Ganztagsgrundschule Liebertwolkwitz: Hausaufgaben nach Schema bringen nichts

Die Sportgrundschule Liebertwolkwitz in Leipzig hat den Umgang mit Hausaufgaben und Lernzeiten grundlegend verändert. Schulleiter Christoph Edgar Arnold im Interview über eine Grundschule, die von 6 bis 17 Uhr den Schultag rhythmisiert und die nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Lehrkräften gefragt ist.

Online-Redaktion: Die Liebertwolkwitz-Grundschule wird ihr Konzept der Hausaufgaben, der Lerntheke und der individuellen Förderung beim 4. Transferforum in Düsseldorf präsentieren. Es gilt als beispielhaft. Was treibt sie in Ihrer Arbeit an?

Porträtfoto C. E. Arnold
Schulleiter Christoph Edgar Arnold © Christoph Edgar Arnold

Christoph Edgar Arnold: Man darf es ja vielleicht gar nicht laut sagen: Aber ich ging selbst nicht wirklich gerne zur Schule. Ich hatte mitunter das Gefühl, dass mich Schule und Lehrer beim Lernen störten. Meine Eltern hatten es bestimmt nicht leicht mit mir. Ich habe zwar viel gelesen, doch interessanterweise mochte ich die Bücher, die wir im Unterricht gelesen haben, nicht. Trotzdem bin ich Lehrer geworden, vielleicht, weil ich etwas verändern wollte. Nach der politischen Wende fand ich mich 1991, mit 25 Jahren, als Schulrat im Staatlichen Schulamt wieder. Prägend in dieser Aufbauzeit waren die großen Gestaltungsfreiheiten im System Schule, weil es noch wenige Verordnungen und Erlasse gab. Wir haben viel weniger nach rechtlichen als nach pädagogischen Gesichtpunkten Entscheidungen getroffen. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht, ehe ich 1999 die Leitung der Liebertwolkwitz-Grundschule übernommen habe. Ich wollte und will Schule so gestalten, dass Kinder gerne lernen. Wenn sie mir tagsüber freudig springend entgegenkommen, ist das doch so etwas wie der Applaus für einen Künstler.

Online-Redaktion: Bekommen Sie von Ihren 200 Schülerinnen und Schüler diese Anerkennung?

Arnold: Natürlich nicht immer. Aber die Stimmung und Atmosphäre an unserer Schule, in meinem zwölf Lehrkräfte umfassenden Kollegium und im Hort sind gut. Neutrale Besucher sagen uns oft, dass sie es erstaunlich finden, wie stresslos hier alles zugeht. Viele Kinder würden lieber länger bei uns bleiben, und ich kann sie gut verstehen. Ich behielte sie auch alle gerne bis nach der Pubertät bei uns. Dann haben die jungen Menschen schon Pläne fürs Leben. Der frühe Abschied nach vier Jahren ist schon ein schräger Wechsel.

Online-Redaktion: Was, glauben Sie, schätzen Kinder und Eltern an der Liebertwolkwitz-Grundschule?

© Christoph Edgar Arnold

Arnold: Es sind wohl verschiedene Dinge. Für diejenigen, die sich für unsere Schule entscheiden, spielt es sicher eine große Rolle, dass wir sehr stark auf unser Sportprofil mit zahlreichen und unterschiedlichsten Sportarten setzen. Vor allem aber dürfte unsere Philosophie überzeugen. Wir sind sicher, dass, wenn unsere Kinder entspannt und gelassen sind, wir Lehrkräfte es auch sind. Das fördert ein gutes Klima. Ein Merkmal unserer Schule ist der frühe Morgenbeginn: Unser Schulhort öffnet bereits um 6 Uhr. Von 7.30 Uhr bis 9.10 Uhr stehen von Montag bis Mittwoch bereits Sport, Kunst, Handwerk oder Musik auf dem Stundenplan. Wir haben uns da auch an den Erkenntnissen der Hirnforschung orientiert. Der Tag sollte mit etwas beginnen, weswegen die Kinder gerne kommen. Danach lernen sie mit Freude, zumal sie wissen, dass alle Tage viel Abwechslung mit forschendem Lernen bieten, natürlich auch mit Zuhören, viel Bewegung, spannenden Arbeitsgemeinschaften, ständig und überall Fußball, Keramik, Kinder-Yoga, Holzwerkstatt, Experimente, Kinder-Küche, Theater, Kinder-Zeitung und und und..., aber auch Unterricht am Nachmittag und Freizeit. Kinder wollen auch in der Schule spielen. Das hat einen hohen Wert, denn Sozialkontakte entspannen.

