Trink dich gesund!

Trinken ist das Selbstverständlichste der Welt, meinen viele. Doch heutzutage trinken Kinder und Jugendliche nicht nur das Falsche, sondern - insbesondere in der Schule - auch zu wenig. Christian Barth und Martin Rutemöller von SPORTCOLLEGE wollen mit dem Projekt TRINX gegensteuern. Es trägt das Thema Trinken auf frische und jugendgerechte Weise in die Schulen. Denn: Wer richtig trinkt, lernt besser und lebt dazu gesünder.

Martin Rutemöller und Christian Barth

Online-Redaktion: Kinder und Jugendliche trinken nicht nur zu wenig, sie trinken häufig auch das Falsche. Aber ist das Sache der Schule?

Barth: Die Schule ist ein wichtiger Teil der Lebenswelt unserer Kinder. Sie verbringen dort viel Zeit, und schon deswegen dürfen Schulen in wichtigen Fragestellungen wie zum Beispiel Gesundheit, Ernährung und Bewegung im Rahmen unseres Projektes TRINX nicht zurückstehen. Etliche Untersuchungen zeigen, dass viele Schülerinnen und Schüler ohne Frühstück und ohne vorher etwas getrunken zu haben, in die Schule kommen. Es kann also sein, dass Kinder mittags 14 bis 16 Stunden lang nichts getrunken haben. Eine solche Unterversorgung mit Flüssigkeit führt zu deutlichen Leistungseinbußen, sowohl bei den körperlichen als auch bei den geistigen Fähigkeiten.

Ein Jan Ullrich würde in diesem Zustand keinen Berg mehr hochkommen. Es ist sogar erwiesen, dass die mentalen Fähigkeiten bei Wassermangel eher abnehmen als die körperlichen. Drastisch gesagt: Kinder, die zu wenig oder nicht rechtzeitig trinken, erwerben nachweislich weniger Wissen. Aus diesem Grund muss das Thema 'Trinken' mit allen seinen Facetten zu einem Bestandteil des Schulalltags werden, sei es als Unterrichtsinhalt oder einfach nur dadurch, dass Kindern das Trinken auch während des Unterrichts erlaubt ist.

Andererseits trinken Kinder oft das Falsche. Sie ziehen häufig zuckerhaltige Limonaden Wasser oder Schorlen vor. Eine Studie der Harvard-Universität, die mit Kindern über einen Zeitraum von 15 Jahren durchgeführt wurde, hat ergeben, dass der Konsum von solchen Softdrinks in einem engen Zusammenhang mit Übergewichtigkeit steht. Ein Thema, dessen sich das Bundesverbraucherschutzministerium aktuell ja auch mit der "Plattform Ernährung und Bewegung PEB" angenommen hat - die das Projekt TRINX übrigens auch befürwortet und ideell unterstützt. Noch ein Grund mehr, es auch in der Schule zu thematisieren.

Online-Redaktion: Das Schulprojekt TRINX möchte gegensteuern. Was sind die Ziele und die Besonderheiten von TRINX?

Rutemöller: Es ist nicht unser Anliegen, mit erhobenem Zeigefinger in die Schulen zu gehen. Ganz im Gegenteil, wir wollen das Thema Trinken in einen spannenden und auf die Interessen unserer Zielgruppen abgestimmten Gesamtkontext einbinden. So versteht sich TRINX einerseits als Aufklärungskampagne und andererseits auch als Schülerwettbewerb rund um die Themen Trinken/Wasser und Sport/Bewegung. Frei nach dem Motto "Ohne Wasser läuft(s) nicht(s)!" gehören diese beiden Themen bei TRINX unmittelbar zusammen. Im Rahmen des Wettbewerbs rufen wir Schulklassen auf, Projekte, Aktionen und Unterrichtsvorhaben durchzuführen. Wir wollen, dass sich die Kinder und Jugendlichen gemeinsam mit ihren Lehrerinnen und Lehrern mit diesen spannenden und wichtigen Bereichen auseinandersetzen.

Es gibt keine Standardverfahren, um Sport oder eine gesunde Ernährung zum Bestandteil der Lebensphilosophie eines jungen Menschen werden zu lassen. Man weiß aber, dass dies am besten gelingt, wenn die Kinder und Jugendlichen Freude bei der Auseinandersetzung mit diesen Themen haben. Es ist also auch das Anliegen des SPORTCOLLEGE, Wissen abseits der Schulroutine mit hoher Aufmerksamkeitswirkung und viel Spaß bei den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln. So schließt TRINX beispielsweise mit einem großen Haupt- und Prämierungsevent ab, bei dem in diesem Jahr 2.000 Schülerinnen und Schüler und deren Lehrerinnen und Lehrer in der Skihalle Neuss einen tollen und ereignisreichen Tag erleben konnten - alles kostenlos. Der Tag drehte sich wieder um die Themen Wasser - in diesem Fall in seiner gefrorenen Form als Schnee - und Sport, vom Rodeln über das Skifahren bis zum Snowboarden. Dass auch noch Preise vergeben werden, die von einem prominenten Sportler überreicht werden, setzt Akzente, die Kinder und Jugendliche nicht vergessen.
 
