Ernährungswende in Etappen

"Appetit auf Schule" - so sind nicht nur die "Leitlinien für eine Ernährungswende im Schulalltag" überschrieben, sondern so hieß auch die Tagung am 20. Juni 2005. Sie widmete sich Wegen zu einer Ernährungswende in der schulischen Praxis". Die gut "rhythmisierte" Tagung im Berliner Umweltforum zeigte die Notwendigkeit einer raschen Wende in Ernährungsfragen.

Lange Zeit waren sie in den Schulen nicht wirklich im Spiel: die Ernährungsfragen. Der Körper war eine Restgröße, denn über viele Jahrzehnte, ja ganze Schulepochen hinweg sollten die Schülerinnen und Schüler lediglich ruhig sitzen lernen, um Wissen aufzunehmen. Und die Lehrerinnen und Lehrer saßen vor ihnen spiegelverkehrt hinter ihrem Pult. Niemand fragte nach Nahrungsaufnahme, Biorhythmus oder regelmäßigem Bewegungsbedarf. Erst seit in jüngster Zeit immer mehr fehlernährte, übergewichtige oder rappeldürre Körper die Schulbank drückten, wurde das Thema Ernährung an Schulen aktuell.

Eingang des Umweltforums Berlin in der Auferstehungskirche

"Heute stellt das Thema Ernährung und Gesundheit Schulen vor große Herausforderungen", heißt es in den "Leitlinien für eine Ernährungswende im Schulalltag", die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurden. Am 20. Juni 2005 wurde im Umweltforum Berlin in der Auferstehungskirche im Rahmen der Tagung "Appetit auf Schule" des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung ,Butter bei die Fische getan'. Ernährungsexperten erläuterten ihre Sicht.

"Ernährungswende muss organisiert werden"

In seltener Einmütigkeit sahen sie in dem Ausbau ganztägiger Schulen auch eine große Chance für eine neue Kultur der Ernährung. Das Prinzip ist einfach: Schülerinnen und Schüler, die nicht nur einen halben Tag an der Schule sind, brauchen ein Mittagsessen, das sich zwar rechnen soll, dessen Stellenwert in der Ganztagsschule aber zugleich einen besseren Zugang zu der Welt des Essens und der Ernährungsgewohnheiten aus pädagogischer Sicht ermöglichen soll. Alles dies kann man fordern, dann bleibt es folgenlos. Oder man kann versuchen, es möglichst rasch auf dem Weg bringen: "Eine Ernährungswende kann nicht gefordert, sie muss organisiert werden", wurde Barbara Methfessel von Dr. Ulla Simshauser vom sozialökologischen Forschungsinstitut zitiert.

"Es gibt einen hohen Handlungsbedarf, doch die Frage lautet: Wie kommt das Wissen in die Praxis?" so formulierte Simshauser das Problem. Ulla Simshauser hatte auch die Leitlinien zur Ernährungswende verfasst. Der erste Schritt war bereits 1997 vom Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung getan worden, das wichtige Akteure in einem Forum (Gesundheitsziele.de) zusammengebracht hat.

Etappenweise

Im Jahr 2003 wurden die Kampagne "Kinderleicht" und eine Arbeitsgruppe von Experten zum Thema "Ernährung und Schule" auf den Weg gebracht. Kurz darauf gründete 2004 das Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft die "Plattform Ernährung und Bewegung", in dem die Krankenkassen und Vertreter der Wirtschaft sowie verschiedene Verbände zusammenarbeiten. Schließlich hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) seit 2002 ein sozial-ökologisches Forschungsprogramm entwickelt. Und auch das von 2003 bis 2007 aufgelegte "Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung (IZBB) des Bundes schafft Rahmenbedingungen für eine ganztägige Betreuung mit Mittagsessen.

Die Früchte dieser Arbeit sollen in nicht allzu weiter Ferne geerntet werden. Eine Grundlage dafür sind die, auf neuesten Forschungsergebnissen gegründeten, "Leitlinien für die Ernährungswende im Schulalltag", die auf der Tagung von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern die besten Noten erhielten. Weil es ein "enges Wechselverhältnis zwischen Ernährung, Umwelt und Gesundheit gibt", wurden vier Leitlinien entwickelt:

  • Schule als Lebensraum gestalten, der das Essen in einen Lebens- und Bildungsraum integriert;
  • Kompetenzen stärken durch Qualifizierung des Lehrkörpers und anderer Akteure;
  • Qualitäten bündeln, indem die Fähigkeiten unterschiedlicher Akteure zusammengeführt werden;
  • Strukturen entwickeln, also Aufgabenteilung zwischen Kommunen und Ländern und Koordinierung bei der Entwicklung von Finanzierungskonzepten.

"Die Schule hat einen Erziehungs- und Fürsorgeauftrag für Ernährung und Gesundheit", erklärte Ulla Simshauser. Gerade auf kommunaler Ebene sah die Expertin einen hohen Handlungsdruck. Doch gebraucht werde eine gesellschaftliche Verantwortung, denn das Problem der Fehlernährung sei ja übergreifender Natur.

