"Wir werden noch lange arbeiten müssen"

Am 12. Februar 1955 gründete sich der Ganztagsschulverband als Gemeinnützige Gesellschaft Tagesheimschule in Frankfurt am Main. Ein halbes Jahrhundert bemühte er sich, die Idee der Ganztagsschule in der Bundesrepublik zu verbreiten. Seit Anfang der sechziger Jahre ist Georg Rutz dabei. Der 78-jährige ehemalige Lehrer und Ministerialrat aus Wiesbaden ist Mitglied der Geschäftsführung des Ganztagsschulverbandes und äußert sich im Interview zur Geschichte des Verbandes und zur aktuellen Ganztagsschulentwicklung.

Georg Rutz

Online-Redaktion: Herr Rutz, vor 50 Jahren hat sich Ihr Verband konstituiert. Welchen Stellenwert hatte die Ganztagsschule vor einem halben Jahrhundert?

Rutz: Ganztagsschulen wurden zu jener Zeit nicht über die Pädagogik definiert, sondern als soziale Hilfe für Eltern gesehen, die ihre Kinder in einer vernünftigen Umgebung möglichst lange aufgehoben wissen wollten. Es ging um die so genannten Schlüsselkinder, deren Väter oft im Krieg gefallen war und deren Mütter arbeiten mussten. "Hilfe für die Schlüsselkinder" lautete eine Zeitungsüberschrift über meine Schule am Bornheimer Hang in Frankfurt damals. Schon damals wollten die Ganztagsschulen die Kinder auch in einer gewissen Rhythmisierung über den ganzen Tag betreuen. Hier sollte nicht nur unterrichtet werden, sondern auch Freizeit und Erziehung stattfinden. Eine Rolle spielte dabei das Bild von der Koppel: Die Kinder werden in die Lage versetzt, in die Welt zu schauen, kommen aber nie in Gefahr, weil sie sich nicht über diese Koppel hinaus bewegen können. Die Eltern sollten sich sicher sein, dass ihren Kindern dort nichts geschehen würde. Dieses soziale Moment trat dann im Lauf der Jahre zurück.

Online-Redaktion: Wann kam der Anspruch auf, dass die Ganztagsschule für alle Kinder geeignet sei, nicht nur für Schlüsselkinder oder Jugendliche aus problematischen sozialen Verhältnissen?

Rutz: Das ergab sich zum Beispiel an meiner Schule recht schnell, denn die Eltern in der Umgebung bekamen mit, dass sich die Schlüsselkinder nicht mehr auf den Straßen herumtreiben mussten, sondern sich in einer Schule mit anderen Ansprüchen aufhielten. Wir haben natürlich auch einiges dafür getan, unsere Arbeit publik zu machen: Zu Schulfesten luden wir nicht nur die Eltern der Schule, sondern auch Eltern aus der Bornheimer Umgebung ein. Im Laufe der Jahre wurden dann immer mehr Kinder an der Schule angemeldet, die nicht aus sozial schwierigen Verhältnissen kamen. Beispielsweise wünschten sich die Eltern von Einzelkindern, dass ihre Kinder dort Spielkameradinnen und -kameraden fanden.

Online-Redaktion: Aber wenn das Modell in Ihrem Ort eine gewisse Strahlkraft entwickelt hat, warum hat es dann im Großen so lange gedauert? Warum wurde die Ganztagsschule in der Bundesrepublik erst in den letzten Jahren zum Thema?

