"Wir werden nichts inszenieren"

Ganztagsschulen sind für die mmpro.film- und medienproduktion Berlin nichts Neues - bereits 2005 hatten die Filmemacher die Dokumentation "Gemeinsame Lern- und Lebenswelten" produziert. Nun gehen sie im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ein weiteres Projekt an: Ein knappes Jahr lang begleiten sie Lehrer, Schüler und Eltern aus sechs Ganztagsschulen in verschiedenen Bundesländern mit der Kamera. Regisseur Mark Poepping schildert im Interview die Hintergründe.

Roman Schikorsky und Mark Poepping

Online-Redaktion: Herr Poepping, für das Bundesministerium für Bildung und Forschung soll Ihre Produktionsgesellschaft einen Dokumentarfilm über Ganztagsschulen herstellen. Ist das ein neues Thema für Sie?

Poepping: Nein, im vergangenen Jahr haben wir im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe (AGJ) und des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend einen Film für die Bundeskonferenz für Schule und Jugendhilfe in Berlin gedreht. Dieser 18-Minuten-Film "Gemeinsame Gestaltung von Lern- und Lebenswelten" beleuchtete den Bildungsbereich vom Kindergarten bis zur Ausbildung. Wir drehten auch in Ganztagsschulen und bekamen Einblicke, was heute in Schulen bereits alles möglich ist.

Online-Redaktion: Wenn Sie von "wir" sprechen - wie groß ist Ihr Team?

Poepping: Zum Team gehören mein Co-Regisseur und Co-Autor Roman Schikorsky, Kameramann Mako Antonissen und ich selbst.

Online-Redaktion: Sind Sie auf Bildungsthemen spezialisiert?

Poepping: Nein, wir machen unterschiedliche Dokumentar- und Spielfilme. Wir sind aber an Bildungsthemen interessiert - ich besonders stark. Das rührt noch aus meiner Schulzeit, als ich mich sehr als Schulsprecher und Schülerzeitungsredakteur engagiert habe.

Online-Redaktion: Waren Sie denn vor den Drehaufträgen bereits mit dem Ganztagsschulthema konfrontiert?

Poepping: Im Privatleben unmittelbar nicht. Mich fasziniert aber als Beobachter, dass an Ganztagsschulen so viele Dinge möglich werden, die mir früher als Schülersprecher vorschwebten, zum Beispiel, dass die Schule wieder mehr zum Mittelpunkt wird und nicht ein Gebäude ist, das alle Beteiligten um 13 Uhr fluchtartig verlassen. Statt dass man sich schon morgens nach dem Aufstehen auf den Schulschluss freut, sollte man gerne zur Schule gehen. Weil man dort etwas lernt, mit Leuten zusammen ist, die man mag, weil man sich aber auch in Arbeitsgemeinschaften in anderen Bereichen ausprobieren kann.

Online-Redaktion: Was mussten Sie vorlegen, um sich auf die Ausschreibung für den Film beim BMBF zu bewerben?

Poepping: Wir entwickelten ein Drehbuch und ein Konzept, in dem wir dargestellt haben, wie der Film aussehen soll, welche Bereiche beleuchtet werden. Der Film soll praxisorientiert den Weg einer Halbtagsschule zur Ganztagsschule beschreiben, die Schwierigkeiten, aber auch die Erwartungen. Er soll Lust auf Ganztagsschule machen und die enormen Möglichkeiten aufzeigen, die in diesem Schulsystem stecken. Unterfüttert haben wir dies mit Beispielen unserer Filme, natürlich auch dem AGJ-Projekt.

Wir konnten das Konzept sehr frei entwickeln. Die Vorgaben bestanden lediglich darin, Ganztagsschulen aus dem ganzen Bundesgebiet zu berücksichtigen - solche, die mit IZBB-Mitteln gefördert worden sind und an denen sich ein sichtbarer Prozess vollzieht. Wichtig war, alle Schultypen einzubeziehen, von der Hauptschule bis zum Gymnasium, in offener und gebundener Form. Jede Schulform sollte sich in diesem Film über Ganztagsschulen wiederfinden und positive Anregungen für sich entnehmen.

Online-Redaktion: Haben Sie bereits mit der Arbeit begonnen?

Poepping: Ja. Der Dezember diente der Recherche. Wir haben mit einer großen Anzahl von Schulen telefoniert, waren in den meisten Fällen auch bereits zu einem Besuch vor Ort und haben sehr persönliche und interessante Kontakte mit Schülern, Eltern und Lehrern knüpfen können. Mit den eigentlichen Dreharbeiten fangen wir jetzt nach den Weihnachtsferien an.

Online-Redaktion: Wonach haben Sie die Schulen ausgewählt?

