Eine Oase für den Ganztag

„Allseitige Bildung“ ist in der Ernst-Reuter-Schule Pattensen nicht nur hehres Ziel. Die Kooperative Gesamtschule bietet mit ihrem engagierten Team ein Programm mit Herausforderungen für Schülerinnen und Schüler aller Bildungsgänge.

Malwerkstatt
In der die „Oase“ können Schülerinnen und Schüler seit 2020 kreativ sein.© Online-Redaktion

Diese „Oase“ hat ihren Namen wirklich verdient: Nicht nur eine gemütliche Sofalandschaft, sondern auch ein Flügel stehen in dem großen Raum, in den sich die Schülerinnen und Schüler zurückziehen, sich entspannen, reden, aber auch kreativ sein können. Und Sozialarbeiterin Susanne Farkhar, die die „Oase“ leitet, greift so manches Mal in die Tasten und sorgt für einen Ganztag mit musikalischer Untermalung.

Susanne Farkhar war und ist die treibende Kraft hinter dem Begegnungsort in der Ernst-Reuter-Schule Pattensen, einer Kooperativen Gesamtschule und teilgebundenen Ganztagsschule südlich von Hannover. Neben den Arbeitsgemeinschaften ist die „Oase“, die vor einem Jahr im Februar 2020 Eröffnung feierte, ein wichtiger Bestandteil des Ganztagsschulangebots. „Wir wollten einen kreativen und inklusiven Experimentier- und Potentialentfaltungsort dauerhaft in der Schule etablieren“, erzählt die Sozialarbeiterin. Ein Team aus Lehrkräften, pädagogischen Partnern, Schülerinnen und Schülern, Eltern und Großeltern wirkt daran mit.

„In den Sozialraum ausstrahlen“

Schulleiterin Mirjam Gerull (hinten Mitte) hat engagierte Mitstreiterinnen und Mitstreiter.© Online-Redaktion

Zur Schule gehört ein großer Freizeitbereich, in dem Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen arbeiten und in dem die Schülerinnen und Schüler ihre Hausaufgaben erledigen oder Gemeinschaftsspiele, Tischfußball und Billard spielen können. Wer möchte, kann in ruhiger Atmosphäre in der Bibliothek recherchieren. Auf dem großen Außengelände warten ebenfalls Spielgeräte, Fußballfelder, Sitzbänke und Pavillons als „Klön-Ecken“.

Die „Oase“ öffnet in allen Pausen und Freistunden. Hier befinden sich auch eine „Mal-Insel“ und eine Schreibwerkstatt mit wechselnden Kreativangeboten für die Schülerinnen und Schüler. Ein Clou für Frühjahrs- und Sommerzeit ist das neu gestaltete Außengelände mit Sandflächen, Blühwiesen und einer Liegewiese. An dem langen Tisch können auch Unterrichtseinheiten, Teamtreffen oder Beratungen stattfinden. Das integrierte „Café International“ sorgt für Speis und Trank aus der Teeküche. Perspektivisch soll daraus ein wöchentliches interkulturelles Begegnungszentrum werden. „Wir wollen nicht nur in die Schule, sondern auch in den Sozialraum ausstrahlen“, meint Susanne Farkhar.

Schulelternrat
Elternrat: Da ist natürlich massiv Teamarbeit gefragt.© Ernst-Reuter-Schule Pattensen

Die Beteiligung der Eltern ist laut der Elternratsvorsitzenden Claudia Schlegel schon gut gelungen „Wenn ich eine Frage habe, dann bekomme ich am nächsten Tag die Antwort.“ Bei den Treffen der Elternvertretung ist immer jemand aus der Schulleitung dabei, Lehrkräfte informieren oft zu speziellen Themen. „Die Kommunikation ist sehr gut“, sagt die Vorsitzende, die sich wünscht, dass noch mehr Eltern aktiv werden. Zwar engagieren sich schon einige in der Schule, aber es könnten immer mehr sein.

Allseitige Bildung durch den Ganztag unterstützen

An zwei Nachmittagen haben die Schülerinnen und Schüler der teilgebundenen Ganztagsschule verpflichtend auch Unterricht. „Da ist Zeit, um Probleme und Vorhaben in den Klassen zu besprechen und an Projekten zu arbeiten“, erläutert Lara-Maria Schiller, die Fachbereichsleiterin Ganztag und Schulverpflegung. Zwischen dem Vormittags- und dem Nachmittagsunterricht gibt es die Mittagspause, in der die Schülerinnen und Schüler neben dem Mittagessen auch Pausenangebote nutzen oder sich einfach ausruhen können.

