: Ein gemeinsames Bildungsverständnis der Lehrerinnen und Lehrer sowie der Erzieherinnen und Erzieher und der Sozialpädagogen. Ferner gehören dazu erweiterte Lernangebote (das sind die ganztagstypischen Angebote in Unterricht und Freizeit), individuelle Förderung, Rhythmisierung, Ganztagsschule als lernende Organisation, Raum und Ganztag, Elternarbeit, Selbstevaluation sowie Kommunikation in der Schule und in den Sozialraum hinein. Insgesamt sollen im Verbundprojekt 29 Fortbildungsmodule erarbeitet werden.

Bei der Themenfindung sind wir von den zentralen Qualitätsbereichen des Ganztags ausgegangen und haben in einer Expertise den Diskussionsstand rekapituliert. Wir haben dann nach dem größten Entwicklungsbedarf, auch mit Blick auf den Entwicklungsstand in den beteiligten Ländern, gefragt. Damit besaßen wir eine bedarfsorientierte Grundlage für die Themenfindung.

Erweiterte Lernangebote und individuelle Förderung sind beispielsweise wichtig, wenn eine Schule ihr inhaltliches Angebot weiterentwickeln will. Mit der Rhythmisierung beschäftigen sich die Schulen, wenn sie für ihr inhaltliches Angebote eine geeignete Zeitstruktur suchen. Die Kooperationen von Partnern unterschiedlicher Professionen in der Ganztagsschule werden erleichtert, wenn beide Gruppen ihr professionsgeprägtes Bildungsverständnis reflektieren und Gemeinsamkeiten entwickeln. Jede neue Maßnahme einer Schule sollte von ihr auch daraufhin evaluiert werden, ob die damit angestrebten Ziele erreicht werden oder ob sie modifiziert oder gar abgeschafft werden muss.  Die Fortbildungsmodule treffen daher den Bedarf der Schulen.

Jede Schule befindet sich auf einem anderen Entwicklungsstand und Entwicklungspfad. Deshalb sind die Fortbildungsmodule so angelegt, dass sie von den Gruppen an den Schulen oder den Multiplikatoren für ihre Bedürfnisse konkretisiert und zurechtgeschnitten werden müssen. Sie stellen den pädagogischen Entwicklungsstand in den einzelnen Gestaltungsbereichen dar, enthalten Strategien, mit denen die Schulgruppen diese Bereiche entwickeln können. Ferner geben sie Hinweise zur didaktischen Realisierung, die die didaktische Planung der Durchführenden erleichtern soll, dazu enthalten sie Material für die jeweilige Fortbildung und für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema. Sie beschreiben auch, welche Anforderungen an die Qualifikation der Moderatoren das jeweilige Modul stellt.

Online-Redaktion: Stichwort Ganztagsschule im Sozialraum: Welchen Beitrag leistet die Bildungsforschung zur Entwicklung dieser länderübergreifenden Kooperation?

Arbeitsgruppe mit Hermann Zöllner und Sabine Reh

Wellner-Petsch: Wir haben zunächst eine Expertise zur Kooperation innerhalb der Schule und im Sozialraum an eine Wissenschaftlerin in Auftrag gegeben. Sie verdeutlichte die notwendigen Strukturen, die eine Kooperation erst ermöglichen. Einzelne Methoden, zum Beispiel die Zukunftskonferenz bzw. -werkstatt haben wir dann konkret in der Multiplikatorenfortbildung erprobt, damit die Kolleginnen und Kollegen in ihren eigenen Regionen ein Methodenrepertoire zur Verfügung haben. Beides bildet die Grundlage für das Fortbildungsmodul.

Online-Redaktion: Stichwort Unterrichtsentwicklung: Welchen Beitrag leisten die Unterstützungssysteme im Bereich individuelle Förderung? Gibt es auch dazu Fortbildungsmodule?

Zöllner: Individuelle Förderung ist eine Aufgabe für alle Schulen und ein Unterrichtsprinzip. Sie wird vor allem durch eine stärkere Individualisierung des Unterrichts ermöglicht. Erst damit können die Potenziale des Ganztags für die individuelle Förderung erschlossen werden. Ein Beispiel: Zur individuellen Förderung gehört, dass die Schülerin oder der Schüler das Lernen "in die eigene Hand" nimmt. Das heißt, sie oder er muss die Fähigkeit zum selbst gesteuerten Lernen entwickeln. Dies geschieht zunächst im Unterricht selbst.