Letztlich ist es unser Ziel und auch das unserer Partner, dass die Lehrerinnen und Lehrer sowie die Eltern für die Thematik Trinken sensibilisiert werden. Wenn wir das mit viel Freude und Spaß verbinden können und die Kinder mit ihren Lehrerinnen und Lehrern für eine aktive Teilnahme gewinnen, dann haben wir mit TRINX schon viel erreicht.

Online-Redaktion: Was haben die Schüler davon, und wie wird das Projekt in die Schulen getragen?

Barth: In Gesprächen mit Kindern und Lehrerinnen und Lehrern hören wir immer wieder: "Bei so was haben wir noch nie mitmachen können, und es hat viel Spaß gemacht!" "Das ist endlich mal was Neues!" Oder: "So müsste Schule immer sein!"  Das ist so natürlich nicht möglich, aber uns geht es ja darum, mit TRINX gezielte Akzente zu setzen. Die Schülerinnen und Schüler sollen Schule als etwas Positives und Freudvolles verstehen, und dabei möchten wir vom SPORTCOLLEGE mitwirken. Wenn wir an die leuchtenden Augen bei unseren Prämierungen denken, haben die Schülerinnen und Schüler scheinbar sehr viel mitgenommen.
 
Die Kommunikation mit den Schulen geschieht über verschiedene Kanäle. Wir haben die entsprechenden Ministerien und Verantwortlichen sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene informiert. Viele Bereiche unterstützen die Projekte des SPORTCOLLEGE. Die Plattform Ernährung und Bewegung hat uns zum Beispiel zur Präsentation von TRINX auf die Grüne Woche 2006 nach Berlin eingeladen. Ansonsten engagieren wir uns im Rahmen von Lehrerfortbildungen, informieren die Schulämter und gewinnen die Schulsportbeauftragten und andere Fachlehrer für unsere Ideen.

Am wichtigsten ist uns aber der direkte Kontakt zu den Lehrerinnen und Lehrern. Wir suchen immer zuerst das persönliche Gespräch, rufen an oder laden zu Lehrerinformations- und Fortbildungsveranstaltungen ein. Wir erklären im persönlichen Gespräch unsere Konzepte und stellen Lehr- und Lernmaterialien zur Verfügung. Darüber hinaus reden wir aber auch mit den Kindern und Jugendlichen und deren Eltern. Dies funktioniert zwar meist nur im Rahmen von Veranstaltungen, aber wir konnten schon etliche Erkenntnisse herausfiltern, die uns bei der zielgruppengerechten Gestaltung unserer Projekte geholfen haben.

Schülerinnen und Schüler am Wasserspender

Online-Redaktion: Können die Schulen selbst bestimmen, was sie machen möchten? Inwieweit ist das Angebot passgenau?

Rutemöller: Wir geben keine Themen vor. Die Schulklassen entwickeln eine enorme Kreativität, und dies ist die Basis für Projektarbeit. Würden wir alles vorgeben, dann wäre das ja klassischer Unterricht. So gibt es Schulklassen, die im Rahmen ihres Wettbewerbsbeitrags bei TRINX unterschiedliche Sportarten rund um das Thema Wasser kennen lernen und recherchieren, warum gerade beim Sport ausreichendes Trinken wichtig ist. Andere Klassen setzen sich mit der Frage auseinander, warum an ihrer Schule Kinder zu wenig trinken, und organisieren einen Gesundheitstag mit Spiel und Bewegung. Aber auch einzelne Schülerinnen und Schüler können ohne eine Gruppe teilnehmen.

In diesem Jahr konnten wir beim TRINX-Kreativwettbewerb viele interessante Einzelbeiträge verbuchen. Und im nächsten Jahr wollen wir mit dem TRINX-Fotowettbewerb auf besonders einfache Art und Weise zur Auseinandersetzung mit unseren Themen aufrufen. Das heißt also, dass jeder Lehrer, jede Lehrerin mit den Schülerinnen und Schülern selbst entscheidet, in welchen Zusammenhang TRINX integriert wird: Sport, Hauswirtschaft, Biologie, in den unteren Jahrgangsstufen Sachkunde. Einige kreative Wettbewerbsbeiträge kamen auch aus dem Kunstunterricht, und eine Schulklasse hat im Musikunterricht ein TRINX-Lied gedichtet und komponiert.
Rund 2000 Schülerinnen und Schüler kamen zum Abschluss-Event am 29. September 2005 in die Neusser Skihalle.

Online-Redaktion: Welche Möglichkeiten bieten Ganztagsschulen in diesem Zusammenhang?
 
