BER: Ganztagsschule von Eltern aller Schulformen erwünscht

Der Sinn von Hausaufgaben sollte überprüft, die Ganztagsschule, besonders die gebundene, weiter ausgebaut werden. Das wünscht sich Andrea Spude, die Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Ganztag im Bundeselternrat (BER).

Online-Redaktion: Seit gut zwei Jahren widmet sich der Bundeselternrat in einer Arbeitsgemeinschaft intensiv dem Thema Ganztagsschule. Welchen Auftrag hat die AG?

Protraätfoto von Frau Spude
© Jan Meier, Bremen

Andrea Spude: Sie soll zum einen eine Übersicht über die unterschiedlichen Formen von Ganztagsschulen erstellen. Der zweite Auftrag orientiert sich gezielt an den Bedürfnissen der Eltern. Es wurde ein Katalog von Indikatoren erarbeitet anhand dessen eingeschätzt werden kann, was eine gute und echte Ganztagsschule ausmacht. Es sollte also eine Entscheidungshilfe von Eltern für Eltern zusammengetragen werden, der es Müttern und Vätern leichter macht, eine gute Ganztagsschule für ihr Kind zu finden.

Online-Redaktion: Wie ging die Arbeitsgemeinschaft dabei vor?

Spude: Wir kamen zu dem Ergebnis, dass eine Meinungserhebung unter den ca. 80 Delegierten des BER ein gutes, wenn auch nicht statistisch repräsentatives Bild ergeben würde. Die AG erarbeitete ein Rahmengerüst, mit dem es möglich war, die Delegierten gezielt zu befragen. Wir haben uns auf drei Gelingensbedingungen für eine gute Ganztagsschule aus Sicht der Eltern festgelegt: Ausstattung der Schule, Unterrichtsformen und Inhalte sowie das Umfeld der Ganztagsschule.

Online-Redaktion: Was ist den Eltern nach den Ergebnissen der Befragung wichtig?

Spude: Ich fange mal mit der Ausstattung an. Eltern ist wichtig, dass an der Ganztagsschule eine Personalmischung aus Lehrerinnen und Lehrern, Sozialpädagogen, Förderlehrern, Erziehern sowie psychologischer und medizinischer Betreuung existiert. Ein Indikator für die Qualität des Personals ist auch die Bereitschaft zu Fort- und Weiterbildung. Danach sollten Eltern bei der Wahl der Schule immer fragen. Die Befragung ergab darüber hinaus, dass ein ansprechendes Außengelände und ein vielfältig nutzbares Raumangebot wichtig sind. Eltern wünschen sich Differenzierungsräume, Rückzugmöglichkeiten, eine gut ausgestattete Bibliothek, Medien- und wissenschaftliche Räume, aber auch Arbeitsplätze für Lehrerinnen und Lehrer. Natürlich spielen Qualität und Kosten des Essens sowie die Materialausstattung der Schule eine wichtige Rolle.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung haben Unterrichtsformen und Unterrichtsinhalte?

Spude: Eine sehr große. Eltern sprechen sich für eine Rhythmisierung des Unterrichts sowie eine Aufteilung des Ganztags in Spannungs- und Entspannungsphasen aus. Sie schauen, inwieweit eine neue Lernkultur mit fächer- und jahrgangsübergreifendem Unterricht, Binnendifferenzierung, Wochenplanarbeit und Projektunterricht, Individualisierung und eigenverantwortlichem Lernen Einzug gehalten hat. Sie wünschen sich professionell betreute Arbeitsgemeinschaften, eine regelmäßige und positiv besetzte Feedback-Kultur. Ein pädagogisches Konzept zum ganzheitlichen Lernen ist ein ganz wichtiges Kriterium. Also, wie sieht es mit sozialem Lernen, selbst organisiertem Lernen und Wertevermittlung aus? Und schließlich spielen für immer mehr Eltern die Erziehung zu demokratischem Verhalten sowie gelebte Demokratie und Partizipation in der Schule eine wichtige Rolle. Nicht vergessen werden darf der Aspekt, wie stark sich eine Ganztagsschule im Stadtteil öffnet. Wie ist die Akzeptanz im kommunalen Umfeld? Gibt es Kooperationen mit anderen Schulen und außerschulischen Partnern?

Schüler bei der Vorbereitung des Mittagessens
© Britta Hüning

Online-Redaktion: Sagt die Befragung auch etwas zur generellen Akzeptanz der Ganztagsschule bei den Eltern?

Spude: Wir können heute sagen, dass die Ganztagsschule in allen Schulformen von den Eltern erwünscht ist. Allerdings gibt es nach wie vor zwei Fraktionen. Die eine hat den Wert der Ganztagsschule als pädagogisches Konzept erkannt. Der zweiten gehören solche Eltern an, die möglicherweise rückblickend auf die eigene Erfahrung mit Schule, diese als reine Bildungseinrichtung sehen und ihr Kind lieber ab mittags zuhause sehen. Eltern, das ist ganz eindeutig geworden, wollen die Wahlmöglichkeit zwischen Ganztags- und Halbtagsschule haben.

Online-Redaktion: Was ist für Eltern die „echte“ Ganztagsschule?