Poepping: Wir haben Tipps erhalten, welche Ganztagsschulen interessant sind - aus dem Bundesministerium, aus den Regionalen Serviceagenturen der Länder und oftmals von Schulleitern, die uns auf eine interessante Schule in der Nachbarschaft verwiesen. Nicht zuletzt hat uns aber auch Ihre Seite www.ganztagsschulen.org geholfen, auf der ja viele gute Beispiele aufgelistet sind. Leider konnten wir nicht alle Bundesländer berücksichtigen, da man bei zu vielen Schulen filmisch den Überblick verlieren würde. So haben wir uns für sechs Schulen entschieden, die unserer Meinung nach den Prozess der Ganztagsschule in den verschiedenen Stadien der Entwicklung sehr genau beschreiben und so exemplarisch auch für andere Schulen stehen. Die Schulen liegen im Norden in Schleswig-Holstein, im Süden Bayerns, im Saarland und im Osten Sachsens, des weiteren in Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und in Brandenburg - also in allen Himmelsrichtungen.

Online-Redaktion: Fühlen sich Schulen, an denen Sie drehen möchten, geschmeichelt, oder ist es ihnen eher unangenehm, dass da Fremde mit der Kamera ins Klassenzimmer einfallen?

Poepping: Von den Schulleitern haben wir durchweg Unterstützung erfahren. Bei den Lehrerinnen und Lehrern ist das unterschiedlich. Manche scheinen auch schon schlechte Erfahrungen mit den Medien gemacht zu haben. Wenn wir aber erklären, was wir vorhaben, welcher Ansatz und welche Ideen hinter diesem Filmprojekt stecken, bekommt jeder Lust mitzumachen und aktiv an diesem Prozess teilzunehmen.

Online-Redaktion: Wie stellen Sie sicher, dass Sie den Schulbetrieb wirklichkeitsgerecht und ungeschönt abbilden?

Poepping: Wir sind ein junges und kreatives Filmteam mit dem nötigen Fingerspitzengefühl - oder besser gesagt in der Lage, uns mit den jeweiligen Protagonisten auf gleicher Augenhöhe zu unterhalten. Gerade der Kontakt mit Schülerinnen und Schülern bedarf einer sensiblen Herangehensweise, um eben nicht Gestelztes oder Verkrampftes zu erzeugen. Natürlich haben wir uns für die Arbeit Termine ausgesucht, an welchen an den Schulen etwas los sein wird - seien es Tage der offenen Tür, Elternversammlungen oder Schülerforen. Wir werden nichts inszenieren, sondern begleiten von uns ausgesuchte Protagonisten aus der Lehrer-, Schüler- oder Elternschaft. Und manchmal muss man die Ereignisse auch ein wenig auf sich zukommen lassen.

Online-Redaktion: Aber wie verhindert man, dass sich diese Personen vor einer Kamera unnatürlich geben?

Poepping: Aus meiner Erfahrung ist das nur am ersten Tag so. Wenn man aber über einen längeren Zeitraum dreht, vergessen die Leute, dass eine Kamera anwesend ist.

Online-Redaktion: Was soll mit Ihrem Film geschehen, wenn er fertig ist?

Poepping: Der Film wird etwa im September fertig sein. Es wird natürlich eine DVD-Fassung geben. Aber wir hoffen auch auf eine Auswertung in Kino und Fernsehen. Wir möchten möglichst viele Menschen erreichen, damit Ganztagsschulen auch ein Thema in der Gesellschaft werden. Diese neue Art von Bildung soll so überzeugen, dass Eltern ihre Kinder auch gerne auf einer Ganztagsschule anmelden möchten oder Lehrerinnen und Lehrer Lust bekommen, sich zusammen mit dem Kollegium auf einen solchen Weg zu begeben.

Mark Poepping, Jahrgang 1974, studierte VWL an den Universitäten Paderborn, Bonn und Hagen. Er begann seine journalistische Arbeit bei der "Münsterlandzeitung". Gründete 1995 das erste freie Jugendradio in NRW und war dort bis 1998 leitender Redakteur des monatlichen, 60-minütigen Jugendmagazins "Radio ooh!". Von 1998-99 war er in der Sendeleitung des WDR Fernsehens tätig, 1999-2001 Leiter der Internetredaktion der ARD-Kinderserie "Schloss Einstein". 1999 gründete er mit Mako Antonissen die Firma mmpro. film- und medienproduktion. Im Jahr 2001 etablierte er ein JointVenture mit der Berliner Herrmannfilm und hat seitdem zahlreiche Projekte mit dieser realisiert. Zusammen mit Konrad Herrmann hat er im Jahr 2003 den "Stromerzähler 2003" - Preis für seinen Debutfilm "Wind macht Arbeit" erhalten.

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