"Ganz Europa macht das so"

Dass Bilder manchmal mehr als noch so viele Worte sagen können, fand am 11. Februar 2005 auf dem Kongress "Ein Jahr Offene Ganztagsgrundschule in NRW" in Hamm eine Bestätigung: Der 23 Minuten lange Film "OGS0 wilde Welt", aus der Perspektive von Kindern an zwei Ganztagsschulen in Hamm und Münster gedreht, löste Begeisterung aus. Die 100 DVD-Exemplare waren sofort vergriffen, 150 Vorbestellungen türmten sich. Regisseurin und Autorin Anke Lehmann äußert sich im Interview zu ihrer Arbeit und schildert ihren Eindruck von Ganztagsschulen.

Anke Lehmann

Online-Redaktion: Frau Lehmann, wie sind Sie zur Filmarbeit mit Kindern gekommen?

Lehmann: Auf krummen Wegen. Ich habe mein Lehramtsstudium mit Arbeit beim Fernsehen finanziert. Zuerst im ARD-Studio Bonn, dann konnte ich 1998 beim WDR das Format "KinderZeit Mobil" mitentwickeln. Dort konnten Kinder ihr eigenes Programm machen.

Online-Redaktion: Sind Sie damals schon in die Schulen gegangen?

Lehmann: Ja, diese Arbeit fand in sehr enger Zusammenarbeit mit Vereinen und Schulen statt. Seit 2001 drehe ich für die WDR-Lokalzeit Bielefeld. Dort sind einmal wöchentlich fünf Minuten Sendezeit für die "Kinderzeit" reserviert. Dieses Format bedingt natürlich, dass ich ständig mit den unterschiedlichsten Kindergruppen zu tun habe, vor allen Dingen mit Schulklassen und Schul-AGs. Das Kernalter der Kinder, mit denen ich arbeite, beträgt acht bis zwölf Jahre, es sind also Grundschulkinder.

Online-Redaktion: Sie sagten in Hamm, als Sie Ihren Film "OGS0 wilde Welt" vorstellten, dass Sie es wichtig finden, den Kindern eine Stimme zu geben. Ist das bei Kinderfernsehen und -filmen nicht automatisch gegeben?

Lehmann: Nein, selbst die besten Kindersendungen sind meistens mit dem Erwachsenenblick gestaltet. Von Kindern gestaltete Sendungen oder Filme gibt es nicht so oft. Das Fernsehen traut sich das nicht, weil man ein bisschen die Katze im Sack kauft. Man muss sich dann nach dem richten, was die Kinder wollen und welche Darstellungsformen sie vorschlagen. Bei "OGS0 wilde Welt" bestimmen die Kinderreporter Jasmin, Max und Florian in Hamm und Laura, Dimitri und Fabian in Münster, welche Fragen sie stellen. Sie haben das Mikrophon und die Kamera und filmen aus ihrer Perspektive.

Online-Redaktion: Hatten Sie bei "OGS0wilde Welt" eine freie Hand, was die Gestaltung anging?

Lehmann: Weitgehend schon. Es gab eine sehr gute Vorgabe vom Auftraggeber und Veranstalter des Kongresses, dem Institut für soziale Arbeit in Münster: Dieses wollte den Film explizit für den Kongress, um den Kindern, die ansonsten in Hamm nicht vertreten waren, eine Stimme zu verleihen. Ich sollte ein möglichst breites Spektrum dessen, was den Alltag von Schülerinnen und Schülern in einer Offenen Ganztagsgrundschule ausmacht, abbilden. Die Zusammenarbeit mit dem ISA war sehr angenehm.

Online-Redaktion: Wie sind Sie auf die beiden Schulen gestoßen?

Lehmann: Die Freiligrath-Grundschule in Hamm und die Pötterhoeck-Schule in Münster sind vom Institut für soziale Arbeit ausgesucht worden. Dem ISA war dabei wichtig, dass diese beiden Schulen nicht an der wissenschaftlichen Begleitstudie teilnahmen, um gerade nicht schon Schulen mit dem wissenschaftlichen Prüfsiegel vorzuführen.

Online-Redaktion: Wie viel Zeit stand Ihnen für das Projekt zur Verfügung?