Rutz: Diese Frage habe ich mir auch immer gestellt. Ich glaube, dass dies mit unserer schichtenspezifischen Gesellschaft zu tun hat; sie war es vor dem Krieg, und das blieb auch nach dem Krieg so. Es gab eine Oberschicht, in welcher die Gedanken geboren wurden; eine Mittelschicht, die diese Gedanken aufnahm und Handlungsanweisungen entwickelte; und eine Unterschicht, die die vorgegebenen Aufgaben umzusetzen hatte. Das spiegelte sich in unserem gegliederten Schulsystem mit Gymnasium, Real- und Hauptschule wider. Dieses Denken ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt und - so fürchte ich - immer noch nicht überwunden. Auf jeden Fall blockierte diese Fixierung auf diese Schulformen das Befassen mit der Ganztagsschule. Wesentlich ist auch die Position der Kirchen gewesen, die durch Ganztagsschulen den Zusammenhalt der Familien gefährdet sah. Diesen traditionellen Zusammenhalt gibt es inzwischen oft nicht mehr und gerade durch die vielen allein erziehenden Elternteile ist die Ganztagsschule in den letzten Jahren ins Gespräch gekommen.

Online-Redaktion: Wurden denn Ganztagsschulen und Gesamtschulen in der öffentlichen Wahrnehmung in einen Topf geworfen?

Rutz: Nein, im Gegenteil: Während die Gesamtschulen als "links" galten, haftete den Tagesheim- und später den Ganztagsschulen der Ruch des Konservativen an.

Online-Redaktion: Zahlenmäßig waren die Ganztagsschulen bis zu Beginn dieses Jahrhunderts nur marginal in der Bundesrepublik vertreten. Hat sich im Verband in den 50 Jahren nicht Resignation verbreitet, weil sich so lange nichts bewegen ließ?

Rutz: Nein, nie. Wir wussten uns einfach in einer gesellschaftlichen Entwicklung, die in Richtung Ganztagsschule trieb. Und wir wussten, dass wir eigentlich auch außerhalb der Schulformdebatte standen, denn jede Schulform kann Ganztagsschule werden. Allerdings war und ist dafür das Überwinden der Einstellung, dass bestimmte Kinder auf jeden Fall bestimmte Schulen zu besuchen haben, bei allen Beteiligten nötig. Wir werden noch lange daran arbeiten müssen, um diesen Prozess voranzutreiben.

Wenn es mehr Ganztagsschulen gäbe, würde zum Beispiel ein solches Theater der Vergangenheit angehören, wie es sich zurzeit in meiner Wohnumgebung abspielt: Dort versuchen berufstätige Eltern mit allen Mitteln, ihre Kinder in einem bestimmten Bezirk, beispielsweise bei Verwandten anzumelden, damit diese dann auf eine bestimmte Grundschule gehen können.

Online-Redaktion: Auf Ihrem diesjährigen Jubiläumsganztagsschulkongress ist deutlich geworden, wie viel der Ganztagsschulverband und die Ganztagsschulidee der deutschen Reformpädagogik Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts verdanken. Um für die Ganztagsschule zu werben, ist in den letzten Jahren immer auf Beispiele des Auslands verwiesen worden. Warum ist heute von unserer eigenen Bildungstradition so wenig bekannt?

Rutz: Die Gegenwart ist dem Menschen immer näher - und die Gegenwart zeigt eben, dass um uns herum erfolgreichere Bildungssysteme entstanden sind. Selbst das wird aber erst dann wahrgenommen, wenn Studien das "bewiesen" haben.

Online-Redaktion: Sie spielen auf die PISA-Studien an. Hat Sie das mittelmäßige Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich überrascht?

Rutz: Ehrlich gesagt, hat es mich schon überrascht, dass wir so abgerutscht sind. Aber egal, wie man die Ergebnisse nun genau bewertet, positiv sind die Folgen der PISA-Studie, weil nun endlich etwas in unserem Bildungswesen angepackt wird.

Online-Redaktion: Eine Teilnehmerin Ihres Kongresses formulierte sarkastisch: "Deutschland ist das einzige Land, das es sich leisten kann, die Kinder schon mittags nach Hause zu schicken." Nun kann es sich das offenbar doch nicht leisten, und eine Antwort der Politik auf PISA war folgerichtig der verstärkte Aufbau von Ganztagsschulen. Entspricht aber das, was jetzt landauf, landab entsteht, Ihrer Idee von Ganztagsschule?