Nun kann man statt der traditionellen Schulaufgabenbetreuung im Ganztag eine "individuelle Lernzeit" einrichten, in der ein Schüler Aufgaben, die im Unterricht gestellt werden, selbstständig bearbeitet und damit gleichzeitig seine Fähigkeit zur Selbststeuerung weiter schult. Räumliche Voraussetzungen bieten dafür zum Beispiel die sogenannten "Freien Lernorte", eine Idee, die im Projekt "Schulen ans Netz" entwickelt wurde. Das sind Medienzentren in den Schulen mit einem einfachen Zugang zu Information und Material und der Möglichkeit der Kommunikation mit außerschulischen Partnern. So können Unterricht und ganztagsspezifische Angebotsformen zusammenwirken.

Das entsprechende Fortbildungsmodul enthält neben dem selbst gesteuerten Lernen die Schwerpunkte Differenzierung, Diagnostik, Selbst- und Fremdeinschätzung und Vertrauenskultur. Daran soll auch deutlich werden, dass die Unterstützung der Schulen bei der individuellen Förderung nicht allein die Aufgabe der Multiplikatoren im Ganztag sein kann, sondern dass dies im Zusammenwirken der Multiplikatoren für die Fächer, der Lernberater, der Schulentwicklungsberater etc. geschehen muss.

Außerdem müssen die Multiplikatoren ihre Aufgabe erweitern: Sie sollten sich an Entwicklungsprojekten der Schulen beteiligen und nicht nur Fortbildung für die jeweiligen Vertreter der Schulen anbieten. Prof. Reusser aus der Schweiz nennt das "die Entwicklung vom Fortbildner zum didaktischen Coach".

Online-Redaktion: Welche Ergebnisse und Perspektiven nehmen Sie aus der Tagung mit?

Wellner-Petsch: Die Tagung hat verdeutlicht, wie wichtig es ist, für dieses Schulentwicklungsthema ein Netzwerk aufzubauen und die entstehenden bzw. vorhandenen Strukturen zu klären. Mit der Konzeption unserer Multiplikatorenfortbildung und den angesprochenen Themen treffen wir direkt den Bedarf der Kolleginnen und Kollegen. Übrigens kann die Entwicklung der Berliner Multiplikatorenqualifizierung unter http://www.ganztag-blk.de/ nachgelesen werden.

Die Wahrnehmung und Einschätzung vorhandener und noch aufzubauender Strukturen von Herrn Zöllner und mir, die den Anlass zu dieser Tagung gaben, haben sich weitgehend bestätigt. In einem gemeinsamen Arbeitstreffen werden wir die Tagung auswerten und insbesondere für die Teilnehmer dokumentieren.

Es wäre wünschenswert, wenn wir unser Anliegen bei den Treffen der Fortbildungsschulräte und - koordinatoren und interessierter Gruppen noch gezielter vorstellen könnten. Die hohe Arbeitsbelastung dieser Kollegen sowie eine Vielzahl von Veranstaltungen führten dazu, dass sie sich für eine ganztägige Veranstaltung kaum Zeit nehmen. Es gibt ein großes Interesse der Kolleginnen und Kollegen an langfristig funktionierenden Unterstützungssystemen. Daran werden wir bis zum Ende des Projektes "Lernen für den Ganztag" im August 2008 weiterarbeiten.

Daniela Wellner-Petsch, Lehrerin an der Spreewald-Grundschule (gebundene Ganztagsschule) in Berlin-Schöneberg, 2004 Mitarbeiterin im Modellvorhaben "Lernen für den GanzTag", seit 2005 Leiterin des Verbundprojektes "Lernen für den GanzTag" in Berlin; ab 2007 Multiplikatorin für ganztägige Bildung in der Region Tempelhof-Schöneberg

Hermann Zöllner, Schulrat. Referent am LISUM Berlin-Brandenburg, Leiter des Verbundprojekts "Lernen für den Ganztag" in Brandenburg, Arbeitsschwerpunkte: Unterrichtsentwicklung in der Sekundarstufe I; Bildungsbereich Berufsorientierung, ökonomische und technische Bildung; Ganztagsschule.

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