Barth: Im europäischen Vergleich steckt das Ganztagsschulsystem in Deutschland zwar noch in den Kinderschuhen, aber unsere Nachbarn zeigen uns, dass eine Ganztagsschule viel mehr Freiräume für innovative Bildungskonzepte bietet und wir somit auf dem richtigen Weg sind. Ganztagsschule bietet vielfältige Möglichkeiten, abseits der Routine des klassischen Schulunterrichts in veränderten Lehr- und Lernstrukturen, beispielsweise in Projektarbeit oder im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften, neue Lern- und Erfahrungsgelegenheiten für Kinder und Jugendliche zu schaffen, die Schule in jeder Hinsicht bereichern.

Ganztagsschule bietet auch mehr Möglichkeiten, sich nach außen zu öffnen. So sind uns etliche Ganztagsschulen bekannt, die fruchtbare Kooperationen mit Vereinen oder regionalen Wirtschaftsunternehmen pflegen. Dies ist auch ein Anliegen des SPORTCOLLEGE. Auf unseren Internetseiten findet man unter den Kontaktdaten bereits mehrere Tausend Unternehmen und Vereine, die für Kooperationsprojekte zur Verfügung stehen. Im herkömmlichen Halbtagsschulsystem sind Kooperationen aufgrund der eingeschränkten zeitlichen Rahmenbedingungen häufig nicht so effektiv möglich. Gerade die Kooperationen mit ihren vielfältigen außerschulischen Experten und Partnern bringen immer wieder neue Facetten im Rahmen von TRINX mit ein. Und daher bieten sich Ganztagsschulen hervorragend an, rund um TRINX spannende Projekte und Aktionen zu gestalten.

Online-Redaktion: Stichwort "Nachhaltigkeit": Wie wirkt sich TRINX langfristig auf die Schulen aus?

Barth: TRINX steht und fällt mit dem Engagement der Lehrerinnen und Lehrer. Wir wollen die Lehrerinnen und Lehrer bei der Gestaltung ihres Unterrichts unterstützen und nachhaltig im Umfeld unserer SPORTCOLLEGE-Themen als Partner zur Seite stehen. Wir werden zukünftig auch vermehrt Lehr- und Lernmaterialien zur Verfügung stellen. So entwickeln wir beispielsweise gemeinsam mit einigen Lehrstühlen der Universitäten Bochum und Dortmund Unterrichtsmaterialien. In jeder Entwicklungsphase werden die Materialien mit einem festen Stamm erfahrener Lehrerinnen und Lehrer abgestimmt. Für TRINX entwickeln wir gerade auf Basis der Erfahrungen unseres ersten TRINX-Jahres einige Materialien. Die ersten kostenlosen Downloads stehen ab sofort in der Lernwerkstatt auf http://www.sportcollege.de/ online.

Online-Redaktion: Welche Partner sitzen mit TRINX im Boot, und wie wird das Projekt finanziert?

Rutemöller: Neben den Lehrerinnen und Lehrern sowie den Schülerinnen und Schülern ist eine wichtige Stütze aller SPORTCOLLEGE-Projekte unser Expertenbeirat. In ihm haben wir Hochschulprofessoren genauso wie prominente Spitzensportler sowie ein Mitglied des Bundestages um uns geschart. Hierdurch ist für uns eine fachliche Basis gegeben, die neben unseren Kompetenzen aus dem Bereich der Sportwissenschaft wichtig für unser SPORTCOLLEGE-Fundament ist. Zudem kooperieren wir mit vielen Unternehmen bei der technischen Umsetzung.

Im vergangenen Jahr haben wir im Auftrag der Europäischen Union im Rahmen des Europäischen Jahres der Erziehung durch Sport eine Projektsoftware entwickelt, die nun auf unseren Internetseiten kostenlos zur Verfügung steht und alle Interessenten bei der Planung, Gestaltung und Präsentation ihrer Projektarbeit unterstützt. Das war eine ziemlich hohe Hürde, und ohne innovative Partnerunternehmen könnten wir solche Hürden nicht nehmen. Und schließlich haben wir auch Partner, die unsere Projekte finanzieren. Für Lehrer und Schüler muss die Teilnahme kostenlos sein, daher brauchen wir engagierte Förderer, die Projekte oder einzelne Bausteine wie Unterrichtsmaterialien sponsern. 

Christian Barth, 36 Jahre, verheiratet, Vater zweier Töchter, ist Diplom-Sportwissenschaftler und geschäftsführender Gesellschafter der SPORTCOLLEGE Bildungsinnovationen GmbH. Er ist Trainingstherapeut und war von 2003 bis 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Sportwissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal.

Martin Rutemöller, 34 Jahre, ist Diplom-Sportwissenschaftler und geschäftsführender Gesellschafter der SPORTCOLLEGE Bildungsinnovationen GmbH. Er war von 2001 bis 2003 Manager des Turnvereins Emsdetten 1898 e.V. in der 2. Handball-Bundesliga (Männer), 2003 Pressesprecher der Sportschule der Bundeswehr, Warendorf und 2003 bis 2004 ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Sportwissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal.

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