Aufbruch zu einer neuen Esskultur?

Wer die kulturellen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen vernachlässigt, muss sich nicht wundern, wenn die Schülerinnen und Schüler ganz schnell in der nächsten Fritten-Bude landen. Die Fachtagung "Essen in Schulen" am 20. November 2004 in Stuttgart hat neue Wege der Mittagsverpflegung an Ganztagsschulen aufgezeigt.

"Ich habe eine Küche, aber was mache ich damit?" Als Ulrike Arens-Azevedo diesen Anruf erhielt, hatte der verzweifelte Schulleiter soeben ein modernes Küchensystem erworben. Doch auf der Fachtagung "Essen in Schulen - Wunsch, Wirklichkeit, Anforderungen" am 20. November 2004 in Stuttgart wurden auch andere Fragen debattiert, die viel mit Essen in Ganztagsschulen zu tun hatten. Wieso gehen die Kinder und Jugendlichen lieber zu McDonalds bzw. zur Döner-Bude um die Ecke statt in der Schule zu essen? Was überhaupt bedeutet Essen in Schulen aus kultureller und pädagogischer Sicht? Von der Anschaffung einer Großküche, zu Fragen der Finanzierung bis hin zu einer neuen Esskultur an Ganztagsschulen reichte das Spektrum der Themen auf der Stuttgarter Tagung.

Universität Hohenheim in Stuttgart

Das Angebot an der Universität Hohenheim war abwechslungsreich: Außer Vorträgen, Workshops und einem Markt der Möglichkeiten mit Modellschulen und Gesprächsinseln gab es überall Getränke und Speisen aus überwiegend regionaler Landwirtschaft. Organisatorin der Fachtagung war die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V., Sektion Baden-Württemberg, die die Tagung in den Räumlichkeiten der Universität Hohenheim in Stuttgart verantstaltete. Die Begrüßungsreden hielten vor rund 500 Besuchern unter anderem der Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart, Dr. Wolfgang Schuster, die Staatsekretärin Sieglinde Gurr-Hirsch und der Rektor der Universität Hohenheim Prof. Hans-Peter Liebig.

Essen ist mehr - Essen ist Kultur

Beim Thema "Essen in Schulen" ist es a priori nicht leicht, die Aufmerksamkeit der Besucher mit eher alltagsnahen Problemen zu fesseln. Die Auswahl und das Kaliber der Referentinnen und Referenten verdeutlichte aber das Gegenteil: dass es möglich ist, Essen in Schulen auch spannend zu vermitteln. Es ging darum, neue Wege und Ansätze zu finden, um eine gelungene - an den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler orientierte Verpflegung in den Schulen zu gewährleisten. "Uns geht es um die Möglichkeit, wie die Essensversorgung in der Schule funktionieren kann, wenn die Hardware steht.", sagte Prof. Dr. Christiane Bode, Ernährungswissenschaftlerin der Universität Stuttgart-Hohenheim.

Die Hardware ist momentan noch das Unaufwendigste, denn dafür wie für andere Infrastrukturmaßnahmen stellt der Bund bis 2007 vier Milliarden Euro aus dem IZBB unbürokratisch zur Verfügung. Damit sind 3000 Ganztagsschulangebote bundesweit neu entstanden, davon über 330 in Baden-Württemberg und 13 im Großraum Stuttgart.

"Das neue Angebot entsteht in einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem viele Kinder unregelmäßig und unausgewogen essen. Viele kommen ohne Frühstück und Pausenbrot in die Schule. Gleichzeitig sind 18 bis 20 Prozent der Sechs- bis 16-Jährigen übergewichtig oder fettsüchtig", stellte Prof. Bode fest.

"Im Bildungssystem stehen die Dinge auf dem Kopf"

Für Fehlernährung entstehen - laut Zahlen von Rektor Hans-Peter Liebig - jährlich rund 50 Milliarden Euro an Kosten. Die eigentlichen Folgen von Fehlernährung sind Krankheiten wie Diabetes, Herz- und Kreislaufprobleme sowie Krebs. "Wir werden große Teile der Behandlungskosten davon einsparen, wenn an den Schulen frühe Präventionsmaßnahmen eingeführt werden", erläuterte Christiane Bode.

Frühzeitig mit Maßnahmen der Gesundheitsförderung beginnen, muss die Devise heißen: "Im Bildungssystem stehen die Dinge auf dem Kopf. Man muss an der Wurzel anfangen, in den Kindergärten und den Grundschulen", sagte Prof. Barbara Methfessel von der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg. Dies kann nur gelingen, wenn die körperlichen und psychischen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler wieder ins Spiel gebracht werden.