Lehmann: Vor den Sommerferien im vergangenen Jahr nahm ich Kontakt zu den Schulleitungen auf. Gemeinsam haben wir dann überlegt, was man machen kann. Ich habe erklärt, dass ich eine feste Kindergruppe für das Projekt benötigte. In Hamm handelte es sich um Dritt- und in Münster um Viertklässler. Unmittelbar nach den Sommerferien habe ich die Kinder dreimal getroffen, und wir haben gemeinsam unser kleines Drehbuch entwickelt. Für die Schülerinnen und Schüler war das wie ein Bewusstwerden der eigenen Situation. Die beiden Kindergruppen kannten sich ja nicht, und ich konnte dramaturgisch ein bisschen lenken, indem ich zum Beispiel zur Gruppe in Hamm sagte: "Die in Münster zeigen schon was über das Basteln, könnt ihr nicht vielleicht zeigen, was ihr so sportlich macht?" Die meisten Vorschläge kamen aber von den Kindern.

Online-Redaktion: Wie hat die Zusammenarbeit mit den Schulleitungen funktioniert?

Lehmann: Die Schulleitungen und die Koordinatorin der Offenen Ganztagsgrundschule in Münster haben mir sehr geholfen, was die zeitlichen Abläufe und die Aktivitäten betraf.

Online-Redaktion: Wie lange haben die Dreharbeiten gedauert?

Lehmann: Wir haben Mitte bis Ende September 2004 gedreht. An jeder Schule standen zwei Drehtage zur Verfügung, eigentlich viel zu wenig. Die Kinderreporter haben eine unglaubliche Konzentration und Leistung in diesen zwei Tagen gezeigt. Viel von den Erzählungen der Kinder über ihre Situation hatte ich darüber hinaus schon in Vorgesprächen aufgenommen.

Online-Redaktion: Hatten Sie schon vor diesem Auftrag mit Ganztagsschulen zu tun?

Lehmann: Ja, mit diversen, wobei das im Grundschulbereich für mich jetzt neu war, dort kannte ich bisher eher die klassischen Halbtagsschulen.

Online-Redaktion: Welche Eindrücke haben Sie von Ganztagsschulen bisher gewonnen?

Lehmann: Sehr unterschiedliche. Für die Kinder steht im Vordergrund, Freunde zu finden - und das bedeutet da so viel, diese Gemeinsamkeit, das soziale Lernen. Das ist Grundlage für alles Mögliche. Die Ausgestaltung der Schulen ist sehr unterschiedlich: Es gibt Schulen, die kaum wissen, wo sie die Küche und die Ruheräume herzaubern sollen, und solche mit sehr guten räumlichen Voraussetzungen und gutem Personalschlüssel. Das ist nach meiner Erfahrung aber keine Garantie für ein erfolgreiches Ganztagsschulkonzept für Schüler, Lehrer und Betreuer. Das Gelingen einer Ganztagsschule hängt ganz klar vom Engagement der Schulleitung und des Kollegiums ab. Wenn die Bereitschaft, sich für die außerschulischen Partner zu öffnen, nicht vorhanden ist, dann funktioniert Ganztagsschule nicht. Man kann, wenn man an eine Ganztagsschule kommt, schon an den Kindern ablesen, welche Stimmung an der Schule herrscht und welcher Spaß dort auch am Lernen besteht.

Online-Redaktion: Haben Sie Ganztagsschulen kennen gelernt, an denen sich Lehrerinnen und Lehrer über ihr Stundendeputat hinaus engagiert haben?

Lehmann: Natürlich. Auf dem Kongress in Hamm habe ich herausgehört, dass die Lehrerinnen und Lehrer weniger ihre Arbeitszeitlänge als die Starre der Lehrpläne beklagen. Das Problem ist eindeutig, dass bei der additiven Form der Ganztagsschule die Flexibilität des Personaleinsatzes fehlt. Ich finde, dass man deshalb die ganztägig rhythmisierte Form der Ganztagsschule anstreben sollte. Ganz Europa macht das so. Die Offene Ganztagsgrundschule ist nur ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Online-Redaktion: Wie haben Sie die Reaktion des Publikums bei der Premiere Ihres Films in Hamm empfunden?

Lehmann: Das war natürlich sehr schön für mich. Als es sogar Zwischenapplaus gab, war das echter Seelenbalsam. Nach der Vorführung gab es viele positive Stimmen von Menschen, die auch in der Schule arbeiten und sagten: Ja, so ist es. Das ist ein Riesenkompliment.

Online-Redaktion: Und Kritik?

Lehmann: Ein Zuschauer meinte, ich hätte mehr die Individuelle Förderung der Kinder zeigen sollen. Darauf habe ich entgegnet, dass ich nur das zeigen kann, was auch vor Ort wirklich angeboten wird.

Anke Lehmann
geboren 1972, Autorin und Filmemacherin, lebt und arbeitet in Köln. Ihr Film "OGS0 wilde Welt" kann über das Institut für soziale Arbeit in Münster (http://www.isa-muenster.de/) bezogen werden.

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