Spude: Das lässt sich aus der Befragung heraus nicht beantworten. Vielen ist natürlich der Betreuungsaspekt aus Gründen der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf wichtig. Als Elternvertreter sehen wir den pädagogischen Aspekt als den wichtigeren an. Eine gut konzipierte, rhythmisierte Ganztagsschule kann viel zum Erreichen der bereits genannten Punkte, angefangen bei der Vermittlung sozialer Kompetenzen bis hin zu einer stärkeren Individualisierung, beitragen. Das spricht aus meiner Sicht ganz eindeutig für die gebundene Ganztagsschule gegenüber der Offenen Ganztagsschule, die eher den Betreuungscharakter, wenn auch mit durchaus spannenden Zusatzangeboten für die Schülerinnen und Schüler, betont.

Online-Redaktion: Spüren Sie unter den Gegnern der Ganztagsschule noch die Sorge, der Staat könne sich zu stark in die Erziehung einmischen?

Spude: Durchaus. Wir hören aus diesen Reihen immer wieder die Vorstellung, Schule sei für die Bildung und Ausbildung zuständig, die Lebensgestaltung und Erziehung aber solle bei den Familien bleiben. Außerdem beklagen diese Eltern eine Einschränkung ihrer Kinder in der Freizeitgestaltung. Meines Erachtens liegt aber gerade in der Ganztagsschule eine große Chance für die Kinder. Dort, wo vielfältige Freizeitangebote zum Schulprogramm zählen, wird eine Fülle von Anreizen und Impulsen geschaffen. Die Kinder und Jugendlichen kommen beispielsweise mit Sportarten und Musikinstrumenten in Kontakt, die sie ansonsten möglicherweise nie kennengelernt hätten. Und sie lernen ihren Stadtteil mit seinen Möglichkeiten viel besser kennen – vorausgesetzt eine Ganztagsschule ist im Ort verankert. Eine gute Ganztagsschule ist das. Sie ist darüber hinaus ganz wichtig für all jene Kinder, die aus so genannten bildungsferneren Familien stammen, in denen weniger Bildungsanreize geschaffen werden und von denen der Erziehungsauftrag gerne einmal an die Schule abgetreten wird. 

Online-Redaktion: Beim 4. Transferforum am 16. April in Düsseldorf standen Hausaufgaben im Mittelpunkt. Hält der Bundeselternrat sie für sinnvoll?

Schülerinnen mit Lehrerin
© Britta Hüning

Spude: Eigentlich sollten Hausaufgaben individuelle Lernzeiten sein, die in den Tagesablauf einer Ganztagsschule gehören. Gebundene Ganztagsschulen bieten dafür eine hervorragende Möglichkeit. Trotzdem halte ich es durchaus für sinnvoll, dass die Schülerinnen und Schüler zuhause zum Beispiel Vokabeln lernen und lesen. In den klassischen Halbtagsschulen sind Hausaufgaben mangels Zeit eventuell unumgänglich. Es sei denn, es werden andere Lernformen entwickelt und eingeführt. Insgesamt muss einmal die Frage geklärt werden, was Hausaufgaben bewirken sollen. Dienen sie der Vertiefung und Wiederholung oder doch des Aufarbeitens und Aneignen von Lehrinhalten, die im Unterricht nicht geschafft wurden?

Online-Redaktion: Wohin wird und wohin sollte die Ganztagsschulentwicklung in Deutschland in den kommenden Jahren führen?

Spude: Der Ausbau von Ganztagsschulen sollte in allen Bundesländern weiter vorangetrieben werden. Das fällt vielen Bundesländern vor dem Hintergrund klammer Bildungshaushalte schwer. Aber der Wert und das Potenzial eines qualitativ hochwertigen Ganztagsangebotes lassen sich nicht mit ökonomischen Maßstäben messen. Gerade für die große Herausforderung der Inklusion, die Auftrag für alle Schulen sein muss, bietet eine Ganztagsschule gute Rahmenbedingungen. Die individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler mit einem Handicap oder auch einer Hochbegabung kann in einem rhythmisierten Schulalltag einer gebundenen Ganztagsschule mit einem anspruchsvollen Lernkonzept, einem ausgewogenen Personalmix und gutem Raumkonzept meiner Meinung nach besonders gut gelingen. Bei der Entwicklung eines Ganztagsschulkonzeptes sollte von den Ansprüchen der Kinder her gedacht werden. Da ist bislang auch schon viel geschehen und es gibt gute Praxisbeispiele. Wichtig ist, dass das bisher in der Ganztagsschulentwicklung Erreichte nicht verloren geht. Qualitätsstandards müssen in ein „Qualitätsmanagement Ganztag“ überführt werden und ständige Aufgabe von Schulentwicklung sein.

Zur Person: Andrea Spude wurde 1963 in Köln geboren. Nach dem Abitur studierte sie Rechtswissenschaften und Politikwissenschaften in Freiburg und schloss die Studien mit dem 1. juristischen Staatsexamen bzw. der Magisterprüfung ab. Im Anschluss an das 2. juristische Staatsexamen war sie von 1994 bis 2009 als Rechtsanwältin tätig. Andrea Spude lebt seit 1999 in Bremen, ist verheiratet und hat zwei Töchter.
Seit 2009 ist sie Delegierte im Bundeselternrat, unter anderem 2 Jahre als Sprecherin des Grundschulausschusses, und ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Ganztagsschule. Sie ist Vorstandssprecherin des Zentralelternbeirates Bremen und vertritt in dieser Funktion das Land Bremen im Hauptausschuss des Bundeselternrates.

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