Online-Redaktion: Eine solche Rhythmisierung sei, sagen viele, nur in voll gebundenen Ganztagsschulen möglich.

Arnold: Bis 2005 war die Liebertwolkwitz-Grundschule teilgebunden. Der Nachmittag war ganz dem Sport gewidmet. Irgendwann akzeptierte der von der Stadt Leipzig betriebene Hort das nicht mehr. Die dort Tätigen wollten auch noch andere Freizeitangebote ermöglichen und nicht nur permanent Kinder von und zu den Kursangeboten „verschicken". Und es gab noch ein Schlüsselerlebnis der Hortleiterin. Eines Tages hielt sie 70 Eltern-Zettel in der Hand, auf denen stand, wann und von wem ein Kind abgeholt werde. Sie sagte, sie kriege Angst, ein Kind falsch abzugeben. Es war einfach nur Stress. Spätestens da war uns allen klar, wir wollten klare Strukturen und Verlässlichkeit für alle. Da gab es keine Alternative zum gebundenen Ganztag. Gemeinsam haben wir ein Konzept entwickelt. Das beinhaltete, dass wir Lehrerinnen und Lehrer, aber auch alle anderen pädagogischen Fachkräfte den ganzen Tag anwesend sind. Schule und Hort sind täglich bis 17 Uhr für die Kinder geöffnet.

Online-Redaktion: Musste viel Überzeugungsarbeit für dieses Arbeitszeitmodell geleistet werden?

Lerntheke: Schüler lernen im Sitzen und Liegen
© Christoph Edgar Arnold

Arnold: Natürlich gab es Skeptiker und auch solche, die das nicht mittragen wollten. Von diesen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben wir uns dann im beiderseitigen Einvernehmen getrennt. Wir haben stets darauf geachtet, dass bei uns nur arbeitet, wer das Konzept mittragen kann. Lehrer, die mittags nach Hause wollen, passen nicht zu uns. Ich bin aber erstaunt, wie viele Kolleginnen und Kollegen an unsere Schule wechseln möchten und dafür weite Wege in Kauf nehmen. Wir wussten am Anfang alle nicht, ob unser Konzept wirklich funktioniert. Also haben wir 2005 eine sechswöchige Probezeit verabredet, in der wir einen bilderbuchmäßigen Ganztag mit Rhythmisierung erprobt haben. Ich gebe zu, die erste Woche war chaotisch. Wir haben insgesamt viel zu viel angeboten. Die Probezeit wurde am Ende auf zehn Wochen ausgedehnt.

Online-Redaktion: Mit welchem Ergebnis?

Arnold: Zunächst einmal mit dem klaren Bekenntnis zum gebundenen Ganztag. Davon wollte wirklich niemand mehr abrücken. Aber wir haben auch nachjustiert. Unseren ursprünglichen Plan, den Unterricht fast zur Hälfte auf den Nachmittag zu legen, haben wir aufgegeben und den etwas größeren Anteil doch im Vormittag belassen.

Anfangs waren die Kollegen noch nicht so bereit, offene Unterrichtsformen anzubieten. Frontalunterricht geht am Nachmittag aber nur ganz schwer, da ist die Konzentrationsfähigkeit nicht mehr so hoch. Darum müssen lebendigere Arbeitsweisen her. Das heißt aber auch, dass dieser Prozess bei uns den Stein der Unterrichtsentwicklung ins Rollen gebracht hat. Heute sind offene Unterrichtsformen bei uns Alltag.

Online-Redaktion: Dazu zählt auch die Einbettung der Hausaufgaben in den Schultag?

Arnold: Ja. Hausaufgaben in der traditionellen Form sind lästig und zwar für alle – Kinder, Lehrer wie Eltern. Und sie stellen auch ein Machtinstrument der Lehrkräfte dar. Wenn die Klasse nicht so mitgezogen hat, dass alles geschafft werden konnte, werden halt Hausaufgaben draus. Anschließend sind Eltern und Lehrer damit beschäftigt, zu kontrollieren, ob sie gemacht wurden. Und Hausaufgaben sind in der Regel nicht differenziert genug und werden der Heterogenität der Kinder nicht gerecht. Für diejenigen mit guten Schulleistungen sind Hausaufgaben nur lästig, bei anderen führen sie zu weiterer Frustration. Hausaufgaben sollten aber sinnvoll sein, einen Fördercharakter haben und Freude bereiten. Hausaufgaben für alle nach dem Schema „Seite 17 Nr. 4 a bis c“ bringen nichts.