„Wir wollen ein breites AG-Angebot machen.“© Ernst-Reuter-Schule Pattensen

Am Montag und Mittwoch finden nachmittags die Arbeitsgemeinschaften statt. Für die Koordination der rund 30 AGs ist Lara-Maria Schiller zuständig. Sie ist die Ansprechpartnerin für die externen Partner, die AGs anbieten. Das Angebot reicht von „Gesichter des Glaubens“ und „Faszination Bogenschießen“ über „MINT-Füchse“ und Big Band bis zu Schulgarten, Schulwald und der Pferde-AG. „Wir wollen ein breites AG-Angebot machen, auch wenn das teilweise bedeutet, dass an einigen AGs nur wenige Schülerinnen und Schüler teilnehmen“, begründet die Ganztagskoordinatorin die Vielfalt. Neu hinzugekommen ist gerade „Mental fit für die Prüfung“.

Für Schulleiterin Mirjam Gerull soll der Ganztag die „allseitige Bildung“ der insgesamt 980 Schülerinnen und Schüler unterstützen. „Gemeinsames Lernen in alters- und leistungsgemischten Gruppen in Projekten, Arbeitsgemeinschaften, im Schulleben und in Förderungsgruppen hat einen hohen Stellenwert bei uns.“ Dabei steht die Förderung des sozialen Lernens ganz weit oben. Einige Lehrerinnen und Lehrer haben gezielt an der niedersächsischen Fortbildung „KIK – Kommunikation, Interaktion, Kooperation“ teilgenommen und wirken damit ins Kollegium hinein. „Wir wollen die Schülerinnen und Schüler darin unterstützen, Selbstständigkeit, Selbstbewusstsein, Toleranz und ihre Fähigkeit zur Zusammenarbeit zu entwickeln. Sie sollen gemeinsam Ziele definieren und erreichen können“, erläutert die Schulleiterin.

Kooperative Eingangsstufe

Struktur Ernst Reuter Schule
Aufbau der KGS mit Eingangsstufe.© Ernst-Reuter-Schule Pattensen

Dazu arbeitetet die Ernst-Reuter-Schule eng mit der Stadt Pattensen, ihrem Schulträger, zusammen. Er hat der Ganztagsschule mit einem 23 Millionen Euro teuren Neubau nicht nur ausreichend Platz verschafft, sondern sie auch mit flächendeckendem WLAN technisch modernisiert. Stadtjugendpflegerin Claudia Schoppmeier unterbreitet außerdem verschiedene Angebote wie die Juleica-AG zur Ausbildung von Jugendleiterinnen und Jugendleitern, die Mädchen-AG und die Ferienbetreuung für Schülerinnen und Schüler bis Klasse 6. Für die Klassen 5 bis 7 lädt der Jugendtreff zu Jahrgangsdiscos ein.

Eine Besonderheit der Ernst-Reuter-Schule ist die 2019/2020 eingeführte „Kooperative Eingangsstufe“ (KES), eine Art Modernisierung der Kooperativen Gesamtschule, die üblicherweise getrennte Bildungsgänge vorsieht. Der stellvertretende Schulleiter Andreas Ulrich berichtet: „Wir wollten den Unterricht ab Klasse 5 nicht mehr getrennt nach Schulzweigen organisieren, sondern bis Jahrgang 7 in schulzweigübergreifenden Klassen stattfinden lassen. Wir hatten eine extreme Verkursung und keine stabilen Lerngruppen mehr. Da konnten wir kaum eine Schüler-Lehrer-Beziehungen aufbauen. Und gerade die sind doch so elementar wichtig. Uns war klar: da musste sich was ändern!“

© Ernst-Reuter-Schule Pattensen

Statt der äußeren findet nun eine innere Differenzierung statt. „Klassenwechsel gibt es nicht, die Schulzweigwechsel bleiben recht unsichtbar“, ergänzt Ulrich Ziehn, der Didaktische Leiter. „Das müssen wir flankieren und haben dazu die 'MeiLe'-Stunde eingeführt, MeiLe heißt 'Meine Lernzeit', in der die Schülerinnen und Schüler selbstständig lernen. Die findet jetzt täglich statt.“ Das hat auch Konsequenzen für die Arbeit des Kollegiums: „Da ist natürlich massiv Teamarbeit gefragt. Wir müssen noch Erfahrungswerte sammeln, aber für mich persönlich kann ich sagen, dass ich nicht zum alten System zurückmöchte.“

Berufsorientierung mit Azubimesse und Schülerfirmen

Lehrerin Agnieszka Heubaum ist seit fünf Jahren für die Berufsorientierung an der Ernst-Reuter-Schule verantwortlich. „Unser Berufsorientierungsteam besteht aus drei Kolleginnen und Kollegen aus den drei Schulzweigen – Mirjam Bruder, Haider Benke und mir – und Sozialpädagoge Andreas Wolf“ erläutert sie. Das Team trifft sich wöchentlich.