Rutz: Ich bin Optimist und glaube, wie schon erwähnt, dass die Entwicklung unweigerlich in Richtung Ganztagsschule weitergehen wird. Durch den Schnellschuss der Politik hat es einen ungeheuren Schub gegeben. Hierbei sind aber auch Schulen entstanden, bei denen Ganztagsschule vorne drauf steht, aber eigentlich keine drin sind: Vormittags wird unterrichtet, und nachmittags gibt es ein Hortangebot. Das räumlich zusammenzuführen, ist zwar ein Fortschritt, aber es ist noch keine Ganztagsschule.

Ich bedauere aber auch solche Varianten nicht, denn es ist und bleibt ein Fortschritt, und auch solche Schulen können sich noch weiterentwickeln. In Zukunft muss man sich allerdings genau ansehen, was in jeder einzelnen Ganztagsschule pädagogisch geleistet wird. Im Laufe der Zeit sollte man den Schulen zudem mehr Freiheit einräumen, was die Organisation und die Auswahl des Personals angeht. Nicht jeder Lehrer ist für eine Ganztagsschule geeignet, und was soll aus einer Ganztagsschule mit unwilligen Lehrern werden, die sich beim Ergreifen ihres Berufes eigentlich darauf gefreut hatten, nachmittags frei zu haben? Inzwischen ändert sich aber auch da im Bewusstsein einiges, so dass neue Arbeitszeitmodelle, die früher nicht durchzusetzen waren, heute machbar sind.

Online-Redaktion: Innerhalb Ihres Verbandes ist Kritik laut geworden, die Verbandsspitze sei gegenüber der Politik zu leisetreterisch und würde nicht energisch genug die mangelhafte Personalausstattung in Ganztagsschulen anprangern. Wann wäre ein Punkt erreicht, an dem der Verband seine Stimme erheben würde, um beispielsweise Billiglösungen anzuprangern?

Rutz: Durch diesen raschen Anschub gibt es an manchen Schulen Entwicklungen, die von uns im Moment nur toleriert werden - im Bewusstsein, dass sich auch da etwas verbessern kann. Unsere Landesverbände würden keine einzelne Schulen an den Pranger stellen, wenn aber in den Bundesländern hauptsächlich Halbtagsschulen mit Suppenschüssel entstehen, wie unser Vorsitzender Stefan Appel das ausdrückt, würden die Landesverbände und der Vorstand auf eine Weiterentwicklung drängen.

Online-Redaktion: Beim Empfang zu Ehren des Ganztagsschulverbandes im Frankfurter Römer hat sich Oberbürgermeisterin Petra Roth sehr deutlich für Ganztagsschulen ausgesprochen und dies mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf begründet. Aber was können Ganztagsschulen den Kindern pädagogisch bieten, was ihnen in ihrem Leben später nützt?

Rutz: Durch die zusätzliche Zeit kann in Arbeitsgemeinschaften Wissen fächerübergreifend vermittelt werden: Wenn zum Beispiel die Hurricanes in den USA furchtbare Überschwemmungen anrichten, kann man dies unter dem Gesichtspunkt Klimaänderungen betrachten. Man kann fragen, wer den Stürmen ihre Namen gibt und wonach sich das richtet, wie die Stürme entstehen und ob man nicht etwas dagegen tun kann. Was machen die Millionen, die vor solchen Stürmen fliehen? Was wird aus ihnen? Wie kann der Staat ihnen helfen? Solche Dinge gehören zu einem modernen Unterricht, und sie können in einer Ganztagsschule geschickter verknüpft werden. Man muss nur ein bisschen Phantasie entwickeln.

Die Schülerinnen und Schüler entwickeln in einer Ganztagsschule auch ein ganz anderes Verhältnis zu den Lehrerinnen und Lehrern, sie reden anders miteinander. Die Sprache wird entspannter und sie verändert sich nicht schlagartig, wenn man einen Klassenraum betritt. Die Schüler und Lehrer begegnen sich hier nicht eben nur in ihren Rollen, sondern auch als Menschen.

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