Das Essen in der Schule soll nicht nur ausgewogen sein, sondern es muss den Kindern und Jugendlichen auch schmecken. Es geht aber um viel mehr: "Essen muss das Gemeinschaftsgefühl der Kinder und Jugendlichen wecken, es soll jugendgerecht sein", erklärt Methfessel. Essen in Ganztagsschulen sollte "jugendkulturelle" Strömungen und Bedürfnisse aufnehmen.

Der lebenslange Geschmack der Kindheit

Wer weiß schon, dass wir den "Geschmack der Kindheit" nie loswerden? "Was die Mutter isst, geht in den Kreislauf des Kindes ein". Essen hat etwas mit Identität zu tun, also mit den ureigenen Körpermustern jedes einzelnen Kindes. Ein Grundsatz für Methfessel in der Diskussion um jugendgerechtes Essen an Ganztagsschulen lautet: "Ich gehe von den handelnden Menschen aus, nicht von dem, was die Wissenschaft sagt".

Dazu gehört, dass das Mittagsessen an hiesigen Schulen wieder Bestandteil des Alltags von Kindern und Jugendlichen wird. "Das Mittagsessen muss zu einer sozialen Komponente im Schullalltag werden. Es muss ,in' sein, zum Schulmittag zu gehen", ergänzte Christiane Bode. Für Methfessel geht es um ein Umdenken im System. Denn natürlich gehen die Kinder und Jugendlichen lieber dorthin essen, wo neben dem Essen auch die Unterhaltung stimmt.

Gut ernährte Kinder lernen besser. Und nicht nur das: Nährstoffreiche Nahrung baut laut wissenschaftlichen Studien Aggressionen ab. Essen ist ein soziales "Totalphänomen". "Nahrung und Essen sind ein Spiegel sozialer und kultureller Gemeinschaften: Sie repräsentieren den Umgang mit dem Körper, den Umgang mit sich und den anderen", erklärte Barbara Methfessel. Wie gut wir aufgebaut sind, hängt also mit der Qualität des Essens zusammen, führte die Wissenschaftlerin weiter aus. So kommt der Politik und den Schulen eine große Verantwortung, auch bei der Verpflegung der Schülerinnen und Schüler zu. 

Gut ernährte Kinder lernen besser

Doch anscheinend ist die Verpflegung an Schulen allzu oft Frauensache. Nicht zufällig waren Männer als Experten beim Thema "Essen in der Schule" außen vor. Bei der Pressekonferenz waren angefangen von der Staatsekretärin Sieglinde Gurr-Hirsch bis hin zur Elternvertreterin des Landes Baden-Württemberg die Frauen praktisch unter sich.

Gurr-Hirsch setzte sich dafür ein, dass in Zukunft mehr Synergien geschaffen werden. Man solle die guten Beispiele und die Vielfalt der Wege zur Kenntnis nehmen. Durch Ernährungspartnerschaften könnten besser Identifikationen herstellt werden.

Verpasste Chancen

"1990 haben wir die Chance verpasst, von den Versorgungssystemen in den Neuen Ländern zu lernen", sagte Christiane Bode. Eine Mitarbeiterin der Leipziger Stadtverwaltung erinnerte im Anschluss daran, dass in Leipzig jede Schule eine Modellschule ist : "Ich bin froh, dass man sich einige Sachen im Osten anschaut". So würde ein Mittagsessen im Osten - bedingt durch die dortigen Verpflegungsstrukturen - zwischen 90 Cent und 1,50 Euro kosten, statt bis zu 3 Euro im Westen.

Methfessel bedauerte das falsche Verständnis von Schulen, die in erster Linie Unterrichtsstoff vermitteln und die Professionalisierung des Lehrerberufes völlig vernachlässigten. Vielmehr müssten die guten Lehrer an die wichtigen Stellen kommen und ein lebendiges Wechselverhältnis zwischen Schulen und Kommunen im Bereich der Ernährung aufgebaut werden.

Hat jede Schule ihren eigenen Weg?

Für die Landeselternvertreterin von Baden-Württemberg Krämer ist die Essensversorgung an Schule ein Balanceakt zwischen Wunsch und Wirklichkeit: "Jede Schule hat ihren eigenen Weg". Der Landesschülervertreter Christoph Paar erinnerte außerdem daran, dass Bildung mehr als Unterricht ist, weil sie auch die Essenserziehung an den Schulen einschließt.

Den großen Handlungsbedarf für eine verbesserte Mittagsverpflegung an Ganztagsschulen verdeutlichten die informativen Vorträge am Vormittag der Fachtagung. Laut Dr. Claussen vom Forschungsinstitut für Kinderernährung ist es wichtig, die Speiseräume so zu gestalten, dass die Kinder und Jugendlichen sich wohlfühlen. Auch bei der Essensauswahl sollte mehr Ausgewogenheit herrschen: Fleischspeisen würden zu häufig, Fisch dagegen zu selten angeboten.