Die Berufsorientierung setzt in der 8. Klasse mit dem Berufswahlpass ein, den es jetzt auch in digitaler Form gibt. Berufsorientierung ist in den Fächern Wirtschaft, Technik und Gesundheit und Soziales der Jahrgänge 9 und 10 des Real- und Hauptschulzweigs verankert, doch auch die Schülerinnen und Schüler des gymnasialen Zweigs können daran teilnehmen. In den Jahrgängen 7 bis 11 findet fächerübergreifender Profilunterricht mit dem Schwerpunkt MINT-Fächern statt. Für alle Zweige gibt es ab dem 8. Jahrgang Praktika, Betriebsbesichtigungen, Schnupperpraktika und Besuche von Berufs- und Ausbildungsmessen sowie eine Berufs- und Studienberatung mit Bewerbungstrainings und Potenzialanalysen.

Azubimesse
Die Azubimessen verhelfen zu manchem Ausbildungsplatz.© Ernst-Reuter-Schule Pattensen

Gerade die Azubimesse findet Agnieszka Heubaum wichtig: „Vor vier Jahren haben wir die das erste Mal in Kooperation mit der Wirtschaftsförderung Pattensen an unserer Schule veranstaltet. Inzwischen stellen sich zwölf Betriebe vor, und die Schülerinnen und Schüler können ihre Bewerbungsmappen begutachten lassen.“ Die Hälfte der Schülerinnen und Schüler des Hauptschulzweiges kamen durch die Ausbildungsmesse schon zu einem Ausbildungsplatz. Zur Berufsorientierung gehören außerdem drei Schülerfirmen. Die Schülerfirma „Holzware“ gestaltet Möbel aus Holzpaletten, wie sie unter anderem auf dem Schulhof zu sehen sind. Die „Tapferen Schneiderlein“ widmen sich nachhaltigen Textilien, und „Aus Alt mach Neu“ heißt es in der Fahrradwerkstatt, die mit dem ADFC als Kooperationspartner gebrauchte Fahrräder aufarbeitet.

Reuter Times

Achtklässler Silas gefällt besonders das Projekt „Herausforderung“. Hier überlegen sich Schülerinnen und Schüler eine echte Herausforderung, der sie sich stellen und die sie allein oder als Kleingruppe umsetzen. „Mein Ziel ist es, in zwei Wochen alle 16 Bundesländer zu bereisen – mit nur 130 Euro.“ Silas hat sich einen richtiggehenden „Schlachtplan“ entworfen, wie er günstige Verkehrsmittel und Unterkünfte nutzen kann. Teambetreuer Haider Benke, Mitglied im Thementeam „Herausforderung“ und derzeit Leiter des Hauptschulzweigs, freut sich: „Das Projekt stärkt das Selbstbewusstsein der Jugendlichen sehr stark. Manche müssen aus ihren Komfortzonen raus und auch mal mit Ungewissheit klarkommen.“

Von der Stadt mit flächendeckendem WLAN technisch modernisiert.© Ernst-Reuter-Schule Pattensen

Publizistisch wird das von den „Reuter Times“ begleitet. Zwölf Schülerinnen und Schüler bilden die Redaktion, begleitet von drei Lehrern, die Kommentare, Kolumnen, Rezensionen und Reisetipps verfassen, aber auch Interviews führen. So konnten sie beispielsweise erfahren, dass Sozialpädagoge Andreas Wolf, bevor er in Hannover Erziehungswissenschaft studierte, schon einmal Polizeibeamter war und seinen jetzigen Beruf sehr mag. Oder das Lehrer Daniel Scheibelhut aus einer Lehrerfamilie kommt und ihn nach Reisen durch die Welt dann doch irgendwann die Familientradition einholte.

Pro Woche entstehen ein bis zwei Artikel zu aktuellen Themen und zu schulrelevanten Ereignissen. Das Besondere dabei: „Wir schreiben bilinguale Beiträge auf Deutsch und auf Englisch“, berichtet Lucia Pham, die derzeit mit Elias Karafilov die Redaktionsleitung innehat. „Bei den Themen sind wir frei, und wir arbeiten sehr selbstständig.“ Zuletzt waren das beispielsweise „Organspende“, „Schule in Südkorea“ oder „How different is the education in Switzerland?“. Und natürlich brandaktuell in Zeiten des Distanzlernens: „Szenario C“.

 

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