© Christoph Edgar Arnold

Unsere Schülerinnen und Schüler erhalten meist donnerstags einige Schulaufgaben für eine ganze Woche. Beispielsweise sollen sie die Sehenswürdigkeiten Leipzigs erforschen. Wann sie die Aufgabe erledigen, bleibt ihnen überlassen. Das kann am frühen Morgen sein, wenn sie etwa nur eine Stunde lang an Sport-, Kunst-, Handwerk- oder Musikangeboten teilnehmen möchten. Es kann in den Freizeitblöcken geschehen oder, die, die es wollen, auch am Wochenende. In der Schule können sich die Kinder zum Beispiel in die Bibliothek zurückziehen oder einen Raum im Hort nutzen. Nach einer Woche werden die Ergebnisse der selbstständigen Arbeit besprochen. Das ist für alle bereichernd und nicht dozierend. Natürlich funktioniert diese forschende, selbstständige Arbeit nicht in jedem Fach. In Mathematik geht es noch ganz gut, zum Beispiel durch das eigenständige Erstellen mathematischer Rätsel. In Englisch dagegen wird es stringenter. Vokabeln müssen halt geübt werden.

Online-Redaktion: Wen fragen die Schülerinnen und Schüler, wenn sie nicht weiterwissen, und sind sie mit der Eigenverantwortung nicht überfordert?

Arnold: Mit Fragen können sich die Kinder an Erzieherinnen und Erzieher, an die junge  Dame in der Bibliothek, die dort ein wenig Aufsicht führt, und an andere Schüler wenden. Und wenn das nicht reicht, klopfen sie einfach an die Tür vom Lehrerzimmer und bitten um Unterstützung. Wir sind ja alle da. Und überfordert? Keineswegs, die Kinder schaffen das und profitieren in ihrer ganzen Schullaufbahn, in ihrer weiteren Ausbildung, eben im ganzen Leben davon, dass sie schon früh ein eigenes Selbstmanagement entwickelt haben.

Online-Redaktion: Das brauchen sie auch, um sich an der Lerntheke bedienen zu können. Was dürfen wir darunter verstehen?

Sportunterricht: Turnen
© Christoph Edgar Arnold

Arnold: Die Lerntheke ist ein Unterrichtskonzept mit einem kleinen Heft als Steuerinstrument des Schülers oder der Schülerin, in dem wir die Lehrpläne in kindgerechter Sprache formuliert haben. Die Kinder sollen wissen, was in der Woche und im ganzen Schuljahr auf sie zukommt. An der Lerntheke können sich die Kinder dann gewissermaßen mit Aufgaben bedienen. Sie schauen sich an, welche Anforderungen auf sie zukommen, und wenn sie glauben, diesen gerecht werden zu können, melden sie sich individuell zum Test an. Den bekommen sie sofort, füllen ihn aus und erhalten umgehend ein Feedback. Eine Lehrplanformulierung für das Kind heißt beispielsweise: „Ich kann schon Wörter mit Dehnungs-h schreiben.“ Natürlich wird ihnen erklärt, was ein Dehnungs-h ist.

Online-Redaktion: Klassenarbeiten gibt es nicht?

Arnold: Nicht, will ich nicht sagen. Selten, ist richtig. Wir wollen die Schülerinnen und Schüler durch die freiwillige Anmeldung zum Test zwingen, sich selbst einzuschätzen. Jungen sind da mitunter ein wenig voreilig und müssen dann feststellen „uh, das reicht noch nicht“. Mädchen sind vorsichtiger und müssen manchmal ein wenig ermutigt werden. Aber Kinder wissen zumeist am allerbesten, wo sie stehen. Und das Erstaunliche ist: Am Ende eines jeden Schuljahres haben nahezu alle Schülerinnen und Schüler alle von ihnen verlangten Bausteine geschafft. Nur nicht am gleichen Tag, in der gleichen Woche und nicht in der gleichen Reihenfolge.

Zur Person: Christoph Edgar Arnold (47) hat Grundschulpädagogik und Sport in Leipzig studiert. Von 1991 bis 1999 war er als Schulrat und Schulreferent tätig. Er war Projektleiter im Landesmodellversuch „Die Mittelschule im Freistaat Sachsen", Referent an der Sächsischen Akademie für Lehrerfortbildung in Meißen und Lehrbeauftragter für Grundschuldidaktik und Pädagogik. Seit 1999 leitet der fünffache Vater die Liebertwolkwitz-Grundschule in Leipzig.

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