Prof. Gertrud Winkler betonte, dass die betroffenen Kinder, die an Übergewicht und Fettsucht leiden, immer jünger würden. Ähnlich wie Claussen bemängelte sie die mangelhafte Datenlage zur Ernährungssituation an Ganztagsschulen, sah aber im Falle eines gemeinsamen Vorgehens auch Chancen für eine Verbesserung.

Schön gestaltete Räume für mehr Esskultur

Die unterschiedlichen Versorgungssysteme an den Ganztagsschulen stellte Prof. Arens-Azevedo vor. Das Verpflegungssystem hat der Ernährungswissenschaftlerin zufolge Auswirkungen auf Anzahl und Qualifikation des Personals. "Es lohnt sich, systematisch an die Verpflegung ranzugehen", so Arens-Azevedo. Große Bedeutung hat für die Ernährungswissenschaftlerin die ansprechende Gestaltung der Speiseräume und der Essensausgabe. Dazu gehört eine angemessene Beleuchtung, Lärmdämmung, schöne Möbel sowie Kunst und Bepflanzung in den Räumen. "Schulen werden nur dann zu einem Ort der Esskultur, wenn sie auch interessante Räumlichkeiten anbieten."

Essen schmackhaft machen - das Beispiel Stuttgart

Kommunale Netzwerke und "Best-Practice-Autonomie" werden immer wichtiger. "Das Investitionsprogramm des Bundes ist eine große Chance für Stuttgart", so Ursula Matschke vom Kuratorium "Kinderfreundliches Stuttgart". Von 70 Anträgen auf Förderung seien bereits 48 bewilligt. Es käme darauf an, die Schülerverantwortung zu stärken. So gibt es in Stuttgart Schülerinnen und Schüler, die ein Cateringsystem aufbauen oder ein Mittagsradio auf die Beine gestellt haben, um das Essen an ihrem Gymnasium zu einem angenehmen Erlebnis zu machen.

Darüber hinaus könne man auch den zweiten Arbeitsmarkt auf der Basis von Hartz IV anzapfen, um die erforderlichen Verpflegungssysteme für die Ganztagsschulen finanzierbar zu machen. "Der Markt boomt", lautete das Fazit von Matschke. Es käme nun darauf an, das gesellschaftliche Umfeld zu gestalten und das Community-Denken anzuregen. 

"Bewusste Kinderernährung"

Carola Rummel

Ein landesübergreifendes Projekt zur Förderung der Mittagsverpflegung in Baden-Württemberg stellte Carola Rummel vom Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum bereits auf der edutrain 2004 in Karlsruhe vor. Das Projekt "Bewusste Kinderernährung" (Biki) informiert die Schulen über alle relevanten Aspekte der Essensversorgung an Ganztagsschulen.

Auch Rummel betonte den großen Stellenwert, den eine systematische Verpflegung an Ganztagsschulen hat. Angefangen vom Schulträger, über den Schulleiter bis hin zu den Eltern hätten alle Beteiligten Verantwortung für die Mittagsspeisung an den Schulen. Große Bedeutung hätte die bewusste Aufgabenübernahme der Schülerinnen und Schüler. Auch müssten Tischgespräche möglich sein und der Wechsel zwischen Essenszeit und Lernen sowie Sport- und Freizeit berücksichtigt werden. Essen in Schulen brauche einen geschützten Raum. Alles in allem sah Carola Rummel "eine Chance zur guten Versorgung an den Ganztagsschulen". 

Was können die Schülerinnen und Schüler tun?

Ein Beispiel für mehr Schülerbeteiligung auf der Fachtagung in Stuttgart war das Johannes-Kepler-Gymnasium in Bad Canstatt. Drei Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums waren eigens angereist, um im Rahmen eines Seminarkurses erstmals zum Thema Ernährung Ideen für eine bessere Mittagsverpflegung anzuregen. Bundesmittel aus dem IZBB hat das Johannes-Kepler Gymnasium bereits beantragt. Nun kommt es darauf an, sie sinnvoll in das pädagogische Konzept einzufügen: "Wir wollen ein Bewusstsein dafür anregen, dass es wichtig ist, sich mit dem Körper und gesunder Ernährung auseinander zu setzen", sagte Sabine Voigt, die Schulsprecherin des Gymnasiums.

Mit der Mittagsspeisung - dies hat die Fachtagung in Stuttgart gezeigt - sind die Ganztagsschulen auf einen intensiven Austausch und Erfahrungstransfer angewiesen. Fehler in der Essensversorgung wiegen schwer. Gerade deshalb war die Tagung in Stuttgart ein wichtiger Impulsgeber - auch bundesweit. Es bedarf also der kontinuierlichen Begleitung der Schulen auf ihrem Weg zu einer neuen Essenskultur.

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