Auf dem Prüfstand

Rainer Steen, Prof. Arens-Azevedo, Norbert Brugger, Ursula Walther, Margit Büchler-Stumpf

Erfreulicherweise gab es auch die Möglichkeit für Margit Büchler-Stumpf, Ursula Walther, Norbert Brugger und Prof. Ulrike Arens-Azevedo, die Leitlinien auf den Prüfstand zu stellen und zu kommentieren. "Die Ernährungswende wird zu häufig auf die Schülerinnen und Schüler beschränkt, sie betrifft aber auch die Lehrerschaft", sagte Margit Büchler-Stumpf vom Hessischen Kultusministerium. Die Länder täten gut daran, mehr Finanzmittel im Bereich der Fortbildung zu investieren.

In Ländern wie Bayern, die wenig Interesse daran zeigten, Ganztagsschulen mit Essensversorgung zu etablieren, "versuchen die Eltern gegen den Widerstand von Schulleitungen entsprechende Strukturen aufzubauen", sagte Ursula Walther vom Bundeselternrat (BER).

Ähnliches konstatierte von Norbert Brugger vom Städtetag Baden-Württemberg in Bezug auf sein Land: "Bei uns gibt es nicht viel zu wenden, weil es bei uns nicht viel gibt." Die Schülerinnen und Schüler sollten gemäß dem dänischen Ansatz als Subjekte gedacht werden, wo es heißt: "Wir bestimmen, was wir essen." Einen Motor für bessere Perspektiven der Essensversorgung sah Brugger im Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen durch das Investitionsprogramm (IZBB) des Bundes: "Vorher waren Ganztagsschulen nicht opportun. Jetzt will sie jeder haben."

"IZBB hat Ganztagsschulen erst hoffähig gemacht"

Auch Ulrike Arens-Azevedo hob die große Bedeutung des IZBB hervor: "Das IZBB hat die Ganztagsschulen erst hoffähig gemacht." Die Sogwirkung des Bundesprogramms würde sich auch auf andere Schulformen übertragen. "Wenn ich die Verhältnisse ändere, kann ich auch Verhaltensweisen ändern." Die Professorin an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg sah große Probleme bei der Finanzierung, da weder die Kommunen noch die Länder zusätzliches Geld zur Verfügung hätten. "Man muss Modelle entwickeln, die das Essen möglichst kostengünstig machen." Eine zentrale Steuerung der Essensversorgung ermögliche dies erst.

Margit Büchler-Stumpf regte in der nachfolgenden Diskussion die Möglichkeit regionaler Ernährungsnetze an, während Prof. Barbara Methfessel von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg sich für eine Grundbildung in Sachen Ernährung einsetzte. Diese sollte auch als elementare Kulturtechnik verstanden werden: "Warum hat der Nebenfluss des Nils eine größere Bedeutung als Ernährungsfragen?". In der Diskussion bestand Einigkeit darin, dass Schule nicht mehr so sein kann, wie sie war: Sie brauche Lernräume, Bewegungsräume, Essensräume.

Man hatte die Tagung vorbildlich rhythmisiert: Es gab einen wohltuenden Wechsel von Inputphasen und Entspannung bei gesundem Essen oder Kaffee und Kuchen. Getränke und Obst lagen ohnehin überall bereit.

Am Nachmittag fanden vier parallele Arbeitsgruppen statt. Die Themen waren an den "Leitlinien" angelehnt: Lebensraum Schule, Aspekte der Fortbildung, Aufbau von Strukturen und natürlich die Kostenfrage. In Arbeitsgruppe 1 "Lebensraum Schule" erläuterte Margit Büchler-Stumpf Maßnahmen in Hessen, die als vorbildlich gelten können.

Gesunde Schulen in Hessen

So gibt es in Hessen Auditierungsgruppen, die Zertifikate für Gesunde Schulen erteilen. Bis 2008 sollen 20 Prozent aller hessischen Schulen gesamtzertifiziert und 60 Prozent teilzertifiziert sein. "Angesichts der knappen Kassen geben wir viel Geld für Bildung aus", so Büchler-Stumpf. Insgesamt gebe es in Hessen schon rund 1000 Schulen, die im Bereich Schule und Gesundheit mitarbeiten. "Schulverpflegung kann nur so gut sein, wie ihre permanente Kontrolle", fügte Inka Bormann von der Freien Universität hinzu.

Den großen Stellenwert von Beratung und bundesweiten Informationskampagnen betonte auch Holger Pfefferle von der Deutschen Ernährungsgesellschaft. Margit Büchler-Stumpf ergänzte: "Ich kann die Jugendlichen nur dann gewinnen, wenn ich sie teilnehmen lasse." In der AG wurde angesichts der leeren Kassen auch die zunehmende Rolle des Sponsoring hervorgehoben. Man müsse jedoch die Interessen der Industrie in der Schule bändigen. Erschwerend kommt hinzu, dass es in einigen Ländern wie Sachsen-Anhalt keine Lobby für Ernährung- und Gesundheitserziehung gibt.

Was tun?

Was muss getan werden? Viele Aspekte und Themen des Vormittags wurden zum Abschluss der Tagung auf ihre Praktikabilität abgeklopft.

Hier blieb die Diskussion jedoch etwas abstrakt. Es hätte der Tagung auch nicht geschadet, die zentralen Ergebnisse der Diskussion dem Plenum vorzustellen. Dennoch machte die ausgeklügelte "Rhythmisierung" der Tagung, die eine lebendige Kommunikationskultur ermöglichte, dieses Manko wett.

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